EIN SCHIFF, DAS ZUM DENKMAL WURDE

Das SS Conte Biancamano war als Linienschiff gebaut worden. Es hatte Glamour und moderne Technik, wurde aber auch beschlagnahmt und endete in einem nationalen Museum.

Foto: Sammlung JSA

Dieses Schiff erinnerte mit seinem Namen an Humbert I. von Savoyen, Graf Biancamano, den Gründer des „Savoy“, der ersten Luxusherberge mit dem besonderen Blick auf London. Sie liegt an der Themse, dort, wo der Fluss einen Bogen macht, und eröffnet den Blick auf das Panorama der Sehenswürdigkeiten, wie die Canary Wharf, die sieben Brücken und das Parlamentsgebäude. Der französische Impressionist Claude Monet hat es vor mehr als 120 Jahren erst von einem Baumwipfel aus gemalt. Später nutzte er immer neue Leinwände, die der Butler-Service ihm auf Anweisung des Direktors brachte. Das Hotel hatte 1889 eröffnet, besaß elektrische Aufzüge, Sprechrohre von Zimmer zu Zimmer und zum Personal und manche Zimmer hatten eigene Bäder, das war damals der höchste Luxus.

Wer ein solches berühmtes Denkmal als Vorgabe nimmt, will hoch hinaus auch mit einem Schiff. Als es 1925 von Genua startete, der Heimathafen war Triest, erhielt es viel Aufmerksamkeit und war der Stolz der italienischen Nation. Am 23. April des Jahres lief es vom Stapel, am 20. November begann die Jungfernfahrt nach New York. Der Welt sollte vorgeführt werden, dass hier made in Italia ein Luxusliner auf den Meeren unterwegs war.

Das SS Conte Biancamano wurde als Baunummer 640 von der William Beardmore & Co. im schottischen Glasgow gebaut. Auftraggeber waren die Betreiber Conte Rosso und Conte Verde. Von 1925 bis 1932 wurde es von der genuesischen Reederei Lloyd Sabaudo betrieben. Danach von der Reederei Italia Line bis 1936. Bis 1940 war es verchartert an den Lloyd Triestino und kehrte dann wieder zurück zur Italia Line, bis 1941. Die Reederei war 1932 verstaatlicht worden, zusammen mit der Società Italia Flotta Riuniti.

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Im Zweiten Weltkrieg wurde der Dampfer von den USA beschlagnahmt und nach der Umwandlung zum Truppentransporter für bis zu 7000 Menschen und Umbennung 1942 als USS Hermitage (AP-54) an die US-Army übergeben, die es als Truppentransporter nutzte. Am 20. August 1946 wurde das Schiff stillgelegt, 1947 gab man es an die Italia Line zurück. Dort wurde es von dort bis März 1960 gemanagt. Schließlich wurden nach der Außerbetriebsetzung Teile des Schiffes in das Nationale Museum für Wissenschaft und Technologie mit dem Namen Leonardo da Vinci in Mailand integriert. Die einzelnen Teile waren sehr gut ausgesucht, unter anderem die Kommandobrücke, der Festsaal und einige Kabinen der Ersten Klasse. Sie konnten erhalten bleiben und sind heute in dem Mailänder Museum ausgestellt.

Der Ozeandampfer mit dem markanten langen schwarzen Rumpf hatte eine Tonnage von 23.562 BRT, ab 1947 bis zum Ende war u.a. durch Ansetzen eines längeren Bugs die Tonnage auf 24.416 BRT aufgestockt. Das Schiff war 203,56 Meter lang, die Breite betrug 23,14 Meter, der Tiefgang max. 7,9 m und die Höhe 8,36 Meter. Die Deckaufbauten strahlten in sattem Weiß, es gab zwei Promenadendecks, zwei Masten und zwei Schonsteine. Im Maschinenraum waren zwei Parson-Dampfturbinen mit doppeltem Untersetzungsgetriebe installiert worden, die Propulsion erfolgte über zwei Propeller. Die Maschinenleistung lag bei 24.870 PS. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 20 Knoten (37 km/h). In der Ersten Klasse konnten 180 Gäste untergebracht werden, in der Zweiten Klasse 200, in der Dritten (Economy) 390 und in der Vierten Klasse 2660 Menschen. Das SS Conte Biancamano galt in der Weltschifffahrt als Spitzenklasse, vor allem wegen seiner innovativen Annehmlichkeiten.

Foto: Sammlung JSA

Die Conte Biancamano hatte ein Schwesterschiff, die von Stabilimento Tecnico Tristino erbaute Conte Grande (25661 BRT), die 1927 fertiggestellt worden war. Beide Schiffe zielten auf wohlhabende Passagiere in Europa und Nordamerika, aber auch auf die profitablen Routen nach Südamerika.

1934 trat die Conte Biancamano erstmals in den militärischen Dienst ein. Das geschah im Auftrag des italienischen Marineministeriums, das sich für den Italienisch-Äthiopischen Krieg vorbereitete, der 1936 begann. Das Schiff brachte Kriegsausrüstungen nach Äthiopien.

Ab 1936 ging es auf den attraktiven Routen zum Mittleren Osten durch das Mittelmeer. Als es 1938 zu Unruhen in Shanghai kam, weil europäische Juden von Chinesen verfolgt wurden, war die Strecke Genua-Shanghai die Hauptfluchtroute. Wie viele Menschen auf dem Schiffsweg gerettet wurden, teilweise unter chaotischen Umständen, ist nicht bekannt. 1940 kehrte die Conte Biancamano auf die Route Genua-Neapel-Panama-Valparaíso-Panama zurück.

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Auf einer der Fahrten wurde das Schiff beim Halt in Panama, in der Hafenstadt Cristóbal, zwangsaufgelegt und beschlagnahmt. Die USA waren in den Krieg eingetreten, Mussolini-Italien stellte sich hinter das Hitlerregime. Im Dezember 1941 übernahm die USA das Schiff, das nach Philadelphia gebracht wurde; von da wurden Soldaten im Truppentranspost an die Fronten gebracht. Am 2. November 1942 fuhr das in USS Hermitage benannte Schiff mit 5600 Mann von New York aus in Richtung Casablanca, dort erreichte es acht Tage später den Hafen. Die Soldaten gingen an Land, um sich an der Operation Torch zu beteiligen. Das Schiff fuhr am 11. Dezember zurück in die USA, ab Anfang 1943 wurde es vor allem im Südpazifik eingesetzt. Als es gegen Kriegsende nach der Landung der Alliierten in der Normandie zwischen Amerika und Europa pendelte, wurde USS Hermitage bedeutsam, sie brachte Nachschubkräfte in die finalen Kriegsereignisse und holte verwundete Soldaten nach Hause. Am 8. Mai 1945 kapitulierte das Deutsche Reich, zu der Zeit befand sich das Schiff in Le Havre. Es war zum Rettungsort für Verwundete geworden, neben Tausenden US-Soldaten wurden auch solche aus dem Pazifikraum, wo der Krieg gegen Japan geführt wurde, in Sicherheit gebracht. Insgesamt sollen es 129.695 Soldaten gewesen sein, das Schiff hatte rund 230.000 Meilen zurückgelegt.

Die Italiener wollten ihr „Flaggschiff“ zurück, es fanden Verhandlungen statt. 1947 war es wieder die Conte Biancamano, die nach Italien zurück kam, die Runderneuerung fand in Monfalcone statt und dauerte etwa ein Jahr. Der Bug wurde erneuert, der Rumpf um vier Meter verlängert und weiß bemalt. Die Kabinen wurden umgebaut, die Passagiere hatten in der Ersten Klasse 252, in der Kabinenklasse 455 und in der Economy Class 893 Unterkünfte.


Foto: Sammlung JSA

Italien wollte eine erneuerte Conte Biancamano, etliche Architekten, Ingenieure, Maler und Designer waren am Neubau beteiligt. Aufgeführt sind Massimo Campili, Mario Sironi, Roberto Crippa, Gio Ponti, Paolo De Poli und Gustavo Pulitzer. Die Wandskulpturen im Großen Saal stammen von Marcello Mascherini, ebenso die Deckengestaltung mit der Geschichte von Iason und dem Goldenen Vlies. In der italienischen Nachkriegsflotte sah es lange nicht gut aus, aber dieses Schiff konnte auftrumpfen.

Es war ein großes Ereignis, als die Conte Biancamano am 14. Juli 1949 zu ihrer ersten Fahrt von Genua nach Buenos Aires aufbrach. Ab dem 21. März 1950 ging das Schiff für einige Jahre auf die Route Genua-Neapel-Cannes-New York. 1960 war die Conte Biancamano 35 Jahre alt, es gab erste Überlegungen, das Schiff aus dem Dienst zu nehmen. Im selben Jahr, am 26. März, ging es zur letzten Fahrt, von Genua über Neapel, Barcelona, Lissabon nach Halifax und New York, und zurück.

Am 16. August 1960 traf die Conte Biancamano in La Spezia ein, hier wurde sie 1961 verschrottet.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer