DER BERGENER STOLZ

Das Turbinenschiff Leda war viele Jahre lang das Flaggschiff der norwegischen Bergen Line. Später wurde es zum Kreuzfahrtdampfer umgebaut. Am Ende landete es allerdings bei der Mafia.

Foto: Sammlung JSA

Ein Schiff wie ein eigener Planet. Mit hohen Masten, rauchenden Schornsteinen, das erste norwegische Schiff mit Stabilisatoren. Es verfügte über gewaltige Dampfturbinen, mächtige Laderäume und elektrisch betriebene Kräne, mit denen es beladen wurde. Gelassen lag es auf der See vor Bergen, mit elf Decks, breit und massiv, aber auch geschmeidig in der Sonne und im Dauerregen glänzend, ein Symbol des Fortschritts. Schwarz der endlos lange Rumpf, grell weiß der Schiffsaufbau, in den 1950er Jahren war das ein eindrucksvolles Bild. Die Bergener, ein ganz eigener Menschenschlag in Norwegen, waren stolz, auch der spätere König Haakon ging an Bord und pries die gelungene Schiffbaukunst. Und die Osloer staunten, was die Provinzler, die vor allem als Fischer bekannt waren, sich geleistet hatten. Die Leda war der Ersatz für die Vega, die im Zweiten Weltkrieg unterging, es war aber ein ganz anderer Schiffstyp. Ein für seine Zeit moderner Dampfer, geprägt vom eleganten Design in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

TS Leda wurde ursprünglich für den Passagier- und Frachtverkehr gebaut, bis 1974 bediente es zwei Mal in der Woche die Städte an der Norwegischen See. Die Route war von außerordentlicher Bedeutung für den Fährdienst, damit hatte man schon von 1890 an begonnen. Mit dem modernen Fährschiff dauerte die Fahrt nur noch circa 19 Stunden. Von Bergen hinauf und an den Fjorden vorbei bis nach Stavanger, aber auch britische Destinationen wie Newcastle wurden angefahren. Überall wurde das Schiff bewundert, das in der Form eines Schwanenjägers gestaltet worden war. Schon als es 1952 vom Stapel lief, war Prinzessin Astrid von Norwegen im Auftrag ihres Vaters, Kronprinz Olav, anwesend, um die Leda zu taufen. Es galt als außergewöhnlich schönes Schiff, eine Errungenschaft zum Vorzeigen, die in jedem Hafen bewundert wurde.

Det Bergenske Dampskibsselskab (Bergen Line) war der Auftraggeber für den Bau des Schiffes. Es wurde auf der Swan Hunter & Wigham Richardson am Fluss Tyne im Vereinigten Königreich erbaut. Am 3. September 1952 lief es vom Stapel, 1953 wurde es in den Dienst gestellt, die IMO-Nummer war 5205253. Das Fährschiff war 133,51 Meter lang und 17,43 Meter breit. Der Tiefgang wurde mit 9,15 Metern angegeben. Die Vermessung betrug 6670 BRT, nach dem Umbau zum Kreuzfahrtschiff waren es 6471 BRT. Die Geschwindigkeit lag bei 22 Knoten (41 km/h). Angetrieben wurde der Dampfer von zwei Parsons-Getriebedampfturbinen mit 13000 SHP über zwei Propeller.

Foto: Jürgen Saupe

In der Ersten Klasse war der Platz für 119 Passagiere ausgelegt, in der Touristenklasse für 384, zudem konnten bis zu 18 Automobile in drei Laderäumen untergebracht werden.

Die Leda hatte mehrere Eigentümer. Bis 1977 gehörte sie der norwegischen Reederei Bergen Line, danach der Stord Vaerft bis 1979. Kuwait Livestock betrieb das Schiff bis 1981, kurze Zeit in dem Jahr war als Inhaber Aspis Maritime dazwischen gekommen. Von 1981 bis 1989 besaß Dolphin Hellas das Schiff, 1989 bis 1990 Beacon Seaways. Danach gehörte es 1990 bis 1993 Valgas Trading in Vanuatu, Newport Shipping war von 1993 bis 1995 und Star of Venice Navigation von 1995 bis 2001 Eigner des Schiffes.

Infolge der Wechsel erhielt das Schiff immer neue Namen: Nach Leda hieß es Najla (1979-1981), Albatross (1981-1984), Alegro (1984-1985), wieder Albatross (1985-1988), schließlich Betsy Ross (1987-1989), Amalfi (1989-1990) und im Finale seiner Existenz Star of Venice (1990-2002).

Nach dem Umbau zum Kreuzfahrtschiff war die Leda bei der ersten Fahrt in ihrer neuen Funktion im Oslofjord an Grund festgekommen. Es dauerte nur wenige Tage, bis das Schiff wieder flott war.

Foto: Jürgen Saupe

1957 wäre es fast zum Rettungsdampfer für den schottischen Frachter SS Narva geworden. In einem starken Sturm mit rasanten Windböen konnte die technisch heruntergekommene Narva ihrem Untergang nicht mehr entgehen, nur drei Seemeilen entfernt von Ledas Standort. Die Leda drehte sofort in die Richtung, der Schottenfrachter sank aber bereits und es gab keine Rettungsboote an Bord. Es war Nacht, die Menschen im Wasser schrien, aber die Besatzung der Leda konnte sie nicht ausmachen. Ein tragischer Fall, das Schiff sackte schnell ab und keiner der 28 Besatzungsmitglieder konnte gerettet werden. Auch die Suche von der See und aus der Luft führte nicht zum Erfolg.

In den 1970er Jahren gab es eine weltweite Ölkrise. Kurz entschlossen wurde die Leda 1974 in Bergen aufgelegt, weil kein Kraftstoff mehr ausreichend vorhanden war. Das Schiff (jetzt mit dem Namen Nalja) diente bis 1979 als Unterkunft für Bohrinselarbeiter im norwegischen Seebereich, aber auch in den schottischen Hebriden.

Von der griechischen Reederei Hellas wurde die Leda (Albatross) 1980 aufgekauft, nach Piräus gebracht und umfangreich saniert. Man erweiterte das Aluminium am Kreuzfahrtschiff, formte den Schornstein um und entfernte den Hauptmast. 1984 installierte man auf dem Schiff 202 Kabinen für 484 Passagiere und es erhielt einen Swimmingpool. Das Schiff war einige Zeit auf den Mittelmeerrouten unterwegs und wurde auch für Kreuzfahrten nach Südamerika eingesetzt. 1985 folgten Kreuzfahrten vor Norwegen, wieder im Mittelmeer und im Atlantik.

Foto: Sammlung JSA

Die American Star Line, in griechischem Besitz, charterte 1985 die Leda (als Betsy Ross) und ließ sie zu attraktiven Destinationen fahren. Allerdings befand sich das Schiff bereits nicht mehr in einem guten Zustand. 1989 wurde sie zum Chartern (als Amalfi) angeboten, nur um wegen Schulden in Venedig aufgelegt zu werden, so dass sie 1990 versteigert werden konnte. Sie fuhr nun unter der Flagge von Vanuatu (Star of Venice).

1991 brach auf dem Schiff ein Brand aus, es wurde ins kroatische Rijeka gebracht und ging danach als schwimmende Polizeiherberge nach Genua. Man brachte das Schiff zur italienischen Gefängnisinsel Pianosa, auf der Mafia-Mitglieder und Terroristen verwahrt wurden; das galt als sicherer Unterbringungsort für Kriminelle. 1989 sollte das Schiff noch einmal in den Kreuzfahrtdienst auf dem Mittelmeer eingesetzt werden, aber es war total heruntergewirtschaftet, vor allem die technische Ausrüstung. Schließlich kam es im Jahr 2000 als Hotelschiff nach Ravenna.

Foto: Sammlung JSA

Das einst so herrliche Schiff hatte seine Schönheit bereits komplett verloren. 2001 wollten die Eigner den maroden Dampfer loswerden, er wurde ins türkische Aliaga geschleppt, wo 2002 die Verschrottung begann. Greenpeace ermittelte von seinem Schiff Rainbow Warrior aus, dass die Leda sehr viel Giftstoff in ihrem Innenraum hatte. In diesem Zusammenhang fand auch eine Greenpeace-Kampagne gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Abwrackindustrie auf der Hulk der Star of Venice statt.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer