Luxusschiff abseits des Mainstreams

Eine Zentralamerika-Expedition mit der SILVER EXPLORER von Silversea Cruises ist ein intensives Natur- und Kulturerlebnis mit Zuhause-Gefühl. Peggy Günther berichtet.

Sanft schaukelt die Silver Explorer in der langen Dünung des Pazifiks vor sich hin. Die Wellen wirken wie mit dem Lineal gezogen. Dr. Danae Sheehan bringt anreisende Passagiere samt Gepäck an Bord – stilecht im Zodiac, wie es sich für eine Expedition gehört. „Sind Sie schon einmal mit Silversea gefahren?“, fragt die Ornithologin mit strahlenden Augen. „Sie werden es lieben!“ Am Horizont stemmen sich die Hochhäuser von Panama City in den Dunst, der grüne Regenwald dahinter scheint unwirklich. Während die Finanzmetropole im Fahrwasser verschwindet freuen sich die Passagiere auf unberührte Natur und uralte Kultur. Und bei alledem können sie sich auch noch verwöhnen lassen. Gut gelaunt präsentiert der indische Butler Ramachandra die Seifenkollektion. „Sollten Sie mal Lust auf eine Flasche Champagner verspüren, rufen Sie mich einfach an.“ Er befüllt auch die Wasserkaraffen im Kühlschrank. Für die Landgänge bekommen die Passagiere eine Metallflasche gestellt, um Plastikmüll zu vermeiden. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Gebot der Expeditionskreuzfahrt

Per Zodiac zu den Emberá

94 Passagiere haben sich an Bord der Silver Explorer eingerichtet. Sie schlendern über die blauen Teppiche mit Seemannsknoten und betrachten die nautischen Ausstellungsstücke in der Observation Lounge. Auch wenn der Tagespreis auf eine eher wohlhabende Klientel schließen lässt, gibt es keine Allüren an Bord: Die Waschmaschinen und Trockner für die Passagiere laufen auf Hochtouren. Die Reinigung nutzt kaum jemand. Und das Geschmeide kann zu Hause bleiben. Trekkingsandalen, Expeditionshut und Fernglas gehören zum Dress code.

Für viel Bling-Bling wäre auch gar keine Zeit, wenn der erste Ausflug morgens um 5:30 Uhr beginnt. Mit der aufgehenden Sonne machen sich die Zodiacs auf den Weg in den Darien Jungle. Weniger als 1.000 Touristen pro Jahr besuchen die Bucht von San Miguel, die zu den Top Ten für Vogelbeobachtungen zählt. Beim ersten Stopp im grünen Fluss werden die Motoren leise und die Natur erwacht. Perfekt getarnte Brachvögel sitzen im Geäst, die zwölf Mitglieder des Expeditionsteams lenken den Blick der Passagiere. Vogelnester trotzen an einzelnen Grashalmen hängend der Schwerkraft, ein Fischadler kreist majestätisch über der Szenerie. Die Boote legen in einem Dorf namens Mogue an, das von 600 Männern, Frauen und Kindern der Emberá bewohnt wird. Sie kleiden sich mit Perlenschmuck und bunten Tüchern und verzieren ihre dunkle Haut mit schwarzem Henna. Musik und Tanz überwinden Sprachbarrieren zwischen Besuchern und Gastgebern, Kunsthandwerk wird feilgeboten. Viel zu schnell sinkt der Wasserstand, die Boote müssen zurück aufs Schiff.

Beim abendlichen Recap liefert das Expeditionsteam interessante Hintergrundinformationen. Die Archäologin zeigt auf Fotografien, wie sich das Volk der Emberá in den letzten Jahren entwickelt hat. Der Botaniker weiß, aus welchen Früchten sie die Farbe für ihre Körperbemalung gewinnen. Und die Ornithologin erklärt, dass die Vögel zum Bau ihrer hängenden Vogelnester sogar Seemannsknoten benutzen. Gesättigt mit Wissenshäppchen genießen die Passagiere das vorzügliche Abendessen. Bevorzugen Sie als Hauptgang gegrillten Seehecht oder geröstetes Prime Rib vom Kansas Beef? Ach so, Schweinefilet und eine vegetarische Alternative stehen auch noch zur Auswahl. Passend zum Menü wählt der Sommelier allabendlich neue Weiß- und Rotweine, die im Reisepreis inkludiert sind.

Nationalparks und Hâute cuisine

In Costa Rica übertreffen die Ausflüge viele Erwartungen: Die Silver Explorer ankert direkt vor den Nationalparks und nach dem Übersetzen mit den Zodiacs warten die ersten Tiere bereits am Strand. Staff-Kapitän Sven Haindl hat keine Zeit für die Wunder der Natur. Er muss nach den Erstanläufen Schlaf nachholen. „Die Seekarten hier sind sehr ungenau“, sagt er und tatsächlich: Ginge es nach der Seekarte, läge das Schiff gerade auf Grund. Deswegen steht Sven Haindl zurzeit mitten in der Nacht auf und fährt mit einem Zodiac dem Schiff voraus, um per mobilem Echolot den perfekten Ankerplatz zu finden. „Das ist genau die Art Seefahrt, wie ich sie mir vorgestellt habe“, sagt der Hamburger, der schon als kleiner Junge am Nord-Ostseekanal bewundernd den „großen Pötten aus aller Herren Länder“ hinterhergeschaut hat. Er hat auch schon auf Schiffen von AIDA und TUI Cruises gearbeitet, doch an Silversea reizte ihn die Tatsache, dass keine Strecke zweimal gleich ist.

Jede Reise ist anders. Deswegen fahren manche Passagiere auch gleich wochenlang mit. „Aktuell sind 13 Personen an Bord, die länger als 1,5 Monate fahren“, verrät Chefkoch Ross Armit. Der 33-jährige Wahl-Südafrikaner zaubert mit seinem 17-köpfigen Team immer wieder neue Überraschungen für die treuen Gäste und kennt ihre Vorlieben: Pilzsoße, Hummer, Lammkarree. Aber die Sonderwünsche halten sich in Grenzen: Während auf den Luxusschiffen der Reederei pro Tag zehn bis 15 Spezialbestellungen serviert werden, sind es hier vielleicht zwei bis vier. Aber es sind ja auch deutlich weniger Passagiere an Bord. „Zwei Drittel der Gäste sind Wiederholer“, erklärt Hoteldirektor Zoran Jacimovic. Sie werden namentlich an der Gangway begrüßt und in der Bar bekommen sie ohne Nachfrage ihr Lieblingsgetränk serviert. „Bei Silversea geht es vor allem um Erfahrung“, sagt der Kroate. Und um eine gute Stimmung an Bord. Aktuell sind mehr Crewmitglieder als Gäste an Bord. Da bleibt auch mal Zeit für einen Plausch. Und der gehört bei Silversea zum Service dazu.

Fünf zentralamerikanische Länder in 14 Tagen

„Man fühlt sich, als sei man zu Hause“, erklärt eine treue Amerikanerin, die schon öfter als zehnmal an Bord war. Schiffe mit mehr als 100 Passagieren wären ihr zu groß. Bei Silversea hingegen hat sie schon Freunde gefunden, mit denen sie sich auch zuhause trifft. Die treuesten Gäste an Bord sind mit mehr als 211 Reisetagen Frank und Anna aus Berlin. „Wir haben kein kleineres Schiff gefunden, mit dem wir reisen können“, erklären sie ganz pragmatisch. Und im Urlaub Schlange zu stehen, kommt für die beiden nicht infrage.

Fünf zentralamerikanische Länder in zwei Wochen – so sieht effektiver Urlaub aus. Und das Kontrastprogramm zum Schiff ist ebenfalls inklusive. Nach vier Stopps im artenreichen Dschungel von Costa Rica wendet sich die Silver Explorer gen Norden und hält in Nicaragua. Das Expeditionsteam stellt drei Ausflüge zur Wahl: die alte Kolonialstadt Granada, ein Spaziergang am Vulkankrater oder ein Naturreservat. Selbstverständlich sind alle Alternativen im Reisepreis inbegriffen, man trägt sich einfach in eine Liste ein.

In El Salvador können die Passagiere nicht nur eine Kaffeefabrik, sondern auch ein kleines authentisches Dorf besuchen, in dem schwarze Töpferware hergestellt wird. Im Museum zum Guerillakrieg führt ein ehemaliger Soldat durch die Räume und berichtet von seinen Leben als Kämpfer. Viele ehemalige Guerillakämpfer arbeiten heute für private Sicherheitsfirmen, die Stimmung im Land ist angespannt, die Armut groß. Am letzten Tag sind die Ausflugspräferenzen klar: Fast alle Passagiere wollen in El Salvador die archäologischen Stätten der Maya-Kultur besichtigen. In Joya de Cerén ist ein ganzes präkolumbisches Dorf unter den Ascheschichten eines Vulkanausbruchs konserviert worden und in Tazumal steht die größte Maya-Pyramide des Landes.

Guatemala bildet einen sanften Übergang zum westlichen Luxus, der auch zuhause auf die abreisenden Passagiere wartet: Hunderte schicker kleiner Häuser in einer Gated Community unterscheiden sich nur im Detail voneinander: Sprossenfenster oder keine, ein Carport oder zwei. Der Transferbus gleitet auf einer gut ausgebauten Autobahn dahin, ein Naturpanorama aus Vulkanen, Felshügeln und saftigem Grün zieht vorbei. Mit der Spitzhacke entstehen neue Industrieviertel, auf Baugerüsten aus Brettern und Seilen wird an neuen Wohnblicks gearbeitet. Die Passagiere der Silver Explorer gehen am Flughafen geschlossen in die Business und First Class Lounges. Ob der Ausflug in die ganz andere Welt sie verändert hat?


Fotos: Peggy Günther