Kategorie: Verschiedenes

Die Geschichte von Schiffen

Die Kungsholm

Es war einer der letzten Ocean Liner im pompösen Stil der 1960-er Jahre. 201 Meter lang, 26,5 Meter breit, mit Platz für 730 Passagiere, Tonnage seinerzeit: BRT 26.678. Die Kungsholm war ursprünglich von der Schwedisch-Amerika-Linie für den Nordatlantikliniendienst nach Amerika eingesetzt worden. 1964 bis 1966 hatte man das Schiff auf der Werft John Brown & Company in Clydebank, Schottland, bauen lassen. Es erhielt die Baunummer 728, Auftraggeber war die in Göteborg ansässige Reederei Svenska Amerika Linjen. Eine elegante Lady, ein weißer Schwan der Meere, hieß es lobend in der internationalen Schiffsbranche. Ein Schiff mit großzügigen, offenen Promenaden mit lasierten Holzplanken, weitläufigen Deckflächen, zwei Außen- und einen Innen-Pool und für stürmische Strecken verglaste Wintergärten.

Kungsholmen, Foto: JSA

In dieser Serie geht es um das Schicksal von berühmten und gern erinnerten Schiffen. Was wurde aus ihnen, die für die Kreuzschifffahrt entworfen, entwickelt oder aufbereitet wurden? Schiffe sind massive Stahlkörper für fragile Menschenkörper auf hoher, mitunter wilder See. Transportmittel und Schutzraum, Erlebnis und Erinnerung. Sie bringen Menschen sicher über die Meere und in andere Länder.

Jedes Schiff hat seine ganz eigene Geschichte, von der Errichtung über den Ankauf von Reedereien und den vielfältigen Gebrauch bis zur Ausserdienststellung. Manche dieser Schiffe gibt es nicht mehr, andere sind noch als Klassiker vorhanden. Es lohnt sich, an sie zu denken.

Foto: JSA

Im April 1966 lief die Kungsholm vom Stapel und ging auf die Jungfernfahrt nach New York. Sie kam noch als ein so genannter Zweischornsteiner in Fahrt, eine Huldigung an die traditionsreiche Seefahrt, wobei der Vordere allerdings eine Attrappe war. Nach dem Verkauf an P&O Cruises 1978/79 wurde er im Rahmen eines Großumbaus entfernt, um dem Gesamterscheinungsbild (corporate identity) der Reederei P&O zu entsprechen.

In all den Jahren bis zum Verkauf 1975 an Flagship Cruises waren die Schweden stolz auf dieses Schiff. An Bord hatten sich in den Jahren viele Menschen kennengelernt, manche hatten ihre Hochzeitsreise absolviert, andere nutzten die Fahrt in die Neue Welt mehrfach und es gab eine Menge treuer Schiffsfreunde.

Foto: JSA

Unter dem Eigner P&O bekam sie den Namen Sea Princess, später die Namen Victoria, Mona Lisa, Oceanic II und Veronica.

In Deutschland hatte das Schiff über Lord Nelson Seereisen (Holiday Cruises) eine treue Fangemeinde gefunden. Nach dem Hin und Her von Kontinent zu Kontinent wurde das Schiff 2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver, Kanada, erstmals als Hotelschiff genutzt. Zuletzt lag der beliebte „Dampfer“ als Hotelschiff unter dem Namen Veronica im Hafen von Duqm im Sultanat Oman. Dorthin war sie gebracht worden, weil sie den neuen Sicherheitsanforderungen nicht mehr entsprach. Ein schwimmendes Luxushotel mit 200 Zimmern für Touristen und Geschäftsreisende. Der Eigentümer, die Daewoo Shipbuilding & Marine Engineering Oman, hatte das Schiff anspruchsvoll umgewandelt zu einer Augenweide in einem Stadtteil von Duqm, dem Hafen- und Werftneubau (Oman Drydock).

2013 wurde der einstige Transatlantik-Liner, der zwischen Schweden, den USA und zurück nach Schweden jahrelang Tausende Menschen hin und her befördert hatte und den es zuletzt in ein arabisches Land verschlagen hatte, als Hotel geschlossen.

2015 brachte der italienische Hochseeschlepper Kamarina das Schiff von Oman nach Indien. Zum Abwracken setzte man es auf einen Strand nahe der Stadt Alang. Damit war das Ende der einstigen MS Kungsholm besiegelt. Vielen wird sie unvergessen bleiben. RM

Text: Roland Mischke, Fotos: enapress.com, JSA

Gleichgeschlechtlich auf Kurs

Kreuzfahrten für die schwul-lesbische-Community sind seit Langem gefragt. Jetzt entdecken auch konventionelle Anbieter das Geschäft.*

Zwischen Golf Competition und Fitness stehen im Tagesprogramm der Queen Mary 2 stets die „Friends of Bill“ – das Treffen der Anonymen Alkoholiker – sowie die „Friends of Dorothy“. Im amerikanischen Sprachgebrauch gilt ein Friend of Dorothy als Synonym für schwuler Mann. Treffpunkt von Dorothys Freunden auf der Queen Mary 2 ist der Commodore Club. Wer sich als Zaungast dorthin begibt, sieht nichts Spektakuläres. Einfach nur Leute, die Cocktails trinken und sich angeregt unterhalten.

Nicht nur die Reederei Cunard hat erkannt, dass Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und Queers – kurz LGBTQ – eine interessante Klientel sind. Auch an Bord der Schiffe von NCL, Holland America, Carnival und Princess Cruises, von Crystal und Azamara treffen sich Dorothys Freunde – mehr noch: Sie sind gern gesehene Gäste. Die Community zu umwerben, habe weitreichende Vorteile – sowohl ökonomisch als auch sozial, erklärt John Tanzella. Er ist Präsident der International Gay and Lesbian Travel Association (IGLTA), dem Reiseverband der Schwulen und Lesben. Man pflege damit nicht nur eine loyale, wohlsituierte Zielgruppe, die Botschaft komme vielmehr auch bei deren Freunden und Familien an sowie all jenen, die für Gleichheit und Inklusion sind.

Auch der Brite Peter Jordan sieht das wirtschaftliche Potenzial der Zielgruppe: „Früher trafen sich LGBTQ-Personen bevorzugt an bestimmten Orten – in großen europäischen Städten oder an einigen Stränden, in Umgebungen, wo sie sich sicher fühlen und Gleichgesinnte in einer schwulenfreundlichen Umgebung kennenlernen konnten.“ Jordan ist Touristikberater. Im Auftrag der European Travel Commission hat er 2018 ein Handbuch zum LGBTQ-Reisesegment herausgebracht. Eine Erkenntnis: Je toleranter „reife“ Gesellschaften seien, umso größer die Tendenz der Community, nun auch zu den gleichen Orten wie die Heteros zu reisen.

Kurz: LGBTQ ist raus aus der Nische. Doch es gibt viele, die weiterhin reine Gay-Urlaube machen und nicht in einer heterosexuellen Umwelt, da viele auch nach wie vor unter sich bleiben wollen. Und viele machen auch beides. Es gibt heute eben beide Optionen. Gleichgeschlechtliche Paare in Hotels, am Strand, im Stadtbild sind zumindest in der westlich-aufgeklärten Gesellschaft Normalität. Nicht von ungefähr widmet die größte Reisemesse ITB dem LGBTQ-Reisemarkt seit Jahren viel Raum. Die Anthropologin Rika Jean-François setzt sich für Menschenrechte und Nachhaltigkeit auf Reisen ein – das Thema LGBTQ gehört für sie dazu. „LGBTQ-Reisen gehören weltweit zu den am schnellsten wachsenden Segmenten.“ Allein in Europa schätzt man die Zahl der LGTBQ-Touristen auf 23 Millionen.

Als erste deutschsprachige Reederei hat TUI Cruises die Zeichen der Zeit erkannt und im Mai 2017 eine „Rainbow Cruise“ veranstaltet. Die Fahrt ging von Mallorca nach Malta. Die Bild Zeitung titelte „Kreuz und queer durchs Mittelmeer“. Für Godja Sönnichsen, Pressesprecherin von TUI Cruises, ist die Rainbow-Kreuzfahrt lediglich eine von mehreren Themenreisen, mit denen die Reederei besondere Zielgruppen ansprechen will. Für dieses Jahr ist allerdings keine Rainbow Cruise geplant.

Andere bei deutschen Urlaubern beliebte Reedereien halten sich zum Thema LGBTQ bedeckt. Zahlen, wie viele homosexuelle Paare oder Singles unter den Passagieren sind, werden nicht erhoben. Verständlich: Welche Reederei wollte schon von sich in den Medien lesen, dass sie Listen führt zur sexuellen Orientierung ihrer Passagiere? So sagt Hanja-Maria Richter von Costa lediglich: „Schwule und Lesben sind bei uns herzlich willkommen – auch wenn wir nicht explizit diese Zielgruppe bewerben.“ Auch AIDA Cruises, der Marktführer in Deutschland, ist eher zugeknöpft. „Die Community der Gays und Lesbians hat von Beginn an AIDA-Kreuzfahrten auch für sich entdeckt und gehört zu unserem Gästekreis ganz selbstverständlich dazu“, erklärt Kathrin Heitmann von der AIDA-Pressestelle. Ähnlich äußert sich Negar Etminan, Kommunikationschefin bei Hapag-Lloyd Cruises: „Wir sprechen mit unseren Schiffen anspruchsvolle Gäste aus dem gehobenen Luxussegment an“, deren sexuelle Orientierung sei dabei Nebensache.

Foto: lazyllama/shutterstock.com

„Das Thema Kreuzfahrten ist sehr spannend für die Community“, erklärt Thomas Bömkes, Berater zum Thema Diversity der ITB. Bömkes nennt Atlantis Cruises als Beispiel. Atlantis veranstaltete 2018 rein schwule Kreuzfahrten, chartert dafür Schiffe, etwa die Allure of the Seas mit Platz für bis zu 6300 Passagiere. Doch in vergangenen Jahr waren die Atlantis-Kreuzfahrten in der Karibik und in der Südsee nicht so erfolgreich wie erhofft, so dass Termine in diesem Jahr – schon vor Corona – abgesagt wurden. Dennoch: Peter Jordan sagt, Gay Cruises seien mittlerweile in der LGBTQ-Szene auf der ganzen Welt bekannt, „die Kunden nehmen einen Langstreckenflug in Kauf, um auf eine dieser Kreuzfahrten zu gehen“. Wenn es denn nach der Corona-Pandemie irgendwann wieder möglich ist.

Atlantis ist nur ein Anbieter von vielen, Bömkes zählt weitere auf, etwa Olivia Cruises, ein Veranstalter für lesbische Frauen. Auch Olivia charterte schon Schiffe, wie MS Amsterdam für eine Alaska-Kreuzfahrt, oder die Star Legend für eine Japan-Tour. Auf die sehr junge, feierfreudige Zielgruppe zielen La Demence Cruise mit Sitz in Belgien und Open Sea Cruises in England. Das deutschsprachige Internetportal Gaytrotter bietet eine aktuelle Übersicht über derzeit buchbare schwule Kreuzfahrten weltweit. Auch eine deutschsprachige Gay Cruise ist darunter: Im August und September 2020 soll es auf dem Deluxe Superior Schiff MV Futura an die kroatische Adriaküste gehen, im intimen Kreis mit nur 19 Kabinen, Szenepartys und Clubfeeling, wie es heißt.

Das Programm verspricht, was die Community sucht: Dicht an dicht abtanzen zu Technobeats; Dragqueens und Travestiekünstler heizen die Stimmung an; dazu Mottopartys mit viel Leder und Lack auf nackter Haut. „Eine Erfahrung, wie sie viele schwule Männer suchen“, erklärt Peter Jordan. Die Community entwickelt schon länger Produkte für die eigene Zielgruppe. Doch die eine, in sich geschlossene Kundschaft gebe es nicht, sagt IGLTA-Präsident Tanzella: „Wie Heterosexuelle sind wir sehr unterschiedlich.“ Das Interesse reiche von Kultur- und Abenteuer über Familien- bis zu Kulinarikreisen. Mit zunehmendem Alter reisten Männer gerne als Paare, mit gepflegtem Essen, gutem Wein und Unterhaltung, anstatt die Nächte durchzutanzen. Das ist dann die Lebensphase, in der sie sich wieder für die Queen Mary  2 oder andere konventionelle Kreuzfahrtschiffe entscheiden. Und sich im Commodore Club auf einen gepflegten Plausch treffen. Wichtig sei vor allem eines: „Wir wollen uns sicher und willkommen fühlen“, sagt Tanzella. IBru

*Aufgrund der Corona-Krise kann es zu Änderungen bei den Kreuzfahrten kommen. Bitte informieren Sie sich in jedem Fall bei dem entsprechenden Anbieter.

Text: Ingrid Brunner, Foto: lazyllama/shutterstock.com; Illustration: Lorelyn Medina/stock.adobe.com