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„Es war reiner Zufall“

Man nennt ihn nicht umsonst den König der Expeditionsschiffe: Niels-Erik Lund ist einer der bedeutendsten globalen Player in diesem Segment. Michael Wolf sprach mit dem Dänen über die Entwicklung seiner Firma zum Weltmarktführer, Trends im Expeditionsmarkt und warum chinesische Werften seine neuen Schiffe bauen.

Was für eine Ausbildung hatten Sie?

Ich wollte nicht studieren, also habe ich nach der Schule einen Job gesucht.
Mir wurde dann 1969 ein 3-jähriger Trainee-Vertrag bei DFDS angeboten. Dazu gehörte auch eine Ausbildung im unteren Administrationsbereich, bei dem man 3 mal wöchentlich zur Schule ging.

Zu diesem Zeitpunkt war DFDS eine große Firma…

Ja, eine sehr große. Nach einem Jahr in der Armee bin ich zu DFDS zurück, im Finanzbereich.
Abends und am Wochenende war ich in einer Business-Schule, um einen Bachelor-Abschluss in Finance und Administration zu bekommen. Es war eine fünf-Jahres-Ausbildung, aber gleichzeitig hatte ich auch meinen Full-time-Job. Dann wurde ich der jüngste Finanz­direktor bei DFDS. Ich hatte etwa 40 Mitarbeiter.
Zu der Zeit hatte DFDS ca. 100 Fracht- und Passagierschiffe, war die Nr. 1 in Skandinavien.
1981 gründete man das Kreuzfahrtunternehmen Scandinavian World Cruises (SWC) in Miami. 1982 kamen die ersten Schiffe. Wir haben viel Geld verloren, um 1 Million Kronen (heute etwa 135.000 €) pro Tag.

Warum lief es so schlecht?

Die Business-Idee war nicht gut, das Management schlecht. DFDS hat mehr als sein komplettes Eigen­kapital in dieses eine Projekt investiert. Etwas, was über 125 Jahre aufgebaut worden war und das im Kreuzfahrt-Markt, den sie nicht kannten. Es gab noch nicht einmal einen eigenen Mitarbeiter vor Ort. Für mich war das ein Fehler.
Im Januar 1983 bat man mich, nach Miami zu gehen, um die Firma zu schließen, zu verkaufen oder die Verluste einzudämmen. Als Finanzdirektor kannte ich die Zahlen.

Was wussten Sie über Kreuzfahrten zu diesem Zeitpunkt?

Nichts.

War das gut oder schlecht für den Job?

Ich weiß nicht. Ich bin da nur hingekommen, weil mein Vorgesetzter mir persönlich vertraute.

Hätten Sie zuvor mal gedacht, Chef einer Kreuzfahrtreederei zu werden?

Nein, es gibt auch keine familiären Verbindungen zur See oder solche Pläne. Es war reiner Zufall.

Lesen Sie weiter im aktuellen Magazin AN BORD 4/2019.

Once in a lifetime

Auf den Pfaden großer Forscher wandeln, die entlegensten Teile der Welt bereisen, sich über unberührte Natur freuen oder seltene Tiere entdecken, das bieten Expeditionskreuzfahrten. Eine Reiseart, die boomt. Michael Wolf berichtet.

Mit Zodiacs unbewohnte Inseln anfahren, von Fachleuten oder Wissenschaftlern über die jeweilige Gegend mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt Wissenswertes erfahren, gleichzeitig von einem guten Service und einer exzellenten Küche umsorgt zu werden: Diese Reiseart zieht immer mehr Menschen an. Der Traum von Eisbergen, Pinguinen oder Galapagos-Echsen hat allerdings seinen Preis – expedition cruising gehört zu den teuersten Segmenten der Kreuzfahrt-Industrie und kann durchaus auf einigen Fahrten den Tagespreis pro Person von 1.000 Euro übersteigen.

Dafür werden ihnen die faszinierendsten Eindrücke am Ende der Welt geboten, dort, wo kaum ein normaler Transportweg hinführt und schon gar keine „normale“ Kreuzfahrt.
Bekannteste Eis-Fahrgebiete sind die beiden Polargebiete. Vor allem die Antarktis, größer als China und Indien zusammen, geizt nicht mit Superlativen: eine bis zu drei Kilometer dicke Eisschicht mit Eisbergen, die die Größe eine europäischen Landes erreichen können.
Meist von Ushuaia aus durch die berüchtigte und oft bewegte Drake-Passage erreichbar, eröffnen sich auf diesem weißen Kontinent unglaubliche Eislandschaften und Tierwelten für die mittlerweile über 35.000 jährlichen Besucher.

Drastische Vorschriften beschränken heute zum Schutz der Umwelt die Flut der besuchenden Schiffe: Nur noch leichtes Marinedieselöl ist erlaubt, maximal 100 Passagiere dürfen gleichzeitig an Anlandungen teilnehmen, wo es Tiere zu sehen gibt.
Neue Zertifizierungen wie das „Green Ships“ Label setzen modernste Technologien voraus wie die dynamische Positionierung, die Verwüstungen des Meeresbodens durch den Anker vermeidet, einen leisen und sparsamen elektrischen Antrieb, eine entsprechende Aufbereitung von Abwasser und Abfällen sowie einer optischen Unterwasserortung zur Vermeidung von Kollisionen mit Walfischen.
Ähnliches gilt für die Arktis und die berühmte Nord-West-Passage, die fast 6.000 Kilometer lange Verbindung zwischen atlantischem und pazifischen Ozean.
Ein Geschäft, das brummt. Nach vielen Jahren ohne einen einzigen Neubau boomt es jetzt bei vielen Reedereien: nicht weniger als 52 neue Expeditionsschiffe mit der höchsten Eisklasse sind derzeit im Bau, einige wenige wurden bereits geliefert. Entstanden sind sie meist auf kleineren Werften, die oft zuvor noch keine Kreuzfahrtschiffe gebaut haben. Das führte in einigen Fällen zu Verzögerung bei der Ablieferung der Schiffe. Die Zahl der Passagiere soll sich von 242.000 im Jahr 2018 bis zum Jahr 2023 nach Angaben der Brancheninstitution cruise industry news fast verdoppeln….

Fotos:

Taufe auf der Weser

Am 11. Juni wurde vor der Kulisse von Bremerhavens Cityline der Flottenzugang von TransOcean Kreuzfahrten getauft. Michael Wolf schaute sich die Feier für die Vasco da Gama an.

Die gesamte Führungsriege von CMV (Cruise and Maritime Voyages Ltd) stand geschlossen auf der Bühne des Schiffstheaters, ganz vorne aber das Team der deutschen Tochter TransOcean Kreuzfahrten. „Wir freuen uns, die Vasco da Gama in unserer Familie begrüßen zu dürfen – die Buchungszahlen sind vielversprechend.“ Klaus Ebner, Leiter Marketing und Vertrieb bei TransOcean Kreuzfahrten, hatte allen Grund zur Freude. Zum einen konnte der Buchungs-Anteil des Offenbacher Veranstalters bei CMV in den letzten Jahren signifikant gesteigert werden.
Zum anderen ist mit dem Erwerb der Vasco da Gama ein Schiff zur Hausflotte gekommen, das so ganz im Sinne der Kunden ist: großzügiger Platz, schönes Design und trotzdem mit 1150 Passagieren eine überschaubare Größe. CMV-Chef Christian Verhounig kündigte an, weitere ähnliche Schiffe in die Flotte bringen zu wollen.

Ein Tag zum Feiern. Schon während des exquisiten mehrgängigen Taufdinners, das in allen Restaurants des Schiffes serviert wurde, hatte sich das Schiff vom Cruiseterminal in Richtung Flussmitte bewegt. Dort, direkt vor der Kulisse der Hafenwelten und der Innenstadt, begannen dann die Festivitäten. An Bord heizte die Rockgruppe „Fury in the Slaughterhouse“ am Innenpool die Stimmung ein, auch einige Schauspieler und Prominente wie Gerit Kling, Saskia Valencia, Frederic Böhle oder Claudia Wenzel zeigten sich präsent.

Foto: enapress.com

Christian Verhounig und Bremerhavens OB Melf Grantz (Foto links zusammen mit Dr. Ralf Meyer) eröffneten die Taufzeremonie.
Unumstrittener Star des Abends war aber natürlich als Patin die Sängerin Annett Louisan. Um 22.30Uhr drückte sie dann auf den Knopf – die Champagnerflasche zerschellte an der Schiffswand.
Die Taufzeremonie wurde auf große Screens am Hafenkai übertragen, wo zu den Klängen der Kultband „UnitedFour“ bereits der Abend eingerockt worden war.
Auch für Dr. Ralf Meyer war es ein besonderer Tag. Der Leiter des Wirtschaftsreferates von Bremerhaven hatte sich persönlich seit etlichen Jahren um den Auf- und Ausbau der Kreuzfahrt in der Hansestadt investiert. „Die Taufe war ein großartiges und zukunftsweisendes Event für den Kreuzfahrtstandort Bremerhaven“, freute er sich an diesem Abend.

Die Vasco da Gama verblüfft durch ihr Angebot an Raum. Das beginnt bei den unglaublich schönen Aussendecks oder dem großen Pool (nur für Erwachsene) am Heck, eine Reminiszenz an die Großzügigkeit einiger älterer Kreuzfahrtschiffe. Dort, wo bei Neubauten eine Kabine neben der anderen verbaut sind, gibt es hier Platz ohne Ende, Sonnenliegen, Ausblicke nach allen Seiten und eine gemütliche Open-Air-Bar. Die 630 Kabinen sind durchschnittlich 19 qm groß und erstrecken sich über fünf Decks. 80 Prozent von ihnen liegt nach außen, viele verfügen über einen Balkon.
Neben den drei Restaurants und fünf Bars, der Show-Lounge, Kino und Spa bietet das Schiff etliche Plätze zum Chillen und unterhalten: Die im maritimen Stil designte Panoramalounge am Bug („The Dome“) und der modern gestaltete Leseraum („The Study“) sind echte Highlights.
Die bordeigene Dialysestation ist bereits ganzjährig gebucht.
Im August gibt es ein Wiedersehen mit Annett Louisan – sie geht bereits im August zusammen mit dem Schlagersänger Matthias Reim und Nico Santos auf eine fünftägige Eventkreuzfahrt (Stars at the Sea).
Eine der ersten Reisen stand übrigens im Zeichen veganer Ernährung. Auf der elftägigen Fahrt gab es in keinem Restaurant Produkte tierischen Ursprungs, Experten und bekannte Köche begleiteten die Reise.
Die Vasco da Gama wurde 1993 als Statendam für Holland America Line in Dienst gestellt. Die australische Filiale von P&O kaufte es 2015, die neubenannte Pacific Eden kreuzte dann nach einer millionenschweren Renovierung in Südostasien.
Heute ist sie das sechste Schiff von CMV, der englischen Muttergesellschaft von TransOcean. Es gesellt sich dort zu Klassikern wie Astor, Magellan und Columbus.

Fotos: enapress.com

Von Dubrovnik nach Zadar

Mit der nur 34 Meter langen Dalmatia kleine kroatische Städte und Strände erkunden – das sind veritable Ferien, stellte Renate V. Scheiper fest.

Der Liegeplatz unserer schönen, kleinen „MS Dalmatia“ begeistert uns: Einige Kilometer außerhalb von Dubrovnik beim Stadtteil Gruž hat sie vor der berühmten „Dubrovnik-Brücke“ festgemacht, einer einhüftigen“ Schrägseilbrücke, die eine Bucht der Adria mit der Mündung der Ombla verbindet. Daniel, nach dem Kapitän die wichtigste Person an Bord als Restaurant-Chef und Allroundman, winkt schon von weitem. Dann gibt es ein herzliches „Willkommen an Bord“ direkt am Pier.

Wir 32 Passagiere richten uns in den 8 bis 11 qm messenden 17 Kabinen auf drei Deckebenen ein. Zweckmäßig sind sie ausgestattet mit einem breiten Doppelbett oder zwei getrennt stehende Betten und einem geräumiges Nachttischchen. Genügend Stauraum bietet ein Schrank neben der privaten Dusche/WC. Sogar ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl verführt dazu, sich Notizen zu machen oder Postkarten zu schreiben. Kleine, nicht zu öffnende ovale Fensterchen lassen in den Kabinen des Hauptdecks feststellen, ob das Wasser spiegelglatt oder bewegt ist. Bei jeweils auf die Deckpromenade geöffneter Kabinentür der Ober- und Promenadendecks weht frische Meeresbrise hinein. Erste Sonnenbäder werden genommen auf bequemen Liegen. Andere Gäste bevorzugen die überdachten, schattigen Sitzecken. Mit unverstellter Rundumsicht fühlen sich alle wie auf einer Privatyacht. Doch auch im verandaähnlichen offenen Heckbereich hinter dem Panorama-Restaurant sitzt man bequem an frischer Luft mit freiem Blick nach drei Seiten.

Beim Begrüßungsdrink vor dem Dinner wird die elegante Krawatte bewundert, die Daniel trägt als „Markenzeichen“ Kroatiens, wo angeblich die Krawatte erfunden wurde. Jeden Abend erfreut er uns mit einer würdevoll getragenen anderen Krawatte, dazu passendem Hemd und Weste. Im übrigen führt er ein strenges Regiment gegenüber seinem jungen Helfer Lovre, der mit Feuereifer dabei ist, korrekt zu servieren und elegant Wein einzuschenken. Im Restaurant hängt, unübersehbar neben der Tür zur Heck-Veranda, das Tagesprogramm mit handschriftlich hinzugefügtem Menue. Zusätzlich informiert Daniel wie ein gelernter Conferencier humorvoll Einzelheiten zum Programm des nächsten Tages wie Länge des Ausfluges, holpriges Straßenpflaster, enge Gassen oder gefährlich-schöne Souvenirgeschäfte.

Das hilft schon am nächsten Tag beim geführten Ausflug in die normalerweise restlos überlaufene Stadt Dubrovnik. Sie ist fast menschenleer. Sogar die steinernen Hunde auf dem berühmten Onofrio-Brunnen am Eingang scheinen noch zu schlafen. Es gelingt ein unvergesslicher Gang durch die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten. Als die Menschenmassen der großen Schiffe in die Stadt fluten, sitzen wir längst gemütlich in einem Café. Wie das? Die Reiseleiterin hatte durch Daniel fragen lassen, ob seine Gäste bereit seien, sehr früh aufzustehen. Oh ja – es hat sich gelohnt….

Foto: nicko cruises

Fotos: Renate Scheiper, enapress.com, nicko cruises

Taufe mit Franz Joseph

Für den Gründer der amerikanischen Flusskreuzfahrt-Reederei AmaWaterways, Rudi Schreiner, war es sicher die Erfüllung eines langgehegten Traumes: den nach seinen Plänen entwickelten größten Neubau auf der Donau in seiner österreichischen Heimat zu taufen. Michael Wolf berichtet.

Schon der Rahmen ist schön für diese Bilderbuchtaufe: Strahlender Sonnenschein, das pittoreske Städtchen Grein mit seiner hübschen Donaupromenade und dem schönen Schloss.
Als die AmaMagna an diesem Donnerstagnachmittag im Juli in Grein anlegt, warten bereits zahllose Einwohner und lokale Politiker auf das spektakuläre Schiff. An der Gangway stehen sogar Kaiserin Sisi und ihr Gemahl Kaiser Franz Joseph „persönlich“, flankiert von anderen Persönlichkeiten in historischen Kostümen, dazu werden Champagner, lokales Bier und österreichische Würstel serviert. Auch das Showprogramm ist lokal inspiriert: Zu den Klängen der „schönen blauen Donau“ und anderer Strauss-Walzer stürzen sich die Gäste im Drei-Viertel-Takt in ein Taufvergnügen der besonderen Art. Auch Kristin Karst, Miteigentümerin von AmaWaterways, kommt nicht am tanzenden Kaiser vorbei, die amerikanischen Gäste freuen sich über Walzerklänge und einen fast perfekten Imitator des österreichischen Kultsängers Falco, dessen Hits sogar in den Staaten beliebt waren.

Ein gutes Aufwärmen für die Taufe des 22. Flusskreuzfahrtschiffes der amerikanischen Reederei, allerdings diesmal ein ganz besonderes. Das neue Flaggschiff, die AmaMagna, ist etwa doppelt so breit, bietet vier Restaurants, zahlreiche große Suiten, Kino, Spa und Fitnesscenter. Dennoch hat sie nur etwa 20 Prozent mehr Gäste als die „normalen“ Schiffe, bietet Luxus fast auf Hochseeniveau.
Die amerikanische Fernsehmoderatorin Samantha Brown, bekannt in den USA durch ihre TV-Reisesendungen, fungiert als charmante und professionelle Taufpatin. „Ich habe heute den besten Job auf der ganzen Welt“ freut sie sich, bevor sie die Magnumflasche Veuve Clicquot gegen die Bordwand schmettert.
Zuvor hatte Reederei-Gründer Rudi Schreiner die komplizierte Entstehungs-Geschichte des Schiffes erzählt. Greins Bürgermeister Rainer Barth wünschte dem Schiff „viele relaxte und sichere Kreuzfahrten“. Von kirchlicher Seite stand dem nichts im Weg: der örtliche Priester segnete die AmaMagna.
Beim folgenden Empfang in der majestätischen Greinburg lässt es sich Hausherr Erbprinz Hubertus von Sachsen-Coburg und Gotha nicht nehmen, die Gäste mit einem Glas Sekt zu begrüßen. Eine Folkloregruppe präsentiert lokale Volkstänze – und lädt Mutige zum Mittanzen ein.
Die richtige Party beginnt dann nach Sonnenuntergang: Akrobaten performen in leuchtenden Kostümen auf dem Pooldeck, ein Höhenfeuerwerk glitzert über der Donau. Bis in den Morgenstunden wird getanzt – so ein Schiff kommt so schnell nicht wieder.

Fotos: enapress.com

Ice Cold Cruising

Eine schneeweiße Decke bis zum Horizont, an den Küsten zerfetzt, das ist Grönland. Die größte Insel der Welt – zwei Millionen Quadratkilometer Fläche, so groß wie Westeuropa. Grönland mit einer kleinen Fähre entdecken macht Sinn, stellten Kiki Baron (Text) und Paul Spierenburg (Fotos) fest.

Die erste Begegnung mit arktischer Kultur verblüfft. Denn beim Blättern im Bordbuch von Air Greenland stechen Bandnudeln aus Buchstaben ins Auge. Worte so lang, dass nur zwei in die Zeile passen. Reiht man murmelnd die hundert Silben eines dreizeiligen Satzes aneinander, ergibt das Schnappatmung. Atemberaubend auch der Blick aus dem Flugzeugfenster. Weiß und noch mal weiß, ein paar knallblaue Rinnsale darin und schwarze Aschestreifen. Wieso eigentlich Grönland? Kein Grün zu sehen. Kalaallitnunaat, „Land der Menschen“ heißt die Insel in der Landessprache. Grønland auf Dänisch. Namensgeber war um das Jahr 982 Wikinger Erik der Rote. Er landete am südlichen Zipfel, wo offensichtlich Gras wuchs. Seit 1. Mai 1979 autarke „Nation innerhalb Dänemarks“, erhielt Grönland 2009 eine Selbstverwaltungsordnung. Ein Schritt zur Unabhängigkeit vom Königreich. Auf diese Weise wurde die Übernahme von Eigentumsrechten an immensen Bodenschätzen gewährleistet. So könnte sich in Zukunft aus dem finanzschwachen Staat eine der reichsten Regionen auf unserem Planeten entwickeln. Denn unter dem schmelzenden Eis schlummern Öl, Gas und Uran sowie Seltene Erden. Wird Grönland also ein Gewinner des Klimawandels sein?

Foto: Paul Spierenburg

Eine Reise in diese Polarregion ist schon etwas ganz Besonderes. Immerhin begibt man sich, wenn daheim endlich die Grillsaison läuft, freiwillig in Eiseskälte. Zudem sind die Möglichkeiten der Fortbewegung mehr als spärlich. Außerhalb der wenigen Dörfer gibt es so gut wie keine Straßen. Auch Unterkünfte sind rar gesät. Auf bequeme Art und Weise lässt sich Grönland eigentlich nur auf einer Kreuzfahrt erleben. Wir haben allerdings noch eine weitere Lösung gefunden, bei der man freilich auf internationalen Luxus verzichten muss: Ein 6-tägige Kombination von Flug-, Schiffs – und Landprogramm. Für Passagen entlang der Westküste ist MS Sarfaq Ittuk die ideale Fähre. Sie verkehrt im siebentägigen Takt zwischen Hauptstadt Nuuk und Illullissat an der Disko Bay. Auf der knapp 400 Meilenstrecke läuft das Küstenschiff kleine Häfen wie Katuaq und Sisimut an. Es macht lange genug an der Pier fest, um die Dörflein per pedes zu erkunden und hautnah am Leben der Grönland-Inuits zu schnuppern.
Das Flugzeug aus Kopenhagen landet in Kangerlussuaq, nicht viel mehr als ein zusammengewürfeltes Konglomerat von rostbraunen Barracken. Kurz vorm Aufsetzen entdecken wir, warum die Wikinger von grünem Land sprachen. Jetzt, am Ende des kurzen Sommers, leuchtet es sogar in roten und gelben Herbstfarben. Wollgras, Heide und arktische Weidenröschen blühen. Kangerlussuaq ist die einzige Siedlung an der Westküste, von der aus man im Geländewagen zum Eispanzer holpern kann. Überlandstraßen gibt es in dieser Region sonst keine. Die 60 Kilometer-Tour ist zudem einzige Gelegenheit Tiere auf freier Wildbahn zu beobachten. Man könnte sogar meinen, die Viecher stellen sich extra in stolze Pose. Jedenfalls solange sie unser Vehikel noch nicht gewittert haben. Kaum die Auspuffgase in der Nase und Motorblubbern im Ohr ergreift die achtköpfige Herde kolossaler Moschusochsen (warum eigentlich Ochsen?) unter wallenden Zotteln die Flucht. Und auch Rentiere stieben mit merkwürdig gespreizten Hinterbeinen hinter bunt bemoosten Felsen. Kein Wunder, beide Arten stehen neben Meeresgetier auf dem Speisezettel der Einheimischen.

Foto: Paul Spierenburg

Nun denkt man bei Grönland erst mal an kalbende Gletscher, Eisberge und Eisbären. Wem käme schon kreative Gourmetkost in den Sinn wie man sie vielleicht aus Kopenhagens Spitzenküchen kennt. Umso erstaunlicher, wenn genau das auf den Tisch kommt. Im „Sarfalik“ nämlich, Toprestaurant in der Hauptstadt Nuuk. Das 7-Gänge Menü ist sternwürdig. Nicht nur des Hummers wegen, der vor wenigen Stunden noch in eiskalten Polargewässern herumkrebste. Happen von Seesaibling, Heilbutt oder Makrele, alles frisch aus dem Fjord, gruppieren sich mit heimischen Wildkräutern und Blüten penibel arrangiert auf den Tellern. Anschließend eine Scheibe auf den Punkt gegartes Filet. So delikat schmeckt also Moschusochse. Die Abfahrt der Sarfaq Ittuk sollten wir allerdings nicht verpassen, sie legt nur einmal pro Woche um 21.00 Uhr ab….

Fotos: Paul Spierenburg

Flusskreuzfahrt mit Rollstuhl

Nach einer jahrelangen Planungsphase stellt Phoenix Reisen im Juni 2019 das als Herzensprojekt angekündigte Flusskreuzfahrtschiff MS Viola in Dienst. Johannes Zurnieden, Gründer des Bonner Kreuzfahrtveranstalters Phoenix Reisen, realisiert damit einen großen Traum. Gästen denen es aufgrund ihrer körperlichen Konstitution nicht ganz so einfach ist auf Reisen zu gehen, steht in 34 barrierefreien Kabinen ein bedarfsgerechter Komfort zur Verfügung. Oliver Asmussen berichtet.

Bei herrlichem Sommerwetter wurde die 96,30 Meter lange, 11,4 Meter breite und 1996 als J. Henry Dunant für das niederländische Rote Kreuz gebaute MS Viola am Bonner Rheinufer getauft. Taufpatin war die bekannte Paralympics-Goldmedaillengewinnerin Annika Zeyen. Bevor das auf maximal 122 Passagiere ausgelegte Flusskreuzfahrtschiff unter seinem neuen Namen bei Phoenix Reisen zur Jungfernreise aufgebrochen ist, wurde es im Winter auf einer niederländischen Werft komplett entkernt und völlig neu aufgebaut. Erneuert wurden dabei nicht nur das gesamte Mobiliar, die Matratzen in den Kabinen und alle Wandverkleidungen, sondern auch die dahinter liegenden Rohrleitungen, Wassertanks, Klimaanlagen und Kabelverbindungen.

Insgesamt stehen 60 Kabinen auf zwei Kabinendecks an Bord zur Verfügung. Die Größe der 34 barrierefreien Kabinen variiert zwischen 15-17 Quadratmeter. Die Bäder in diesen Kabinen bieten höhenverstellbare Waschbecken, welche mit dem Rollstuhl unterfahren werden können. Die Zugänge zu den Duschen innerhalb der Bäder sind ebenfalls barrierefrei. Einige Kabinen teilen sich ein Bad mit der Nachbarkabine. Es stehen auf dem Unterdeck Zweibett-Kabinen der Kategorie A und B mit einer Größe von ca. 10 Quadratmeter zur Verfügung. Die Kabinen auf dem Unterdeck sind in erster Linie Reisenden vorbehalten, die sich ohne Rollstuhl fortbewegen können. Auf dem Unterdeck steht eine begrenzte Anzahl an Einzelkabinen der Kategorie E für Alleinreisende bereit.

Willkommen an Bord
Die komplett renovierte Viola beeindruckt gleich nach dem Durchschreiten der großen Glastüren mit einem herausragenden Raumgefühl. Das Foyer zeigt sich in zurückhaltend dezent, in ansprechendem Farbdesign. An Bord der Viola sind keine Teppiche verlegt. Der Kunststoff-Bodenbelag im Restaurant und in der Lounge ist täuschend echt dem eines Teppichs nachempfunden.
Die Rezeption der Viola kann in einem Bereich mit dem Rollstuhl unterfahren werden.
Ein großer Treppenabgang verbindet alle drei Decks miteinander. Gleich zwei große Fahrstühle sorgen für einen reibungslosen Transport der Rollstuhlfahrer zwischen den Decks. Einer davon führt bis auf das Sonnendeck hinauf, was eine große Besonderheit auf einem Flusskreuzfahrtschiff darstellt.
Im direkten Vergleich zu anderen Flusskreuzfahrtschiffen sind auf der Viola alle wichtigen, öffentlichen Bereiche auf einem einzigen Deck platziert. Ein umständlicher und mühevoller Deckwechsel zwischen der Panoramalounge und dem Restaurant an Bord entfällt auf der Viola.
Das Panorama-Restaurant überzeugt nicht nur durch eine Kombination aus wunderbarer Wohlfühlatmosphäre und Eleganz, sondern auch durch Helligkeit und freier Aussicht auf die vorbeiziehende Flusslandschaft. Von nahezu allen Plätzen aus ist ein guter bis sehr guter Blick durch die großen Panoramafenster möglich. Auch Reisende, die sich nicht mit dem Rollstuhl fortbewegen, kommen in den Genuss dieses üppigen Raumgefühls. Gespeist wird in einer einzigen, offenen Tischzeit an fest reservierten Tischen. Nach Absprache werden Gerichte für spezielle Diäten gereicht (Diabetiker, Glutenfrei, Laktosefrei usw.). Als besonderes Highlight ist das Kapitäns-Dinner zu nennen (keine Abendgarderobe Pflicht).
Zwischen Foyer und Restaurant befindet sich ein Frisör, selbstverständlich ebenfalls barrierefrei. Am Eingang zum Restaurant können die Reisenden in einer kleinen Lounge verweilen….

Fotos: Oliver Asmussen/www.oceanliner-pictures.com

Exklusivität der Einsamkeit

Champagner im Zodiac und Hotdogs auf dem Pooldeck – die neue HANSEATIC NATURE schwimmt exakt in der Mitte zwischen klassischer Luxuskreuzfahrt und waschechter Expedition. Peggy Günther berichtet.

„Es ist gerade recht windig und die Überfahrt könnte nass werden, aber trotzdem möchten wir Ihnen einen Besuch beim Lloydhotel nicht vorenthalten“, lautet die Durchsage von Expeditionsdirektorin Ulrike Schleifenbaum während des Abendessens an Bord der HANSEATIC NATURE. „Da das Wetter so ungemütlich ist, werden wir uns nicht zu lange vor Ort aufhalten, etwa eine halbe Stunde pro Zodiacgruppe.“ Wenigstens die Zeit für ein Getränk an der Hotelbar könne man doch einräumen, kontert eine Erstkreuzfahrerin im Restaurant. Gleichzeitig werden leise Zweifel wach: Heute Vormittag haben wir die nördlichste Siedlung auf Spitzbergen verlassen – mit Kurs in noch höhere Breitengrade. Wieso haben wir noch nie vom scheinbar nördlichsten Hotel der Welt gehört?

Foto: Hapag-Lloyd Cruises

Longyearbyen, die Walrosse von Poolepynten, Ny-Ålesund – bisher verlief die erste geplante Spitzbergenumrundung der HANSEATIC NATURE wie viele andere Reisen in dieser Region. Spitzbergen avanciert zum neuen Trendziel – die Zahl der Kreuzfahrtgäste ist in den letzten zehn Jahren um 140 Prozent gestiegen. Sogar große Megacruiser ohne jegliche Eisklasse machen in Longyearbyen fest. Spannend wird es jedoch erst, wenn die Reise weiter nach Norden führt, in Richtung Packeisgrenze.

Kapitän Thilo Natke freut sich darauf, sein neues Baby zum ersten Mal ins Eis zu fahren. Nach den letzten Monaten in der Bauleitung auf der Werft und der Jungfernfahrt Anfang Mai hat er nur kurz Urlaub gemacht, um Ende Juni bei der ersten Spitzbergenumrundung auf der Brücke zu stehen. Er müsse sich erst einmal an die neue Schiffsgröße gewöhnen, sagt Natke. Die HANSEATIC NATURE ist knapp 16 Meter länger und vier Meter breiter als sein letztes Schiff, die Bruttoraumzahl hat sich nahezu verdoppelt. 120 großzügige Kabinen und Suiten stehen den Passagieren auf dem Neubau zur Verfügung, das HanseAtrium als Vortragsraum mit Meerblick und natürlich die Ocean Academy.

Dieser neue Raum im Heck des Schiffes bietet nicht nur intuitive Möglichkeiten zum Selbststudium, sondern ist vor allem ein Ort der Begegnung mit den Experten an Bord. Auf der ersten geplanten Spitzbergenumrundung sind dies zwei Geologinnen, zwei Biologen, ein Glaziologe und ein Sozial- und Wirtschaftshistoriker. Sie halten nicht nur im Rahmen des allabendlichen Recaps informative Kurzvorträge und stehen bei Anlandungen an interessanten Punkten im Gelände. Während der Zeiten auf See haben sie auch Sprechstunden in der Ocean Academy.

Die größte Veränderung gegenüber der „alten“ HANSEATIC und der BREMEN ist die höhere Eisklasse der HANSEATIC NATURE. Der Neubau wurde mit PC6 qualifiziert, was die höchste Eisklasse für Passagierschiffe ist, alles darüber zählt als Eisbrecher. Kapitän Natke erklärt, was dazugehört: Im Haupteisbereich gibt es doppelt so viele Spanten, die Außenhaut ist bis zu 16 Millimeter dick, der Bugbereich besonders verstärkt. Die Propeller wurden aus Edelstahl statt aus Bronze gefertigt und die Maschinen sind elastisch gelagert. Als sich das erste Eisfeld der Reise zeigt, füllt sich der Nature Walk schnell mit blauen Hapag-Lloyd-Parkern. Die neue Promenade auf dem Vordeck des Schiffs zählt für viele Gäste zu den Lieblingsorten an Bord, denn nirgends kann man der Natur näher sein. Lautlos gleitet die HANSEATIC NATURE an die weiße Kante heran. „Festhalten“, sagt jemand und dann rumpelt es gewaltig. Der Bug teilt das Eis wie ein Kuchenmesser eine Baisertorte. Das Schiff setzt seinen Weg unbeeindruckt und mit unverminderter Geschwindigkeit fort, lässt kleine Schollen rechts und links der Fahrspur zurück…

Fotos: Peggy Günther, Hapag-Lloyd Cruises

Das neue Flaggschiff der Seefahrtsschulen auf den Philippinen

Der Bedarf an gutem Personal wächst bei den Kreuzfahrtreedereien von Jahr zu Jahr. Da die Zahlen beim Seemanns-Nachwuchs in Deutschland auf Talfahrt sind, übernehmen große Seefahrtsschulen in Asien die Aufgabe. Die Magsaysay-Gruppe auf den Philippinen hat dafür den modernsten Campus des Landes gebaut. Frank Behling schaute sich vor Ort um.

Es mangelt nicht an Horrorgeschichten über Ausbeutung und Leid von Seeleuten aus Asien. Oft erinnern die Geschichten aus den Seemannsmissionen an die moderne Form des globalen Menschenhandels. Gegen dieses Image kämpfen die Seefahrtschulen und Crew-Agenturen auf den Philippinen jetzt an. Sie wollen weg vom Ausbeuter-Image.

Foto: Frank Behling

„Wir haben hier eine sehr lange Tradition in der Schifffahrt. Die soziale Verantwortung für die Menschen ist für uns sehr wichtig. Das Ziel ist deshalb auch eine nachhaltige Zusammenarbeit mit unseren Kunden“, sagt Doris Magsaysay-Ho. Sie ist Inhaberin und Präsidentin der Magsaysay-Gruppe, einem der führenden Unternehmen bei der Ausbildung von Seeleuten.
Anders als andere Agenturen sucht sich Magsaysay ihre Kunden aus. Es ist ein kleiner Kreis aus Reedereien, mit denen das 1946 gegründete Unternehmen bereits seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. Die kanadische Fairmount-Gruppe ist genauso Teil davon wie die große japanische Reederei MOL mit ihren Gastankern und Containerschiffen oder norwegischen Tankerreeder Odfjell und Skaugen.
„Die Kreuzfahrt kam erst später dazu“, sagt Magsaysay-Ho. Es war Ende der 90er Jahre, als die norwegische Skaugen-Gruppe an Magsaysay herantrat. „Das war bei der Seatrade-Messe in Miami. Dort suchte man nach einem Crewkonzept für das Kreuzfahrtschiff PEAL OF SCANDINAVICA in Asien“, erinnert sich die Präsidentin.

Mit diesem Schiff begann der Einstieg ins Kreuzfahrtgeschäft. Der Kreuzfahrtsektor hat inzwischen deutlich an Bedeutung gewonnen. Weitere Kunden von Magsaysay sind Saga Cruises, Ponant, Costa, P&O und seit 2003 auch Aida.
Zunächst wurde Personal für die klassischen Dienstgrade an Deck und im Hotelbereich gesucht. Nach und nach kamen weitere Berufe hinzu. Seit 2014 bildet das Unternehmen auch für die Security-Crew beim Check-in aus.

2018 dann der nächste Sprung: Auf dem brandneuen Magsaysay-Campus in Cavite werden die ersten Offizier- und Ingenieur-Anwärter ihr vier Jahre dauerndes Studium starten. Die Abschlussprüfung als Bachelor of Science in Marine Transportation erfüllt die Standards des international gültigen STCW-Codes. Ziel der jungen Kadetten ist der Offiziers-Rang mit dem Posten als Kapitän am Ende der Karriere-Leiter. Der erste Jahrgang von 30 Offiziersanwärtern hat für Carnival Maritime im August das erste Jahr auf dem neuen Campus von Magsaysay beendet.
In dem Vorort Cavite wurde von Magsaysay zusammen mit der japanischen Großreederei MOL der modernste Campus für die Ausbildung von Schiffsoffizieren entworfen und gebaut. Nebenan ist das seit 30 Jahren erfolgreich arbeitende Magsaysay Institute of Shipping, das Matrosen und Maschinisten für den Einsatz an Deck und an der Maschine ausbildet….

Fotos: Frank Behling

Kleines Meer von Größe

Ein Standardwerk: In „Die Ostsee. Berichte und Geschichten aus 2000 Jahren“ erzählen mehr als 100 Wissenschaftler, Forscher, Kaufleute und Dichter von der Baltischen See. Roland Mischke hat sich durch den Wälzer gegraben und lauter Schätze gehoben.

Die Strände sind mattweiß, gelb und pflanzendunkelgrün, von sand- und gischtgrau dominierenden Farben durchsetzt. Mit Macht rollen die Wellen heran, sie treiben einen sanften Salzgeschmack auf die Lippen, in den Ohren röhrt der Wind. Es ist eine besondere Stimmung, in der sich festlich gekleidete Menschen an einem kühlen Tag über den Strand bewegen. Es sieht aus wie eine Prozession. Es sind Musiker aus dem gesamten Ostseeraum, die am Meeresrand Atmosphäre aufnehmen, bevor sie ihre Hörerschaft mit Klassikmusik begeistern.

Usedom hat im Herbst und Winter viele Besucher, die relativ kleine Insel ist inzwischen ein Magnet. Aber zum Usedomer Musikfestival im Herbst, 2018 zum 25. Mal ausgetragen, reisen nicht übliche Stadttheaterkonzert-Abonnenten an, sondern solche, die das Regionalspezifische suchen, das Ostseegefühl. Orchester und Musiker spielen in Sälen auf, in Herrenhäusern der Kaiserbäder, im riesigen Kraftwerk der einstigen NS-Heeresversuchsanstalt Peenemünde, bei gutem Nachmittagswetter sogar auf Seebrücken. Die Kulisse ist stets die Ostsee, klein im Vergleich mit anderen Meeren, aber mit Größe, weil die Künstler unterschiedliche Nationen vertreten und völkerverbindend agieren.
Bis zu 85 Millionen Menschen sind Ostsee-Anrainer. Die meisten leben in Städten wie Rostock, Danzig, Kaliningrad, Klaipeda, Riga, Tallinn, St. Petersburg, Oulu, Stockholm, Malmö und Kopenhagen. Die Städte grenzen an Flensburger Börde, Kattegat, Skagerrak, Bottnischen Meerbusen oder Stettiner Haff. Eigenständige Staaten mit territorialem Ostseeanschluss sind Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen und Polen. Im Englischen wird das Meer „Baltic Sea“ genannt, im Litauischen „Baltas“ (Weiß), die Römer sprachen einst vom „Mare Suebicum“, benannt nach den an den Südküsten lebenden Sueben.

Foto: enapress.com

Ein Buch mit Erzählungen
Klaus-Jürgen Liedtke ist als Herausgeber bemüht, die „Ostsee-Natur und Ostsee-Zivilisation lesbar zu machen“. Der freie Schriftsteller und Übersetzer ist gelernter Skandinavist und Germanist, er übersetzt vor allem aus dem Schwedischen. Er hat Preise aus Ostseeländern erhalten und das deutsche Bundesverdienstkreuz. Er war bemüht, die Fülle der Aussagen und Texte zur Ostsee breit aufzublättern. Dabei hat er auch Mythen und Legenden mitaufgenommen. Die Ostsee, das Binnenmeer von 55 Metern mittlerer Tiefe, die riesige Badewanne aus der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren, verbindet ihre Anrainer.
Der vor fast 2000 Jahren geborene Cornelius Tacitus war ein römischer Senator und vielreisender Historiker. „Nur bis dort“, der Ostsee, „erstreckt sich die Welt“, schrieb er. Seine Uferbewohner trügen „Eberamulette mit sich herum“ und „verehren eine Muttergottheit“. Er registrierte, dass die „Barbaren“ Bernstein sammeln und hart auf ihren Feldern arbeiten. Ihre Mentalität erscheint ihm skurril, sie hätten „sich des Allerschwersten versichert: niemals von einem Wunsche belästigt zu werden.“
Auch andere Reisende, wenige in den Jahrhunderten, die Ostsee lag abseits, beschreiben das „Barbarenmeer“, an dem rückständige Völker wohnen. Die Frauen seien Amazonen, schreibt Adam von Bremen, ein Chronist im 11. Jahrhundert. Sie lassen sich von Männern schwängern, um sie danach zu vertreiben. Lange Zeit waren Bewohner der Ostseeregionen isoliert von der Welt, was in der Antike, dem Mittelalter oder in der Renaissance geschah, bekamen sie nicht mit. Nur langsam brachte die Christianisierung die Bauern und wilden Krieger mit Menschen außerhalb ihresgleichen zusammen. Sie litten unter den Wikingern, den nordgermanischen Räubern des Frühmittelalters. Olaus Magnus, ein schwedischer Theologe und Geograph, lieferte im 16. Jahrhundert eine erste „Beschreibung der Völker des Nordens.“….

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„Die Ostsee. Berichte und Geschichten aus 2000 Jahren.“
Hgb. Klaus Jürgen Liedtke, Galiani Verlag, Berlin, 656 S., 39 €
ISBN: 978-3-86971-175-1, www.galiani.de