Es braucht mehr Stimmen für die Meere

Die deutsche Meeresbiologin Antje Boetius (53) ist Professorin an der Universität Bremen und leitet zusätzlich das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Sie hat an 50 Expeditionen zur See teilgenommen und erhielt vom Bundespräsidenten den Bundesverdienstorden. Roland Mischke hat mit ihr ein Interview geführt.

Prof. Dr. Antje Boetius, Foto: Alfred-Wegener-Institut / Kerstin Rolfes

Frau Boetius, jüngst waren Sie vor den Azoren in einem U-Boot in 1000 Meter Tiefe. Was haben Sie dort gesehen?

Einen wunderbaren Lebensraum, über wie unter dem Wasser. Als Vulkaninseln sind die Azoren in der Tiefe besiedelt von Schwammgärten, Tiefseekorallen und allem möglichen Leben. Die Atlantische Region wird aber deutlich vom Klimawandel verändert. Die Menschen dort merken das, es zeigt sich als Trockenheit. Das wäre schlimm für die einzigartige Natur.

Die Pandemie hat 2020 die Kreuzfahrt zum Erliegen gebracht, nun beginnt sie allmählich wieder. Deutsche Reedereien kommunizieren mit Häfen und Nordseeinseln um einen natur- und menschenfreundlichen Kreuzfahrttourismus. Wie wird sich das entwickeln?

Ich denke, dass es nach der Pandemie anders weitergeht als vorher. Ich könnte mir vorstellen, dass der Trend zu kleineren Schiffen und mehr individuellen Erlebnissen bzw. Edutainment-Angeboten geht.

Sie sind regelmäßig in der Arktis. Was empfinden Sie, wenn am Horizont ein Kreuzfahrtschiff auftaucht?

Das ist ambivalent. Einerseits erfahren Touristen hautnah den Klimawandel in der Arktis und wie besonders diese Welt ist. Über eigenes Erleben kann sich das Verhalten zu klimabewussterem Handeln ändern. Ich kenne viele, die angesichts der Schönheit der Polarlandschaften zu Botschaftern für den Klimaschutz wurden. Andererseits haben die Schiffe und der Tourismus einen erheblichen Footprint, zu nennen wären Ölverschmutzung, Einbringung invasiver Arten, Austritte von Abwasser und Grauwasser, Unterwasserschall und Emissionen von CO2 und Rußpartikeln.

Plädieren Sie für mehr oder weniger Kreuzfahrtschiffe auf den Weltmeeren?

Ich habe mal den Footprint der Kreuzfahrt zusammengerechnet und war schon erschrocken. Für eine Zeit hatte ich geglaubt, dass das besser ausgeht als mit dem Tourismus an Land. Aber das ist nicht so, wenn man die Fakten ansieht. Man könnte alles noch viel besser in den Griff kriegen. Durch Subventionen, vor allem bei Energie, aber auch teilweise fragwürdige Lohnkosten und Arbeitsbedingungen entsteht ein verbilligter Markt. Würden wir die Kosten der Schäden mit in den Preis einrechnen, sähe das schon ganz anders aus. Aber unsere Generation hat es sich angewöhnt, die Folgekosten auf die nächste Generation oder andere Länder zu schieben. Das bleibt ungerecht.

Vor der Krise war die Kreuzfahrt ein Wachstumstreiber, 1,2 Millionen Jobs hängen allein in Deutschland an dem Wirtschaftszweig. Was wird übrigbleiben?

Das zu prognostizieren ist schwierig. Derzeit werden einige große, noch vor Corona beauftragte Kreuzfahrtschiffe gebaut. Auf der anderen Seite werden bereits junge Schiffe abgewrackt, weil das billiger ist als sie im Hafen leer liegen zu lassen. Sowohl im Schiffbau als auch im Tourismusmarkt gibt es Corona-bedingt große Verwerfungen, die für viele Menschen eine existenzielle Bedrohung bedeuten. Ökologisch gesehen kann dies aber zugleich einen Neuanfang ermöglichen, sofern es im Stil von Green Recovery (Grüne Erholung) mit nachhaltigen Lösungen weitergeht. Dazu müssen die Staaten in die richtige Richtung investieren. Allein wird das die Industrie nicht schaffen und auf Markteffekte zu warten reicht nicht.

2020 wurden laut Prognose 32 Millionen Passagiere weltweit in der Hochseekreuzfahrt erwartet, es waren dann weniger. 2021 wird diese Zahl ebenfalls nicht erreicht. Sehen Sie als Meeresbiologin die Chance, dass sich die Ozeane erholen?

Einzelne Beobachtungen zeigen, dass in manchen Küstenregionen Lärm und Schmutz zurückgingen. Es gibt Bilder von leeren Stränden, sauberer Luft und Wasser, die von marinem Leben zurück erobert werden. Delphine kehren zurück in Häfen, weil sie leiser sind. Aber für die großen Aufgaben, den Verlust von Arten und Lebensraum einzudämmen, reicht das alles nicht. So hat die Pandemie bisher nur circa 7 Prozent CO2-Emissionen eingespart. Es geht aber darum, Zerstörtes wieder zurückzugewinnen, wie Korallenriffe, Mangrovenwälder, Seegraswiesen und auch die Bestände der Meeressäuger.

Die Flusskreuzfahrt hat bereits wieder begonnen. Sind sie, vom Klimawandel her betrachtet, besser als Meeresschiffe?

Auf Flüssen gibt es andere Dimensionen als auf dem Meer, Entfernungen, maximaler Tiefgang, Seegang, Windstärke und Hafenstrukturen. Leider hat sich allerdings auch dort der Markt so eingestellt, dass Umweltbewusstsein und Klimaschutzmaßnahmen teureren Tourismus ergeben. Da braucht es andere Regeln und Preise, um klima- und umweltschützendes Verhalten zu belohnen.

Die Cruise Lines International Association (CLIA) beansprucht eine führende Rolle in der Einführung maritimer Technologien. Immer mehr Schiffe werden weniger oder nicht mehr mit Diesel betrieben, sondern dem flüssigen Erdgas LNG. Also kaum Stickoxide und Schwefel, fast kein Feinstaub und 20 Prozent weniger CO2. Wie beurteilen Sie das?

LNG ist im Kreuzfahrtsegment eine sinnvolle Übergangstechnologie, aber es wird dennoch weiter fossiler Brennstoff mit teilweise schon in der Gewinnung erheblichen Nebenwirkungen eingesetzt. Es bräuchte dringend technische Innovationen und eine andere Infrastruktur, so dass Schiffe weltweit in Häfen mit regenerativ gewonnenem Methanol, Wasserstoff, aber auch Batterien und anderen Lösungen versorgt werden.

Die Nabu fordert höhere Effizienz mit Brennstoffzellen, synthetischen Kraftstoffen und Windunterstützung. Die Schifffahrt soll auf klimaneutral erzeugtes Methanol oder Ethan setzen. Doch das gibt es noch nicht ausreichend.

Ich wünschte, es würden in Europa noch viel mehr Schlüsseltechnologien gefördert, bei Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Verbände und öffentlichen Stellen. Das Alfred-Wegener-Institut ist mit dem Forschungskutter Uthörn II – mit Methanolantrieb von der Fassmer-Werft – ein Pionier. Wir begleiten Initiativen in der Region Bremerhaven / Unterweser, die aus grünem Wasserstoff – aus Windstrom – Treibstoffe wie Methanol herstellen. Das Nachfolgeschiff der Polarstern soll mit möglichst nachhaltigen Technologien ausgestattet werden.

Polarstern, Foto: Jens Meyer

Die Reedereien wollen weltweit in fünf Jahren 5 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre aufbringen, um die Technologie schneller zu verbessern. Wird das gelingen?

Der Plan kann gelingen, wenn es für alle verbindliche Regeln gibt. Das Emittieren von CO2 muss einen steigenden Preis bekommen, die Subventionen für fossile Energien gehören abgeschafft. Nur so können klimafreundlichere neue Technologien wettbewerbsfähig werden. Bislang externalisierte Kosten für die Kompensation von negativen Umwelt- und Klimafolgen müssen in Produkte und Dienstleistungen eingepreist werden. Da müssen sich die Staaten auf einheitliche Beträge einigen, weil es sonst Wettbewerbsverzerrungen gibt. Diese Einigungen zu erzielen ist schwierig und langwierig – aber eben unabdingbar.

Zwei Drittel der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Wie wird sich die planetare Gestaltungskraft des Menschen im Anthropozän gestalten?

Wir brauchen verschiedene Ansätze für die Meere. Klimaschutz ist ein wesentlicher Beitrag für den Erhalt der Artenvielfalt. Die Vorhersagen sind aber recht düster. Bis Ende des Jahrhunderts sind durch Erwärmung und Versauerung wahrscheinlich 99 Prozent der Korallenriffe verloren, und die sind so wichtig für das Leben im Meer. Weil dort so viele Arten Schutz und Nahrung finden, oder sich dort zur Reproduktion treffen. Von einigen Inseln müssen schon jetzt Menschen umgesiedelt werden wegen der Überflutungsgefahr. Da frage ich mich: Wofür tun wir uns das an? Was genau in unserem Leben rechtfertigt einen solchen Verlust?

Braucht der Meeresschutz größere Schutzgebiete?

Ja, aber die wirken nur, wenn sie überwacht und reguliert werden. Wenn man sieht, wie schwer uns das allein in Nord- und Ostsee fällt! Wir brauchen einen besseren Umweltzustand, die nachhaltige Kleinfischerei soll gestützt werden und die Chancen des Meeres für nachhaltige Nahrung regenerative Energien. Es braucht mehr Stimmen für die Meere, mehr politischen Willen, das zu schützen, was wir und alle kommenden Generationen zum Leben benötigen.

Die Meere auf unserem Planeten sind gestresst. Wie ist Ihre Voraussage über die Lage der Ozeane in den nächsten Jahren?

Leider übertreffen die Klimawandelfolgen die Vorhersagen: der Ozean wird nicht nur insgesamt wärmer, saurer oder sauerstoffärmer, sondern er verliert wesentliche Habitate wie Meereis der Arktis oder Korallenriffe der Tropen. Diese Entwicklung hat eine starke Veränderung der Artenvielfalt zur Folge und verändert die Nahrungsnetze und die Produktivität der Meere. Circa zehn Prozent der Menschheit lebt sehr nahe am Wasser ohne Deiche, so dass der Anstieg des Meeresspiegels für sie bedrohlich ist. Auch zeigen sich Spuren immer weiterer Störungen: Zunahme der Vermüllung und des Lärms im Meer. Ein paar gute Neuigkeiten gibt es aber auch – in einigen Bereichen der Meere klappt die nachhaltige Fischerei schon besser, manche Bestände erholen sich und da wird es auch besser mit dem Eintrag von Nährstoffen. Insgesamt aber sind die Schutzziele nicht erreicht.

Braucht die Erde eine maritime Wende?

Ja. Die Gesundheit des Meeres ist eng mit unserer eigenen Daseinsvorsorge verbunden. Angefangen mit einem viel breiteren Wissen über das Meer und seine Erforschung und Überwachung müssen wir auch seine nachhaltige Nutzung organisieren und regeln. Dazu gibt es Initiativen – viele setzen auf eine Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Ich arbeite beim Programm der Vereinten Nationen „Global Compact“ mit, dort lässt sich die die Industrie beraten wie ihre Geschäftsmodelle besser mit den Nachhaltigkeitszielen übereinzubringen ist. Es gibt große Ziele, aber noch keine eindeutigen Erfolge im Ausstieg aus fossilen Brennstoffen oder der Entwicklung einer emissionsfreien Aquakultur.

Neben Häfen, Brücken, Tunneln und anderen Strukturen zur Energiegewinnung, wie Windkraftanlagen, sind zunehmend Uferbereiche betroffen.

Wir Menschen sind auf Nutzung der Meere angewiesen. Je mehr wir werden, je knapper Ressourcen an Land sind, umso mehr werden wir nach den Meeren schauen für Nahrung, Platz und andere Werte. Es geht halt nix von selbst.

Uthörn II, Animation: Fassmer Werft

Das im August letzten Jahres bei der Fassmer Werft in Berne an der Weser für das AWI bestellte neue Küstenforschungsschiff Uthörn wird das erste Schiff der deutschen Forschungsflotte mit einem nachhaltigen Methanol-Antrieb. Der Bau des 35,70 m langen, 9 m breiten und 3,65 m seitenhohen Schiffes mit einem Tiefgang von 2,20 m und einer Antriebsleistung von 2 x 200 kW für 10 kn Geschwindigkeit, das den 1982 in Dienst gestellten Forschungskutters gleichen Namens ersetzt, wird mit 14,45 Mio. Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Neben dem umweltfreundlichen Antrieb erhält der Neubau, der neben der Besatzung 25 Studierende unterbringen kann, als weitere Neuerung am Heck und an der Seite Kranausleger für den Einsatz von wissenschaftlichem Arbeitsgerät. Mit der wissenschaftlichen Erprobung des Schiffes soll 2022 begonnen werden. JPM