DAS ERSTE PASSAGIERSCHIFF MIT HECKMOTOR

Foto: Sammlung JSA

Das SS „SOUTHERN CROSS“ war ein Linienschiff für die Route Europa – Australien, später wurde sie zum Kreuzfahrtschiff umgebaut, 2003 wurde aufgegeben.

Dieses Schiff verdankt seine Existenz einem hartnäckigen Mann. Basil Sanderson war Kenner und Liebhaber der Schifffahrt, zugleich ein Technik-Freak mit revolutionären Ideen. Anfang der 1950er Jahre beschloss er für die Reederei Shaw, Savill & Albion Line, deren Vorsitzender er war, ein neues Flaggschiff bauen zu lassen. Es sollte modern, groß und schnell sein, es wurde Southern Cross genannt, Kreuz des Südens. Es war das erste Passagierschiff der Welt mit mehr 20.000 Bruttoregistertonnen, das mit  Maschinenanlage und Schornstein  im Achterschiff auf See sein würde. Der Dampfer war das erste Passagierschiff, das mit Passagiergepäck und Schiffsvorräten unterwegs war, aber über keinen Laderaum verfügte.

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Die Attraktion war der Maschinenraum, der sich im Achterschiffsbereich befand und nicht mittschiffs, wie damals üblich. Das war eine vielbeachtete Innovation. Sanderson bevorzugte diese Platzierung der  Maschinenanlage , den „Heckmotor“,  und setzte sich durch; heute werden die meisten Passagierschiffe in dieser Form gebaut. Das hatte bei der Southern Cross den Vorteil, dass der für Passagiere angenehmste Bereich frei war für Kabinen und öffentliche Räume. Sanderson bekam Widerstand – der Schiffbau orientierte sich am Konservativen –, konnte aber den führenden Kräften der Harland & Wolff-Werft im nordirischen Belfast klarmachen, dass der „Heckmotor“ von erheblichem Vorteil war. 

Weil der Schornstein hinten platziert wurde, war es möglich, die Brücke mittschiffs zu installieren, diese Position erwies sich schon bald als ein Vorteil. Das hatte u.a. die Folge, dass der Aufbau des Schiffes viel weiter um die Brücke herum entwickelt werden konnte. In einer Zeitung wurde geunkt, dieses Modell könne „nicht sehr schön, aber sehr effizient“ sein. Die Effizienz siegte, bald darauf wurden Schiffe von anderen Werften ebenfalls so gebaut. 

Basil Sanderson wollte mit dem Schiff groß rauskommen, er kontaktierte den Buckingham Palace und bat 1953 die junge Königin Elizabeth II., den Schiffsneubau zu unterstützen. Er schickte ihr eine Liste mit Namensvorschlägen, die Königin entschied sich für Southern Cross. Somit war es das erste Passagierschiff, das seinen Namen durch eine regierendes Mitglied der britischen Monarchie erhielt, was in Großbritannien gut ankam. 

Der Heimathafen der Southern Cross war Southampton, die Reederei die Shaw, Savill & Albion Steamship Company. Das am 16. Juli 1952 bestellte  Schiff erhielt die Baunummer 1498 bei Harland & Wolff, die Baukosten lagen bei 3,54 Millionen britischen Pfund. Am 17. August 1954 fand der Stapellauf statt, die Übernahme erfolgte am 23. Februar 1955, in Dienst gestellt wurde das Schiff mit der Jungfernfahrt am 29. März 1955, die von Southampton nach Kapstadt führte. Das Schiff war 184,5 Meter lang und 24 Meter breit. Der Tiefgang lag bei 7,65 m, die Vermessung bei 20.204 BRT. Im Maschinenraum befanden sich Getriebeturbinen mit einer Gesamtleistung von 20 000 shp, die  auf zwei Festpropeller arbeiteten, und eine Geschwindigkeit von 20 Knoten (37 km/h) ermöglichten. Zugelassen waren 1160 Passagiere, der Personalbestand ist nicht bekannt. 

Die Southern Cross war ursprünglich als All-Tourist-Klasse-Schiff für Auswanderer nach Australien und Neuseeland gedacht, was aber nicht durchweg der Fall war. Ausstattung und Einrichtungen an Bord waren durchaus luxuriös. Sämtlich Passagierkabinen waren klimatisiert, es gab fließend heißes und kaltes Wasser, aber Bäder nur in den teuren Kabinen. Als Besonderheit waren in den Kabinen kreisförmige Lichter angebracht, die sich am Morgen allmählich einschalteten und den Sonnenaufgang nachahmten. 

Weil sich der Maschinenbereich achtern befand, konnte  mittschiffs ein groß angelegtes offenes Lido-Deck installiert werden. Der Sportbereich war 460 Meter lang, neben zwei Außenpools stand noch ein Innenpool zur Verfügung. Es gab ein Kino, ein Tanzlokal, zwei weite öffentliche Lounges, zwei Restaurants, eine Bibliothek, ein Schreibzimmer und ein Raucherzimmer. Die Innendekoration bestand aus Holzvertäfelungen, es war hell und luftig, die öffentlichen Bereiche auch klimatisiert. 

Äußerlich präsentierte sich der Dampfer in einem ungewöhnlichen Design. Neben der Shaw Savill-Liner-Lackierung mit dem hellgrauen Rumpf war der Schornsteinbereich in Schwarz getaucht, das Oberteil des Schiffes mit dem Aufbau war Hellgrün lackiert. Das Schiff war für tropische Regionen präpariert, bei den bis zu vier großen Weltumrundungen waren die Gäste bis über mehr als 70 Tage an Bord. Die Touren gingen nach Trinidad, Curacao und durch den Panamakanal, dann nach Tahiti, Fidschi, Wellington, Melbourne, Freemantle, Durban, Kapstadt und Las Palmas zurück nach Southampton.

In den ersten Jahren reihte sich ein Erfolg an den anderen, die 1950er Jahre waren für die Reederei ein finanzielles Plus. Als ähnliche Schiffe die Southern Cross nachahmten, gingen die Einnahmen leicht zurück. Schlimm war die Konkurrenz der Düsenflugzeuge, mit denen man so sehr viel schneller auf den Fünften Kontinent kommen konnte. Zudem erhielt das Schiff selbst Konkurrenz, nachdem 1968/69 drei ehemalige Frachtschiffe der Royal Mail Lines mit 20.300 BRT von der Muttergesellschaft  Furness Withy an  Shaw Savill aufgenommen transferiert und zu Passagierschiffen umgewandelt wurden. Außerdem stand eine umfangreiche Sanierung für die Southern Cross an, weil das Schiff ab Juni 1971 für Kreuzfahrten von Southampton und Liverpool Passagiere ins Mittelmeer brachte. Die Renovierung war nicht ganz gelungen, der Markt verschloss sich. Woraufhin Shaw Savill das Schiff ab November 1971 auflegte.

Im Januar 1973 wurde die Southern Cross an die Ulysses Lines mit Sitz in Griechenland verkauft. Sie wurde umbenannt in Calypso und cruiste als Kreuzfahrtschiff. Die ursprüngliche Innenausstattung blieb im Wesentlichen erhalten, bis auf den Innenpool, der durch eine Disco ersetzt wurde. Allerdings verlangten die damals auftretenden neuen SOLAS-Vorschriften mehr Kreationen aus Chrom und Kunststoff. Die Kabinen wurden umgebaut, alle erhielten ein eigenes Bad, die Passagierkapazität wurde auf 1000 Personen beschränkt. 

Foto: Sammlung JSA

1975 begann der neue Start, die britische Thomson Cruises hatte das Schiff gechartert, zog sich aber schon 1976 aus dem Kreuzfahrtgeschäft zurück, so dass die Calypso wieder an Ulysses Lines zurückging. 1978/79 war sie eine Saison auf dem Mittelmeer und in Südamerika, danach fuhr sie im Sieben-Tage-Rhythmus von Miami in die Karibik. 1980 wurde das Schiff in SS Calypso I umbenannt und bot Kreuzfahrten von Los Angeles nach Alaska. 

Ende 1980 kam es zu einem weiteren Verkauf, diesmal an die Eastern Cruises Lines in den USA, die an der Westküste fuhr, dort unter dem Namen Western Cruise Lines. Das Schiff hieß nun Azure Seas. Wieder eine Sanierung, die Anpassung an den Zeitgeist, ein Casino. 1986 ging es an die  aus einem Zusammenschluss von Western Cruise Lines, Eastern Cruise Lines und Sundance Cruises entstandenen Admiral Cruises. Später nochmal eine Erneuerung, mit Deluxe-Kabinen und Konferenzräumen. Ab 1991 wieder Kreuzfahrten an der Westküste. Im selben Jahr wird Admiral Cruises an Royal Caribbean Cruise Line verkauft, die neuen Besitzer wollen die Azure Seas nicht, sie wird an Dolphin Cruise verhökert und hieß Ocean Breeze. 1999 wird das Schiff an Imperial Majesty Cruises verschoben, man war schon im Chaos angelangt. Zwar erfolgte im Oktober 2000 noch einmal eine Renovierung  für 3,5 Mio. Dollar bei Newport News, doch vor dem Hintergrund der nur mit hohen finanziellen Aufwendungen zu erfüllenden Anforderungen der 2010 in Kraft tretenden SOLAS-Vorschriften und des Americans with Disabilities Act war ein wirtschaftlicher  Einsatz des Dampfturbinen-getriebenen und über keine Bugstrahlruder verfügenden Dampfers zu Kurzkreuzfahrten nicht darstellbar, so dass der Verkauf zum Abbruch beschlossen wurde. 

Trotz einer  sofort von australischen Interessenten  eingeleiteten Rettungskampagne „Save the Southern Cross“ wird das Schiff am 5. November 2003 bei der Ahmed Muztaba Steel Industries rd. 18 km vor  Chittagong, Bangladesh auf den Strand gesetzt. Dort beginnt die Verschrottung, die  Ende 2004 abgeschlossen wird.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer