EIN SCHNELLES, KURZES SCHIFFSLEBEN

Die Oregon war ein Tempo-Ozeandampfer der britischen Guion Line, durch einen tragischen Umstand waren dem Schiff aber nur vier Jahre vergönnt.

Ursprünglich sollte dieser Dampfer nur den Dienst der schnellen Vorzeigeschiffe der Reederei, Arizona und Alaska, ergänzen. Doch nur ein Jahr nach seinem ersten Einsatz auf der Nordatlantikroute zwischen Liverpool und New York wurde ihm schon das begehrte blaue Band um den Bug gerollt. Das Schiff hatte am 5. April 1884 auf der Strecke von New York nach Queenstown nur sieben Tage, zwei Stunden und 18 Minuten gebraucht, die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 17,12 Knoten (31,7 km/h). Auch zur Rückfahrt nach New York in westlicher Richtung war die Oregon schneller als je ein anderes Schiff zuvor in jener Zeit; hier wurde gar eine Geschwindigkeit von 18,56 Knoten (33,3 km/h) vorgelegt, dazu eine Zeit von sechs Tagen, zehn Stunden und zehn Minuten.

Antonio Jacobsen-Gemälde, 1903. Foto-Sammlung Jens Meyer

1884/85 war es das schnellste Schiff der Welt, es zog auf See souverän an den anderen vorüber und überholte sogar sich einmal selbst mit einem neuen Rekord. Dass das Schiff Oregon genannt wurde – nach einem Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika – war bei der britischen Reederei Guion Line mit Sitz in Liverpool selbstverständlich – Amerika galt als die Zukunft.

Wie bedeutsam dieses Schnellschiff war, wurde 1885 vorgeführt. Im März des Jahres gab es Anzeichen für einen Krieg zwischen Russland und Afghanistan, es hatte bereits Kampfhandlungen gegeben. Die britische Admiralität, die in der Region das Sagen hatte, charterte 16 Liniendampfer, sie wurden zu Hilfskreuzern umgebaut. 13 der Schiffe waren militärisch aufgerüstet, doch als die Auseinandersetzung ernst wurde, nutzte die Royal Navy nur zwei dieser Schiffe, die Moor von der Reederei Union Line und die Oregon; letztere vor allem wegen ihrer Geschwindigkeit. Im November 1885 kehrte die Oregon in den Passagierverkehr zurück.

Der Dampfer hatte seinen Heimathafen in Liverpool, er war unter der Flagge des Vereinigten Königreichs unterwegs. In Liverpool war er auch gebaut worden, von der John Elder & Company, er hatte die Baunummer 274 erhalten. Die Entwicklung und der Bau kosteten insgesamt 1.250.000 Pfund Sterling, damals eine gewaltige Summe. Weil in dieser Zeitperiode der Stahl außerordentlich teuer und schwer zu beschaffen war, wurde es ein Dampfschiff aus Eisen. Die Oregon war als Schiff mit zwei Schornsteinen, vier Masten und einem Propeller, der aus massivem Tiegelgussstahl bestand, der Durchmesser betrug 7,3 Meter.

Der Stapellauf fand am 23. Juni 1883 statt, die Indienststellung erfolgte im 7. Oktober desselben Jahres. Im September hatte das Schiff mehrere Probefahrten zu absolvieren, die alle gut liefen. Das Kommando an Bord übernahm Kapitän James Price.

Das Dampfschiff war 157,9 Meter lang und 16,5 Meter breit. Der Tiefgang wurde mit 12,2 m angegeben. Der BRT-Vermessung lag bei 7375, der Schiffsrumpf hatte neun Schotts, die zehn wasserdichte Räume trennten. Die Oregon bekam fünf Decks. Ihre Antriebsanlage bestand aus einer dreizylindrigen Verbunddampfmaschine mit umgekehrter Dreifachexpansion. Dazu gehörten ein Hochdruckzylinder und zwei Niederdruckzylinder. Die Leistung lag bei 12.000 PS, womit eine Geschwindigkeit von 18,5 Knoten (34,3 km/h) erreicht wurde. Der Dampfer brauchte mehr Brennstoff als alle anderen Schiffe dieser Zeit, den Dampf erzeugte man in neun kohlebefeuerten Doppelend-Kesseln der Marke Fox. Jeden Tag wurden 300 Tonnen Kohle verarbeitet, sehr viel mehr als die „Schwesterschiffe“ Alaska und Arizona und andere.

Das Vibrationsproblem, das die Alaska und die Arizona plagte, konnte bei der Oregon gut gelöst werden. Sie wurde bei gleicher Länge um 6,5 Prozent größer und vier Fuß breiter als die Alaska. Das Drei-Klassen-System wurde genutzt: 340 Passagiere hatten Platz in der Ersten Klasse, 92 in der Zweiten Klasse und 1100 in der Dritten Klasse. Neu war die Gestaltung der Steerage (Zwischendeck), dort befanden sich üblicherweise die Schlafsäle der Dritt-Klasse-Passagiere. Auf der Oregon gab es aber nur separate Kabinen.

Der große Salon auf dem Oberdeck, 20 Meter lang und 16 Meter breit, war mit Paneelen aus poliertem Satinholz getäfelt. Die drei Meter hohen Decken waren weiß und golden dekoriert, darüber reckte sich ein Kuppeldach. Auf dem Promenadendeck war es möglich, den Schreibsalon zu besuchen, der einen Mosaikboden besaß und mit spanischem Mahagoniholz getäfelt war. Das Besondere: die meisten Hölzer für Wandtäfelungen stammten aus Oregon, dem US-Küstenstaat an der pazifischen Küste mit seiner riesigen bewaldeten Landschaft.

1884 geriet die Guion Line in einen finanziellen Strudel, er zog die Reederei so weit zurück, dass die Eigner und Brüder William H. Guion und Stephen B. Guion zurücktreten mussten. Sie konnten die Raten für Investitionen nicht mehr begleichen und gaben die Oregon an die Bauwerft zurück. Zugleich hatte sich die Konkurrenz aufgerichtet, in dem Fall die Cunard Line, die bei der gleichen Werft gerade die RMS Umbria und RMS Etruria als Wettbewerber bauen lies. Für 616.000 Pfund Sterling ging die Oregon am 7. Juni 1884 an Cunard. Auf der Strecke von Liverpool nach New York wurde sie nicht mehr eingesetzt. Die Idee war, die Oregon von Liverpool nach Boston fahren zu lassen.

Am 6. März 1886 ging sie zum letzten Mal unter dem Kommando des Kapitäns Philip Cottier auf die Strecke nach New York. An Bord befanden sich 186 Passagiere der Ersten, 66 der Zweiten und 395 der Dritten Klasse, dazu eine Besatzung von 205 Mitgliedern.

Am 14. März, einem Sonntag, war die Oregon nur noch 15 Stunden von New York entfernt, als das Unglück geschah. Fünf Seemeilen östlich von Fire Island kollidierte das Schiff mit einem anderen Schiff, vermutlich dem hölzernen Schoner Charles H. Morse, der danach mit seiner Besatzung in jenen Gewässern verloren ging. Später war nie mehr möglich, korrekt zu klären, mit welchem Schiff die Oregon zusammengeprallt war. Mysteriös: Das Wrack der Charles H. Morse war verschwunden und wurde nie wieder aufgefunden.

Das große Leck im Rumpf der Oregon konnte nicht geschlossen werden. Der kluge Kapitän sprach mit den Passagieren, es gab Kaffee und Tee, so dass keine Panik entstand. Doch zwei Stunde nach der Kollision entschied Kapitän Cottier, das Schiff müsse verlassen werden. Allerdings reichten die Plätze in den Rettungsbooten nur für die Hälfte der Gäste. Es wurden Lichtsignale gesandt, drei Schiffe kamen zu Hilfe, darunter das Lotsenboot Phantom und der Schoner Fannie A. Gorham. Entscheidend war der Dampfer Fulda des Norddeutschen Lloyds, er nahm Passagiere und Besatzung auf. Es war höchste Zeit dafür.

Der Kapitän versuchte, das havarierte Schiff bei Fire Island auf Grund zu setzen, das gelang nicht. Acht Stunden nach der Kollision sank das Schiff mit dem Bug voran auf der Position 40° 31‘ N, 72° 59‘ W. Die Spitzen der Masten ragten noch einige Zeit heraus, aber die Oregon war zu stark beschädigt worden beim Aufprall auf dem Meeresboden. Immerhin konnte der Zahlmeister noch in schneller Tat einen großen Teil der Wertsachen aus dem Safe bergen.

Der Verlust wurde mit einem Verlust von 3.166.000 Pfund Sterling festgelegt, darauf einigten sich Versicherungen und Reederei. Es mutet makaber an, dass noch heute der Unglücksort zu sichten ist. Zwölf Meter über dem Meeresboden ist vor Fire Island noch der Schiffsbug auszumachen, vermutlich wurde er beim Untergang vom Schiff abgetrennt, weil er beim Aufprall beschädigt worden war. Der Rest des Schiffs liegt mit leichter Schlagseite als Wrack im Meer, in etwa 38 Metern Tiefe, wie Taucher es registriert haben.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer