EIN TEMPOSCHIFF

Die Columbia war ein Schnelldampfer im Dienst der HAPAG, sie wurde auf dem Atlantik eingesetzt und danach ins Ausland verkauft und musste am Ende sogar als Hilfskreuzer herhalten.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann ein erbitterter Kampf der Reedereien auf dem Nordatlantik. In der Schifffahrtsgeschichte wird dieser Zeitraum, der sich bis in die 1920er Jahre hinzog, als die größte Auseinandersetzung unter Konkurrenten festgehalten. Neben den Frachtschiffen gewann der Passagierverkehr rasant an Bedeutung. Mehr Menschen und mehr Ladung sollten in kürzester Zeit vom einen auf den anderen Kontinent transportiert werden.

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Unter dem kühnen und leistungsstarken Reeder Albert Ballin von der HAPAG – „der größten Persönlichkeit der internationalen Schifffahrt“, so der führende Hamburger Schifffahrtshistoriker Arnold Kludas, inzwischen 92 Jahre alt – wurden die Schnelldampfer auf das Meer gebracht. Einer davon war die Columbia, die im Dienst der HAPAG eingesetzt wurde. Er wurde am 25. Juni 1889 von der Werft Laird Brothers in Liverpool an die Hamburger Reederei übergeben, als zweiter Doppelschrauben-Schnelldampfer der HAPAG neben der einen Monat zuvor vom Vulcan in Stettin gelieferten und 1000 BRT grösseren Augusta Victoria, beide vom ersten Einsatz an führend auf der Nordatlantikroute. Nach der Übergabe wurde der Dampfer bereits am 18. Juli 1889 auf seine Jungfernfahrt geschickt, von Hamburg via Southampton nach New York.

Seinerzeit erlebten die Vereinigten Staaten von Amerika einen enormen industriellen Aufschwung. Deshalb wurden die atlantischen Verkehrswege zwischen Amerika und Europa genutzt wie nie zuvor, weil an Flugzeuge noch nicht zu denken war, lief alles über den Schiffsverkehr. Hunderttausende Menschen verließen ihre europäischen Heimaten, um nach Amerika übergesetzt zu wurden, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen wollten. Es war ein unvergleichlicher Boom, der transatlantische Wettbewerb in der Schifffahrt artete zeitweise zum Exzess aus. Technische Effizienz der Schiffsmaschinen und immer höhere Reisegeschwindigkeiten verschafften der Schifffahrt eine hohe Popularität.

Der Passagierdampfer der am 27. Mai 1847 in Hamburg gegründeten Hamburg-Amerikanischen-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft – so der offizielle Titel der HAPAG – war 145 Meter lang und 16,48 Meter breit, die Vermessung lag bei 7578 BRT. Im Rumpf des Schiffes befanden sich 2 Dreifach-Expansions-Dampfmaschinen, die über zwei Propeller auf Hochtouren liefen und eine Höchstgeschwindigkeit von 19 kn (35km/h) ermöglichten. Die Maschinenleistung wurde mit 12.500 PS (9194 kW) angegeben. Die Besatzung bestand aus 250 Personen.

Alles lief gut an, aber im August 1892 wurde das Schiff plötzlich gestoppt, in Hamburg war eine Cholera-Epidemie ausgebrochen. Alle HAPAG-Schiffe blieben im Hafen oder schafften es nur bis Southampton, die Stadt New York erließ strenge Quarantänebestimmungen. Kurzfristig konnte die Columbia ab September 1893 nicht ihre Schnelldampferqualität beweisen, die Cholera-Fälle hörten nicht auf, weshalb das Schiff vorübergehend innerhalb des Deutschen Reiches nur bis Wilhelmshaven gelangen konnte. Die Ausfallkosten müssen gewaltig gewesen sein.

Für die auf der Atlantik-Routen eingesetzten Schiffe Columbia und Augusta Victoria, wurde festgestellt, dass im Winter die Passagierzahlen stark fielen, weshalb sie zunächst aufgelegt wurden. Ersatzweise wurden zwischen Januar und März 1891 Angebote gemacht, nämlich Mittelmeerkreuzfahrten (wegen der Cholera ab Cuxhaven). Sie wurden ab 1896 als „Vergnügungsreisen“ beworben, im Winter ging es ins Mittelmeer und im Sommer Nordlandfahrten bis nach Spitzbergen. Im Januar 1896 hatte auch eine Überseefahrt ab Genua und über die Stationen Algier, Gibraltar und Funchal nach New York geführt, später im Jahr fand erstmals für die Columbia eine Kreuzfahrt nach Westindien statt. 14 Häfen wurden in Westindien angefahren, im März des Jahres kehrte das Schiff nach Hamburg zurück.

Der in Bremen ansässige Norddeutsche Lloyd (NDL) setzte seine Schnelldampfer im Winter von Mittelmeerhäfen nach New York ein, dem schloss sich die HAPAG an. So konnte die schwierige Lage wegen der Epidemie 1893 umgangen werden; HAPAG und NDL hielten von 1894 bis 1901 partnerschaftlich auf der Route Genua-Neapel-Gibraltar-New York fest.

Im Juli 1895 war die Columbia nach Deutschland gerufen worden, weil sie – gemeinsam mit der Augusta Victoria – die Ehrengäste zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals beförderte.

Am 8. April 1898 verkaufte die HAPAG die Columbia nach Spanien, dort wurde sie als Hilfskreuzer im Spanisch-Amerikanischen-Krieg gebraucht. Sie erhielt von der spanischen Marine einen neuen Namen: Rapido. Die Einsätze führten das dem Entsatzgeschwader für die Philippinen zugeteilte Schiff im Juni 1898 ins ägyptische Port Said, dort wurde den Schiffen keine Kohle zugestanden, so dass sie einige Zeit stilllagen. Die Marine rief daraufhin das Geschwader zurück.

1898 wurde die Rapido umgerüstet, sie sollte Marine-Soldaten in die unruhige Kolonie Spanisch-Sahara befördern. Der Krieg endete bald darauf, die Rapido brachte die Truppen zurück ans spanische Festland. Andere Soldaten wurden im November des Jahres zu den Kanaren gebracht, wo es auch Unruhen gab, von dort ging es im selben Jahr weiter nach Kuba. Im Januar 1899 begann die Rückreise nach Cadiz mit Truppen und anderen zurückzuführenden Schiffen, die sich zum großen Teil in einem schlechten Zustand befanden und deshalb auf der Fahrt mit Zwischenstopp in Fort-de-France von den Hilfskreuzern Rapido und Patriota häufig in Schlepp genommen werden mussten.

Foto: Repro Udo Horn

Im Juli 1899 gelang es der HAPAG, die drei Monate zuvor in Cadiz eingetroffene Columbia zu einem günstigen Preis zurückzukaufen. Der Dampfer wurde überholt und ging wieder auf die Nordatlantikstrecke über Cherbourg bis nach New York. Das lief bis Oktober 1902, im April 1904 wurde die Columbia abermals verkauft. Sie ging an die russische Freiwillige Flotte, von der sie in Terek umbenannt wurde. Die Russen wollten das schnelle Schiff im Russisch-Japanischen-Krieg als Hilfskriegsschiff einsetzen, sie hatten drei weitere Zweischraubenschnelldampfer aus Deutschland erworben, darunter auch die Augusta Victoria und die Fürst Bismarck der HAPAG.

Die Umrüstung zum Kriegsschiff hatte zur Folge, dass dort, wo das Zwischendeck für Passagiere war, ein zusätzlicher Kohlebunker entstand, für die Kohleübernahme auf See wurden entsprechende Luken geschnitten. Dazu wurden mehrere Geschütze und zwei Maschinengewehre installiert, die Terek wurde kein Kampfschiff, sondern blieb ein Hilfskreuzer.

Im November 1904 war die Terek als Versorgungsschiff unterwegs, im Einsatz mit dem II. Pazifischen Geschwader. Zunächst ging die Fahrt nach Dakar, im Januar 1905 nach Madagaskar, im März des Jahres nach Singapur. An Bord soll es zu Unruhen unter der Besatzung gekommen sein, es folgte aber kein Ausbruch.

Im Mai 1905 wurde die Terek vor der Seeschlacht bei Tsushima von dem Geschwader getrennt, um die Seewege nach Japan zu kontrollieren. Sie versenkte ein britisches und ein dänisches Schiff. Aber es zeichnete sich ab, dass die russische Flotte in eine Niederlage steuern würde. Niederländische Behörden internierten das nach Batavia (Tandjong Priok, Indonesien) versegelte Schiff, das nach dem Friedensschluss, Mitte Oktober 1905 nach Wladiwostok geschickt und dort entwaffnet wurde.

Weiteren Nutzwert hatte die einstige Columbia nicht mehr. Im April 1906 startete sie zu einer 50080 sm-Rückreise über Saigon und Vigo ins russische Libau (Liepäja, heute zu Estland gehörend). Am 1. Dezember strich man die Terek aus der Liste der Kriegsschiffe, 1907 kam sie ins britische Preston zum Abwracken.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer