Das „dienende“ Schiff

Foto: Archiv Udo Horn

Die Doulos Phos war lange das älteste seetüchtige Passagierschiff der Welt, für die Eigner stammte es aus Gottes Hand

An Bord wird missioniert. Mark Diamond, Direktor für Marine Operations beim Betreiber OM Ships International – er war schon 1978 auf die Doulos gekommen, damals als dritter Ingenieur – erklärte das Milieu so: „Gott nutzte meine Zeit auf dem Schiff, um mir viel über ihn selbst beizubringen. Es war ein Vorrecht zu sehen, wie Gott zu so vielen anderen gesprochen hat, die das Schiff besuchten oder über die Jahre an Bord gearbeitet haben.“ So kann man das auch sehen.

Das einstige Fracht- und Passagierschiff galt bis 2010 im „Guiness-Buch der Rekorde“ als „The World’s oldest ocean going motor Passenger Liner“. In den letzten Jahrzehnten gehörte es der christlichen deutschen Missionsorganisation „Gute Bücher für Alle“ und war berühmt als großer mobiler Buchladen mit rund 5000 Titeln an Erbauungsschriften. Gebaut wurde das Schiff 1914 für amerikanische Auftraggeber in Virginia, es kam zunächst unter US-Flagge als den Namen Medina in Fahrt, wurde 1948 in Romaumbenannt und erhielt im Zuge weiterer Eigentümerwechsel die Namen Franca C, Doulos sowie Doulos Phos („Diener des Lichts“) und führte die Nationalflaggen von Panama, Italien und Malta.

Foto: Jürgen Saupe

Das bei seinem Bau mit einer Dreifach-Expansions-Dampfmaschine sowie vier kohlegefeuerten Kesseln – sie wurden 1922 auf Ölfeuerung umgestellt – ausgerüstete Dampfschiff, das mit einer Wellenleistung von 4100 PS eine Geschwindigkeit von 14 kn erreichte, hatte als Medina den Namen eines texanischen Flusses erhalten, es gibt keinen Bezug zur Heiligen Stadt der Muslime in Saudi-Arabien. Und es war als Atlantikfrachter konzipiert. Damals wurde es gerühmt als größtes und modernstes Frachtschiff an der Ostküste der USA. Im Zweiten Weltkrieg brachte man das Schiff an die westliche Peripherie der USA, dort übernahm es die Küstenwache für den Einsatz entlang der Pazifikküste.

1948 kam es in katholische Hand. Die Organisation „Naviera San Miguel SA” mit Sitz in Panama hatte die Medina erworben und gab ihr nun den Namen Roma. Erst jetzt wurde der Zwiebeltransporter zum Passagierschiff umgebaut, mit Kabinen für 287 Passagiere und große Schlafsäle für weitere 694 Personen. Luxus an Bord war nicht angesagt, Christenmenschen leben bescheiden. Das Schiff war vor allem übernommen worden, um Pilgerfahrten zwischen Lateinamerika und Europa durchzuführen. Der Anstoß war das Heilige Jahr der römisch-katholischen Kirche 1949/1950, als die Roma vier Mal Pilgergruppen über den Atlantik in Italiens Hauptstadt brachte, um dort den Papst zu hören und zu sehen. Die Gläubigen hofften auf den „Jubiläumsablass“ ihrer Sünden durch Pius XII., Theater, Restaurant und Bar brauchten sie nicht.

Bereits 1952 verkaufte die katholische Organisation die Roma an die italienische Reederei Linea Costa. Das Dampfschiff wurde zum Motorschiff umgebaut, nach der Tradition von Costa bekam es nun den Namen Franca C. Im Einsatz war das Schiff vorrangig im Linienverkehr von Italien nach Argentinien und zurück, viele Auswanderer brachte es in das Land der Gauchos. In dieser Zeit war es auch ein beliebtes Auswandererschiff nach Australien.

Franca C, Foto: Sammlung JSA

Die Ansprüche der Kundschaft waren gewachsen, 1959 ließ die Reederei die Franca C. in ein Erste-Klasse-Kreuzfahrtschiff umbauen, es konnte mehr als 900 Personen aufnehmen. Der Schwerpunkt waren jetzt Mittelmeerreisen. Ende der 1960er war die Franca C. eines der ersten Schiffe, die ihre Passagiere auf Kreuzfahrten nach Miami brachte. Dazu wurde noch einmal viel Geld ausgegeben, der neue Hauptantrieb, ein V18-Diesel von Grandi Motori Trieste (GMT), benötigte Marinedieselöl (MDO).

Das Schiff war auf der Newport News Shipbuilding in Newport News als Baunummer 176 erstellt worden. Die Kiellegung erfolgte am 21. Januar 1914, am 22. August lief es vom Stapel, bereits am 29. September des gleichen Jahres wurde es von der Mallory Steamship Company übernommen und unter US-Flagge in Dienst gestellt. Es war 130,35 Meter lang, 18,60 Meter breit, der Tiefgang lag bei 5,54 Meter. Vermessen wurde es mit 6818 BRT. Es verfügte zunächst über einen Dampfmaschinenantrieb und wurde nach dem Verkauf an die italienische Costa-Reederei Anfang der 1950er Jahre mit einem GMT Viertakt-Dieselmotor des Typs C4218SS V18 mit einer Leistung von 8100 PS (5958 kW) neu motorisiert, der über ein Renk-Untersetzungs-Getriebe auf einen Festpropeller arbeitete. Die Besatzungsstärke wurde mit 414 Personen angegeben.

Doch 1977 kam es zur Rückkehr in christliche Hände, die der Missionsgesellschaft Operation Mobilisation (OM) nahestehende OM Ships übernahm das Schiff das für den deutschen Betreiber „Gute Bücher für Alle“ zu einem schwimmenden Buchladen umgebaut werden sollte. Die Franca C. erhielt den griechischen Namen Doulos, was „Diener“ und auch „Sklave“ (Jesaja 49,6 im Alten Testament der Bibel) bedeutet. Als Ziel wurde angegeben, das Schiff zu erhalten und auf ihm die christliche Lehre in die Welt weiterzutragen. Das sollte mit rund 300 Menschen aus mehr als 50 Ländern an Bord, die freiwillig dem Missionsgedanken folgten, geschehen. Entsprechend wurde das Schiff eingerichtet, ein Kreuzfahrtschiff war es nun nicht mehr.

Das „dienende“ Schiff erhielt eine „ehrenamtliche Besatzung“ und reiste als Buchladen von einem zum anderen Hafen. Die Zielsetzung der Organisation wurde als „Logos Hope“ (Wort der Hoffnung) bezeichnet. 1991 kam es zu einem islamischen Anschlag durch die Terrorgruppe „Abu Sayyaf“ auf das Christenschiff bei der philippinischen Stadt Zamboanga, zwei der Besatzungsmitglieder, eine Schwedin und eine Neuseeländerin, kamen zu Tode, 32 Personen wurden verletzt, teilweise schwer.

Foto: Archiv Udo Horn

Sechs Monate lang wurde 1993 das Schiff im Hafen von Kapstadt saniert, die gesamte Elektrik – mehr als 70 Kilometer Kabel – erneuerte man und stellte sie von Gleichstrom auf Wechselstrom um. Für den Austausch der Generatoren war es erforderlich, die Doulos in ein Trockendock zu bringen, um die Bordwand unterhalb der Wasserlinie öffnen zu können. 107 Freiwillige leisteten ohne Lohn die Arbeit, die Nutzung der Werftfaszilitäten war kostenlos und auch die Hafengebühren wurden erlassen. Die Kosten lagen bei 1,5 Millionen US-Dollar.

Nachdem ab 2010 die SOLAS-Vorschriften verschärft wurden, war der weitere Einsatz des Schiffes fragwürdig geworden. Es war im Kern immer noch ein historischer Dampfer mit Stahlrumpf, in dem überwiegend Holz verbaut war – die gesamte historische Inneneinrichtung war komplett aus Holz gefertigt –, was nicht mehr erlaubt war, weil der Brandschutz nicht gewährleistet war. Da auch die 2009 bei einer Dockung in Singapur von der Klassifikationsgesellschaft RINA für den Klasse-Erhalt als notwendig erachteten weiteren umfangreichen Arbeiten weder von der Werft termingerecht vor Inkrafttreten der neuen SOLAS-Regeln erledigt werden konnten und deshalb die künftigen Einsatzperspektiven ungewiss waren, sah der Eigner den nötigen erheblichen finanziellen Aufwand als nicht darstellbar an. Es kam u.a. die Idee auf, das an Bord der Doulos tätige Personal so zu schulen , dass es als Besatzung gemustert werden konnte, so dass die erst für Passagierschiffe mit mehr als 36 Gästen geltenden neuen SOLAS-Vorschriften nicht erfüllt werden müssten. Das hätte aber die dennoch anfallenden erheblichen Aufwendungen kaum signifikant reduziert. Am 31. Dezember 2009 wurde deshalb der Schiffsbetrieb eingestellt und das Schiff zum Abbruch angeboten. Allerdings hatte man inzwischen die „MV Doulos Preservation Campaign“ gegründet, um die Doulos weiter erhalten zu können, denn es drohte die Verschrottung in Indien.

Eine Lösung war die Umgestaltung zum Hotelschiff, Tourismuszentrum und Museumsschiff. Singapur spielte mit, die dort ansässige „BizNaz Ressources International Pte Ltd“, Direktor und CEO ist Eric Shaw, übernahm am 18. März 2010 das Schiff, um es als Touristenattraktion im Hafen des Stadtstaates unterzubringen.

Foto: Jürgen Saupe

Käufer Eric Shaw bezeichnet sich als christlicher Geschäftsmann und wollte seine Religion stärken. Die Übergabe erfolgte in Jurong, wo bei einer Feier Gott gedankt wurde für die 32 Jahre, die das Schiff auf den Weltmeeren unterwegs war. „Vorbehaltlich der Genehmigung durch verschiedene Behörden“, erklärte Shaw, „würden wir gerne Themen-Restaurant und -Cafés, einen Buchladen, einen Saal für Seminare, Konferenzen und Hochzeiten haben. Wir planen auch, dass das Schiff eine Art maritimes Museum mit Führungen wird. Aus christlicher Sicht planen wir eine kleine Bibelschule für Laien, damit die Teilnehmer die Chance bekommen, in ihrem Glauben zu wachsen.“

2015 wurde zur Realisierung des Projekts ein Joint Venture mit zwei weiteren Gesellschaften gegründet und das seit 2013 wieder nur Doulos heissende Schiff von Singapur nach Batam in Indonesien verschleppt und im Oktober 2015 zum Umbau und Verstärkung des Rumpfes eingedockt. Anschließend wurde das im Februar 2016 in Doulos Phos, The Ship Hotel umbenannte Schiff, dessen Brücke und Maschinenraum als Teil des Maritime Heritage Museum erhalten blieben, während die Decks A und B in ein luxuriöses Hotel mit 104 Zimmern verwandelt wurden, zur indonesischen Insel Bintan gebracht und ist heute ein beliebtes Wochenendziel für Singapurer. Als attraktives Zentrum eines Hotel-Resorts liegt es dort hoch und trocken auf einer kleinen, eigens geschaffenen ankerförmigen Insel. Es ist die Hinterlassenschaft einer längst vergangenen Zeit, die den Charme von einst in seinem Ambiente noch aufrechterhält.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer