LEISTUNGSSTARK, ABER NICHT FÜR IMMER

Die Angelina Lauro war ein holländisches Passagierschiff, das enorme Strecken zurücklegte. Das hat zu einer Erschöpfung geführt und zum Ende.

Die Holländer wollten am Ende der 1930er Jahre als Meeresanrainer mitmischen im Passagierschiffsverkehr, mehr noch: groß rauskommen. Die Reederei Stoomvaart Maatschappij „Nederland“ mit Sitz in Amsterdam ließ ab 1937 eine Dreierserie sehr ähnlicher Schiffe bauen. Eines davon war die Oranje.

Foto: Sammlung U. Horn

Am 8. September 1938 lief sie vom Stapel, am 15. Juli 1939 übergab man das fertige Schiff an den Auftraggeber, der es am 4. September in Dienst stellte. Die Oranje ging auf die Linie Amsterdam – Kapstadt – Batavia nach Niederländisch-Indien. Nach der ersten Abfahrt kam sie sechseinhalb Jahre lang nicht mehr nach Amsterdam zurück. Deutschland hatte im September den Zweiten Weltkrieg begonnen, das verhinderte den internationalen Schiffsverkehr.

Nun musste neu überlegt werden, wie die Oranje mit ihren Passagieren zu den Zielen kam. Die erste Linienfahrt ging aus Vorsichtsgründen nicht durchs Mittelmeer, sondern auf der Atlantikroute nach Kapstadt und von dort in das südliche Asien via Colombo und Singapur ins indonesische Surabaya, wo das Schiff am 19. Oktober 1939 ankam. Geplant war die Rückfahrt um das Kap der Guten Hoffnung, aber am 15. November des Jahres hieß es dann schon in Lissabon Stopp. Die Passagiere wurden auf zwei ältere Postschiffe verteilt und nach Holland gebracht. Die Oranje musste umdrehen in Richtung Asien, zurück nach Surabaya. Dort wurde das Schiff aufgelegt, die Vorgabe, es umzurüsten zu einem Hilfskreuzer wurde zunächst verworfen.

Foto: Sammlung: JSA

1941 stellte man das Schiff der Royal Australian Navy zur Verfügung. Es wurde nun umgebaut zum Hospitalschiff, die Besatzung bestand aus Niederländern. Am 2. Juli 1941 verließ die Oranje Sydney mit einer Besatzung von 162 Personen, vor allem Mediziner und Pflegekräfte. An Bord waren 641 Verwundete – maximal konnten 750 Menschen zugelassen werden. Das Schiff erhielt von italienischer Seite nicht die Anerkennung als Lazarettschiff.

Die Oranje war in Holland als Bau-Nr. 270 von der Nederlandsche Scheeosbouw Maatschappij in Amsterdam an die Eigner übergeben worden. Am 2. Juli 1937 hatte die Kiellegung stattgefunden. Das Schiff war 204,9 Meter lang und 25,45 Meter breit. Der Tiefgang lag bei maximal 8,8 m, die Tragfähigkeit bei 6427 tdw und die Vermessung bei 20.017 BRT (ab 1966 24.377 BRT). Die Maschinenanlage bestand aus drei Sulzer Zwölfzylinder-Zweitakt-Dieselmotoren, die auf drei Festpropeller arbeiteten. Die Maschinenleistung wurde mit 37500 PS angegeben, ab 1966: 24900 PS, die Höchstgeschwindigkeit betrug 26,3 Knoten (49 km/h). Angaben zum Umfang der Besatzung und der Passagiere sind nicht vorhanden.

Foto: Sammlung: JSA

Dem Schiff hatte man eine markante Rumpfform verpasst, den Bedingungen in Südostasien angepasst, vor allem wegen der geringen Tiefgänge in den Häfen. Der holländische Schiffbauexperte H. N. Prins schaffte es mit dem Rumpfquerschnitt die vier Decks oberhalb der Wasserfläche nach innen einzuziehen. Die Oranje war gut isoliert, teilklimatisiert und besaß eine regelbare Neonbeleuchtung sowie Schlingerkiele, die aus einer großen Anzahl hintereinander angeordneten Flossen bestanden. Diese Bauform gab es an einem Schiff zum ersten Mal, es galt als besonders leistungsstark.

Foto: Sammlung: JSA

Als im Zweiten Weltkrieg Japan seinen Beitritt zur Zusammenarbeit mit Hitler-Deutschland erklärte, schaffte es die Mannschaft der Oranje noch auf zwei Fahrten mit einmal 549, einmal 603 Verwundeten die Patienten nach Australien zu bringen. Danach kam es wegen japanischer Flugattacken zu chaotischen Zuständen, weshalb von der Reederei eine Überprüfung in einem Dock angewiesen wurde. Das sollte in Singapur geschehen, musste aber wegen der schwierigen Kriegslage abgeblasen werden. Das Schiff wurde am 24. März 1942 ins australische Simonstown verlegt, dort kam es am 21. April an. Nun war es möglich, notwendige Arbeiten am Schiff durchführen zu lassen. Fortan blieb Sydney der Einsatzhafen der Oranje, die danach weitgehend zwischen dem Mittleren Osten und Australien pendelte.

Am 21. Januar 1944 ging das Schiff wieder an Niederländisch-Indien. Ende des Monats startete es auf seiner 16. Reise als Hospitalschiff von Sydney über Durban, Aden, Suez, Malta und Gibraltar ins Vereinigte Königreich, dort wurde es am 14. März 1944 in Avonmouth eingedockt. Nach der Sanierung war die Oranje auf weiteren 18 Einsatzfahrten von britischen Häfen aus zu verschiedenen Mittelmeerhäfen unterwegs. Die niederländische Kronprinzessin Juliana empfing am 25. Oktober 1944 im Hafen von Glasgow rund 70 Kapitäne niederländischer Handelsschiffe, darunter der Oranje. Für die Holländer war das ein bedeutsames Momentum, die Prinzessin und ihr Ehemann Bernhard hatten an der Taufe der Oranje 1983 teilgenommen; die Wiederbegegnung mit dem Schiff erinnerte daran, dass das Königshaus – nach Oranje benannt – ein „besonderer Dampfer“ war.

Nach Kriegsende, am 10. Juli 1945, war für die Oranje ihre Zeit in Großbritannien zu Ende. Sie wurde auf eine neue Linie transferiert, fortan über Colombo nach Australien und Neuseeland. Am 28. November 1945 verließ sie Melbourne, um über Indonesien nach Southampton zu fahren. Es transportierte 1273 ehemals Internierte aus japanischen Lagern. Der Transport der entlassenen Gefangenen wurde aber als noch zu gefährlich eingestuft; es gab zu dieser Zeit noch japanische Luftattacken. Deshalb wurde das Schiff aus dem militärischen Dienst genommen. Weitere Reisen zur Heimführung von Internierten aus japanischen Lagern, darunter geschädigte niederländische Bürger, wurden weitergeführt. Zielpunkt für sie war Rotterdam, Amsterdam war damals noch nicht zugänglich für Überseeschiffe.

Foto: Sammlung: JSA

Am 16. Mai 1946 startete die Oranje in Richtung Indonesien, nach 18 Tagen erreichte sie bereits Batavia, der Aufenthalt dort währte nur sechs Tage, dann erfolgte die 19-tägige Rückreise. Als sie am 18. Juli 1946 zum ersten Mal wieder in Amsterdamer Hafen einlief, kam es zu einem triumphierenden Empfang durch die Bevölkerung.

Ab Oktober 1946 setzte die alte Reederei die Oranje auf die Linie Amsterdam – Rotterdam – Amsterdam, dort war sie unentwegt bis 1957 im Dienst. Nachdem Indonesien selbständig geworden war, hatte die Regierung dort einen nationalistischen Kurs eingeführt. Das hatte einen starken Rückgang der Passagierzahlen zur Folge. Bereits 1951 bot die Reederei erstmals eine Route „Rund um die Welt“ an. Zugleich war es seit 1951 als Kreuzfahrtschiff gekennzeichnet, im Juni des Jahres ging eine Tour mit 650 Passagieren nach Lissabon und Madeira.

Am 6. Januar 1953 kam es zur Kollision der Oranje im Roten Meer mit dem Schwesterschiff Willem Ruys, es gab keine Opfer, aber große Schäden am Vorschiff. Die Oranje fuhr weiter nach Indonesien, dort wurde eine Notreparatur vorgenommen, erst nach Rückkehr in der Heimat konnte eine umfassende Überholung durchgeführt werden.

Das Schiff war aber durch starke Benutzung „ausgebeutet“ worden, zudem gingen die Passagierzahlen zurück. Gemeinsam mit der Willem Ruys wurde die Oranje an die italienische Reederei StarLauro verkauft und in Angelina Lauro umbenannt. Es kam 1966 zu einem erheblichen Umbau, danach wurde das Schiff wieder auf mehreren Touren als Kreuzfahrtschiff genutzt. Nach 40 Jahren, am 30. März 1979, geriet die Angelina Lauro beim Halt an der Pier in Saint Thomas auf den Virgin Islands in Brand. Es wurde zum Totalverlust erklärt und im Auftrag des Hamburger Schiffsschrottungs-Unternehmen Eckhardt & Co. am 2. Juli 1979 gehoben. Weil es so heruntergekommen war, wurde es zur Kulisse eines Abenteuerfilms von Hollywood. Am 30. Juli 1979 schleppte das japanische Schiff Nippon Maru die einstige Oranje zur Abbruchwerft in Kaohsiung. Am 21. Juli nahm das Schiff Wasser und bekam Schlagseite, woraufhin es am 24. September 1979 sank.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer