Entspannter Luxus

Die neue Seabourn Ovation ist ein Kunstwerk des Designs, will aber nicht bewundert, sondern bewohnt werden. Freiheit und herzliche Atmosphäre prägen den Luxus. Angelika Bucerius hat es getestet.

Mögliche Antworten seien „Yes“, „No“ oder „Wow“. Er entscheide sich für das Wow, sagt Adam Tihany im Imagefilm der neuen Seabourn Ovation. Der Schiffsdesigner hat wesentliche öffentliche Bereiche des Schiffs entworfen. Amerikaner reden großspuriger, denken wir, betreten das Schiff und erreichen das Treppenhaus. Wow! Die Stufen verlaufen oval. Marineblauer Teppich, Glasscheiben und Handlauf aus edlem Holz. Wer nach oben blickt, sieht den Himmel durch eine riesige Glasdecke. Schaut man nach unten, meint man einen großen geschliffenen Smaragd zu sehen. Die grüne Glasskulptur am Fuß der Treppe sei eines seiner Lieblingsstücke, sagt Tihany.

Mehr als 120 Kunstwerke internationaler junger Künstler hat Tihany zusammen mit den Kuratoren von Artlink, einer Kunstvermittlungsagentur, zusammengestellt. Bilder und Fotos machen die Gänge unterhaltsam. Vasen und Skulpturen schmücken die breiten Flure. An der imposanten koreanischen Vase gelangt man zur Lounge „The Club“. Abends spielen hier Bands so lange, bis die Tanzfläche leer ist und der letzte Gast sich aus den gemütlichen Sesseln erhebt.


Durch eine Tür gelangt man in einen der schönsten Außenbereiche. Ein kleiner Pool und zwei Whirlpools werden von Liegen umrahmt. Hier, am hinteren Ende von Deck fünf, fühlen wir uns Wasser und Wellen nah wie sonst nirgends auf dem Schiff. Sonnenliegen gibt es für alle genug. Zudem haben alle 302 Suiten einen eigenen Balkon mit Liegestühlen.
Im Gästebereich wurde mit edlen, hochwertigen Materialien gearbeitet. Stoffe und Leder in Kombination mit warmen Holztönen und Glas ergeben einen feinen aber gemütlichen Stilmix. Die Seabourn Ovation ist kein Kunstwerk, das bewundert werden will. Vielmehr ist alles darauf ausgerichtet, dass sich der Gast wohl fühlt. „The Square“ ist wie ein Wohnzimmer. Im Zentrum befindet sich die unauffällig integrierte Rezeption. Um sie herum sind gemütliche und farbenfrohe Sofaecken gruppiert. Schwere Atlanten, Kunstbücher und Bildbände liegen auf den Tischen.
Das wohlige Empfinden ist das Besondere auf dem sogenannten Ultra-Luxus-Schiff. Kreuzfahrtdirektor Handré Potgieter sagt, der Seabourn-Luxus sei, den Gästen Möglichkeiten und Freiheiten zu geben. „Es geht nicht um Kronleuchter und das ganze Bling-Bling“, betont der österreichische Hoteldirektor, Helmut Huber. An formellen Abenden ist bei den Herren ein Jackett erwünscht. Krawatte, Schlips und Smoking können zu Hause gelassen werden. Wer gerne in Frack und Fliege erscheint, ist ebenso gerne gesehen.
Der entspannte Luxus prägt auch die Zeit an Land dank langer Liegezeiten. Im Städtchen Honningsvåg haben wir ausreichend Zeit, mit einem lokalen Bus ans Nordkap zu fahren und am Nachmittag auf den Hausberg zu wandern. Ein Genuss sind die Seetage. Man kann sie mit einem guten Buch gemütlich verbringen oder am vielseitigen Bordprogramm teilnehmen. Es werden verschiedene Vorträge von Wissenschaftlern, Sport- und Entspannungskurse, kulinarische Präsentationen und Tanzstunden angeboten.


Die ganze Zeit werden wir umsorgt von einer aufmerksamen und froh gesinnten Crew. Uns wird keine aufgesetzte Nettigkeit entgegengebracht, sondern aufrichtige Herzlichkeit. Mit melodischem britischen Akzent beginnt Kapitän Andrew Pedder seine Zwölf-Uhr-Durchsage sinngemäß übersetzt mit: „Ich wollte nur sehen, ob es Ihnen allen gut geht“. Begegnen wir Service-Mitarbeitern, begrüßen sie uns mit Namen und geben uns das Gefühl, schon ewig an Bord zu sein.
All dies trägt zu dem familiäres Gefühl ein. Dazu passt das „Family Style Dinner“, das von dem amerikanischen Drei-Sterne-Koch Thomas Keller konzipiert wurde. Die Speisen werden auf einer Platte in die Mitte des Tischs gestellt, von der sich jeder wie zu Hause selbst bedient. Wer Lust auf einen Fernsehabend auf dem Sofa hat, bestellt sich Kaviar und Champagner oder Hamburger mit Pommes auf die Suite. Alles ohne Aufpreis, denn alle Restaurants, der Zimmerservice, Champagner, ausgewählte Weine und viele andere Getränke sind im Reisepreis eingeschlossen. Am nächsten Morgen kann man sich sein Frühstück ans Bett bringen lassen.
Kulinarisch schwimmt die Seabourn Ovation in der obersten Liga mit. Sterne-Koch Keller hat auf ihr eine Dependance von „The Grill“. Der Caesar’s Salat wird am Platz zubereitet, die Consommé ist vorzüglich und von dem perfekt rosa gegarten Lamm hätten wir am liebsten nachbestellt, wenn es der Magen zugelassen hätte. Im Hauptrestaurant „The Restaurant“ gibt es täglich wechselnde mehrgängige Menüs. Auch im „Colonnade“ wechselt die Karte. Hier gibt es mittags Buffet und abends servierte Themen-Menüs. Der Fisch für das „Sushi“-Restaurant wird eigens aus Japan eingeflogen. Die Qualität ist unverkennbar. Viel zu spät entdeckt haben wir eines unserer Lieblingsrestaurants. Das Abendmenü im „Earth and Ocean“ am Pool ist geschmacklich eine Wucht. Unter freiem Himmel genießen wir dick in Jacken und Decken eingepackt das vorzügliche Essen.
Das ultimative Gefühl, sich wie bei guten Freunden zu Gast zu fühlen, stellt sich an einem frühen Morgen ein. Im Morgengrauen werfe ich mir einen Bademantel über und schlüpfe in die flauschigen Seabourn-Schlappen. Um die Zeit wird noch keiner unterwegs sein, denke ich. Als ich die Schlange vor der Coffee Bar sehe, werde ich eines besseren belehrt. Da stehen sie in Jogginghose und Flipflops, die meisten aber im Bademantel am Tresen, bestellen Cappuccino zum Mitnehmen und dazu einen Schokoladen-Donut. Mit unseren Kaffeebechern schlappen wir zurück zur Suite. So fühlt sich Luxus an.


Fotos: Angelika Bucerius, Seabourn Cruise Line