Die deutsch-norwegische Königin

Louis Aura, Foto: ensures.com

Die Aegean Queen war ein Kreuzfahrtschiff, das viele Jahre lang unter anderen Namen im Dienst war. Sie gehört zu den dienstältesten ihrer Branche.  

Kreuzfahrtschiffe werden nach ihrem Ende meistens unter ihrem letzten Namen geführt, so auch dieses Schiff, das 49 Jahre lang auf den Weltmeeren unterwegs war. Dabei war es nicht einmal ein Jahr lang als Aegean Queen, also Ägäische Königin, unterwegs, so benannt von ihrem letzten Charterer, dem türkischen Reiseveranstalter Etstur. Mit diesem Namen ging der Oldtimer in die Schifffahrtsgeschichte ein. Er hat Schiffsgenerationen und Trends überdauert und war bis zuletzt, so der britische Kreuzfahrtkritiker Douglas Ward ,„almost charming“. 

Weil es ein besonderes  Schiff war, kam es auch zu Filmruhm. Für die Drama-Komödie „Die falsche Schwester“ mit Natalie Wood und Michael Caine, die 1975 ein Kinoerfolg war, wurde das Schiff als einer der turbulentesten Handlungsorte auserwählt. 

Gebaut wurde das Schiff in Bremerhaven, als Bau-Nr. 935 der  AG Weser Seebeckwerft. Es lief am 21.Juni 1968 vom Stapel und wurde auf den Namen Starward getauft. Am 29. November 1968 übernahm die zur Kloster Rederi AS gehörende Norwegian Caribbean Lines AS das Schiff, die Jungfernfahrt nach Miami startete am 21. Dezember 1968. 20 Jahre lang war es unter norwegischer Flagge auf den Weltmeeren unterwegs, während der folgenden fünf, die es noch zu NCL gehörte, wehte die Flagge der Bahamas am Heck. Es war der erste Neubau der Osloer Reederei und vorgesehen war, dass es sowohl ein Kreuzfahrtschiff als auch ein Fährschiff sein sollte. Die Fährschiffkapazität war für 540 Passagiere und 220 Autos ausgelegt. 1976 wurden die Autodecks umgebaut, an ihrer Stelle entstanden weitere Kabinen.

Das Schiff war 160,11 Meter lang und 22,8 Meter breit. Die Seitenhöhe wurde mit 8,6 Meter, der Tiefgang  mit maximal 6,7 Metern und die Tragfähigkeit mit 2516tdw angegeben. Vermessen war es mit 15781 Bruttoregistertonnen. Die Antriebsanlage bestand aus zwei  MAN-Dieselmotoren des Typs V8V40/54 und zwei Verstellpropellern, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 16 kn (30 km/h). Die zugelassene Passagierzahl betrug 928 Personen in 378 Kabinen, dazu kamen etwa 400 Besatzungsmitglieder. 

Foto: Archiv Udo Horn

Die Starward war überwiegend in der Karibik eingesetzt, neben den anderen NCL-Schiffen, darunter das Schwesterschiff Skyward (1969),  die Southward (1971) und Norway (1981), die zur Karibikflotte gehörten. Die Starward konnte sich neben den Mega-Kreuzfahrtschiffen gut behaupten, 1984 war sie von der östlichen in die westliche Karibik verlegt worden. 1985 kam es zu einer Grundsanierung mit zahlreichen Umbauten, sie blieb aber in ihrem Erscheinungsbild ein Klassiker. Mit dem klobigen Kommandostand und einem Steuerrad, das aussah wie ein Artefakt aus musealen Beständen. Wo auf modernen Kommandobrücken an Computerdisplays gearbeitet wird, waren es auf der Starward immer noch lange Hebel und rechteckige Druckknöpfe, mit denen das Schiff gesteuert wurde. Es blieb bis zuletzt ein Klassiker. 

Foto: Archiv Udo Horn

Der Gang in das Innere des Schiffes glich einer Zeitreise. Die Korridore waren schmal, die Treppen ziemlich steil und die Decken in den Räumen niedrig. 40 Prozent der Kabinen waren Innenkabinen, heute hätte das Schiff allein deshalb keine Chance mehr auf dem Markt. Zudem lagen die meisten Kabinen tief im Schiff, hatten hellhörige Wände und manche Kabine war nur zehn Quadratmeter klein. Dennoch gab es fünf Suiten auf den Decks 7 und 9 und es wurde in sämtlichen Kabinen nicht an Spiegeln gespart, die Räume bekanntlich größer aussehen lassen. 

Das Bemerkenswerteste an Bord war eine Maßnahme des dänischen Designers Knud E. Hansen, der das Schiff ursprünglich ausgestattet hatte: Er installierte später am Rand des kleinen Pools die Venus Bar, eine dreigeschossige Bar als wind- und sonnengeschützten Schiffsmittelpunkt. Hier fanden viele Pool-Partys statt. Es gab das A la Carte-Restaurant „Mermaid“ und einen Speisesaal mit „open buffet“. Weil sich das Restaurant unter dem Pool befand, wurde ein ovales Fenster in die Beckenwand eingeschnitten. Die badenden Gäste konnten von unten beäugt werden, das hatte etwas Frivoles. Die Stars Show Lounge im vorderen Teil von Deck 8 war ebenfalls beliebt. Beworben wurde das Schiff auch gern als eines der kurzen Wege. Old school eben. Immerhin mit dem Vorteil der klassischen Seefahrt, das maritime Erlebnis hautnah zu spüren.

Foto: Udo Horn

Im Juli 1995 wurde das Schiff an die griechische Reederei Festival Cruises verkauft, dort erhielt sie einen neuen Namen: Bolero. Für eine Modernisierung wurde das Schiff nach Piräus geschickt, zurück kehrte es unter der Flagge Panamas. Im deutschsprachigen Markt war das Schiff beliebt und es kam Wehmut auf, als Festival Cruises 2004 Insolvenz anmeldete und die Bolero verlor. Sie musste in Gibraltar aufgelegt werden. Dort wurde sie noch im Mai des selben Jahres von der libanesischen Reederei Abou Merhi Cruises erworben und für zehn Millionen Dollar überarbeitet. Es fand auch wieder eine Namensänderung statt, die Bolero wurde zur Orient Queen, der neue Heimathafen war Beirut. 2005 war sie das erste Schiff der Reederei, das saisonal in Dubai stationiert wurde. 2006 wurde die Orient Queen kurzfristig für die Evakuierung amerikanischer Staatsbürger eingesetzt, nachdem es zwischen Libanon und Israel zu einem scharfen Konflikt gekommen war.

Die Zeit als orientalische Queen währte allerdings nur kurz. Im August 2006 ging das Schiff an die Louis Cruise Line in Zypern, sie sollte zu einem der gern- und vielgenutzten Kreuzfahrtschiffe im Mittelmeer werden. Der Heimathafen musste mehrfach gewechselt werden: ab 2007 Piräus, ab 2009 Majuro und ab 2011 Malta. Zudem wurde das Schiff 2013 nach der Reederei benannt, Louis Aura. 2014 und 2015 wurde es auch zu Nord- und Ostseefahrten entsandt. Im April 2016 musterte man es aus, es wurde in der Nähe von Piräus aufgelegt.

Louis Aura, Foto: enapress.com

Im letzten Akt charterte der türkische Reiseveranstalter Etstur  2017 den Klassiker von Teal Shipping als letztem Eigner, das war im Mai 2017 und nach mehr als einem Jahr Liegezeit. Nach einer kurzen Überholung kam das Schiff als Aegean Queen wieder in Fahrt, aber schon im Juni 2018 kam das Aus. 

Als Aegean verließ das Schiff unter der Flagge von Palau am 21. Juni Paloukia bei Piräus  und nahm Kurs auf eine Abbruchwerft im indischen Alang, wo es am 27. Juli ankam und abgewrackt wurde. Es gehörte zu den dienstältesten Schiffen auf den Weltmeeren. 

Roland Mischke

Maritimes Lektorat Jens Meyer