„Ich bin kein Freund von Blue Cruises“

MSC-Deutschland-Geschäftsführer Christian Hein im Interview zum Restart, den Gesundheits-Protokollen, Vertriebskanälen und neuen Trends.

Wie sind Ihre Erfahrungen nach der Übernahme Ihrer Position im April 2019, also nur ein knappes Jahr ohne Corona?

Christian Hein, GF MSC Kreuzfahrten,
Foto: MSC Cruises

Auch als Airliner habe ich diverse Ups and Downs miterlebt und schon als ich bei MSC anfing, war der Abverkauf von Kreuzfahrten kein Selbstläufer mehr – Rekordsommer in Deutschland, eine steigende Reisezurückhaltung hinsichtlich Frühbuchern, die Diskussion über Umweltschutz in der Branche, Bewegung im Vertrieb. Alles keine einfachen Themen. Aber der weltweite, virusbedingte Stillstand einer immer noch boomenden Branche – das schien doch unvorstellbar. Seit März 2020 kämpft die Kreuzfahrt nun mit den Folgen der Pandemie. Alle Bereiche im Unternehmen sind betroffen, die Flotten der Reedereien stehen größtenteils still. Ich freue mich, dass MSC dank eines umfassenden und strengen Gesundheits- und Sicherheitsprotokolls, das übrigens einen Standard für die gesamte Industrie gesetzt hat, zumindest ein Schiff wieder im Mittelmeer fahren lassen kann. Und mit der MSC Grandiosa immerhin unser aktuelles Flaggschiff.

Wird es weitere Gesundheits-Protokolle geben?

Das branchenführende Health & Safety Protokoll von MSC Cruises wurde von Anfang an so konzipiert, dass es sich an eine schwankende Gesundheitssituation an Land anpassen kann. Es ist seit August 2020 in Kraft und wird auch in der kommenden Sommersaison in angepasster Form Anwendung finden.

Vor Kurzem wurde es erst in Übereinstimmung mit der aktuellen Entwicklung der Pandemie auf dem europäischen Festland durch eine Reihe erweiterter rigoroser Maßnahmen verstärkt.

Unser Protokoll ist anders als alles andere, was es sonst im Hospitality-Bereich gibt, sowohl in Bezug auf das Screening als auch auf die Verhinderung der weiteren Ausbreitung des Virus durch eine entsprechende Notfallplanung vor Ort.

Ist das Thema Impfpflicht bei MSC aktuell?

Ich persönlich würde auch gern geimpft werden, aber es hat fast etwas diskriminierendes, wenn dann Menschen keine Kreuzfahrt machen dürfen, wenn sie nicht geimpft sind. Wir bei MSC schauen uns genau an, was die anderen machen, die Airlines, die Länder… Letztlich ist es ein schwieriges Thema: Wir haben 180 Nationalitäten an Bord. Wenn dann die Deutschen linksrum gehen und die Engländer rechts, ist es schwer einen begehbaren Mittelweg zu finden. Also werden wir uns im Augenblick nicht den beiden Reedereien anschließen, die eine Impfpflicht für ihre Passagiere eingeführt haben. Bei denen ist auch der Altersdurchschnitt höher als bei uns – wir werden abwarten, was unsere Mitbewerber machen. Es ist ein heikles Thema. Wir haben aber bereits jetzt sehr gute Gesundheitsprotokolle, auf denen man aufbauen kann.

Wie sind Restartpläne?

Die MSC Grandiosa, das Flaggschiff von MSC Cruises, ist am 24.01.2021 wieder aus dem Hafen von Genua in Italien ausgelaufen, um nach einer kurzen Betriebspause über die letzten Feiertage wie geplant regelmäßige 7-Nächte-Kreuzfahrten im Mittelmeer aufzunehmen. Das Schiff hatte seine Fahrten aufgrund des italienischen Dekrets, das die Bewegungsfreiheit innerhalb des Landes einschränkt, vorübergehend ausgesetzt.

Landausflüge gehören bei MSC nach wie vor zum Kreuzfahrterlebnis dazu, auch bei den aktuellen Routen der MSC Grandiosa. Um eine „Safe Bubble“ an Bord des Schiffes zu gewährleisten, gehen die Gäste nur im Rahmen von geschützten Landausflügen an Land, so dass die Gäste auch an Land durch ähnliche Maßnahmen wie an Bord geschützt werden können

Für die kommende Sommersaison 2021 liegt im Norden der Fokus ganz klar auf unserem Neubau MSC Virtuosa. Das Schiff wird in Kiel eingesetzt und fährt in ihrer ersten Saison 7- bis 14-Nächte-Kreuzfahrten – abwechselnd Fjorde und baltische Hauptstädte, wobei alle Reiserouten die Einschiffung sowohl in Kiel als auch in Kopenhagen, Dänemark, anbieten.

Ab Hamburg setzen wir die MSC Preziosa ein, sie bietet 9- bis 14-Nächte-Routen mit Zielen in Irland, Island, zum Nordkap und Spitzbergen in Norwegen an.

Foto: MSC Cruises

Befinden sich auch von anderen europäischen Abfahrthäfen ähnliche Reisen für den Sommer 2021 in Planung?

Wir haben eine umfassende Planung, aber das kann sich derzeit täglich ändern. Ich tue mich vor allem mit dem Norden schwer, das ist schlecht einzuschätzen. Dürfen wir die Häfen dann wirklich ansteuern, man muss hier abwarten. Ich bin aber kein großer Freund von „blue cruises“. Das ist „nice to have“, aber auch wenn unsere Schiffe ein sehr schönes Schiffserlebnis bieten, würden wir es nicht forcieren, hier einfach unter Vollzeug loszulegen.

Die MSC Virtuosa ist jetzt übernommen und soll am 8. Mai in Kiel sein. Wo wird das Schiff vorher eine Taufzeremonie erhalten?

Es gab bereits eine kleine Übergabezeremonie. Die Taufe wird dann wahrscheinlich in ganz kleinem Kreis stattfinden. Wir warten dann eher auf eine richtige Taufe bei der Seashore. Prächtige Taufen sind zwar unsere Kernkompetenz (lacht), aber derzeit kann man nicht eine glänzende Feier veranstalten, wenn man noch zu Hause noch nicht mal zum Friseur gehen kann. Wann und wo da etwas veranstaltet wird, wissen wir noch nicht. Möglicherweise vor den ersten Mittelmeerfahrten im April.

COVID-19 und das Kreuzfahrtjahr 2020: Wie ist das Verhältnis von Umbuchungen zu Rückerstattungen?

Nachdem die gesamte Kreuzfahrtbranche aufgrund der weltweiten Pandemie zum Stillstand kam, waren auch wir gezwungen, MSC-weit Hunderttausende Buchungen zu stornieren. Erfreulicherweise haben wir aber sehr treue Kunden, weshalb es weniger zu Rückvergütungen kam als zu Umbuchungen. Denn die von uns Corona-bedingt ausgegebenen Gutscheine erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit und die Kunden freuen sich schon sehr darauf, endlich wieder mit uns in See zu stechen.

Kunden die hingegen eine Rückerstattung wünschten, haben diese so schnell wie möglich erhalten oder erhalten diese in Kürze. Da es, wie gesagt, um Hunderttausende Buchungen geht, richten sich Rückerstattungen immer nach dem eigentlichen, ursprünglichen Abfahrtsdatum.

Ein Ausblick in das Jahr 2021 und die Buchungen für 2021/22.

Für Sommer 2021 gibt es aktuell eine steigende Nachfrage und besonders die Resonanz auf Aktionen wie unseren wöchentlichen „Catch of the day“ laufen zurzeit sehr erfolgreich. Auch für die nächste Wintersaison 2021/2022 steigen die Buchungszahlen seit den letzten Wochen kontinuierlich an. Bei der Sommersaison 2022 laufen Kreuzfahrten im Mittelmeer und der Karibik bereits gut an.

Es gibt Trends zu kleinen Schiffen – was gibt es bis heute an neuen Infos zur Luxusmarke von MSC?

Wir sprechen im Moment von sechs Schiffen: jeweils ein Schiff pro Jahr von 2023 bis 2026 plus zwei Optionen. Auch von weiteren Schiffen, die mit Windkraft angetrieben werden, ist die Rede. Genauere Informationen werden demnächst kommuniziert.

Sind Umstrukturierungen für Deutschland geplant?

Was die für den deutschen Markt zuständige GmbH mit Sitz in München betrifft, so sind keine Umstrukturierungen geplant und ich freue mich, dass wir die volle Belegschaft – trotz der Corona-bedingt angespannten wirtschaftlichen Situation – halten können.

Was sind die Dinge, die man aus der Krise des letzten Jahres am ehesten lernen kann?

Wir sehen uns die Vertriebskanäle genau an. Man muss kein Prophet sein um zu verstehen, dass der Druck des Direktvertriebes größer wird. Letztendlich kann sich der Kunde aussuchen, welcher Weg ihm am liebsten ist. Ich möchte in allen Kanälen unter Volldampf vorangehen – das läuft besonders gut derzeit auf unserer Webpage und bei den Online-Partnern, glauben aber auch in Zukunft an unsere Vertriebspartner im stationären Bereich. Da lichten sich aber leider im Augenblick die Reihen, es wird gemutmaßt, dass ein Drittel von ihnen diese Zeit nicht überleben werden. Dort wo gute Potenziale sind, werden wir uns positionieren – das haben wir gerade mit neuen Provisionsmodellen gezeigt. Die Zukunft entscheidet sich in den Vertriebskanälen. Die Pandemie revolutioniert uns nicht, aber sie beschleunigt die Wege, die wir bereits schon angedacht hatten.

Ihre persönliche Einschätzung: Wann legt die Kreuzfahrt wieder richtig los?

Uns stehen einige Monate der Erholung, wie in der gesamten Touristik, bevor. Wir sind für dieses Jahr gar nicht so schlecht angebucht für Herbst und Winter. Das große Fragezeichen wird der Sommer werden. Ich persönlich glaube, dass Ende März-April eine kurzfristige Buchungswelle kommen wird von denen, die wieder reisen möchten. Das könnte den Sommer einigermaßen retten.

Wir müssen jetzt sehr wachsam sein, um die ersten Regungen mitzunehmen und sich im entscheidenen Moment nicht das Feld von den Mitbewerbern wegnehmen zu lassen.

Was hat Sie am Thema Kreuzfahrt eigentlich am meisten gereizt?

Wenn ich in einem Flugzeug sitze, gehe ich von Punkt A zu Punkt B. Heute darf ich Erlebnisse und Destinationen verkaufen – allein das Transportmittel Schiff ist eine Destination für sich. Der Reiz dessen, das ich als Vertriebler verkaufen kann, ist also wesentlich attraktiver. Und als Hamburger habe ich das Maritime ohnehin im Blut.

Sind Sie selbst Kreuzfahrer?

Seitdem ich in diesem Job bin ja. Vorher war ich bereits schon mal auf der Europa 2. Die Wiederholerquote ist in der Kreuzfahrt weitaus höher als in anderen Bereichen. Es ist nicht schwer, sich in unsere Schiffe zu verlieben. Und es gibt nichts Schöneres, als morgens beim Frühstück einen Hafen anzulaufen, die Destination zu erkunden und abends bei einem gutes Essen wieder auszulaufen.

Die zusätzlichen Maßnahmen umfassen Folgendes:

  • Erhöhung der Testhäufigkeit aller Besatzungsmitglieder während ihrer Zeit an Bord von zweimal pro Monat auf wöchentlich, zusätzlich zu den Tests vor dem Boarding für alle Besatzungsmitglieder und anderen laufenden Maßnahmen zur Gesundheitsüberwachung
  • Erhöhte Häufigkeit der Desinfektions- und Reinigungsmaßnahmen an Bord, insbesondere in öffentlichen Bereichen und an Orten mit hohem Kontakt
  • Verschärfung der Definition von engem Kontakt zum Zweck der Rückverfolgung, indem die Zeit, in der Personen in Kontakt sind, von 15 Minuten auf 10 Minuten reduziert wird.

Das Protokoll von MSC Cruises basiert auf neun Schlüsselelementen, von denen viele auch von anderen Kreuzfahrtunternehmen, der Cruise Lines Industry Association (CLIA) und internationalen Fluggesellschaften und Flughäfen übernommen wurden:

1. Überprüfung aller Gäste mindestens zweimal pro Reise

2. Testung der gesamten Crew mindestens dreimal vor der Einschiffung und wöchentlich an Bord

3. Nur geschützte Landausflüge, als organisierte „Social Bubbles“

4. Belüftung mit HVAC-Frischluft

5. Notfallmaßnahmen, die die lokalen Gesundheitsinfrastrukturen nicht belasten

6. Isolierraum an Bord und Tracking/Tracing enger Kontakte

7. Masken

8. Social Distancing – unterstützt durch reduzierte Kapazität des Schiffes

9. Überwachung der COVID-19-Prävalenz