Kroatiens Esprit

Gemütlich schaukelt die Crystal Esprit an der Pier des Terminals San Basilio. Geradezu riesig im Vergleich erscheint die Europa, die hier heute direkt vor der kleinen Yacht liegt, auf der Michael Wolf für eine Kroatienreise eincheckt.

Komfortabler geht es nicht: Das Wassertaxi hält direkt vor dem kleinen Terminalgebäude. Hilfreiche Hände hieven die Koffer an Land, expedieren sie direkt zum Schiff. Crewmitglieder warten bereits auf die Gäste, geleiten sie durch die Sicherheitskontrollen. Eine kleine Gangway führt zum Ziel: der Rezeptionsbereich der Crystal Esprit. Das Empfangsteam ist zur Begrüßung angetreten, eine blonde Stewardess, Larissa aus Österreich, wartet bereits mit gekühlten Champagnergläsern.
Das Einchecken an der Rezeption ist eine Sache von Minuten. Charmiane aus Großbritannien, die sonst im SPA arbeitet, begleitet die Gäste auf die Kabine, beendet die Formalitäten auf dem Ipad. Nur selten kommt man bei einer Kreuzfahrt so smooth auf dem Schiff an. Die Reederei hat lange daran gearbeitet, das Ankommen auf den Schiffen der Flotte so stressfrei und angenehm wie möglich zu gestalten. Das Gleiche gilt für das Ende der Reise – an der Rezeption gibt es auf diesem Schiff – soweit gesehen – keine Staus.

Ausfahrt

Für viele der Gäste aus Übersee ist es ein once-in-a-lifetime-Erlebnis: Die Abfahrt aus Venedig durch das Gewusel der Wassertaxis, Fähren und einigen Gondeln. Direkt vorbei am Markusplatz, den Palästen und Kirchen. Und das im schönsten Licht der untergehenden Sonne.
Auf dem Oberdeck trifft man sich zum ersten Mal; der von den philippinischen Stewards ausgeschenkte Champagner fließt in Strömen, an der Openair-Bar, die zu dieser Stunde ihren Namen „Sunset-Bar“ mehr als zu Recht trägt, werden die farbenprächtigsten Cocktails gemixt. Der spanische Gitarrist und Pianist Craig intoniert dazu eine stimmungsvolle und diskrete Hintergrundmusik. Die Schiffsoffiziere stellen sich persönlich bei den neuen Gästen vor, plaudern sich von Gruppe zu Gruppe.
Die kleine Yacht erfreut sich bei den Stammgästen der Reederei, den Mitgliedern der „Crystal Society“, höchster Beliebtheit, wie Hoteldirektor Johann van den Heever erzählt. Sie gaben ihr nicht nur die höchsten Bewertungen in der gesamten Crystal-Flotte, sondern stellen auch auf dieser Reise mehr als die Hälfte aller Gäste. Eine erstaunliche Benotung für ein Schiff ohne Balkonkabinen (die Kabinen liegen zu dicht über Wasserlinie) und Aufzug, das fast durchgängig voll gebucht ist, oft auch für kurze Charter. Aber an den Reaktionen der Mitreisenden lässt sich schnell erkennen, dass sie auf ihren „Darling“ nichts kommen lassen.
Man ist unter sich, einige kennen sich. Da ist der Businessmann aus Hongkong, der mit seiner Frau eine Auszeit vom Geschäft nimmt. Eine amerikanische Mutter reist mit zwei erwachsenen Söhnen um das Land ihrer Großeltern zu erkunden. Und zwei Paare aus Brasilien sind auf Weltentdeckertour – dies ist ihre achte Kreuzfahrt dieses Jahr.
Die meisten wissen, dass es auf der Crystal Esprit nur einen winzigen Spa-Bereich gibt (diverse Treatments wie Massagen oder Hot Stones), dafür einen großen Fitnessraum mit modernsten Kardio-Geräten. Und natürlich die Marina, von der aus die unterschiedlichsten Wassersportmöglichkeiten wie Kayak oder Jetski angeboten werden oder die immer gut gebuchten Fahrräder an Bord.
Die wahren Werte der Crystal Esprit liegen für viele aber im Design, dem Komfort und den zahlreichen Rückzugsmöglichkeiten. Wie auf dem Oberdeck mit dem kleinen Pool am Bug, vom Wind durch Glasscheiben geschützt. Moderne und bequeme Sitz- und Liegemöbel gibt es rund um das Schiff – immer mit Meerblick. Ein kleines Restaurant bietet von mittags bis abends an der einen Seite kleine Snacks und Fisch oder Steaks vom Grill.

Das Hauptrestaurant Yachtclub auf dem daruntergelegenen Crystal Deck ist in grauen und blauen Tönen designt, die Showküche zeigt die kulinarischen Aktivitäten um den englischen Chef Adam Jenkins aus Birmingham, der u.a. im Londoner Ritz arbeitete. Seine Kreationen von Wagyu-Rib Eye über Seezunge und King Crabs sind leicht, oft mit regionalen Produkten erweitert. Die Desserts originell und köstlich, die Käseauswahl formidabel.
Restaurant Manager Luigi Anaclerio stammt aus der Nähe von Portofino, strahlt italienische Lebensfreude und die Herzlichkeit des guten Gastgebers aus. Heute möchten zwölf Gäste gerne gemeinsam open air dinieren – kein Problem, Luigi macht es fast immer möglich. Übrigens ist seine Frau auch in Crystal-Diensten als Hausdame an Bord, beide praktizieren seit Jahren eine schwimmende Ehe.
Mehrere exzellente Weine aus verschiedenen Ländern sind bei Crystal inkludiert (wie auch Champagner und fast alle Spirituosen), werden von der serbischen Sommeliere bestens empfohlen.
Im Patio-Cafe, eingerichtet im modernen hellen Bistrostil, warten morgens und mittags gut sortierte Buffets, ein wirklich schöner Außenbereich mit nur wenigen Tischen steht auch abends zum Essen bereit.
Die am Bug gelegene Cove ist eine außergewöhnlich designte Lounge mit Bar, abends mit Livemusik oder Auftritten lokaler Musiker.
Die Kabinen sind zwischen 21 und 46 qm groß, in hellen grauen und beigen Farben. Sie sind komplett ausgestattet – vom iPad bis zum zweiten TV-Screen im Spiegel des Badezimmers, das mit Etro-Produkten bestückt ist. Ein Butlerservice kümmert sich um Gepäck und Sonderwünsche, der Roomservice kann auch mit dem Ipad rund um die Uhr bestellt werden.

Kapitän Jan Rautawaara hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt: Als 15-jähriger heuerte der Finne bereits als Deckmatrose auf Lastschiffen an, lernte dann „jede Menge“ Cargo- und große Segelschiffe kennen, studierte dann im finnischen Turku, machte sein Kapitänspatent. 1999 kaufte er sich ein Cargoschiff, das er nicht nur jahrelang bewohnte, sondern mit dem er auch arbeitete. Zu den vielfältigen Aufträgen gehörten seinerzeit auch Sandlieferungen nach Helgoland. Dazu kamen Verpflichtungen bei Star Cruises, als Staff Captain bei TUI-Cruises, Captain auf einer Megayacht und der Eintritt bei Crystal Cruises 2015. Und er hat ein Zertifikat zum Führen des bordeigenen gläsernen U-Bootes, das leider wegen einer fehlenden Genehmigung der kroatischen Behörden seinen Platz am Heck des Schiffes auf dieser Reise nicht verlassen wird.
Rautawaara ist neben seinen Hobbies wie Mitgliedschaften in schiffshistorischen Gesellschaften ein begeisterter Musiker: Er spielt perfekt den seltenen Chapman Stick, Cello und Bassgitarre, mit der er auf fast jeder Reise einmal im Cove gemeinsam mit Craig zu einem kleinen Privatkonzert für die Gäste auftritt.
Und er kennt die Geschichte des kleinen Schiffes genau:
Es entstand 1988 als eine von zwei baugleichen Einheiten auf der Flender Werft in Lübeck und wurde 1989 als Lady Diana an NAVTOL abgeliefert, wenig später aus finanziellen Gründen aufgelegt. 1991 kaufte Frontier Cruise Line das Schiff um benannte es Aurora I. 1994 übernahm es Star Cruises und setzte es als MegaStar Taurus ein. Bis 2008 fuhr das Schiff u. a. für Genting World, wurde Ende 2008 wieder aufgelegt.
Nachdem der Mutterkonzern von Star Cruises, Genting Hong Kong, 2015 Crystal Cruises übernahm, kam das Schiff für Crystal Cruises als Crystal Esprit in Fahrt, wurde 2016 komplett renoviert. Wo früher 179 Passagiere und 136 Besatzung untergebracht waren, finden nun 62 Gäste Platz – und werden von 87 Crewmitgliedern umsorgt, wahrscheinlich einmalig in der Branche.

Destinationen

Auf dieser Fahrt von Venedig nach Dubrovnik steuert die Crystal Esprit eine schöne Mischung aus kroatischen Städtchen und Inseln an, die fast alle von großen Schiffen nicht angelaufen werden können.

Wie das kleine Städtchen Rovinj. Seine historische romanisch-gotische Altstadt mit vielen Galerien und kleinen Fisch-Restaurants direkt am Ufer liegt auf einer Halbinsel. Gepflasterte Gässchen führen auf einen Hügel, auf dem eine prächtige Kirche thront. Die Statue der Schutzpatronin der Stadt, die Heilige Euphemia, schmückt nicht nur den Glockenturm, sondern ist auch beweglich und zeigt die Windrichtung an. Den schönsten Blick auf die vorgelagerten Inseln des Archipels, die Stadt und die Küstenlinie hat man vom Kirchturm aus, der auf bestiegen werden kann. Nichts für schwache Nerven – zwischen den ausgetretenen Holzstufen geht der Blick weit in die Tiefe… Aber es lohnt sich wirklich, wie übrigens auch in fast allen anderen Städtchen die Besteigung der Kirchtürme unglaubliche Aussichten bietet.

Malerisch ist die Anfahrt durch Inselgruppen und schmale Meeresengen zum Städtchen Sibenik, das von der Festung St. Michael überragt wird. Die Kathedrale des heiligen Jakob, ein beeindruckendes Tonnengewölbe aus freitragenden Steinplatten, gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Keine Stadt für Gehbehinderte: Nicht weniger als 2800 Stufen gilt es allein im Zentrum zu überwinden. Einer der beiden vor Sibenik gelegenen Naturparks ist sicher einer der schönsten in Kroatien: Im nach dem Fluss Krka benannten Park tummeln sich 220 Tier- und wachsen über 800 Pflanzenarten. Die bis zu 30 Meter hohen Wasserfälle sind weltberühmt, die Wasserfarbe ein sattes Smaragdgrün. Einige der Winnetou-Filme wurden hier seinerzeit gedreht. Auch durch die kleinen Gassen des Bilderbuchstädtchens Trogir mit seiner alten Stadtmauer, der Festung und der St. Laurentius-Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert (mit Traumblick vom Turm…) ritten Winnetou und Old Shatterhand im Film. Die gesamte Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, Trogir wurde bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. von den Griechen gegründet.

An der Pier des Ortes Vis auf der gleichnamigen Insel herrscht ganztägig Betrieb: Fischerboote, Fähren von den Nachbarinseln, kleine Lastschiffe kommen und gehen. Kein Wunder – Vis is nur per Schiff erreichbar. Die Insel war wegen seiner strategischen Lage bis zum Ende von Jugoslawien militärisches Sperrgebiet, von hier aus soll Tito aus einer Höhle auch den Widerstand gegen die deutschen Besatzer organisiert haben. In verschiedenen Kriegen war Vis die Kulisse bedeutender Seeschlachten.
Heute säumen Palmen die Uferstraßen, Weinstöcke die Hänge. Das kleine Örtchen Komiza am anderen Ende der Insel ist mit seiner Bucht bezaubernd und abgelegen. Nur die berühmte blaue Grotte kann an diesem Tag nicht besucht werden – wegen starken Regens können die Boote nicht fahren.

Schon kurz nach dem abendlichen Auslaufen kommt das nächste Ziel in Sicht: Nur 18 Kilometer entfernt liegt Hvar, übrigens mit ihren 67 Kilometern die längste Insel Kroatiens. Abends sieht man bereits die große beleuchtete Festung am Berg über der kleinen Stadt Hvar wachen.
Das ist wohl Entschleunigung: Bereits am Abend das Ziel des nächsten Tages im Augen zu haben…
Eine schöne Bucht, Fischerboote und Segelyachten, die Ausflüge zu den wirklich traumhaften Badeinseln in der Nähe anbieten, dazu eine Stadt mit Dutzenden kleiner Restaurants, Musikkneipen und viel jungen Leuten – Hvar ist ein touristisches Highlight. Ebenso wie die kleine Halbinsel von Korcula mit ihren roten Dächern und den soliden Wehrtürmen am letzten Tag. Hier soll, sagen die Einheimischen, Marco Polo geboren worden sein. Das Dekor ist idyllisch und beherbergt auch eines der schönsten Segelreviere Dalmatiens.

An jeder Destination werden zwei bis acht Landausflüge angeboten, von denen jeweils mindestens zwei preislich inkludiert sind. Diese bieten eine erstaunliche Vielfalt – das Angebot geht von klassischen Stadt- oder Inselbesichtigungen über mehrstündige Segeltörns bis zu einer Zip-Line Aktion. Im Paybereich ist es noch diversifizierter: Reitausflüge, Tauchtouren, Kliffkletterei oder Ausfahrten mit lokalen Fischern bei der Arbeit schlagen zwischen 99 und 599 US-Dollar zu Buche.


Fotos: enapress.com