LUCKY SHIP

Foto: Jürgen Saupe

MS Batory war ein polnisches Passagierschiff auf der Transatlantikroute, es wurde aber auch anderweitig eingesetzt und war sehr nützlich.

Fans von Passagier- und Kreuzfahrtschiffen können auch im häuslichen Ambiente ihre Lieblingsdampfer aus dem 20. Jahrhundert in Bausätzen errichten. Bei Händlern und in gut sortierten Modellbauläden finden sie das Material dazu. 2018 hat der Berliner Ulf Lundberg die Batory als Modell komplett nachgebaut. Zufrieden mit der Gestaltung des polnischen Schiffes war er nicht, im Internet stellt er die Stärken des Wasserfahrzeugs neben dessen Schwächen. „Ein interessantes und ungewöhnliches Schiff“, resümiert er. „Wenn man es aus dem Kasten baut, schön bemalt und betakelt, bekommt man vermutlich ein Modell mit einem guten Gesamteindruck.“ Von diesem Standpunkt aus beurteilt er dann die Nachteile der Batory.

Die Rumpfteile und Propellerwellenhosen des in Gdynia erstellten Modellbausatzes findet er zu grob, ebenso Decksteile und Decksflanken am Vorderdeck und im Achterdeck. Der Dampfer habe ziemlich viel „Grat“, meint er, was zu Beschädigungen führen kann. Vermutlich hatte das Schiff im Original viele Schrumpflöcher. Insgesamt lautet sein Urteil: zu altmodisch. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es bereits technisch hochmoderne Schiffe, die weit vor der Batory lagen. Aber historisch gesehen ist es ein Motorschiff mit wichtiger Geschichte, es brachte viele Europäer in ihr gelobtes Land.

Foto: Jürgen Saupe

Polen als Ostseeanrainer mit einer Küstenlänge von 150 Kilometern hatte viele kleinere Häfen und Werften, aber keinen größeren Standort für Passagierschiffe. Im 19. und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt das Land – von Österreich besetzt und landwirtschaftlich geprägt – als arm, rückständig, aber mit einer großen Bevölkerung. Wegen der schwierigen sozialen Umstände im Land gab es schon um etwa 1850 viele Polen, die ihr Heimatland in Richtung Amerika verließen, angefangen von galizischen bettelarmen Kleinbauern bis zu jüdischen Kleinhändlern. Der Andrang war so groß, dass in Gdynia nahe Danzig (Gdansk) ab 1933 ein „Meereshof“ entstand, eine moderne Abfertigungshalle für Schiffsreisende.

Die Batory gehörte zu der Schiffsflotte, die ausschließlich auf der Linie Gdynia – New York eingesetzt war. Das Schiff hatte zwei Klassen: eine dritte, eine Touristenklasse und einige bessere Kabinen für vermögende Passagiere. Die Bordkarte für die einfache Fahrt ohne Rückkehr nach Amerika kostete 500 Zloty. Das mussten die Kandidaten lange ersparen, der Aufbruch in die bessere Welt war zum Maßstab des Wohlstands geworden. So verdiente ein polnischer Lehrer im Monat etwa 200 Zloty. Die Batory brachte es auf zehn Überfahrten pro Jahr, insgesamt 80 Einsätze in 20 Jahren.

Foto: Sammlung JSA

Bis 1920 konnten Emigranten problemlos und ohne Zuzugsbeschränkungen in die USA ziehen. Es gab nur einen Grund für Neubewohner: psychische und ansteckende organische Krankheiten wurden abgewiesen, betreffende Personen nicht von Bord der Schiffe gelassen, um nicht untertauchen zu können. Die Auswanderer kamen in großen Kontingenten über das Meer, waren es 1870 rund 70.000 Polen, kamen mit jedem späteren Jahr immer mehr. Insgesamt gelangten 3,5 Millionen polnischstämmige Bürger bis 1930 in die USA, die größte Fluchtwelle war die Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren. Die Polen waren stolz auf ihre Schiffe, erst Segler, dann Motorschiffe. Die Batory war neben ihrem bereits am 22. August 1935 fertiggestellten Schwesterschiff, MS Pilsudski, das am meisten populäre Schiff.

Die Batory war Eigentum der Reederei Gdynia-Ameryka-Linie (GAL) mit Sitz in Gdynia. Sie entstand mit finanziellem Anschub der polnischen Regierung, wurde als Passagier- und Frachtschiff konzipiert und mit Spendengeldern realisiert. Erstellt wurde die am 29. 11.1933 zusammen mit dem Schwesterschiff Pilsudski in Italien bei Cantieri Riuniti dell‘ Adriatico in Monfalcone bei Triest bestellte Batory als Baunummer 1127. Das am 1. Mai 1934 auf Kiel gelegte Schiff war 160,2 Meter lang und 21,6 Meter breit, der Tiefgang lag bei maximal 7,5 Metern. Die Vermessung betrug 14287 BRT. Die beiden neunzylindrigen Dieselmotoren stammten von Burmeister & Wain, sie arbeiteten auf zwei Propeller. Die Maschinenleistung wurde mit 12.680 PS (9326 kW) angegeben, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 18 Knoten (33 km/h). In der Ersten Klasse waren 46 Passagiere zugelassen, in der Zweiten Klasse 370 und in der Dritten Klasse 400 Personen. Zur Besatzung gehörten rund 350 Mitglieder.

Foto: Jürgen Saupe

Das Schiff war nach Stefan Batory benannt, er war im 16. Jahrhundert einer der polnischen Könige. Das zeitgleich gebaute Schwesterschiff hieß MS Pilsudski nach Präsidenten des jungen unabhängigen polnisches Staates ab 1919. Beide Schiffe waren die größten ihrer Art unter polnischer Flagge. Die Ausstattung wurde vorwiegend von polnischen Architekten und Künstlern gestaltet, sie war praktisch, aber in Teilen luxuriös und umfasste auch einen Indoor-Swimmingpool.

Am 3. Juli 1935 lief die Batory vom Stapel, die Fertigstellung erfolgte am 23. April 1936 mit nachfolgender Übernahme durch die Reederei und die Indienststellung am 17. Mai desselben Jahres. Die am 18. Mai 1936 gestartete Jungfernfahrt führte das Schiff von Gdynia nach New York, später wurde auch der Hafen von Halifax genutzt. In Europa hatte das Schiff einen Zwischenstopp in Kopenhagen. Bis 1939 beförderte die Batory rund 30.000 Passagiere. Nur einmal, auf dem Weg nach New York, kam es im Juni 1937 zu einem Unglück. Im Maschinenraum entstand ein Feuer, in New York wurde das Schiff saniert, was einen Monat dauerte.

Foto: Sammlung JSA

Am Beginn des Zweiten Weltkriegs befand sich die Batory gerade auf dem Nordatlantik. Am 5. September 1939 wurde sie in New York der britischen Regierung übergeben und als Truppentransporter eingesetzt. Auch die Pilsudski war an Kriegstransporten beteiligt, was bereits im November 1939 Folgen hatte: Das Schiff lief vor der englischen Hafenstadt Withernsea auf zwei deutsche Seeminen, es sank am 26. November vor der Küste von Yorkshire.

Auch die Batory war in Kriegszeiten mehrfach deutschen Angriffen ausgesetzt, sowohl aus dem Wasser als aus der Luft. Sie überstand sämtliche Attacken, daraufhin erhielt sie den Beinamen „lucky ship“. Mit den Transporten wurden Soldaten und britische Kinder in Sicherheit gebracht. Dazu polnische Kulturgüter, die aus dem Krakauer Wawel gerettet worden waren, und Goldbarren der Bank of England im Wert von 40 Millionen Pfund Sterling, die unter schwerer Bewachung und mit britischen Geleitfahrzeugen nach Kanada gebracht wurden. Die deutschen U-Boot-Kommandanten wussten, dass die Batory stets deutsche Kriegsgefangene an Bord hatte, so dass sie nicht angriffen. Weitere Kriegseinsätze führten nach Australien und Neuseeland, Indien, Malta, Ägypten, Gibraltar und Island.

Zu Beginn der Friedenszeit wurde das Schiff am 28. Dezember 1945 aus dem Kriegsdienst entlassen und wieder für Passagierfahrten nach Amerika über die Stationen Gdynia, Kopenhagen und Southampton eingesetzt, nach 1957 auch nach Quebec und Montreal in Sommermonaten. 1947 wurde eine umfangreiche Sanierung in Antwerpen durchgeführt, die sich wegen eines Brands an Bord verzögerte.

1951 wurde die Batory in die neugegründete Reederei Polskie Linie Oceaniczne eingegliedert. 1957 kam es in Bremerhaven zu einer Neuausstattung, nach der sich die Kapazität der 1. Klasse auf 76 und in der Touristenklasse auf 740 Passagiere belief, aber der zunehmende Flugverkehr drosselte die Passagierschifffahrt. 1968 nahm man die Batory aus dem Verkehr. Am 20. Februar 1969 veranstalteten die Briten eine Abschiedszeremonie vor allem für Menschen, die als Kinder während des Kriegs auf dem Schiff nach Australien evakuiert worden waren. Danach wurde es für zwei Jahre als schwimmendes Hotel in Gdynia genutzt. 1971 verkaufte man das Schiff für 570.000 US-Dollar, zum Abbruch wurde es nach Hongkong verschleppt.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer