DAS UNSINKBARE SCHIFF

Die RMS Titanic war ein britisches Passagierschiff, das durch seinen dramatischen Untergang weltberühmt wurde. Es hat die gesamte Weltschifffahrt verändert.

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In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gab es bereits einen Krieg: den erbitterten Wettbewerb der bedeutenden Reedereien um die Vorherrschaft auf den Meeren. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts war die Technik weit fortgeschritten, es begann der harte Wettbewerb der Schnelldampfer auf dem Nordatlantik.

Die Route Europa – New York war die Wettbewerbsroute der Schiffe um das Blaue Band als schnellstes Schiff der Welt. Cunard Line trumpfte mit den Turbinenschiffen Lusitiana und Mauretania (1907) auf, die deutschen Reeder ließen einen Riesendampfer, die Imperator (1912), auf der Hamburger Vulkanwerft bauen (später noch Vaterland und Bismarck). Die Franzosen zogen mit der Normandie (1935) nach. Es war eine Sache des Prestiges, jeder wollte der Sieger sein.

Die britische White Star Line, angeführt von Bruce Ismay und Lord William Pirrie, der eine Geschäftsführer der Reederei, der andere Direktor der Schiffswerft Harland & Wolff, waren die rasantesten Antreiber in punkto Reisegeschwindigkeit, Größe der Schiffe und ihrer luxuriösen Ausstattung. Die engen und spartanisch ausgerüsteten Schlaf- und Aufenthaltsräume wurden zwar nicht abgeschafft, aber geräumiger gestaltet. Die Zweite Klasse wurde aufgeschönt wie zuvor nur die Erste Klasse, die sich immer eleganter zeigte, mit Suiten, Speisesälen, Rauchsalons und größeren Decksflächen. Die Titanic sollte das modernste Schiff aller Zeiten sein.


Foto: Sammlung U. Horn

Am 31. März 1909 wurde die Titanic auf Kiel gelegt. Am 31. Mai 1911 ließ man sie vom Stapel laufen. Fast gleichzeitig wurden die Schwesterschiffe Olympic und Britannic fertiggestellt. Diese drei Dampfer waren damals die größten Schiffe der Welt, versehen mit dem Label RMS, der Royal Mail für die Post, ein seinerzeit lukratives Zusatzgeschäft. Der Bau der Titanic kostete 1,5 Millionen Pfund Sterling, das waren – umgerechnet auf unsere Zeit – circa 160 Millionen Euro. Das Schiff wurde nicht getauft, wie es üblich war, weil die Reederei den Akt als Aberglauben abtat. White Star Line behauptete demonstrativ, und das wurde in der Zeitschrift „The Shipbuilder“ veröffentlicht, ein Schiff wie dieses sei „praktisch unsinkbar“.



Die Titanic war 269,04 Meter lang und 28,19 Meter breit, vom Kiel bis zur Oberkante der Schornsteine reckte sich der prächtige Dampfer 53,33 Meter in die Höhe. Der Tiefgang war 10,54 m, die Vermessung wurde mit 46.329 Bruttoregistertonnen, 39.380 Tonnen Leermasse und 13.767 Tonnen Tragfähigkeit angegeben.

Mit den drei Propellern erreichte man 21 Knoten Reise- und 23 bis 24 Knoten Höchstgeschwindigkeit. Die Außenpropeller besaßen 7 m Durchmesser, je 38 t. angetrieben von Vierzylinder-Kolbendampfmaschinen mit Dreifachexpansion und 15.000 PS. Der Abdampf aus den Maschinen wurde in eine Niederdruck-Parsons-Turbine gelenkt, ein mittlerer Propeller übertrug eine Leistung von 16.000 PS. Insgesamt hatte die Titanic eine Maschinenleistung von 51.000 PS. Auf See wurden täglich bis zu 640 Tonnen Kohle verbrannt, es waren nie alle Kessel auf einmal in Betrieb. 150 Heizer schaufelten im Drei-Schichten-Dienst Tag und Nacht Kohle in die Feuerungen.



Wichtig waren die Sicherheitseinrichtungen für alle drei Schiffe. Es wurden automatisch schließende Wasserschutztüren zwischen den 16 wasserdicht abschottbaren Abteilungen angebracht. Das Schiff hatte das größte Elektronetz damals, kein anderes Schiff konnte das aufbieten. Vier dampfbetriebene 400-Kilowatt-Generatoren brachten es zusammen auf maximal 16.000 Ampere bei 100 Volt. Das Telefonsystem, um Stewards anzurufen, bestand aus 50 Leitungen und 1500 Klingeln. Beleuchtet wurde der Dampfer mit 10.000 Glühlampen. 48 Uhren gaben die Zeit an. 520 Heizkörper waren in Kabinen installiert, 76 der 150 Elektromotoren waren dauerhaft Strombringer.


Foto: Sammlung U. Horn

Der Swimmingpool war elektrisch beheizt, Wegweisungsschilder an Bord waren ständig beleuchtet, auch Gymnastikgerätschaften liefen mit Strom. In der Küche gab es die seinerzeit weltgrößten Kochstellen, jede mit 19 Backöfen. Die meisten Küchengeräte waren elektrisch zu nutzen wie zum Beispiel Bratöfen, Tellerwärmer, Eismaschine, Messerputzer, Teigmixer und Fleischwölfe. An Geschirr befanden sich 29.700 Teller, 18.500 Gläser und Tassen sowie 40.000 Stücke an Besteck.

Die Funktechnik war in der Zeit sensationell, das Rufzeichen der Titanic war MGY. Eine solche Kommunikationstechnik besaß kein anderes Schiff. Es war der neue Funksender von Marconi, der bei allen atmosphärischen Bedingungen 350 bis 400 Seemeilen Reichweite erlangte. Die Gesellschaft Marconi hatte eigens für den Dampfer zwei ihrer Angestellten mitgeschickt. Die Passagiere waren begeistert und sendeten stundenlang private Funktelegramme nach Hause. Das erwies sich als Problem nach der Havarie mit dem Eisberg, der Seefunk war blockiert.


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3300 Personen (Passagiere und Crew) waren von den Behörden zugelassen worden auf der Titanic. In der Ersten Klasse konnten 750 Personen, in der Zweiten 550 Personen und in der Dritten Klasse 1100 Personen an Bord sein.

Einer der Höhepunkte war die Erste Klasse, verbunden zwischen dem ersten und zweiten Schornstein mit einem großen Treppenhaus über sechs Decks. Es hatte Geländerfassungen aus Eiche, Tragsäulen und Handläufe waren mit schmiedeeisernen Arbeiten und vergoldeten Elementen verziert. Darüber eine ovale Glaskuppel, in ihrer Mitte ein großer Kristallleuchter. An der großen Wanduhr stand in Reliefschnitzerei: „Honorand Glory crowning time“ („Ruhm und Ehre krönen die Zeit“).


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Das zweite Treppenhaus zwischen den hinteren Schornsteinen war ebenso exakt gestaltet worden. Es gab Aufzüge und öffentliche Räume, wie Lese- und Schreibsalon, ein Raum nur für Frauen, alle mit Eichenholzvertäfelungen, elektrischen Wandkaminen und Bibliotheksschränken. Der Rauchsalon war Mahagoni-getäfelt mit eingelegten Perlmuttverzierungen und Buntglasfenstern, Kletterpflanzen stiegen über die Rundbogenfenster. Der Speisesaal der Ersten Klasse hatte eine Fläche von 890 Quadratmetern, das hatte es noch nie auf einem Schiff gegeben.

Ein Türkisches Bad war vorhanden, ein großes beheiztes Schwimmbecken, eine Squashanlage und ein Gymnastikraum. Die Luxuskabinen waren größtenteils im historisierenden Stil ausgestattet. Die Raumgestaltung war auf intime Atmosphäre und Rückzugsmöglichkeiten entwickelt worden, was vor allem prominenten Gästen gefiel.

Die Zweite Klasse hatte keinen so enormen Raumbedarf, die Kabinen waren nicht so pompös eingerichtet. Dennoch wurde den Passagieren einiges geboten mit großzügigen Treppenhäusern, eichenholzgetäfeltem Speisesaal und einem Rauchsalon. Die Dritte Klasse, das so genannte „Zwischendeck“, war schlicht eingerichtet, durch eine Schottwand von den oberen Klassen getrennt. Doch für mittellose Auswanderer war es schon großartig, in kleinen Kabinen mit Waschgelegenheiten zu reisen. Im Achtern gab es eine freie Decksfläche.


Foto: Titanic Belfast

Impressionen aus dem Titanic Belfast Museum in der nordirischen Hauptstadt.


Das Titanic Belfast Museum (mehr Infos: www.titanicbelfast.com) neben der Bauwerft Harland & Wolff, ein Neubau, erzählt auf 12.000 Quadratmetern die Geschichte des einst größten Schiffes der Welt. Die Originaltreppe der Titanic wurde original nachgebaut. Besucher haben den Eindruck, in dem Schiff zu sein. Am 14. April 1912 war es mit einem Eisberg kollidiert, er schlitzte den Rumpf auf. 1514 Menschen haben das Unglück nicht überlebt.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jürgen Saupe


Im aktuellen Printheft AN BORD 3/22 lesen Sie ein Interview mit der Urenkelin des „Titanic“-Ingenieurs Thomas Millar.