„Der Restart ist schwieriger als erwartet“

Nico Bleichrodt, VP International Sales von Holland America Line und Kontinental-Europa Managing Director von Seabourn im Interview zum Neustart von HAL und dem Flottenzugang Rotterdam.

Nico Bleichrodt, Foto: Holland America Line

HAL ist traditionell der Platzhirsch unter den Kreuzfahrtlinien, die Reisen in Alaska anbieten. Im Grunde hat die Reederei dort gewissermaßen ihre Wurzeln. Wie wird es dort nun weitergehen, da die CDC Kreuzfahrten in US-Gewässern immer noch einschränkt? Wird derzeit mit den örtlichen Behörden an Plänen für einen Neustart in dieser Region gearbeitet?

Wir warten immer noch auf die Genehmigung durch die CDC. Die neuesten Nachrichten von der CDC, die gestern Abend (28.04.) erschienen sind, besagen, dass die CDC möglicherweise die „No Sail Order“ in den USA aufheben will.

Wir schauen uns die Optionen im Moment an und prüfen die Möglichkeiten. Wir haben unsere Reisen ab Kanada, Vancouver, storniert. Aber könnten eventuell von Seattle aus nach Alaska fahren. Alles hängt aber von der Bestätigung seitens der CDC und der Regierung ab. Das ist etwas, das wir noch prüfen. Allerdings haben wir heute noch keine Bestätigung dafür.

Aber Sie denken, es wird in den kommenden Tagen passieren?

Es ist eine sehr neue Ankündigung von der CDC, die ich heute Morgen in meinem Postfach hatte, mit der Absicht der CDC, welche überwiegt die „No Sail Order“ in den USA aufzuheben. Es ist unsere Priorität einen Restart mit Hinblick auf die Gesundheit und Sicherheit unserer Gäste zu machen.

Das inkludiert die landseitigen Aktionen ebenfalls?

Das weiß ich nicht. Ich weiß, dass wir einige der landseitigen Lokalitäten geöffnet haben, um Land-Programme in den USA zu verkaufen – zusammen mit unserer Schwesterreederei Princess Cruises. Einige unserer Lodges werden den Sommer über geöffnet sein, und vor allem für Amerikaner für landseitige Aufenthalte buchbar sein.

Ich weiß nicht, ob wir dies bereits kombinieren können, wenn wir die Genehmigung erhalten wieder in See stechen zu können.

Meine Erwartung ist, dass wir hoffentlich Round-Trips ab/bis Seattle anbieten können sowie Erkundungen entlang der Küstenlinie Alaskas.

US-Amerikaner sollen ab Mitte Juli nach Europa einreisen dürfen. Was hat das für Auswirkungen auf die Schiffe in Europa?

Wir sondieren alle Optionen, einige der Schwesterreedereien und auch Mitbewerber öffnen ihre Karibik-Reisen und auch im Mittelmeer, wie Sie wissen. Wenngleich wir nicht bestätigen können, was wir machen werden, schauen wir uns ebenfalls die gleichen Möglichkeiten an.

Es ist definitiv hilfreich, dass Europa sich für US-Amerikaner öffnen wird, wenn sie geimpft sind. Das wird uns ebenfalls helfen, den Start-Prozess für unseren Betrieb zu beschleunigen. Und, dass Europa an einem gemeinsamen Impfausweis arbeitet, ist auch eine gute Voraussicht, die wir in unserer Branche willkommen heißen.

Rendering der „Rotterdam“, Bild: Holland America Line

Die Rotterdam soll ab August starten. Was war der Grund das Schiff ab Amsterdam einzusetzen?

Reisen von den Niederlanden aus nach Nordeuropa waren schon immer ein wichtiger Teil unserer Aktivitäten in der Sommersaison zusammen mit unserem Angebot im Mittelmeer und Alaska.

Ich glaube, ein Teil der Frage bezieht sich auch darauf, warum die Rotterdam nicht aufgrund ihres Namens vom gleichnamigen Hafen aus startet, sondern von Amsterdam aus.

Das ist richtig.

Natürlich macht es Sinn sie aufgrund des Namens Rotterdam ab Rotterdam fahren zu lassen (lacht). Wir sind vorwiegend von einem internationalen Publikum abhängig und Amsterdam ist in diesem Falle zugänglicher, da auch der Flughafen Schiphol für unsere Gäste aus Amerika oder anderen Teilen Europas, nahe liegt. Das ist der Grund, warum wir Amsterdam für den Einschiffungshafen der Rotterdam ausgesucht haben. Ich als Niederländer bevorzuge natürlich eher Rotterdam wegen des Namens und der emotionalen Geschichte in Rotterdam.

Aus der Business- und Operations-Perspektive wurde die Entscheidung hinsichtlich der Verbindungsfunktion getroffen.

Welche Rolle spielt das Schiff beim Re-Opening? Gibt es Pläne für die Taufe und eventuell Shakedown Cruises?

Wir folgen dem Original-Plan. Nochmals: wir können heute nichts bestätigen, was in den kommenden Wochen passieren kann. Das Schiff wird pünktlich fertig. Die Rotterdam soll nach wie vor von Triest nach Rom am 1. August ihre erste 7-tägige Reise antreten. Und dann haben wir Pläne für eine 14-tägige-Kreuzfahrt welche am 8. August ab Rom bis Rotterdam führt. Wir arbeiten an der Zeremonie auch wenn die Welt in diesem Stadium sehr schwierig und kompliziert ist. Es ist aber noch immer der Plan, dass das Schiff seine erste Saison in Europa fährt – aber nochmals – es ist sehr variabel und kann sich aufgrund der Situation ändern.

Die erste Priorität für den Restart liegt momentan in der Karibik oder in Europa. Der nächste Schritt wäre dann sich auf die Rotterdam zu konzentrieren.

Foto: Holland America Line

Dort soll dann auch die Taufe sein?

Die Zeremonie war bereits geplant und soll in Rotterdam stattfinden. Da gibt es bisher keine Änderungen. Es ist wiederum abhängig von den Bestätigungen. Geplant ist bisher der 21. August 2021.

Die Impfquote ist in den USA mit knapp 30 Prozent sehr hoch. Macht sich diese hohe Impfquote bereits bei den Buchungen für Reisen 2021 und 2022 bemerkbar?

Absolut – vor allem für 2022. Wir sehen ein wenig Zurückhaltung für 2021, weil wir unsere konkreten Pläne für die Sommersaison noch nicht bekanntgegeben haben. Besonders für die Winterzeit sehen wir eine verstärkte Buchungslage für die Karibik. Wir sind dort mit vielen Schiffen ab Fort Lauderdale unterwegs. Für 2022 sehen wir einen großen Buchungsanstieg. Es gibt viel Vertrauen unseres Publikums 2022 Kreuzfahrten zu buchen, Nordeuropa und Mittelmeer. Kürzlich haben wir auch die 2023 Abfahrten zur Buchung freigegeben. Auch hier sehen wir viele Buchungen reinkommen.

Kurzfristig gesehen es gibt etwas Zurückhaltung – ich denke, dass Sie das ebenfalls von anderen Kreuzfahrtlinien hören – weil jeder darauf wartet, dass die Grenzen geöffnet werden, die Impfungen in Europa beschleunigt werden, dass die Kreuzfahrtlinien präzise werden, auch von uns aus. Wir sehen also Buchungen für 2021, aber überwiegend wird für 2022 gebucht.

Wurden beim Bau der Rotterdam auch Pandemie-bezogene Aspekte berücksichtigt oder erfolgte der Bau nach den originalen Plänen?

Der Bau basierte auf den originalen Plänen. Aber Sie werden auch hören, dass alle unsere Schiffe einen Uplift bei den Ventilationssystemen erhalten werden. Das heißt, dass wir die Außenluft vermehrt nutzen werden, um sie nach innen zu bringen. Wir werden diese neuen Ventilationssysteme auf allen unserer Schiffe installieren.

„Koningsdam“ in Livorno, Foto: enapress.com

Wie wird sich die Rotterdam von ihren Schwesterschiffen unterscheiden?

Natürlich werden wir neue Einrichtungen haben, überwiegend für die Gäste. Der größte Unterschied ist – im Gegensatz zu der Nieuw Statendam und der Koningsdam – dass die Rotterdam in der Lage sein wird, den Panama-Kanal zu durchqueren. Dieses Schiff hat das Potential, die andere Seite Amerikas zu erreichen, ohne Südamerika zu umrunden.

Die gesamte Flotte von HAL liegt seit einem Jahr auf. Wie wurde diese Zeit für Modernisierungen und Überholungen genutzt?

Die meisten Schiffe hatten eine kleine Crew mit etwa 100 Personen an Bord. Ein Teil unserer Schiffe liegt im südlichen Teil des Vereinigten Königreichs, einige sind an der Ost- und an der Westküste der USA. Wir tun unser Bestes, um die Schiffe instand zu halten. Manchmal müssen wir in Häfen um Vorräte aufzufüllen. Einige der Schiffe sind vor kurzem in den Drydock gegangen. Gerade erst waren die Oosterdam und die Eurodam in Brest im Drydock. Wir machen die Schiffe also bereit für den Betrieb. Sie können sich vorstellen, dass das Auflegen für mehr als ein Jahr nicht nur innerliche, sondern auch äußerliche Auswirkungen auf ein Schiff hat.

Die Schiffe werden nun nacheinander in den Drydock gebracht, um sicherzustellen, dass sie beim Start wieder gut aussehen.

Gibt es einen präzisen Restart-Plan für die HAL-Flotte?

Wir sind Teil der Carnival Corporation und dort schaut man sich die Flottenbrands an und startet nicht die vollständige Marke wieder, sondern das einzelne Schiff. Es ist außerdem sehr komplex, Crew wieder an Bord zu bringen, das dauert etwa zwei Monate, und ist ein großes Projekt. Wir können nicht alles an einem Tag machen. Wir starten aber wieder in den Regionen, wo wir die Möglichkeiten dazu haben. Wir sind abhängig von den Regierungen die Länder und Häfen wiederzueröffnen, die Schiffe wieder willkommen zu heißen.

So schauen wir von der Carnival Corp.-Perspektive Schiff für Schiff an. Welches Schiff ist bereit für die Wiederinbetriebnahme, in welcher Region. Dann bekommen wir das „grüne Licht“ die Crew zurückzuholen, das Schiff bereit zu machen um wieder zu fahren. Es ist ein riesiger Prozess, wenn man bedenkt, dass wir etwa 80.000 – 85.000 Crewmitglieder haben für alle Schiffe innerhalb der Carnival Corp. Es wird Monate dauern, bevor alle wieder unterwegs sind.

Fünf Schiffe haben die Flotte von HAL in den letzten Monaten verlassen. Zwei gingen zu Fred Olsen, drei sind bei Seajets. Erwarten Sie weitere Abgänge? Sie haben mit der Zaandam und der Volendam noch relativ alte Einheiten.

Ein sehr interessanter Aspekt ist, dass gerade die Zaandam und die Volendam am besten ausgestattet sind, um die Weltreise zu absolvieren.

Die Weltreise 2022/23 ist ausverkauft. Das heißt, dass es eine große Nachfrage für diesen Schiffstyp gibt. Zu diesem Zeitpunkt planen wir nicht, die Schiffe zu verkaufen. Jedoch weiß man nicht, was in der Zukunft passiert, aber im Augenblick wollen wir sie in der Flotte behalten.

Denken Sie, dass es möglicherweise eine Abwanderung treuer Passagiere zu anderen Reedereien, etwa zu Fred Olsen, geben könnte, die ihren Schiffen folgen werden?

Ich weiß es nicht. Möglicherweise ein paar der Gäste. Aber ich denke, es ist nicht nur die Schiffsgröße sondern auch das Ambiente, die Erlebnisse, welche Holland America Line von den anderen Kreuzfahrtgesellschaften unterscheidet. Das Erbe, das Ambiente, der Stil. Ich bin voller Zuversicht, die meisten werden bei Holland America Line aufgrund des Ambiente bleiben.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen, die Sie aus dem Beginn der Pandemie gelernt haben?

Persönlich habe ich gelernt, dass man flexibel bleiben muss – gerade jetzt.

Es gibt viele Dinge, die man nicht kontrollieren kann – den Impffortschritt, das die Pandemie unsere Branche im Griff hat. Was ich gelernt habe ist, dass die Wiederinbetriebnahme schwieriger ist, als ich es persönlich erwartet hätte, aus den unterschiedlichsten Gründen: erstens der Impfprozess ist weltweit verschieden und abhängig von den diversen Ländern. Die jeweilige Politik der Regierungen. Als Beispiel Europa: da gibt es keine einheitliche Politik, jedes Land hat eine andere Politik – Grenzöffnungen, Auflösungen von Maßnahmen, neue Richtlinien. Was ich gelernt habe, gerade in unserem Bereich, ist dass es für den Betriebsstart keine Angleichung/Übereinstimmung der Politik weltweit gibt. Das ändert nicht die Welt. Es ändert nicht unseren Betrieb, aber wir sind sehr abhängig von der Politik, den Maßnahmen und Regeln weltweit – das habe ich gelernt. Es ist schwieriger als ich erwartet habe.

Gibt es eine verpflichtende Impfpolitik bei HAL?

Ich weiß es noch nicht. Ich denke, wir werden mit den anderen Carnival-Brands übereinstimmen. Ich kann das heute nicht zu 100 Prozent bestätigen, es wird aber vermutlich in den kommenden 1-2 Wochen bestätigt werden. Meine Vermutung ist, das wir die gleichen Voraussetzungen wie unsere Schwestermarke Seabourn haben werden – das wir es voraussetzen – nicht in der Zukunft – aber im Augenblick. Was wir gerade wissen ist, dass Gäste vollständig geimpft sein müssen. Das kann sich in der nahen Zukunft ändern, denn die Welt ist in ständiger Bewegung und wir schauen natürlich auf die Wissenschaft und die medizinischen Experten, die uns beraten, was wir tun müssen und in Zukunft tun können. In diesem Stadium denke ich aber, dass wir, sobald wir den Restart haben, hauptsächlich den anderen Marken der Carnival Corp. folgen werden.

Was sind die neuen Destinationen und Reisen von HAL?

Es gibt eine besondere Kreuzfahrt die ich auf jeden Fall zur Sprache bringen möchte: Es ist die historische Reise, die am 15. Oktober von Rotterdam nach New York und dann Fort Lauderdale führt. Im Oktober kommenden Jahres ist es exakt 150 Jahre her, dass wir das erste Mal von Rotterdam aus nach New York gefahren sind. Wir werden diese Reise bis ins Detail genauso machen, auch wenn sie schlussendlich in Fort Lauderdale zu Ende geht. Aber wir werden den Stopp in New York machen, dort einen Übernachtungsaufenthalt einlegen – und auf dieser Reise werden wir einige weitere historische Erlebnisse hinzufügen. Das Jahr danach werden wir dann offiziell das 150-jährige Gründungsjubiläum von Holland America Line feiern.

Ist etwas spezielles für das große HAL Jubiläum geplant?

Es ist ein Meilenstein-Jubiläum und wir werden es auf jeden Fall ausgiebig feiern, aber zu diesem Zeitpunkt konzentrieren wir uns vor allem auf den Restart.