„Fokus auf Norwegen“

Iain Powell, Chief Commercial Officer (CCO) von Hurtigruten im Gespräch.
In Ihrem beruflichen Leben hatten Sie schon viele Einblicke in das Kreuzfahrtgeschäft und die Luftfahrt. Können Sie diese Erfahrungen bei Hurtigruten mit einbringen?
Ich war schon immer in der Reisebranche tätig, zunächst bei Reiseveranstaltern und später bei Kreuzfahrtreedereien. Dadurch bringe ich eine recht breite Erfahrung über alle Aspekte des Reisens mit. Zwei Dinge stechen für mich dabei besonders heraus: Zum einen habe ich Erfahrung mit großen Kreuzfahrtschiffen. Wenn man dann zu Hurtigruten kommt, merkt man sehr schnell, wie besonders es ist, kleinere Schiffe zu betreiben. Wir können einzigartige Orte ansteuern und unsere Gäste dorthin bringen, wo die großen Schiffe schlichtweg nicht hinkommen. Davon profitieren wir enorm: Ich kann mein tiefes Verständnis für den operativen Kreuzfahrtbetrieb auf unsere kleineren Schiffe übertragen und so ein unvergleichliches Kundenerlebnis schaffen. Zum anderen ist da natürlich unser Landangebot. Da ich aus dem Veranstaltergeschäft komme, weiß ich genau, wie wertvoll es ist, dass viele unserer Kunden ganz allgemein mit uns durch Norwegen reisen. Sie verbringen Zeit an Land, übernachten in Hotels, nutzen unsere Touren und kommen dann natürlich auch auf unsere Schiffe. Dieser Veranstalter-Hintergrund hilft uns enorm dabei, Land- und Seereisen perfekt miteinander zu verzahnen –ein absoluter Wachstumsmarkt.
Welche Ziele wurden nach der Trennung der beiden Gesellschaften festgelegt? Welche wurden bereits erreicht und welche sind kurzfristig?
Die Aufteilung der beiden Geschäftsbereiche hat natürlich etwas Zeit in Anspruch genommen und wurde im Februar letzten Jahres abgeschlossen. Das Hauptziel war, beide Unternehmen unabhängig voneinander und mit klarem Fokus betreiben zu können. Davon profitieren wir jetzt sehr: Wir sind wieder ganz klar die Experten für Norwegen. Das war unser erstes Ziel – Hurtigruten wieder auf das norwegische Kerngeschäft auszurichten, also zurück zu unseren Wurzeln und zu dem, was wir seit über 130 Jahren machen. Das schafft absolute Klarheit in unserem Angebot – und dieses unmittelbare Ziel haben wir bereits erreicht.
Danach ging es darum, unsere kommerziellen Ziele umzusetzen. Im Sommer letzten Jahres sahen wir einen Wendepunkt: Ab Juni/Juli verzeichneten wir eine deutliche Erfolgssteigerung. Das ist das direkte Resultat daraus, dass wir uns nicht mehr um zwei unterschiedliche Geschäftsbereiche kümmern müssen, sondern uns voll und ganz auf unser Kerngeschäft fokussieren können. Wir hatten eine extrem starke Buchungssaison im Frühjahr. Intern haben wir natürlich noch Arbeit vor uns, etwa bei der Optimierung von Prozessen und der Nutzung neuer Technologien, um noch effizienter zu werden. Aber unser Kernprodukt und unsere kommerzielle Leistung sind in einem hervorragenden Zustand. Damit sind wir sehr zufrieden.
Norwegen steht also im Fokus.
Genau, Norwegen ist der Kern unseres Geschäfts – mit unseren klassischen Postschiffreisen sowie den neuen Signature-Seereisen. Wir haben unser Norwegen-Angebot damit deutlich erweitert und unsere Kapazität für den deutschen Markt verdoppelt. Besonders gut kommen bei unseren deutschen Gästen die Abfahrten direkt ab Hamburg Richtung Nordkap an. Zudem haben wir kürzlich unsere „Limited Collection“-Abfahrten für 2027 und 2028 vorgestellt: die „Arctic Line“ von Kopenhagen nach Tromsø, den „Arctic Explorer“, eine Rundreise ab/bis Tromsø mit Fokus auf Winterfahrten nördlich des Polarkreises, und den „Inner Fjords Explorer“, eine Rundreise ab Bergen in den Frühlings- und Herbstmonaten, die es ermöglicht, die Fjorde noch intensiver zu erkunden. Wir erweitern also unser Angebot, bleiben aber unserem klaren Fokus auf Norwegen treu und bieten unseren Kunden einfach eine noch größere Auswahl.
Die Marke Hurtigruten war auch international immer gut bekannt. In welchen Märkten wirkt sich das auch heute aus?
In der Wave-Periode im Januar und Februar sind alle Märkte im Jahresvergleich gewachsen. Ein außergewöhnlich starkes prozentuales Wachstum haben wir in den englischsprachigen Märkten wie Großbritannien, den USA und Australien gesehen. In absoluten Zahlen verzeichnen wir ein massives Wachstum aus Deutschland. Da Deutschland ohnehin schon ein sehr großer Markt für uns ist, ist ein weiteres Wachstum in dieser Größenordnung ein beachtlicher Erfolg. Mein Idealszenario ist natürlich, dass alle Märkte proportional wachsen und wir nicht erleben, dass ein Markt schwächelt, während ein anderer zulegt. Mit einem weiteren Schiff in der Signature-Klasse haben wir jetzt auch die nötige Kapazität für dieses Wachstum.
Wie groß ist der Anteil der deutschsprachigen Gäste derzeit?
Der DACH-Markt macht etwa 35 Prozent unseres weltweiten Geschäfts aus. Der deutsche Kreuzfahrtmarkt ist riesig, und das ungenutzte Potenzial für uns ist hier weiterhin enorm.
Wird es also mehr Abfahrten aus Deutschland in Zukunft geben?
Wir haben diesen Winter unsere Abfahrten ab Hamburg erhöht und damit die Kapazität verdoppelt.
Marius (die Redaktion: Marius Griego, VP Sales & Marketing DACH) und das Team haben die Herausforderung, diese zu füllen. Wir haben ab dem 26. September für den gesamten Winter wöchentliche Abfahrten von Hamburg zum Nordkap. Ein Schiff startet freitags ab Hamburg, in der Folgewoche samstags und danach wieder freitags.
Die Kreuzfahrtbranche wächst generell, und besonders der Trend zu kleineren Schiffen nimmt zu. Die Gäste möchten Häfen anlaufen, die direkt im Stadtzentrum liegen oder Ziele besuchen, an denen sie noch nie waren. Außerdem gibt es eine starke Sehnsucht nach authentischem Reisen – man möchte nicht nur auf dem Schiff sein, sondern das Zielgebiet, die Kultur, die Restaurants und das Lebensgefühl vor Ort wirklich erleben. Dafür sind wir mit unseren kleineren Schiffen und unserer Expertise ideal aufgestellt. Zudem wird Norwegen als Reiseziel immer beliebter. Aufgrund der zunehmenden Hitze im Mittelmeerraum suchen viele europäische Urlauber im Sommer nach Reisezielen mit einem angenehmeren, gemäßigten Klima. Die globale geopolitische Lage führt zudem dazu, dass bei vielen Reisenden das Bedürfnis nach sicheren und stabilen Reisezielen wie Norwegen wächst. Wir sind also für die kommenden Jahre hervorragend positioniert.
In Norwegen sollten neue Regularien für Kreuzfahrtschiffe in Kraft treten, wurden dann aber wieder abgesagt. Wie ist der heutige Stand?
Wir machen uns keine Sorgen, aber wir appellieren an die norwegische Regierung, gleiche Wettbewerbsbedingungen – ein echtes Level Playing Field – für alle sicherzustellen. Schiffe, die in Norwegen operieren, sollten denselben ausgewogenen Regeln unterliegen, unabhängig davon, ob sie ihre Reise in Norwegen oder in einem anderen Land beginnen. Das betrifft beispielsweise die Anforderungen an die Crew oder den wirtschaftlichen Beitrag für die lokalen Gemeinden. Wir möchten einfach auf einer gerechten und einheitlichen Basis agieren. Es geht uns dabei weniger um spezifische Fjord-Beschränkungen, sondern um eine ganzheitliche Reise- und Tourismuspolitik in Norwegen, die für alle Marktteilnehmer fair ist.
Was ist für Sie die beste Flottengröße?
Aktuell haben wir zehn Schiffe im Einsatz, die wir erfolgreich auslasten müssen. Wir haben sicherlich das Potenzial, noch mehr Kapazität aufzunehmen – zum Beispiel durch neue Routen wie die ‚Arctic Line‘ ab Kopenhagen oder die Erschließung weiterer spannender Orte in Skandinavien. Für 2026 sind wir bereits auf einem sehr guten Weg und ich bin überzeugt, dass uns ein starkes Jahr bevorsteht. Wenn wir beweisen, dass wir unsere aktuelle Kapazität gut füllen, hätte ich perspektivisch gerne mehr Schiffe, vielleicht 12 oder 14. Aber Priorität hat jetzt erst einmal, dass wir das, was wir aktuell tun, herausragend gut machen.
Und es ist auch wichtig zu betonen, dass es uns dabei um die Flottengröße geht, nicht um die Schiffsgröße. Wir wollen keine größeren Schiffe. Mit unserer aktuellen Schiffsgröße ermöglichen wir genau die authentischen Reisen, die heute so gefragt sind. Mit größeren Schiffen wären wir schlichtweg eine andere Kreuzfahrtreederei.
Ein weiterer interessanter Faktor für unsere langfristige Planung ist die bevorstehende Neuausschreibung des norwegischen Staatsvertrags für die Küstenroute ab 2030. Mit über 130 Jahren operativer Erfahrung auf dieser Route sind wir bestens aufgestellt, dieses Kapitel unserer Geschichte fortzuschreiben. Sobald das Ergebnis der Ausschreibung feststeht, haben wir einen noch klareren Rahmen für unsere Flotten- und Kapazitätsplanung über 2030 hinaus.



