AM ENDE VERLASSEN

Von Skandinavien ans Schwarze Meer. Als die Nessebar in Nordeuropa nicht mehr gebraucht wurde, machte sie noch im Südosten Europas Karriere. Allerdings nur für kurze Zeit.

Foto: Archiv U. Horn

Warum war dieses Schiff, das in den 1940er Jahren in Schweden als Passagierschiff gebaut und unter schwedischer Flagge auf den Meeren unterwegs war, jetzt Nessebar benannt worden? Weil Schiffe, die von ihrer Reederei verkauft werden, meist mit einem Namen auf Weiterfahrt gehen, den sie von ihren neuen Eignern erhalten haben. So ging die Nessebar in die Schiffshistorie ein, genannt nach einer Stadt in Bulgarien. Ihr Heimathafen war für insgesamt elf Jahre Varna, und sie wurde an der Peripherie Europas mit viel Stolz als „Luxusdampfer“ angesehen.

Ursprünglich hieß das Schiff Saga, sehr schwedisch, und war als Fahrgastschiff für den Nordseedienst entwickelt worden. In der Sommersaison war sie im Liniendienst auf der Route von Göteborg nach London, im Winter für Kreuzfahrten eingesetzt.

Mit dem Bau gab es anfangs kriegsbedingt eine Menge Probleme, denn nach dem 1939 erteilten Auftrag begann man zügig mit der Arbeit. Das Schiff wurde von der Reederei Svenska Lloyd bei der Werft Götaverken in Göteborg in Auftrag gegeben. Einige Monate nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entschieden die schwedischen Auftraggeber, den Bau einzustellen. Der Kasko, im Unterauftrag bei der Lindholmens Varv in Göteborg in Arbeit, war jedoch schon so weit fortgeschritten, dass der Rumpf schwimmfähig gewesen wäre. So lief am 10. Oktober 1940 die Saga ohne Maschinen vom Stapel. Es war ungewiss, wie die Arbeiten fortgesetzt werden konnten. Das geschah erst nach dem Ende des Krieges, die Saga wurde fertiggestellt und im Mai 1946 an die Reederei übergeben.

Foto: Sammlung JSA

Das Schiff war 128,3 Meter lang und 16,9 Meter breit, der Tiefgang lag bei 9 Metern. Die Vermessung betrug 6458 BRT, die maximale Zuladung 2150 Tonnen. Im Maschinenraum wirkten vier Achtzylinder-Dieselmotoren mit zusammen 6700 PS auf eine Schraube. Das Schiff erreichte damit eine Geschwindigkeit von bis zu 18,5 Knoten.

Für den Svenska Lloyd war die Saga – als zweites Schiff mit diesem Namen – von großer Bedeutung. Der technische Fortschritt war in den Jahren davor rasant vorangegangen, die Saga sollte die bisherigen Passagierschiffe aus den Baujahren 1909, 1916 und 1929 als modernes Schiff ersetzen. Die Briten staunten nicht schlecht, als die Saga auf ihrer Jungfernfahrt 1946 im Londoner Hafen anlegte – als bis dahin größtes Schiff, das jemals dort zu sehen war.

Aber schon im Herbst desselben Jahres lösten die älteren Schiffe Britannia und Suecia die Saga wieder im Nordseedienst ab.

Sie war zu Höherem auserkoren und fuhr in der anstehenden Kreuzfahrtsaison im Winter in die wärmeren Regionen zu den Kanarischen Inseln, nach Casablanca und verschiedenen Häfen in Spanien und Portugal. Auch besuchte sie auf ihren sommerlichen Nordlandfahrten neben Hamburg auch Bergen und den Hardangerfjord in Norwegen.

Man merkte, dass die Betriebskosten sowohl im Nordseedienst als auch auf Kreuzfahrten viel zu hoch ausfielen. Im Dezember 1956 entschied die schwedische Reederei deshalb, das Schiff zu verkaufen.

Foto: Sammlung JSA

Zur Einrichtung gehörte eine Teilklimatisierung der Innenräume und Kabinen für die bis zu 340 Passagiere. In der Ersten Klasse konnten 160 Mitreisende untergebracht werden, in der Zweiten 80 und in der Dritten Klasse 100 Passagiere. Für die Sommerzeit standen weitere 60 Liegesessel zur Verfügung. Zur Besatzung gehörten circa 400 Personen.

1956 erwarb die französische Compagnie Générale Transatlantique (French Lines) die Saga, sie erhielt den neuen Namen Ville de Bordeaux. Die Reederei probierte ein Jahr lang, ob das Schiff auf der Route von Bordeaux nach Casablanca erfolgreich eingesetzt werden konnte. Die Ville de Bordeaux – nach dem Ankauf sofort mit neuen moderneren Dieselmotoren von Burmaister & Wain ausgestattet, sollte als „Repräsentationsdampfer“ Schiffsreisen nach Nordafrika und zu den Atlantischen Inseln unternehmen, aber das lief nicht optimal. 1957 entschied man sich deshalb, stattdessen die Maroc auf diese Strecke zu schicken.

Aus diesen Gründen wurde sie 1963 aus dem Betrieb genommen, ihre letzte Reise für die Reederei vor der Suche eines neuen Eigentümers verbrachte das Schiff im Dienst zwischen Marseille und Korsika.

Foto: Sammlung JSA

Den Käufer fand man in der bulgarischen Staatsreederei Navigation Maritime Bulgare, das Schiff wurde am 27. Februar in Marseille übergeben und nahm bald darauf Kurs auf das sozialistisch ausgerichtete Bulgarien. Das besaß als Urlaubsland eine lange Küste am Schwarzen Meer als Anlaufziel für die urlaubsfreudigen Bürger der anderen sozialistischen Staaten, die vom Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) gesteuert wurden. Dort vergaß man nicht, dass auch die Bürger westlicher Länder sich dort günstig erholen konnten, man brauchte die starken Währungen wie zum Beispiel die alte D-Mark.

Das Unternehmen Balkanturist in Varna war zuständig für den Aufbau einer florierenden Urlaubsszene zur Erwirtschaftung von Devisen. Insofern waren etwa Ostdeutsche mit ihrem Aluminiumgeld nur am Rand zugelassen, Sozialisten wollten keine anderen Sozialisten haben ohne brauchbares Geld. Das erste größere bulgarische Kreuzfahrtschiff, nun die Nessebar, war anfangs als Küstenschiff unterwegs. 1967 kam ein weiteres Schiff, die Varna, in den Dienst. Eine der Routen ging nach Istanbul, andere ins ägyptische Port Said. DDR-Bürger durften nicht an Bord, aber Bulgaren waren erlaubt, wenn sie sich das leisten konnten. Dabei hatten die bulgarische Staatsreederei und Balkanturist durchgesetzt, dass die Nessebar nach Ankauf noch in Marseille modernisiert worden war. Die Werftrechnung musste mit westlichen Devisen beglichen werden.

Die Nessebar war das erste Schiff unter bulgarischer Regie, das über die Küstenfahrt hinaus auch außerhalb des Schwarzen Meeres eingesetzt wurde. Benannt wurde es nach der gleichnamigen Stadt Nessebar direkt an der Schwarzmeerküste in der Provinz Burgas. Die Stadt war eine Gründung der Byzantiner, mit einer Altstadt mit Kopfsteinpflasterstraßen und Rudimenten byzantinischer Festungen und Bäder. Nessebar hatte Attraktionen, die bis ins 5. Jahrhundert zurückreichten, etwa die Sophienkirche mit ihren Steinsäulen und ausgiebigen Bogenfenstern. Die Stephanskirche aus dem 11. Jahrhundert präsentiert sich bis heute mit Hunderten Wandgemälden und einem großen und eindrucksvollen Altargemälde. Auch ein riesiges historisches Freilichtmuseum ist vorhanden. Ein Magnet für Liebhaber geschichtlicher Hinterlassenschaften, die Altstadt wurde in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

Foto: Sammlung JSA

Das Schiff Nessebar hatte nach der Sanierung 319 Plätze für Passagiere der Ersten und Zweiten Klasse, zur Besatzung gehörten 129 Personen. Es war beliebt und brachte es bereits in den ersten drei Monaten in die Häfen von 18 Staaten, rund 6000 Passagiere wurden befördert. Die Bulgaren verpassten dem Schiff ehrfürchtig den Spitznamen „Weißer Schwan“.

1972 kam es zu einer Neuordnung der bulgarischen Reedereien. Die Navigation Maritime Bulgare musste die Nessebar an die neugegründete Balkanship abgeben, eine Tochter der Balkanturist, die nun alle Passagierschiffe des Landes unter sich hatte. Wie so oft in großen Komplexen wurde die Nessebar dabei sehr vernachlässigt, ihr Betrieb wurde unrentabel. 1975 wurde sie außer Dienst genommen, am 25. Dezember erreichte sie die Abwrackwerft im jugoslawischen Split, dort begannen die Schneidbrenner ihr Werk.

Roland Mischke (Lektorat: Jürgen Saupe)