IN ZWEI TEILE GEBROCHEN

Bild: duncan1890/www.istockphoto.com

RMS Scotia war der letzte Schaufelraddampfer in Amerika, später brachte er es zum Blauen Band auf der Transatlantikpassage. 1904 lief das Schiff auf ein Riff und sank.

Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts gab es auf dem Nordatlantik einen erbitterten Kampf um den Gewinn der schnellsten Transatlantikreise. Das Passagierschiff der britischen Cunard Line war an diesem Rekordversuch beteiligt. Im Jahr 1863 war es ihr gelungen, nach einer Fahrt von Queenstown nach New York mit 14,46 Knoten Tempo das Blaue Band zu erobern, mit mehr als einem Knoten schneller als sämtliche Mitkandidaten. Sie hielt das Blaue Band bis 1872. Ein großer Triumph für die Reederei, zumal das Schiff ein hochseetauglicher Raddampfer war. Noch bis 1874 war die Scotia der zweitschnellste Passagierdampfer auf dem Meer. Zwar war sie 1872 von der Adriatic der White Star überholt worden, behielt aber dennoch den Titel. Beide Schiffe galten als gleichwertig, sie waren führende vorozeanische Linienschiffe.

Die Scotia war ursprünglich als Schwester für die Persia entwickelt worden, dieses vorherige Schiff der zu Cunard gehörenden Collins Line war schon 1856 ein Schnelldampfer. Die Persia erhielt als erste das Blaue Band für ein Schiff ganz aus Eisen erbaut.

Der Bau der Scotia musste immer wieder hinausgezögert werden, weil Collins den Verlust der Arctic und der Pacific verkraften musste, sie versagten in der harten Konkurrenz des Expressdienstes.

Deshalb entschied man sich auch, als der Bau der Scotia endlich anstand, den Dampfer größer zu bauen als der bisherige Vorläufer, die Persia (Persien). Die Scotia wurde zur größten Einheit von Cunard, bis die Bothnia und Scythia sie in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts an Größe überholten. Noch heute gibt es in einem Londoner Science Museum ein Modell von der Scotia, das bis heute hohe Anerkennung erlangt.

Das Schiff entstand auf der Bauwerft Robert Napier & Söhne in Glasgow. Man begann mit dem Bau am 25. Juni 1861, die Jungfernfahrt startete am 10. Mai 1862. Das Schiff war 120 Meter lang und 14 Meter breit. Die Tonnage wurde mit 3871 BRT angegeben. Im Maschinenraum gab es eine Zweizylinder-Dampfmaschine mit einer Leistung von rund 4000 PS (3000kW, die auf 2 seitliche Schaufelräder wirkte und einen Tagesverbrauch an Kohle von 164 Tonnen hatte.

Die Anzahl der Passagiere wurde mit 164 in der 1.Klasse und 50 in der 2.Klasse angegeben. Unklar ist die Zahl des Personals. Über die Passage von Menschen, von der Scotia geleistet, gibt es nicht viel Informationen.

Man weiß nur, dass die Scotia als Passagierschiff nur beste, erstklassige Kabinen bot. Sie wurden gern von reichen Familien genutzt, aber auch von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt. Der Kohleverbrauch der schottischen Schiffe auf den Meeren war so hoch wie die Hälfte des Landes Schottland, hatte man ausgerechnet. Außerdem wurden zwei zusätzliche Schraubendampfer eingebracht, um mehr Menschen ins gelobte Land zu bringen; die Zeit der europäischen Auswanderer, die nach Amerika flüchten wollten, hatte massiv eingesetzt. 1875 wurde das Schiff in Liverpool aufgelegt. 1876 gab man das Schiff auf, die Scotia wurde aus dem Linienverkehr gezogen und auf dem Schiffsmarkt zum Verkauf angeboten.

Drei Jahre später wurde die Scotia noch einmal umgerüstet. Sie wurde jetzt als Kabelleger zwischen Amerika, Afrika und Europa eingesetzt. Der Umbau auf der Werft von Laird Brothers war aufwendig. Die Schaufelräder wurden entfernt und durch zwei Propeller ersetzt. In den Laderäumen wurden zwei Kabeltanks implantiert, einer zehn Metern Durchmesser und jeweils sieben Meter Höhe, ein anderer Kabeltank mit rund elf Meter Durchmesser und fünf Meter Höhe. An den Bug installierte man eine Doppelbugrolle zur Kabelaufnahme und auf das Vordeck setzte man die Kabelmaschine. Am Heck verpasste man der Kabelverlegung eine Einfachrolle. Die Scotia war bei den Verlegearbeiten lange Zeit weltweit das am meisten beschäftige Kabelschiff. Selbst Wladiwostok, Nagasaki, Shanghai, Hongkong sowie Sydney, Wellington, Perth und Adelaide wurden an die Verkabelung gebunden.

1887 verlegte sie im Mittelmeer Kabel von Porthcumo nach Gibraltar, dann von Gibraltar nach Malta. 1893 gelang die Kabelverlegung vom Schiff aus von Sansibar zu den Seychellen und von dort aus nach Kapstadt und Mocamedes. Die Telegraph Construction and Maintenance Company war dazu beauftragt worden. Ihre Vermessung betrug jetzt 4667 BRT. Das Verlegen der Verbindungskabel im Ozean war eine große Sache, die viel Aufmerksamkeit erheischte.

1902 wurde die Kabelverlegung fortgesetzt an der südamerikanischen Küste, hier im Zusammenspiel mit der Britannia. Das Atlantikkabel wurde von Borkum/Deutschland aus bis zu den Azoren und von dort aus nach New York verlegt. Hersteller des Kabelmaterials waren die Norddeutschen Seekabelwerke (NSW), gefertigt wurden sie in Nordenham. Insgesamt wurden in dem großen Bereich 7993 Kilometer Kabel verlegt. Die Commercial Cable Co. kaufte 1903 die Scotia auf und war jetzt verantwortlich für ihre Unterhaltung und ihre Wartung.

Zuvor, 1896, war die Scotia vor der US-Stadt Plymouth in Massachusetts in ein Explosionsdrama geraten, das gesamte Vorschiff wurde dabei zerstört. Dass es nicht noch schlimmer geworden ist, war der robusten Konstruktion zu verdanken, so konnte das Schiff überhaupt gerettet werden. Danach wurde es repariert und ging im Verkauf an die Commercial Pacific Cable Company.

Am 11. März 1904 befand sich das Schiff vor Guam, an der östlichen Seite des Pazifiks. 6298 km westlich von Hawaii, 2058 km vom Süden der Philippinen und 2386 km vom südlichen Japan. Sie brachte Kabel und Ersatzteile, doch beim Einlaufen in den Hafen von Apra in Guam kam das Schiff vom Kurs ab und lief an einem Riff hart auf Grund. Schuld daran waren miserable Wetterbedingungen. Das Schiff zerbrach in zwei Teile und versank.

Heute ist der Ort des Untergangs der Scotia ein beliebter Tauchplatz.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jürgen Saupe