DIE SCHNELLSTE DER BIG FOUR

Die RMS Adriatic war eines der größten Schiffe. Aber sie wurde zu sehr beansprucht und hatte deshalb keine lange Lebenszeit.

Jedes Passagierschiff, das später zum Kreuzfahrtschiff veredelt wurde, wollte eine Besonderheit, mit der es sich von anderen unterschied. Die Adriatic, ein Dampfer der britischen White Star Line, besaß als erstes Passagierschiff ein Hallenbad, in das ein türkisches Bad eingebracht worden war. Das galt damals als Pionierleistung und war zugleich das Nonplusultra des Luxus auf einem Wasserfahrzeug. Es wurde als Werbung in Magazinen und Firmenbroschüren verbreitet und bestaunt.

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Das türkische Bad auf dem Atlantik verfügte über warm temperierte und kühlende Becken, dazu Tauchbecken, Waschräume und Massageliegen. White Star hatte eigens türkische Baddesigner in den Bau des Schiffes als Berater mit einbezogen. Kabinen für zwei türkische Bademeister waren ebenfalls eingerichtet worden. Sie erläuterten die Wasserwechselwirkung des Bades und waren ansonsten vor allem als Fußpfleger tätig.

Für die Nutzung des Bades war ein Ticket erforderlich, es kostete vier Schilling oder einen Dollar. Männer konnten in das Bad von sechs bis acht Uhr und am Nachmittag noch mal von 14 bis 18 Uhr steigen. Frauen durften in den restlichen Zeiten reservieren, der Zugang war im Geist der Zeitmoral streng getrennt. An Dampfbäder, Sauna oder Wellnessbereiche, die heute auf jedem größeren Kreuzfahrtschiff vorhanden sind, war damals noch nicht zu denken.

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Die Adriatic gehörte zu dem Quartett der Schiffe mit mehr als 20.000 BRT, sie war die vierte und letzte der Big Four, wie es genannt wurde. Auf der Bauwerft Harland & Wolff im nordirischen Belfast war sie erbau worden, am 20. September 1906 lief sie vom Stapel. Am 8. Mai 1907 startete sie unter dem Kommando von Kapitän Edward John Smith zu ihrer Jungfernfahrt, von Liverpool nach New York. Nach Rückkehr von der ersten Reise wurde sie nach Southampton als Abfahrtshafen verlegt, Liverpool blieb aber ihr Heimathafen. Der Anlass für die Umleitung war, dass White Star für ihre Liner ein neues White Star Dock in Southampton hatte errichten lassen; 1922 wurde es in Ocean Dock umbenannt. Im Konkurrenzkampf der Atlantikschiffe, vor allem mit Cunard, hatte White Star seinerzeit vorübergehend die Nase vorn.

Der Transatlantikdampfer fuhr unter der Flagge Großbritanniens. Der Gründer und langjährige Chef Thomas Ismay hatte die Idee, für die 1899 in Dienst gestellte RMS Oceanic ein Schwesterschiff bauen zu lassen, ihm wollte er den Namen Olympic geben. Weil er noch im selben Jahr, am 23. November 1899, plötzlich starb, wurde der Plan aufgeschoben. Ismays Sohn Bruce übernahm die Reederei, er gab bei Harland & Wolff gleich vier Schiffe in Auftrag. Er verfolgte nicht die Linie seiner Mitkonkurrenten, die vor allem hohe Geschwindigkeiten erreichen wollten, sondern setzte viel mehr auf Komfort und Luxus. 1901 kam die Celtic als erstes Schiff in Fahrt, 1902 die Cedric, 1903 die Baltic und schließlich 1907 die Adriatic. Die Ähnlichkeit der Schiffe – alle hatten einen fast gleichen Entwurf – erleichterte und verkürzte die Bauarbeiten. Es waren propere Schiffe mit der modernsten Technik der Zeit und in guter Ausstattung.

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Die als Bau-Nr. 557 geführte Adriatic war 222,7 Meter lang und 22,8 Meter breit. Die Vermessung belief sich auf 24.541 BRT bzw. 4568 NRT. Im Maschinenraum befanden sich 2 Vierfachexpansions-Dampfmaschinen, die auf zwei Propeller arbeiteten. Der durchschnittliche Kohlenverbrauch lag bei 260 t/Tag. Die Maschinenleistung wurde mit 17.000 PS (12.503 kW), die Reisegeschwindigkeit mit 17 Knoten (31 km/h) angegeben. Es standen 20 Rettungsboote zur Verfügung.

An Bord befanden sich 2825 Passagiere: in der Ersten Klasse 425 Gäste, in der Zweiten Klasse 500 und in der Dritten Klasse 1900 Passagiere. Die Besatzung bestand aus 557 Mitarbeitern, die UK-Registriernummer lautete 1294061. An Bord gab es erheblichen Platz für Ladung, womit es trotz der relativ geringen Geschwindigkeit profitabler war als andere Schiffe.

Es war ein Schiff für das 20. Jahrhundert, das größte der Big Four und etwas schneller als die Vorgänger. In jedem Hafen fand es wegen seiner aufsehenerregenden Gestaltung, mit den vier riesigen Masten und den zwei großen Schornsteinen, Bewunderung.

Foto: University of Liverpool Library, Cunard Archive, D42/PR2/1/3

Die Adriatic war das einzige Schiff von White Star, dass jede Woche einen Dienst von Southampton nach New York anbot. Es gab damals einen regen Schiffsverkehr auf der Nordatlantikstrecke. Der bereits erwähnte erste Kapitän Edward John Smith war Chef auf der Brücke bis Februar 1911, als die Adriatic durch die Olympic ersetzt wurde. Fortan unternahm sie wieder ihre Atlantiküberquerungen von Liverpool aus.

Smith übernahm die geplante RMS Olympic. 1912 war er aber Kapitän auf der RMS Titanic, er blieb bei dem katastrophalen Untergang an Bord und verlor dabei sein Leben. Auf der Rückfahrt nach Europa befand sich an Bord der Adriatic eine Familie mit Säugling, die sich bei dem Untergang der Titanic noch hatte retten können. Der Säugling war Millvina Dean, die zuletzt verstorbene Überlebende des Untergangs der Titanic.

Im Ersten Weltkrieg wurde das Schiff nach wie vor im Passagierverkehr eingesetzt, zugleich aber auch – auf Abruf – als Truppentransporter genutzt. Weil keine komplexen oder nur geringfügige Umbauten auf dem Schiff notwendig waren, war das möglich, und es wurde im Krieg auch nicht beschädigt. Nach Kriegsende fuhr es ohne Einschränkungen auf der Route weiter als Transatlantikdampfer.

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Nachdem 1928 das Klassensystem auf der Adriatic gestrichen wurde, war es ein Einklassenschiff, was der Zeit und ihrer Mentalität zugutekam. Erst 1933 wurde es, auch zeitgemäß, zum Kreuzfahrtschiff erklärt und auf anderen Routen eingesetzt. Das funktionierte aber offenkundig weniger gut, so dass es nach der Fusion von White Star und Cunard 1934 zur Cunard-White Star Ltd. ausgemustert wurde. Die Adriatic wurde nach den Sommerkreuzfahrten aufgelegt.

Die anderen drei Schiffe der Big Four waren bereits außer Dienst gestellt worden, nun wurde auch dieses aufgegeben. Die Adriatic lief zum letzten Mal von Liverpool aus, es war für 48 000 engl. Pfund zum Abbruch nach Japan verkauft worden. Im März 1935 wurde es in Onomichi verschrottet. Viele der Passagiere, die auf einer nahezu endlos langen Passagierliste standen, sollen das als traurig empfunden haben. Die Adriatic wurde geliebt.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer