Kokoswasser vom Himmel

Kaiser-Wilhelms-Land war ein Sehnsuchtsort für Deutsche. Katharina Döblers Roman „Dein ist das Reich“ schildert, wie sie dort gelebt haben.

Johann Hensolt ist noch frisch als Missionar, tagelang wandert er in Dörfer der Papua. Bis die Malaria ihn überfällt. „Das Fieber übergießt ihn mit Schweiß und eisiger Kälte.“ Er halluziniert, will nicht sterben. Als er aufwacht, „hört er die Stimme einer Frau, spürt Hände, kühlende, wärmende, trinkt, was sie ihm hinhalten, Kokoswasser vom Himmel“. Eine Einheimische mit dunkler Haut, schönen Augen, sie singt. Er nennt sie Martha, wie Martha in der Bibel, die für Jesus sorgt. Sie rettet sein Leben, er verwächst mit ihr, „ihre Brüste, so freundlich, so vertraut“, es ist „wie Adam die Eva erkannt hat“. Ein „halbweißes“ Kind kommt, jeder weiß es. Sünde, schwere Sünde.

Vor Jahren stieß Katharina Döbler (63) auf Speere, hölzerne Skulpturen und Trommeln ihrer fränkischen Großeltern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Norden Neuguineas ausgewandert waren. Als ihre Eltern mit den drei Kindern in der Münchner Wohnung am Tisch saßen, erzählten sie manchmal von der Zeit, als sie – beide waren in Neuguinea geboren –, unter Palmen aufwuchsen. Schwärmerei, viel Magie, tropische Natur und die Einfachheit des Lebens. Döblers Mutter hatte als Kind erst die deutsche Sprache und das Gehen in festen Schuhen gelernt, als sie nach Deutschland verschickt wurde. Dort war es kalt und unfreundlich im Kinderheim mit dem Hakenkreuz über der Tür. Die Mutter wurde das Trauma nie los.

Döblers beide Großeltern waren in die deutsche Südseekolonie entsandt worden. Als Missionare sollten sie im Dienst ihres Missionswerks den Einheimischen mit der christlichen Lehre für Zucht und Ordnung sorgen. Das war nicht einfach, Hitze, schlimme Krankheiten und die Einwohner mit ihrem ganz anderen Lebensstil. Heiner Mohr kam, weil er den armen Einödhof hinter sich lassen wollte, Johann Hensolt war ein Abenteurer, tief gottgläubig waren beide. Und das Missionswerk sorgte für deutsche Ehefrauen, damit deutsche Kinder kämen. Die Zugereisten glaubten, die „Wilden“ auf eine höhere Kulturstufe bringen zu müssen.

Katharina Döbler setzte sich als Jugendliche nach West-Berlin ab, war Punk und Hausbesetzerin, studierte und schrieb für Zeitungen. Mit dem Motorrad und ausgefallener Haarpracht besuchte sie die geliebte Oma in Ansbach, deren Ehemann 1945 mit dem von Japanern torpedierten Schiff „Van Imhoff“ untergegangen war. Die Oma kochte „bizarre, bunte Gerichte“, erzählte von Muskatnüssen und Dämonen, Heiden und Gottes Heil, den Pflanzungen der evangelischen Mission, auf denen Einheimische von den Kolonisten in protestantischer Strenge das Arbeiten beigebracht wurde. Sie erwähnte nicht, dass das mit Peitschenzüchtigung im Namen des allmächtigen, immer strafenden Gottes geschah.

Johann Hensolts „Fehltritt“ blieb bedeckt in der Familie, am wichtigsten war, dass „weiße Lehrer“ wie er den Papuas die Erlösung brachten, durch sie „verloren sie ihre abergläubische Angst, ließen einander am Leben, bekamen vernünftiges Werkzeug und starben nicht mehr an Durchfall und harmlosen Wunden. Und sie waren erlöst zum ewigen Leben.“

Irgendwann nahm Katharina Döbler die Geschichten ihrer Vorfahren auf und teilte den Roman in vier Zeitabschnitte. Er ist eine Mischung aus Gehörtem, Verschwiegenem und Fiktionalem. Döbler besorgte sich Unterlagen, Briefe, Aufzeichnungen und Dokumente des fränkischen Missionswerks. Sie besuchte die letzte Hinterbliebene, die jüngere Schwester ihrer Mutter, stellte mit deren Fotos ein Familienarchiv zusammen und suchte Institute auf, die Berichte aus jener Zeit horteten.

Eine Heidenarbeit, die Erzählung musste immer wieder bedacht und geprüft werden, sieben Jahre lang. Die Enkelin hat ihren Roman spannend geschrieben, sie bringt Lesern vor allem die Familien und ihre Umstände nahe. Das wird wunderbar erzählt.

Katharina Döbler: „Dein ist das Reich.“ Claasen, Berlin, 480 S., Preis: 24 €, ISBN: 978-3-546-10009-0, www.ullstein.de

Roland Mischke