Königlich unterwegs

Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Der Doppelschraubendampfer König Friedrich August wurde von der HAPAG für den Hamburg-Südamerika-Passagierdienst eingesetzt.

Die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) hatte zu Beginn des 20. Jahrhundert große Pläne. Südamerika war das Ziel, viele Zeitgenossen zog die tiefe Seite des amerikanischen Kontinents magisch an, auch die Wirtschaft war angelaufen. Das tropische Brasilien lockte mit Karneval und schönen, fröhlichen Menschen, aber auch das weite Argentinien mit seiner faszinierenden Hauptstadt Buenos Aires am Rio de la Plata, das „Paris Südamerikas“ genannt wurde, galt vielen Auswanderern als zukunftsträchtig.

Es gab bereits ein Schiff für Südamerikareisen, die für die Hamburg Süd gebaute Cap Vilano. Doch diese war nicht effizient genug, man wollte ein modernes Schiff. Es wurde 1906 als Doppelschraubendampfer König Friedrich August auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut. Weil dieser einen geringen Tiefgang hatte, war er für die Fahrt auf dem Rio de la Plata optimal geeignet.

Namensgeber des Schiffes war König Friedrich August III. von Sachsen (1865-1932), der schon in seiner Zeit als Wettiner der albertinischen Linie geboren als Prinz Friedrich August Johann Ludwig Karl Gustav Gregor Philipp als fortschrittlich galt und als Monarch von 1904 das Königreich Sachsen regierte, bis er nach sozialen Unruhen 1918 abdanken musste. Er war Sachsens letzter König und zog sich auf seinen Privatbesitz, das schlesische Schloss Sibyllenhof, zurück, wo er im Alter von 67 Jahren starb.

Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Er hatte sich in seiner Regierungszeit als Reformer profiliert, führte ein Wahlgesetz ein, gestaltete das Schulwesen neu und fand viel Anerkennung in der Bevölkerung. Aber die politischen Wandlungen bedrängten ihn und seine Regierung und die Novemberrevolution von 1918 fegte schließlich seinen Königsthron hinweg.

Seit 1924 gilt Sachsen als Freistaat, Friedrich August hatte an dem Kompromiss mitgewirkt. Obwohl er politisch nicht mehr bedeutsam war, wurde der Privatmann immer noch geschätzt. Bei den Trauerfeierlichkeiten zu seiner Beerdigung in Dresden erwiesen ihm eine halbe Million Bürger die letzte Ehre. Noch heute gilt er vielen Sachsen mit Traditionsbewusstsein als ehrenwerter Mann.

Es gibt noch eine Vorgeschichte: Es gab schon mal einen König Friedrich August (1797-1854) in Sachsen, er war der II. mit diesem Namen. 1836 wurde dem feschen Mann die Königskrone aufgesetzt, er blieb trotz zweier Ehen mit Damen aus dem europäischen Hochadel ohne Kinder. Als umtriebiger Mensch interessierte er sich auch für Schiffstechnik und ließ von der Maschinenfabrik Buckau in Magdeburg einen hölzernen und motorisierten Raddampfer bauen. Er wurde 1846 mit der Baunummer 22 für die Königlich privilegierte Sächsische Dampfschiffahrts-Gesellschaft auf Kiel gelegt, die 1849 zur Vereinten Sächsisch-Böhmischen Dampfschiffahrt umgewandelt wurde. Mit seiner Entourage schipperte er meist auf der Strecke Dresden-Leitmeritz (heute Litoměřice im tschechischen Böhmen) auf der Elbe durch das Böhmische Mittelgebirge und bis an die Mündung des Flusses Eger.

Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Aufgrund der Popularität von Friedrich August II. wird bis heute in jedem Frühsommer ein Spektakel mit Schaufelraddampfern auf der Elbe inszeniert. Es ist einer der größten Auftritte der Weißen Flotte an historischen Schiffen weltweit.

Der Raddampfer aus Buckau wurde nach nur acht Jahren 1854 abgewrackt, galt aber durchaus als Vorläufer für den Doppelschrauber von HAPAG. Die Sachsen sind helle, heißt es bekanntlich. Es handelte sich bei dem Antrieb des 42,52 m langen Raddampfers um eine oszillierende Niederdruck Zweizylinder-Zwillings-Dampfmaschine mit Flammrohr-Kofferkessel und Einspritzkondensation, die ausgebaut und auf den Nachfolgeschiff Friedrich August II installiert wurde.

Der für den 3. Juli 1906 geplante Stapellauf des deutlich grösseren Doppelschrauben-Passagierschiffes für die HAPAG wurde wegen des Brandes der Hauptkirche St Michaelis um einen Tag aufgeschoben, die Ablieferung erfolgte am 16. Oktober 1906. Die am 26. Oktober desselben Jahres begonnene Jungfernfahrt führte die ersten Gäste an Bord nach Buenos Aires. Später wurden auch andere Strecken nach Südamerika bedient.

Die Länge des Schiffes betrug 144,98 Meter, die Breite 16,84 Meter. Der Tiefgang lag bei maximal 9,41 Metern, vermessen wurde das 7452 t tragende Schiff mit 9462 BRT. Zwei Vierfach-Expansions-Dampfmaschinen mit einer Leistung 6800 PSi sorgten über zwei Propeller für eine Höchstgeschwindigkeit von 15,5 kn. Es gab anfangs eine Zulassung für 36, später 98 Kabinenpassagiere der III. Klasse, und für weitere 580 Gäste im Zwischendeck. Die Besatzungsstärke wurde mit 208 Personen angegeben.

Es war keine gute Zeit für das Schiff, bereits im April 1914 wurde es in Hamburg aufgelegt. Dort verblieb es über die ganze Zeit des Ersten Weltkrieges und auch noch darüber hinaus. Erst am 27. März 1919 ging die König Friedrich August wieder auf Tour, nach Southend-on-Sea, wo sie am 2. April an den Shipping Controller in London übergeben wurde. Der Kriegsverlierer Deutsches Reich hatte Reparationsleistungen aufzubringen, deshalb übernahm die britische Reederei Peninsular and Oriental Steam Navigator Company die Bereederung.

Am 6. November 1920 verkauften die Briten die König Friedrich August an die Canadian Pacific Railway Co., die eine Überholung veranlasste und das unter kanadische Flagge gebrachte Schiff in Montreal umbenannte. Es wurden Kabinenplätze für 298 Passagiere in der 1. Klasse, 56 in der 2.Klasse und 696 im Zwischendeck geschaffen. Mit Beginn 1. Juni 1921 wurde das nunmehr auf 9720 BRT vergrösserte Schiff die erste Reise gestartet, von Antwerpen über Southampton und Quebec nach Montreal. Später wurden auch Mittelmeerdestinationen wie Triest oder Neapel angelaufen. 1923 erfolgte eine weitere Sanierung, die Kabinenplätze wurden auf 229 Kabinen reduziert, für die III. Klasse auf 240.

Rauchsalon an Bord der König Friedrich August. Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Am 19. Juni 1924 geriet die Montreal nahe an einen Zusammenprall. Sieben Meilen entfernt von Kap Race an der Küste von Neufundland rammte der italienische Getreidefrachter Clara Camus den Passagierdampfer Metagama (12450 BRT), der Canadian Pacific Line. Das geschah im dichten Nebel an dessen Steuerbordseite. Weil die Metagama die Weiterfahrt nach Montreal nicht mehr schaffen konnte wegen ihrer starken Beschädigungen, übernahm die Montreal am 20. Juni die 650 Passagiere der Metagama und brachte sie an ihr Ziel.

Im Juli 1924 bekam die Montreal einen anderen Liniendienst, von Kanada fuhr sie nun nach Liverpool und zurück. Im Oktober 1925 war Schluss damit, das Schiff wurde im schottischen Gareloch aufgelegt. 1927 wurde es noch mal reaktiviert für Reisen zwischen Liverpool und Antwerpen sowie nach Saint John in New Brunswick. Danach landete das Schiff wieder in Southend-on-Sea und wurde dort aufgelegt.

1928 wurde die einstige König Friedrich August an die Fabre Line in Marseille verkauft und im Mai d.J. in Alesia umbenannt. Von dort kam es unter französischer Flagge noch zu mehreren Fahrten nach New York und zurück, bis sie 1931 wieder aufgelegt wurde. Am 3. November 1931 begann die Abwrackung in Genua, sie dauerte bis ins Jahr 1933.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer