DIE TRADITIONSREICHE

Foto: Sammlung U. Horn

Die Nieuw Amsterdam war ein Dampfturbinenschiff der Reederei Holland-America Line, für einige Zeit war sie das Flaggschiff des Unternehmens.

Den Namen Nieuw Amsterdam gab es schon öfter in der niederländischen Schifffahrt, er spiegelt die lange Tradition der Reederei, die vor mehr als 140 Jahren in Amsterdam gegründet wurde. Die letzte Nieuw Amsterdam wurde 2010 getauft, sie ist das bisher größte Schiff der Reederei. Indes: Die Holland America Line (HAL) gehört inzwischen zur amerikanischen Carnival Corporation.

Das jetzige Schiff ist 285 Meter lang, 32 Meter breit und nimmt mehr als 2000 Passagiere an Bord. Die alte Nieuw Amsterdam, die ursprünglich den Namen Prinsendam erhalten sollte, war aber auch schon ein riesiger Dampfer, 231 Meter lang und auf das Schiff durften über 1200 Personen. Sie hat allerdings eine ganz andere Geschichte. 1938 in Dienst gestellt, geriet sie in die Wirren des Zweiten Weltkriegs und wurde den Briten als den aktiven Kriegskämpfern als Truppentransporter zur Verfügung gestellt. So luxuriös wie sie einst am 10. Mai 1938 für ihre Jungfernfahrt ausgebaut war, so gewaltig wurde sie für das Kriegsgeschehen aufgerüstet. Die erste Fahrt startete vom Heimathafen Rotterdam aus über Boulogne-sur-Mer und Southampton nach New York. Wäre ein Schiff ein Mensch, würde man sagen, die Ärmste, die hat mal so gut ausgesehen, aber sie hatte allerlei zu ertragen.

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Am 5. Januar 1936 erfolgte die Kiellegung. Am 10. April 1937 hatte die Königin der Niederlande, Wilhelmina, das Schiff getauft – es war der größte Dampfer, der bis dahin auf einer holländischen Werft je gebaut worden war. Man scheute weder Mühen noch Kosten, als man entschieden hatte im Lieblingsstil der damaligen Zeit das Schiff als kompletten Art-Déco-Prachtdampfer ins Schifffahrtsgeschäft einzuführen. Die Säulen waren mit Blattgold überzogen, das ausschließlich von innen künstlich erleuchtete Hauptrestaurant prunkte mit marokkanischer Lederdecke und Muranoglas-Beleuchtungskörpern, der Komfort war für die Zeit modern. Thomas Mann und seine Gattin Katia bestiegen das Schiff, als sie in die Emigration nach den USA gingen. Weitere prominente Reisegäste waren der Humanist Albert Schweitzer und die Hollywood-Größen Katharine Hepburn, Rita Hayworth und Spencer Tracy. Im Zweiten Weltkrieg beförderte die Nieuw Amsterdam die gesamte griechische Königsfamilie mitsamt ihrem Aufgebot an Personen aus den hochadeligen Häusern und Materialien nach Südafrika, wo sie für Jahre ins Exil gingen.

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Die Nieuw Amsterdam wurde von der Bauwerft Rotterdamsche Droogdok Maatschappij in Rotterdam erstellt. Der Stapellauf fand am 10. April 1937 statt. Das Schiff war 231,0 Meter lang, seine Vermessung war mit 36.287 BRT angegeben. Es fuhr während seiner fast gesamten Zeit seiner Existenz unter niederländischer Flagge. Die Maschinenleistung betrug 34.000 PS (25.007 kW). Für die Dampferzeugung standen sechs Schelde-Yarrow-Wasserrohrkessel zur Verfügung, die Hoch- und Niederdruckturbinen arbeiteten über Untersetzungsgetriebe auf zwei Propeller. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 22,8 Knoten (42 km/h), die Registriernummer war IMO-Nr. 5251719. Die zugelassene Passagierzahl war 1220.

Der feudale Start wurde bald gedämpft. Nachdem der Krieg im September 1939 begonnen hatte, entschied die Reederei, die bestimmungsgemäßen Fahrten auszusetzen. Ab dem 22. November desselben Jahres verblieb die Nieuw Amsterdam in New York, um sie aus dem Kriegsgeschehen herauszunehmen, sie war schön und außerordentlich teuer. Man schickte sie nur auf kürzere Strecken. Aber im September 1940 übergab die holländische Regierung das Schiff an das britische Kriegsministerium, das hatte einschneidende Folgen.

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Der ganze Prunk wurde entfernt, die großartige Innenausstattung demontiert, der Rumpf schwarz und feldgrau angestrichen. Das Mobiliar samt Dekorationen – insgesamt 2000 Tonnen – wurde in San Francisco eingelagert. Es waren 3000 Stühle und 500 Tische, die nach sechsjähriger Lagerzeit aufgearbeitet werden mussten, viele Möbel mussten komplett ersetzt werden. Sämtliche 374 Badezimmer mussten saniert, die Holzteile mit Schnitzereien der Soldaten entfernt und durch Neuanfertigungen ausgetauscht werden.

Man verzichtete zunächst darauf, Waffen auf dem Schiff zu haben, eine ungewöhnliche Entscheidung im Kriegsdienst. Die alliierten Truppen mussten so schnell wie möglich von Australien und Neuseeland in den Mittleren Osten gebracht werden, um dort an den Fronten zu kämpfen. Bei einem Zwischenstopp in Singapur setzte man dem Schiff zumindest 36 Geschütze auf.

Ab Januar 1941 befand sich die Nieuw Amsterdam im Kriegsdienst, sie war ein Teil des britischen Konvois mit der Queen Mary, der Aquitania, der Mauretania und der Empress of Britain and Andes. Mehrfach war sie auf der Route zwischen Suez und Durban unterwegs. Die Attacke feindlicher U-Boote zu Weihnachten vor Halifax wurde erkannt, die das Schiff begleitenden Zerstörer schwärmten aus und versenkten vermutlich mehrere U-Boote des Feindes; Genaues wurde nicht an die Öffentlichkeit übergeben. Im Kriegsjahr 1945 beförderte die Nieuw Amsterdam kanadische und US-Truppen nach Schottland. Nachdem die Bombardierung von Pearl Harbor geschehen war, war das Schiff unentwegt im Indischen und Pazifischen Ozean unterwegs.

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Nach Kriegsende dauerte die Überarbeitung der Nieuw Amsterdam bis zum Oktober 1947, das Schiff hatte nun 36.667 Bruttoregistertonnen. Es wurde wieder auf der Liniendienst-Route zwischen Rotterdam und New York eingesetzt, 1965 noch einmal modernisiert – dabei wurde die Klimatisierung auf das gesamte Schiff erweitert – und fuhr dann bis 1971.

Vom Ansehen her war es ein anderes Schiff ab 1972. Wie die anderen HAL-Schiffe war der Rumpf grau gestrichen. 1961 hatte es zwischendurch noch mal einen Eingriff gegeben – das Schiff erhielt Kabinen Erster Klasse und der Touristenklasse, die Dritte Klasse wurde gestrichen, die Vermessung erhöhte sich auf 36.982 BRT. Die Nieuw Amsterdam hatte elf Decks, Innen- und Außenpool sowie lange Panoramafenster, die in das Deckshaus eingeschnitten worden waren. 1967 waren schon bessere Kessel dazugekommen.

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Doch die Nieuw Amsterdam hatte doch Schäden aus der Kriegszeit, das zeigte sich vor allem an Problemen im Fahrbetrieb, vieles war veraltet. Deshalb wurde das Schiff nur noch für Kreuzfahrten eingesetzt, die Altersschwäche zeigte sich auch dort, das Ende zeichnete sich ab. Für kurze Zeit war der Dampfer im September 1972 unter der Flagge der Antillen gefahren, dann aber – am 17. Dezember 1973 – musste der Kreuzfahrtbetrieb abgebrochen werden. Am 2. März 1974 traf die Nieuw Amsterdam an einer taiwanesische Abwrackwerft in Kaohsiung ein, dort wurde sie verschrottet.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer