Das Ende des Kreuzfahrtschiffes „Astoria“ auf einer belgischen Abwrackwerft
Im belgischen Gent befindet sich eine der wenigen zertifizierten europäischen Abwrackwerften, Galloo Shipyard. Aufgrund der Lage am Gent-Terneuzen-Kanal können dort aber nur vergleichsweise kleinere Schiffseinheiten wie Schlepper, Fischereifahrzeuge oder Behördenschiffe verwertet werden. Somit ist auch für die belgischen Abwracker die aktuelle Entsorgung des Kreuzfahrtschiffes Astoria schon etwas Besonderes. Dabei nicht nur die Größe des Schiffes mit einer Länge von 160 Metern, sondern auch die Geschichte hinter dem Schiffsnamen, denn dies sorgt auf der Werft für regelmäßig Kundenanfragen, vor allem von Andenkensammlern aus Ostdeutschland.
Denn bei der Astoria, die der Werftbetrieb im letzten Jahr für 200.000 Euro in Rotterdam ersteigert hatte, handelt es sich um die ehemalige Völkerfreundschaft, das erste DDR-Urlauberschiff, das von 1960 bis 1985 für den sozialistischen deutschen Staat unterwegs war und mehr als 200.000 DDR-Bürger transportierte.
Die oberen drei Decks von insgesamt sieben Decks haben die Mitarbeiter von Galloo schon abgetragen. Nun wird aber das Schiff, das bis zu Anfang der Corona-Pandemie mit einem Baujahr von 1946 als das älteste aktive Kreuzfahrtschiff unterwegs war, vermutlich bis zum Jahresende in seine Einzelteile zerlegt. Dabei erwartet die Werft rund 12.000 Tonnen Material, darunter rund 8.000 Tonnen Stahl und andere Metalle, die dann in der Wiederverwertung landen.

Doch zuvor muss das Material fachgerecht getrennt werden. Dabei müssen Auflagen aus dem Bereich Umweltschutz und Arbeitsschutz beachtet werden. Dabei erhält die Werft immer wieder Anfragen von ehemaligen Passagieren oder auch Besatzungsmitgliedern des Schiffes, die auf der Suche nach Erinnerungsstücken sind. Anfragen nach der Schiffsglocke, dem Steuerrad oder auch den Kabinennummern erhält die Werft regelmäßig, meist eben aus Ostdeutschland. Doch es handelt sich bei dem Unternehmen Galloo um einen Wirtschaftsbetrieb und keinen Souvenirladen, wie der Geschäftsführer der Werft in verschiedenen Medienberichten immer wieder betont, so dass viele Anfragen nicht beantwortet werden können.
„Astoria“ wurde 1946 als „Stockholm“ in Schweden gebaut
Mit der Verschrottung endet die Geschichte nicht nur eines der ältesten Passagierschiffe, sondern auch eines Schiffes mit einer sehr wechselvollen Geschichte. Das bereits 1946 als Stockholm erbaute Schiff hat in den vergangenen Jahrzehnten schon viele Namen geführt. Mit einer Länge von 160 m, 21 m Breite und maximal 550 Passagieren an Bord gehört es mit einer Bruttoraumzahl von 16.000 zu den eher kleineren Kreuzfahrtschiffen.
Dabei lässt gerade die Geschichte des Schiffes Historiker aufhorchen: Gebaut wurde es für den Transatlantikverkehr zwischen Schweden und Amerika. Am 25. Juli 1956 kollidierte die Stockholm nach dem Auslaufen aus New York im dichten Nebel mit der italienischen Andrea Doria, einem gut doppelt so großen italienischen Luxusschiff, das nach dem Unglück mit schwerer Schlagseite sank. 51 Menschen kamen dabei ums Leben. Die stark beschädigte Stockholm konnte nach New York zurückkehren und wurde repariert.

Als DDR-Urlauberschiff fuhr die „Astoria“ bis nach Kuba
Ab Anfang 1960 verkehrte es dann als DDR-Urlauberschiff Völkerfreundschaft des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) für Kreuzfahrten. Bereedert wurde das in Rostock beheimatete Schiff von der VEB Deutfracht/Seereederei Rostock (DSR). Bis zu ihrem Verkauf im Jahr 1985 waren jeweils bis zu 568 Passagiere bei den zahlreichen Reisen an Bord, die bis nach Kuba führten.
Im Jahr 1992 erfolgte ein kompletter Umbau, bei dem nicht viel mehr als nur noch der stabile, zum Teil genietete Rumpf des ursprünglichen Schiffes erhalten blieb. Aus Stabilitätsgründen wurde beim Umbau auch noch ein so genannter Ducktail am Heck angebaut, der das Schiff aber dann nicht unbedingt schöner machte. Nach dem Großumbau verkehrte es zwischenzeitlich unter wechselnden Reedereien und Namen wie Italia Prima, Valtur Prima, Caribe, Athena und Azores und war auch bei deutschen Seereiseveranstaltern wie Phoenix Reisen oder Ambiente Kreuzfahrten im Einsatz und steuerte dabei regelmäßig auch die Columbuskaje in Bremerhaven an.
Modelshooting für „Germany‘s next Topmodel“ vor acht Jahren
Ab 2015 verkehrte es für die Reederei Cruise & Maritime Voyages (CMV) vornehmlich für den britischen Markt unter dem Namen Astoria, zeitweise auch in Charter für den französischen Veranstalter Rivages Du Monde. Im Februar 2017 war das Schiff dann auch bei einem jüngeren Publikum bekannt, denn die Astoria diente als Plattform für Modelshootings für 28 junge Mädchen für die bekannte deutsche TV-Serie „Germany‘s next Topmodel“ von Heidi Klum. Ein Jahr später nahm die Astoria dann nochmals Kurs auf mehrere deutsche Städte und absolvierte auch einen Besuch in der Hansestadt Bremen, wo sie an der Getreideverkehrsanlage in Bremen-Walle festmachte.
Durch die weltweite Corona-Pandemie Anfang 2020 und die Einstellung von Kreuzfahrten musste die britische Reederei CMV Insolvenz anmelden und die Astoria wurde in Tilbury aufgelegt. Nach einer missglückten Überführung des Kreuzfahrers von Tilbury nach Lissabon wurde die Astoria im Dezember 2020 nach Rotterdam geschleppt. Seit dieser Zeit lag das Kreuzfahrtschiff unter Arrest in einem versteckten, schwer zugänglichen Hafenbecken des Waalhavens in Rotterdam.
Nachdem das Schiff im letzten Jahr nach Gent verschleppt wurde, sind die Mitarbeiter der Werft dabei, das Schiffsinnere zunächst zu entleeren. Zwischenwände, Verkleidungen, Teppiche, Rohre und Kabel – alles muss raus und sortiert werden. Aber nach dem Großumbau Anfang der 90er Jahre finden sich an Bord keine historischen Erinnerungsstücke mehr. Wenn die weiteren oberen Decks vom Schiffsrumpf abgetragen wurden, wird das Schiff über eine Slipanlage an Land gezogen, dann wird es ganz schnell gehen mit dem weiteren Abbruch, der bis zum Jahresende abgeschlossen sein soll. ChrEck
Fotos: Christian Eckardt



