DIE KATASTROPHE

Die RMS Lancastria war in den 1920er Jahren als Passagierschiff der britischen Reederei Cunard Line eingesetzt worden. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie in das Kriegsgeschehen hineingezogen und von der deutschen Luftwaffe versenkt.

Foto: Sammlung Jens Meyer

Ein Riesenschiff geriet am Nachmittag des 17. Juni 1940 in den Krieg, und Großbritanniens Premierminister Winston Churchill wollte unbedingt verhindern, dass schnell bekannt wurde, dass es zu einer Katastrophe gekommen war. Es wurde keine Meldung an die Medien vergeben. Auf Befehl sollte der größte und zugleich menschenverlustreichste Schiffsuntergang der britischen Geschichte geheim gehalten werden. Die Überlebenden des Unglücks wurden von der britischen Regierung genötigt, nicht über ihr Schicksal zu sprechen. Wer nicht Stillschweigen wahrte, sagte man ihnen, würde vor einem Kriegsgericht angeklagt. Erst Ende Juli sickerte die Nachricht von dem Fall durch, an diesen Tagen berichteten die New York Times und andere Zeitungen.

Deutsche Bomber hatten an dem Tag RMS Lancastria, die vor der französischen Küste bei Saint-Nazaire vor Anker lag, attackiert. Das Schiff hatte britische Truppen und Zivilisten an Bord, sie sollten zügig aus Frankreich evakuiert werden. Der Bombenüberfall ging auf den Passagierdampfer nieder, auf dem sich etwa 6500 Menschen befanden, manche vermuten bis zu 9000. Genaue Zahlen sind nicht mehr zu ermitteln, da die Passagiere in einer Paniksituation erst an und dann von Bord geflüchtet waren. Die Anzahl der Todesopfer wird von Historikern mit 2500 bis 4500 beziffert, das Schiff ging unter.

Die Lancastria wurde bis 1920 im Auftrag von Cunard für ihre Tochtergesellschaft Anchor Line als Baunummer 557 unter dem Namen Tyrrhenia (bis 1924) erstellt. Das geschah auf der Bauwerft William Beardmore and Company im schottischen Glasgow. Sie lief am 31. Mai 1920 vom Stapel, am 13. Juni 1922 erfolgte die Indienststellung, sechs Tage später die Jungfernreise nach Kanada. Das Großschiff, das von der Crew den Spitznamen „Old Soup Tureen“ erhielt, war als Passagierdampfer konzipiert worden, nach dem 1924 erfolgten Wechsel zur Cunard Line hatte es zwei Klassen. Bis 1932 pendelte es unentwegt auf der Route zwischen England und New York, der Heimathafen war Liverpool. Zudem war es als Kreuzfahrtschiff in nordeuropäischen Gewässern und im Mittelmeer unterwegs. Ihr Schwesterschiff Cameronia war 1919 vom Stapel gelaufen und ab 1921 in Fahrt.

Die Lancastria war von eindrucksvoller Größe. 176,00 Meter lang und 21,00 Meter breit. Ihr Tiefgang lag bei maximal 11,90 m, ihre Vermessung bei 16.243 BRT. Angetrieben wurde sie von sechs Dampfturbinen, die über zwei Wellen auf zwei Propeller arbeiteten. Die Maschinenleistung lag bei 152.500 shp, die Höchstgeschwindigkeit betrug 16,5 Knoten (31 km/h). Die ursprünglichen Klassenkategorien: In der Ersten Klasse waren 280 Passagiere untergebracht, in der Zweiten Klasse 364 und in der Dritten Klasse 1200 Passagiere; später wurde das Zwei-Klassen-System eingeführt. Insgesamt konnten 1844 Reisende an Bord sein, dazu eine Besatzung von rund 300 Personen.

Das Innere war geräumig und modern für die Zeit gestaltet. Es gab Ruheräume, Raucherraum, Schwimmbecken und Sauna. Im Zentrum lag das großartige Haupttreppenhaus, umgeben von einer mondänen Lounge mit edlen Teppichen und anderen Räumen. Türen und Fenster waren in noblem Holz gearbeitet, die Wände mit Behängen ausgestattet. Die Speisesäle der Ersten und Zweiten Klasse befanden sich unter gewölbeartigen Kuppeln. Für die First Class gab es einen Barber Shop. Auf den Außendecks war reichlich Auslauf vorhanden, man saß auf Bänken oder lag in Liegestühlen und ließ es sich gut gehen mit Tee und Cocktails. Das Schiff war von Anfang an populär bei den Passagieren, ein Vorzeigeschiff der britischen Schifffahrtsbranche.

Mit Kriegsbeginn war die Lancastria in New York vom Kreuzfahrt- zum Transportschiff umgerüstet worden. Ab April 1940 war sie als Truppentransporter HMT Lancaster für die Royal Navy im Einsatz, als die Evakuierung der Truppen aus Norwegen anstand. Das war erfolgreich. Es folgte die Operation Aerial, die Evakuierung britischer Zivilisten, Soldaten und anderer Militärangehöriger aus Frankreich in die Heimat. Die Lancastria verließ Liverpool am 14. Juni 1940, am 16. Juni hatte es die Mündung der Loire erreicht. Der Leiter des Vorhabens war der Kapitän Rudolph Sharp, der als erfahrener Seemann galt. Sofort nach Ankunft strömten Flüchtende auf das Schiff, drei Mal so viel wie die offizielle Kapazität erlaubte. Das Schiff wurde regelrecht gestürmt, denn die Angst vor den deutschen Okkupanten war groß.

Foto: Sammlung Jens Meyer

Denen war aber die Schiffsankunft nicht entgangen. Das Kampfgeschwader 30 wurde in Gang gesetzt, es kam mit Flugzeugen des Typs Ju 88 über an den Schiffsort. Der Angriff erfolgte am 17. Juni 1940 um circa 16 Uhr, drei treffsichere Bomben zerfetzten die Lancastria regelrecht und brachten sie innerhalb von 20 Minuten erst zum Kentern, dann zum Sinken. Vermutlich hatten die meisten Menschen, die noch an Bord waren, keine Zeit mehr, das Schiff zu verlassen. Zumal nicht nur ein großer Teil der Rettungsboote zerstört war, sondern auch 1400 Tonnen Treibstoff der Lancastria ausliefen, ein großer Brand das Schiff erfasste und zudem währenddessen sehr wahrscheinlich auch noch der Beschuss der Deutschen zahlreiche Menschen tötete. Eine Unmoral seinesgleichen, denn die Luftkampfjäger brachten auch viele Menschen um, die nicht aktiv am Kriegsgeschehen teilnahmen. Es war vor allem – noch im ersten Kriegsjahr – ein brutaler Machtüberfall.

Viele Passagiere ertranken auch weil nur 2500 Rettungswesten zur Verfügung standen, landeten im Öl, in dem sie erstickten, oder wurden durch die ratternden Maschinengewehre des Kampfgeschwaders getötet. 2477 Menschen konnten gerettet und als Überlebende geborgen werden. Die anderen, deren Namen nicht alle bekannt waren, hatten keine Chance. Experten der British Expeditionary Force haben ausgerechnet, dass es sich an diesem Tag und in dieser Katastrophe fast um ein Drittel der Toten handelt, die insgesamt im Frankreichkrieg ihr Leben verloren.

Kapitän Rudolph Sharp überlebte den Untergang seines Schiffes, später wurde er Kapitän der Laconia. Es traf ihn aber ein reichliches Jahr später, als er am 12. September 1942 mit seinem Schiff vor der Küste Westafrikas vom deutschen U 156 torpediert wurde. Er soll aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben.

Die Erinnerung an das große Unglück wird vom britischen Militär bis heute überaus verdruckst und unglaubwürdig behandelt. Auch weil die Untergangsstelle in französischen Territorialgewässern liegt, weigert sich Großbritanniens Regierung nach über 70 Jahren immer noch, das Wrack der Lancastria als Kriegsgrab anzugeben, als sei Winston Churchill immer noch am Ruder. Obwohl das die Protection of Military Remains Act seit 1986 für immer erklärt hat für gesunkene Schiffe in Kriegszeiten. Die französische Politik dagegen hat den Bereich um das Wrack unter Schutz gestellt. Die Lancastria liegt etwa neun Kilometer südlich von Pointe de Chémoulin in der Carpentier-Straße, etwa 17 km vor Saint-Nazaire in 26 m Tiefe auf der Position O, 47° 10“ N, 2° 19° 15“ W.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer