Die weiße Lady

Foto: Sammlung JSA

Die „RMS Sylvania“ war erst Linienschiff im Transatlantikdienst, dann Kreuzfahrtschiff, zuletzt 10 Jahre für einen deutschen Charterer unter dem Namen „Albatros“ unterwegs. Nach 47 Jahren Weltreise wurde es zum Abbruch auf den Strand gesetzt.

Kühn, kühner, am kühnsten. Die Reederei Cunard wollte ein Schiff mit prestigestarker Optik, die Schifffahrtswelt und Passagiere beeindruckte. Die Sylvania war das vierte und letzte Schiff der SAXONIA-Klasse – und das schönste in der Schwesternreihe im Hafen von Liverpool, die als Postschiffe den Namenszusatz RMS (Royal Mail Ship (RMS) führen durften. Ein Hingucker mit schwarzem Rumpf und langem Vorschiff, leicht gerundeter Aufbau-Front und abgestuftem Heck. 1966 wurde das Schiff zudem völlig weiß gestrichen, nur der Schornstein behielt seine rotschwarze Farbgebung.

Cunard hatte im März 1955 an John Brown & Co. Ltd. in Clydebank (Glasgow) den Auftrag zum Bau des Schiffes gegeben, weil das „brillante Quartett“, wie die SAXONIA-Schiffe in den Medien tituliert wurden, komplettiert werden sollte. Beim Stapellauf am 22. November 1956 erhielt es den Namen Sylvania, nach dem Vornamen der Ehefrau von Norman Robertson, der als kanadischer Hochkommissar in London für Stil und Luxus warb. Es war die Zeit, als der Luftverkehr über den Atlantik noch nicht dominierte und man davon ausging, dass es ausreichend Passagiere gab, die es schätzten, auf einem Schiff mit Niveau übers Meer zu reisen.

1957 wurde die Bau- Nr. 700 als Sylvania in Liverpool registriert. Das mit 21989 BRT vermessene Schiff war 185,72 Meter lang, 24,47 Meter breit und hatte einen Tiefgang von 8,90 Meter. Die Leistung der vier John Brown & Co.-Getriebeturbinen betrug 18.277 kW (24.850 PS) und die höchste Geschwindigkeit lag bei 21 kn (39 km/h). Anfangs hatten 878 Passagiere Platz an Bord, davon 154 in der Ersten Klasse, 724 in der Touristenklasse; nach dem späteren Umbau konnten 925 Menschen auf dem dabei um rd. 3000 BRT vergrösserten Schiff sein. Es ging am 5. Juni 1957 von Greenock auf seine Jungfernfahrt nach Quebec und Montreal. Bereits im ersten Dienstjahr 1958 beförderte die Sylvania 1.036.000 Passagiere nach Amerika und von dort nach Europa.

Foto: JSA

Die Innenausstattung war für damalige Verhältnisse gut, aber nicht großartig. Das lag daran, dass die Sylvania als Linienschiff konzipiert wurde, während die Schwestern bereits Kreuzfahrtschiffe waren. Erst 1964 wurden in Kabinen der Touristenklasse eigene Badezimmer eingebaut, zuvor gab es für 250 Kabinen nur Gemeinschaftsbäder. Nach dem Verkauf des Schiffes von Cunard an Sitmar wurden die Frachträume für weitere Kabinen genutzt, für die öffentlichen Räume eine Klimaanlage eingebaut, dazu ein Theater mit zwei Stockwerken, Bordkino und drei Swimmingpools.

Die Touristenklasse erhielt eine Lounge mit Erkern, Tanzfläche und gemütlichem Sitzmobiliar. Das Restaurant wurde attraktiver gestaltet und nahm die ganze Breite des Rumpfes ein, die Wände weiß mit goldenen Verzierungsstreifen, Bildern und Spiegeln. Dazu kamen Raucherraum und Cocktailbar mit Teppichen und Stoffen in warmen Farben, die Fenster nach Backbord, Steuerbord und nach vorn.

Die First-Class-Lounge wurde in französischem Stil gestaltet und war wie ein exquisites Boudoir eingerichtet, mit prächtig bemalter Decke. Die Kabinen der Ersten Klasse waren geräumig, hatten Bad und noble Möbel. Aber auch in der Touristenklasse gab es bereits Kleiderschrank, Schubladenräume und über jedem Bett eine Leselampe.

Als Ende 1960 die neugebaute Britannic zur Überfahrt von Liverpool nach New York eingesetzt wurde, geriet die Sylvania ins Hintertreffen. 1964 entschied man sich für eine Umrüstung, um in der Konkurrenz mit anderen Schiffen bestehen zu können. Am Himmel donnerten immer mehr Düsenflugzeuge, die Luftfahrt wurde als enormer Fortschritt empfunden. Die Cunard Line trimmte die Sylvania um auf Kreuzfahrtschiff, im Februar 1965 startete sie zur ersten Tour ins Mittelmeer. Ein langer Streik der Hafenarbeiter und Seeleute nach dem Umbau brachte Cunard 1966 in Not, fast drei Millionen Pfund sollen als Verlust registriert worden sein.

Foto: Archiv JSA

1967 war das Jahr, als die Sylvania komplett zur „Weißen Lady“ lackiert wurde, im Januar ging es erstmals in die Karibik. Weil die Touristenklasse mit Zugluft und Ventilatoren auskommen musste, waren die Kabinen enorm aufgeheizt. Daraufhin strich man im Reiseprogramm die Karibik und konzentrierte sich aufs Mittelmeer. Zudem erwiesen sich das neuartige Hovercraft-Luftkissenfahrzeug, mit denen auch Passagiere zu Besichtigungstouren fuhren, als Flop. Das aufwendige Absenken und Wiederaufpumpen war für Besatzungsmitglieder kaum zu leisten.

1967 beförderte die Sylvania Besucher zur Weltausstellung (EXPO 67) nach Montreal. Nachdem sie den Hafen verlassen hatte, geriet sie unterhalb von Trois Rivieres auf Grund. Tagelange Bemühungen, das Schiff wieder flottzukriegen, führten nicht zum Erfolg. Erst als die Frachträume leergeräumt und die Frischwasser- und Bunkertanks gelenzt waren, konnte das Schiff aus dem Schlamm gezogen und vor Montreal in ein Schwimmdock gebracht werden.

Im Oktober desselben Jahres gab Cunard das Schiff auf, neben der Sylvania wurden auch ihre Schwestern Carinthia und Caronia aus dem Verkehr genommen und 1968 auf einen Auflegeplatz in Southampton gebracht.

Sitmar (Societa Italiana Trasporti Marittima SpA) erwarb die Sylviana für eine Million britische Pfund. Das Schiff erhielt erst den Namen Fairland, dann Fairwind, 1970 wurde es nach Triest geschleppt und komplett umgebaut. Sämtliche Kabinen wurden modernisiert, das Ladegeschirr auf dem Vor- und Achterschiff entfernt, die Brücke modernisiert und vorgezogen sowie der Schornstein neu gestaltet, den Nordatlantikrumpf mit den starken Bögen – wegen des kanadischen Eises – behielt es. Das soll dazu beigetragen haben, erklärten später Schiffsexperten, dass die ehemalige Sylvania noch robust genug für die Beanspruchungen war.

Im Juni 1972 ging das erneuerte Schiff als Fairwind auf Positionierungsreise nach Los Angeles. Sitmar bewarb es als „das luxuriöseste Kreuzfahrtschiff, das jemals in den meisten Weltteilen gesehen wurde“. Es durchfuhr künftig den Panamakanal und brachte Passagiere nach Acapulco und Los Angeles.

ALBATROS vor den Galapagos Inseln, Foto: enapress.com

1984 stand wieder eine Überholung an. 1988 ging es auf Routen auf dem Amazonas bis nach Manaus, aber Sitmar wollte das Schiff abgeben. Im Juli des Jahres übernahm P&O Cruises das gesamte Aktienkapital von Sitmar, 210 Millionen US-Dollar. Fairwind war auf einmal wieder britisch und wurde von der P&O-Tochter Princess Cruises als Dawn Princess eingesetzt.

1992 gab P&O den Betrieb des Schiffes auf und verkaufte es Anfang 1993 an V.Ships, anschließend wurde es an den deutschen Reiseveranstalter Phoenix Reisen verchartert und in Albatros umbenannt. Das im August 1993 begonnene Reise-Programm lief gut an, bis am 30. Mai 1995 im Roten Meer ein Feuer im Maschinenraum ausbrach. Es konnte schnell gelöscht werden, aber die Kreuzfahrt wurde abgebrochen, die Passagiere mit Charterflügen nach Hause transportiert.

Die alte weiße Lady wurde nach Marseille verschleppt, dann nach Bremerhaven. Am 13.Mai 1997 lief das Schiff auf einer Reise rund um die britischen Inseln auf den North Bartholomew Rock in der Bucht von St. Mary’s, wobei ein 61 m langes Leck am Rumpf entstand. Nach Abbergung der Passagiere konnte das Schiff später freikommen und mit eigner Kraft in Langsamfahrt Southampton zur Reparatur erreichen. Später gab es noch Versuche, das Schiff auf Vordermann zu bringen, aber »der Albatros« war zu müde geworden. Bis 2003 musste er noch weitere Kreuzfahrten absolvieren, aber das Ende war absehbar. Wegen ernster Maschinenhavarien kündigte Phoenix im Herbst 2003 den Chartervertrag und V.Ships verkaufte das mittlerweile 46 Jahre alte Schiff im Dezember des gleichen Jahres zum Abbruch nach Alang in Indien. Dort kam es unter dem Überführungsnamen Genoa im Januar 2004 an und wurde zerlegt.

Roland Mischke

Martime Bearbeitung: Jens Meyer