Das Vorzeigeschiff

RMS Samaria (II) war ein Passagierschiff der Reederei Cunard Line und vor allem auf der Nordatlantikroute im Einsatz.

Der Erste Weltkrieg war schrecklich für die Schiffsindustrie, enorm viele Schiffe waren abgeschossen und versenkt worden. Die Zeit nach dem Ende des Krieges war im Schiffbau eine Aufbauzeit, allen voran bei der Cunard Line. Ihr RMS Samaria, Baujahr 1922, gehörte zu den größten Schiffen, die weltweit auf den Werften entstanden. Sie war einige Zeit der Prunk der Cunard-Flotte. Und das obwohl die Samaria längst nicht mehr den überdimensionierten Ozeanriesen à la Titanic ähnlich war und wie sie die Reederei zuvor bevorzugt hatte.

Foto: Sammlung U. Horn

Gewünscht waren nun mittelgroße, kompakte und technisch besser ausgelegte Linienschiffe für den Passagier- und Postverkehr zwischen dem Vereinigten Königreich und den USA. Die Samaria war ein sogenannten Zwischenliner, und weil die Kraftstoffeinsparung in dieser Zeit vonnöten war, wurde sie auf eine etwas geringere Dienstgeschwindigkeit gedrosselt. Zudem erhielten die neuen Schiffe die alten Namen, die den Vorgängern von der Reederei gegeben worden waren. Cunard wollte damit die eigene Tradition in den Vordergrund bringen und Nostalgie betreiben. Kreuzfahrt-Fans der Ersten und Zweiten Klasse gefiel das, weil das Schiff in Ordnung war und exakt getrennt im Innern: die Einwanderer waren in der Dritten Klasse im unteren Bereich untergebracht und hatten zu vernünftigen Preisen ihre Überfahrttickets erhalten.

Die Samaria war als Baunummer 836 von der Werft Cammell, Laird & Company in Birkenhead an dem Fluss Mersey erbaut worden, ihr Heimathafen war Liverpool. Der Dampfer hatte noch zwei Schwesterschiffe, die zeitgleich erstellt wurden: RMS Laconia (BRT: 19680) auf der Werft von Swan Hunter und RMS Scythia (BRT: 19730) auf der Werft Vickers Ltd. Aber die Samaria wurde bevorzugt, ihr Rumpf entstand nicht aus Holz wie bei den Schwestern, sondern aus Stahl. Sie war das Vorzeigeschiff.

Am 27. November 1920 lief das Schiff vom Stapel, die Indienststellung erfolgte zwei Jahre später, am 2. November 1922. Es war 190,20 Meter lang und 22,46 Meter breit. Die Vermessung lag bei 19.848 BRT, die Maschinenanlage des stählernen Dampfers von bestand aus sechs Getriebe-Dampfturbinen, der Antrieb erfolgte durch zwei Propeller. Neben dem Schornstein war das Schiff auch mit zwei Masten ausgestattet worden. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 16 Knoten (30 km/h). Zugelassen waren 2200 Passagiere, davon in der Ersten Klasse 350 Personen, in der Zweiten Klasse 350 und in der Dritten Klasse 1500 Passagiere. Allein diese Aufteilung zeigte, dass das Schiff rege von Auswanderern frequentiert werden konnte, die vor allem nach Amerika wollten, obwohl das Tor zum gelobten Land längst nicht mehr so breit geöffnet war wie in den Jahren zuvor.

Am 19. April 1922 startete die Samaria von Liverpool aus zu ihrer Jungfernfahrt nach New York via Queenstown. Nach dem Sommer fuhr der Dampfer zu seiner ersten Überfahrt vom Heimathafen über Queenstown nach Boston mit Endpunkt New York. Das beliebte Schiff wurde auch gern und ausgiebig für Kreuzfahrten eingesetzt, 1923 und 1924 war es monatelang unterwegs auf Weltumrundungen, wie sie damals populär waren. Im Frühjahr 1928 schickten die Reeder das Schiff auf Winterkreuzfahrten rings um New York und ein Jahr danach auf Kreuzfahrten von Irland nach dem für fromme Christen bedeutsamen Lourdes und Fatima. In den 1930er Jahren wurden diese Touren vom Ausgangshafen London ausgeführt.

Im April 1929 kam es bei den Unterkünften für die Passagiere zu Umstellungen: die neue Aufteilung sah Kabinen vor, geteilt in Erste-, Touristen- und Dritte Klasse. Das wurde von den Reisenden gern angenommen. Im selben Jahr geriet die Samaria in Gefahr, im dichten Nebel geriet das Schiff in die Nähe der Cameronia der Anchor Line, fast hätte es zu einem Zusammenstoß kommen können. In dieser Zeit ersetzte die Samaria Cunard-Schiffe auf dem Atlantik, die reparaturbedürftig waren.

Ein Jahrzehnt später, am 26. August 1939, startete der Dampfer zur etzten Fahrt vor Kriegsbeginn, ohne dass das dem Personal klar war. Anfang September begann nämlich der Zweite Weltkrieg. Cunard zog das Schiff für vier Monate ab in den regulären Service, damals noch ohne Geleitschutz auf dem Nordatlantik. Am 16. Dezember des Jahres hatte die Samaria die Fahrt nach New York begonnen, war aber genötigt, in den Hafen zurückzukehren. Sie war im selben Konvoi, in dem sich auch RMS Aquitania befand, die beiden Schiffe krachten aufeinander, danach waren allerhand Reparaturen fällig.

1940 geriet die Samaria unter die Obhut des Ministry of War Transport (MoWT), von dem wurde sie gechartert und fortan als Truppentransporter der Royal Navy und Schiff für Evakuierungen gebraucht. Im September 1940 nahm sie an dem Programm des Children’s Overseas Reception Board (CORB) teil, indem sie mithalf, viele Kinder aus der kriegerischen Gefahrenzone zu holen. Am 6. Januar 1941 lief sie aus dem Liverpooler Hafen aus, um als Truppentransporter Soldaten nach Suez in Ägypten zu bringen. Weitere Beförderungen von Militärs im Mittelmeerraum gehörten bis Ende 1944 zum Plan. Im März 1945 ging das Schiff auf die Route in die ukrainische Hafenstadt Odessa, wohin sie rund 1000 ehemalige Kriegsgefangene brachte, die durch die Streitkräfte der Roten Armee befreit worden waren. Der Staat stand 1951 für eine umfangreiche Überholung ein.

Im Dezember 1948 sah man die Samaria in Cuxhaven, hier startete sie zur ersten Überfahrt über Le Havre zum kanadischen Quebec, später auch nach Montreal und Halifax. Bis in den Herbst 1950 hinein fuhr sie regelmäßig auf dieser Strecke, bis ein erneuter Umbau der Gastkapazitäten anstand. Fortan gab es nur noch zwei Klassen, für 250 Passagiere in der Ersten und 650 in der Touristenklasse, damit folgte sie dem Trend, der sich seinerzeit weltweit in der Passagierschifffahrt durchsetzte.

Trotz der Modernisierung drohte das Ende. Die Samaria ging am 14. Juni 1951 zur ersten Fahrt von Liverpool nach Quebec, danach schloss sich Southampton an. Am 12. April ging sie erstmals auf die Tour von Southampton über Le Havre nach Quebec. Sie war eine altehrwürdige Dame geworden.

Die letzte Überfahrt absolvierte der populäre Dampfer ab 23. November 1955. Im Dezember desselben Jahres wurde das Schiff aufgelegt, im Januar 1956 begann im schottischen Inverkeithing das Abwracken.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer