EIN DEUTSCHES REKORDSCHIFF

Die Kronprinz Wilhelm war ein Passagierschiff des Norddeutschen Lloyds, 1901 fertiggestellt. Es war auf der Transatlantikroute Bremerhaven – New York und anderswo unterwegs.

Es sollte ein spektakuläres Schiff sein, einmalig, PS-stark und ein großartiges Erlebnis für die Passagiere. Und schnell sollte das trendige Wasserfahrzeug sein. Auf dem Nordatlantik waren die Briten die Dauerfavoriten für das Blaue Band, sie erreichten sämtliche Rekordgeschwindigkeiten und übertrumpften sich gegenseitig. Dem sollte ein Doppelschrauben-Schnellpostdampfer aus dem Deutschen Reich mit neuer und hoher Technik Paroli bieten. Und das gelang im September 1902 durch eine Reise in fünf Tagen, elf Stunden und 75 Minuten von Cherbourg bis zum Leuchtturm von Sandy Hook vor der Lower New York Bay mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 23,09 kn, aber dabei blieb es dann auch schon, weil die Zeiten nicht mehr zuließen.

Foto: Archiv U. Horn

Die Kronprinz Wilhelm war der Kaiser Wilhelm der Große frappierend ähnlich. Vier Schornsteine, in Paaren gereiht, in der Geschichte der Schifffahrt war dieses Schornsteinsystem nur bei insgesamt 14 Schiffen weltweit umgesetzt worden. Dazu zwei endlos erscheinende Masten und in Ausstattung und Einrichtung der Zeit angepasst. Schon äußerlich sah das Schiff nach einem Fortschritt aus. Zudem war es massiv. Als die Kronprinz Wilhelm am 8. Oktober 1902 auf dem Ärmelkanal im dichten Nebel den britischen Frachter Robert Ingram so heftig rammte, dass er innerhalb von Minuten unterging – wobei zwei Menschen ihr Leben verloren, aber die übrige Besatzung von den Deutschen gerettet werden konnte –, blieb das Schiff einfach im Dienst. Die Kronprinz war robust, bis 1914 eine stolze und unverwüstliche Königin auf dem Meer. Dann begann der Erste Weltkrieg, das Schiff war noch am 21. Juli in Richtung Southampton – New York aufgebrochen, kam in der US-amerikanischen Metropole am 3. August an – dann war es aus mit der Teutonenpracht.

Die Kronprinz Wilhelm des Norddeutschen Lloyd war 202,17 Meter lang und 20,10 Meter breit. Vermessen wurde sie mit 14.800 BRT, später 14.908 BRT. Der Tiefgang lag bei maximal 8,3 m, die Verdrängung bei 21.280 Tonnen. Die Maschinenanlage bestand aus zwei sechszylindrischen Vierfachexpansions-Dampfmaschinen mit Oberflächenkondensatoren, die über zwei 42 m lange und 0,63 m dicke Wellen auf zwei vierflügelige Propeller arbeiteten. Die Leistung der Maschinenanlage betrug 33.000 PS (2471 kW), die Höchstgeschwindigkeit 23,53 Knoten (44 km/h). Gebaut wurde das Schiff als Werft-Nr. 249 von der AG Vulcan in Stettin, Heimathafen war Bremen. Der Stapellauf erfolgte am 30. März 1901. In der Ersten Klasse hatten 367 Personen Platz, in der Zweiten 340 und in der Dritten 1054 Personen. Die Besatzung wurde mit 522 Mitarbeitern angegeben.

1914 wurde die Kronprinz zum Hilfskreuzer der Kaiserlichen Kriegsmarine ernannt. 1915 von den USA interniert, ab 1917 im US-Kriegsdienst. Das Schiff wurde zwei Mal umbenannt: in Von Steuben und Baron von Steuben. Friedrich von Steuben aus dem Herzogtum Magdeburg war als preußischer Offizier und US-amerikanischer General gegen Ende des 18. Jahrhunderts an Bürgerkriegen beteiligt, er wird bis heute in den USA verehrt.

Foto: Archiv U. Horn

Die Kronprinz hatte eine Gleichstromanlage, auf dem ganzen Schiff gab es 1900 Lampen, von vier Dampfmaschinengeneratoren gespeist. Die Räume wurden von einer elektrischen Heizung gewärmt, die zudem noch Energie an elektrische Öfen abgab. Rund 60 Elektromotoren standen für den Betrieb der Laufkräne, Ventilatoren, Aufzüge und Kühlanlagen zur Verfügung. Die Aufnahme von Ladung, Gepäck und Proviant erfolgte über sechs Dampfwinden. Es wurden Kilometer an Spezialkabeln eingebracht. Es gab 18 hölzerne Rettungsboote mit Luftkästen und sechs Halbklappboote aus verzinktem Stahlblech. Für die Dampfkessel lagen stets um 4550 Tonnen Kohlen parat, pro Tag wurden rund 700 Tonnen Kohle verbrannt. Der Dampfdruck wurde von zwölf Doppel- und vier Einfachkesseln erzeugt, diese arbeiteten mit 15 Atmosphären Überdruck. Das Schiff war ein technisch großer Wurf. Auf Veranlassung der Kaiserlichen Marine gab es Einrichtungen, in denen eine größere Zahl von Geschützen montiert werden konnte, die im Kriegsfall hätten zum Einsatz kommen können.

Die Ausstattung des modernsten Schnelldampfers seiner Zeit war generös. An Bord war eine neuzeitliche interne Telefonanlage vorhanden. Für alle Passagiere standen eigene Bordküchen – je nach Klasse – zur Verfügung, in Pantries wurden Speisen warmgehalten, auch Kaffee, Tee oder Kakao. Es gab 32 Badezimmer und Toiletten, so angelegt, dass die Laufwege relativ kurz waren. In der Ersten Klasse wärmten sich Passagiere und Offiziere in Badewannen aus vernickeltem Kupfer auf. Der Speisesaal für die Oberklasse lag auf dem Hauptdeck, mit 414 Sitzplätzen. Für diese Klientel gab es auch Lese- und Schreibzimmer. Die Ausstattung der Zweiten Klasse war nur wenig geringer. Für alle gab es einen Arzt, die Passagiere hatten keine Bezahlung zu leisten.

Das Schiff lockte wegen seiner Einrichtung und dem Service viel Prominenz an, darunter Politiker, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und andere Künstler, Wissenschaftler, Anwälte und Millionäre. Zwischen Ellis Island und New York wurden von 1901 bis 1914 rund 138.526 Personen befördert haben; die Zahl der Passagiere von Europa an ist nicht bekannt. Prinz Albert von Preußen stieg 1902 in Bremen zum Staatsbesuch nach New York an Bord, dort wurde er von Präsident Roosevelt und der Presse empfangen.

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Das Ende der Kronprinz als Passagierschiff war dramatisch. Am 4. August 1914 kam in Zusammenhang mit dem Kriegszustand mit Großbritannien und Frankreich der Befehl alle Passagierbuchungen zu stornieren. Statt der üblichen 4000 Tonnen Kohle sollte der Erste Offizier Kurt Grahn, er hatte auf dieser Reise das Kommando für den in Urlaub befindlichen Kapitän Burghard Wilhelmi übernommen, 6000 Tonnen bunkern; selbst in den kostbar ausgestatteten Großen Salon ließ er mangels dafür nötiger Bunkerkapazität Kohle schütten. Am 5. August kappten Briten das deutsche Transatlantikkabel. Bei der Ausfahrt von New York traf die Kronprinz den Kleinen Kreuzer SMS Karlsruhe und übernahm von ihm Militärpersonal, Geschütze, Waffen und Munition. Kapitänleutnant Paul Thierfelder und seine Männer schossen auf 14 Schiffe, alle versanken. An den Azoren erhielt die Kronprinz Kohle vom Frachter Walhalla. Am 14. September 1914 kam es nahe der brasilianischen Insel Trindade zum Gefecht mit dem britischen Hilfskreuzer Carmania, das deutsche Schiff war stärker und dampfte ab. Die Route ging in Richtung Buenos Aires, von dort kam ihr die Sierra Cordoba des NDL als Versorger mit 1700 t Kohle sowie Ausrüstungs- und Versorgungsgütern zur Umladung auf See entgegen.

Foto: Archiv U. Horn

Die Besatzung musste trotzdem aufgeben, weil sie ohne ausgewogene Ernährung von frischem Gemüse erkrankte. Man lebte von Büchsengemüse, Fleisch und Weißbrot, es kam zu Hungerödemen, ein Viertel der Mannschaft lag in den Kojen. Der Kapitän musste in US-Gefilde einlaufen, die Mannschaft war acht Monate auf dem eigenen Schiff gefangen. Die Maschinenanlage versagte, im April 1915 internierte die USA das Schiff im Hafen von Philadelphia, es wurde eingemottet. Die US-Navy organisierte nach dem Kriegseintritt der USA am 6. April 1917 und der noch am gleichen Tage erfolgten Beschlagnahme des Schiffes den Umbau zum Truppentransporter, das Schiff hieß nun USS Von Steuben, es pendelte zwischen New York und Brest unter amerikanischer Flagge. Am 9. November kollidierte es mit dem Truppentransporter USS Agamemnon, dabei wurde der Bug der Kronprinz eingedrückt und es gab weitere Beschädigungen.

Am 6. Dezember wurde das Schiff zum Rettungsort. Im kanadischen Halifax kam es zu einer gewaltigen Explosion im Hafengebiet, 1635 Menschen starben auf der Stelle, noch mehr waren verletzt. Die Von Steuben war auf der Anfahrt, sie überstand die Flutwelle und Soldaten konnten vom Schiff aus helfen, wodurch einige Menschen ihr Leben behielten.

Foto: Archiv U. Horn

Am 18. Juni 1918 war die Von Steuben auf der Rückfahrt von Brest nach New York, als sie von einem deutschem U-Boot U 151 geortet wurde. Dieses hatte zuvor den britischen Dampfer Dwinsk versenkt, die Wrackteile lagen auf dem Wasser. Der Maschinist Whitney J. Dragon erkannte die Heckwelle eines vom U-Boot abgeschickten Torpedos. Durch ein schnelles Wendemanöver konnte die Von Steuben knapp aus dem Schussfeld gebracht werden und warf auf das U-Boot Wasserbomben. Dragon erhielt einen Orden, weil er 1200 Soldaten gerettet hatte.

Am 29. Juni 1918 startete der Truppentransporter von New York nach Frankreich, auf dem Begleitschiff Henderson entstand am 2. Juni ein Brand. Vom Schiff aus konnte man eine ganze Nacht über mehr als 2000 Soldaten auf die Von Steuben bringen. Im November des Jahres wurde das Schiff in Brooklyn, New York zu einer Grundsanierung gebracht. Am 14. Oktober 1919 wurde es aus derListe der US-Marine gestrichen und erhielt den Namen Baron von Steuben. Am 7. Juni 1920 ging das Schiff durch Versteigerung an die Shopping Board für 1.500.000 Dollar in Washington D.C. Eigner war nun Fred Eggen und die Foreign Trade Development Cruise. Er plante, mit dem in United States umzubenennenden Schiff eine Weltreise mit 700 amerikanischen Unternehmern zu arrangieren, um den amerikanischen Außenhandel anzuregen. Die Reise kam nicht zustande, 1921 wurde das Schiff wieder Von Steuben. 1923 wurde es aus dem Schiffsregister gestrichen, zur Verschrottung verkauft und 1924 von der Boston Iron & Metals Co in Baltimore abgewrackt.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer