MIT GROSSER, ABER NICHT LANGER KARRIERE

Die RMS Baltic war vor 120 Jahres eines der größten Passagierschiffe der Welt, musste aber nach 30 Jahren schon aufgegeben werden.

Auf Youtube in „Ballins-Dampfer-Welt“ werden die Bilder eines stolzen Schiffes präsentiert. Es hat zwei riesige Schornsteine, überragt von vier Segelmasten. Mannshohe Lufthutzen auf dem Oberdeck, kein Pool, massive Holzrettungsboote an beiden Seiten des Schiffes. Die kantige Brücke, ein scharfes Rechteck für den Kapitän und seine Offiziere. Darunter, auf dem Promenadendeck, ein Veranda-Café.

Ein Dampfer mit gewaltigem Rumpf, schwarz gestrichen und umrandet von einem gelben Strich unterhalb der Reling. Darüber schauen stolze Frauen auf den Fotografen, mit gerüschten Kleidern und enorm breiten Hüten, darauf künstliche Blumenblüten in Weiß oder Gelb. Eine ganz andere Welt, die Bilder von der RMS Baltic stammen aus dem Jahr 1904. Sie zeigen den Schick der vorherigen Jahrhundertwende, die mit großen Fortschrittshoffnungen verbunden war.

Foto: Sammlung Jens Meyer

Im Inneren neben den Stahl- auch Holzsäulen, die Fenster in den öffentlichen Räumen relativ klein und mit Buntglasscheiben, an den Wänden elektrische Lichtkerzen, Tapeten und Gemälde. Breite Holztreppen und starke Geländer, lange Gänge entlang der Reling. Die Speisesäle mit dunklem Mobiliar, langen Esstischen mit tiefhängenden Tischdecken und Kronleuchtern. Der Speisesaal für die Erste Klasse mit Glasüberdachung, daneben der Raucher-Raum, eine Lounge, spezielle Lese- und Schreiblounges. Die Einrichtungen der Ersten Klasse waren großzügiger, das gab es zum ersten Mal so in der Passagierschifffahrt und wurde schnell von anderen Reedereien übernommen. Breite Ledersessel, ausladende Sofas, auch Hocker. Gezeigt wird mehrfach die Speisekarte mit ihrem erstaunlich umfangreichen Angebot. Die Passagiere werden sich als Auserwählte gefühlt haben, sie befanden sich auf einem außergewöhnlichen Ozeandampfer.

Das RMS Baltic gehörte seinerzeit zu den Frontschiffen der britischen White Star Line, geräumig, gut ausgestattet und modern. Sie war die dritte Einheit des Quartetts The Big Four, zusammen mit dem RMS Celtic, RMS Cedric und dem 1907 als letztes Schiff in Dienst gestellten RMS Adriatic, die alle über 20 000 BRT groß waren und innerhalb weniger Jahre entstanden. Von 1903 bis 1905 war die gegenüber ihren beiden Vorbauten um sechs Meter längere und fast 3000 BRT größere Baltic das größte Schiff der Welt, bis andere es übertrumpfen konnten.

Der Vorsitzende der Reederei, Thomas Henry Ismay, war ein vorausschauender Mann. Er sorgte in den späten 1890er Jahren für einen Wandel im Nordatlantikschiffsbetrieb. Gab es dort bisher den Geschwindigkeitswettlauf der Reedereien mit ihren Schiffen, schwenkte Ismay auf Größe um. Statt „rasender“ Schiffe wollte er bequeme Komfortdampfer auf den Wellen, wodurch zugleich die Fahrgastkapazität erhöht, die Wirtschaftlichkeit verbessert und bessere Preise verlangt werden konnten. Ismay erlebte die Umstellung nicht mehr mit, der Reeder starb nach einer Serie gesundheitlicher Probleme 1899 mit 62 Jahren. Doch die Linie war vorgegeben. Es wurde etwas langsamer auf den Meeren, der Schwerpunkt lag bei einem Mehr an Qualität an Bord, aber auch an besserer Technik, unter anderem durch die neue drahtlose Telegrafie.

Zwischen 1904 und 1933 war die RMS Baltic rege unterwegs. Zunächst im Liniendienst zwischen Liverpool und New York, im Ersten Weltkrieg von 1915 bis 1918 als Transporter der US-amerikanischen Truppen, die zum Einsatz nach Europa gebracht wurden. Danach kehrte das Schiff zurück in den kommerziellen Dienst, alterte aber schnell, weil es zu stark beansprucht worden war. Es hatte nach der am 23. Januar 1909 erfolgten Kollision des White-Star-Dampfers Republic mit dem italienischen Passagierschiff Florida in dichtem Nebel erste Hilfe geleistet, so dass alle Passagiere in Sicherheit gebracht worden waren. Die Republic versank nach 36 Stunden. Auch bei anderen kleinen Zwischenfällen war die Baltic als Rettungsdampfer zur Stelle. Die Notrufe der Titanic im April 1914 erreichten sie aber nicht, weil sie zu weit entfernt war, so dass sie nicht mit Hilfe anderer Schiffe vor dem Untergang des durch die Kollision mit einem Eisberg leckgeschlagenen Havaristen noch Hilfe leisten konnte. Am 6. Dezember 1929 nahm es Schiffbrüchige des Schoners Northern Light auf, die in höchster Gefahr waren.

Die Baltic war auf der Bauwerft Harland & Wolff im nordirischen Belfast als Bau-Nr. 352 erstellt worden. Eigentlich sollte das Schiff die gleiche Größe haben wie zwei ihrer Vorgänger, aber die Führung der Reederei beschloss eine Vergrößerung. Das hatte Probleme zur Folge, da der Rumpf fertig errichtet war und nun in zwei Teile getrennt und im hinteren Teil um fast sechs Meter zurückversetzt wurde. Darauf sollte ein Anbau gesetzt werden, der den Passagieren mehr Freifläche bot. Das lohnte sich, denn die Passagiere bevorzugten auch deshalb die Baltic vor anderen Schiffen.

Edward J. Smith

Am 21. November 1903 lief sie vom Stapel, die populäre Schauspielerin Julia Neilson hatte sie getauft, der erste Kapitän war der erfahrene ältere Edward Smith. Am 23. Juni 1904 erfolgte die Übernahme durch die White Star Line und bereits am 29. Juni des Jahres wurde das Großschiff in Dienst gestellt und absolvierte die Jungfernfahrt nach New York. Der Heimathafen des Schiffes war Liverpool.

Es war 222,2 Meter lang und 22,86 Meter breit, der Tiefgang lag bei maximal 14,93 m, vermessen wurde es mit 23.876 BRT. Angetrieben wurde das über vier durchlaufende Decks und ein Oberdeck verfügende Schiffes von zwei Vierzylinder-Dreifachexpansions-Dampfmaschinen, die auf zwei Propeller arbeiteten. Die Maschinenleistung wurde mit 14.000 PS angegeben, die Höchstgeschwindigkeit war 17 und die Dienstgeschwindigkeit 16 Knoten (30 km/h). Bei der Vergrößerung des Schiffes hatte man allerdings nicht die Maschinenleistung angepasst, so dass die notwendige Betriebsgeschwindigkeit nicht durchweg eingehalten werden konnte.

An Bord konnten in der Ersten Klasse 425 Gäste, in der Zweiten Klasse 450 und in der Dritten Klasse 2000 Passagiere untergebracht werden. Die Zahl der Besatzungsmitglieder belief sich auf 560.

Das Großschiff blieb nicht verschont von Schwierigkeiten. Im Mai 1905 kam es zu einem Maschinenschaden, der nach sechs Stunden bewältigt werden konnte. Am 3. November 1906 brach in den Laderäumen ein Feuer aus, die Besatzung setzte Wasser ein, mehr als 600 Baumwollballen waren wegen der Beschädigung durch Löschwasser und Feuer aber nicht mehr verwendbar. Am 13. April 1907 krachte die Baltic im Hafen von New York gegen einen mit Kohle beladenen Lastkahn, der danach versank. Am 30. Juni 1908 flackerte wieder ein Feuer in den Laderäumen auf, der Schaden belief sich auf 10.000 US-Dollar. Am 30. Juni 1910 kollidierte die Baltic mit dem Tanker Standard der German-American Petroleum Company, der dem Schiff zwei Lecks in den Rumpf trieb. Ein Laderaum wurde geflutet, ein Matrose wurde dabei schwer verletzt. Am 19.11.1914 kollidierte die Baltic am Ausgang des Ambrose Channel mit dem Dampfer Comal und 1929 prallte die Baltic im Liverpooler Hafen gegen ein Dock wobei ein Propeller beschädigt wurde.

Foto: Sammlung Jens Meyer

Nach dem Kriegsdienst – allein in den ersten 10 Monaten des Jahres 1918 hatte die Baltic 32000 kanadische Soldaten nach Frankreich gebracht – wurde der Dampfer zwei Mal saniert, 1918 und 1921, 1924 erhielt er neue Kessel. 1927 erfolgte eine weitere Modernisierung, bei der die Kabinenklassen geändert wurde. Danach konnten 393 Gäste in der Kabinenklasse, 339 Gäste in der Touristenklasse und 1150 Passagiere in der 3. Klasse untergebracht werden. Zu Beginn der 1930er Jahre blieb die Baltic von der Großen Depression nicht verschont, deshalb wurde sie zugunsten jüngerer Schiffe aufgegeben. Am 17. September 1932 ging sie auf ihre letzte Fahrt über den Atlantik. Zu Beginn des Jahres 1933 wurde sie zusammen mit der Megantic für 33 000 Pfund an japanische Schiffsabbrecher verkauft. RMS Baltic nahm am 17. Februar des gleichen Jahres unter dem Kommando von Kapitän Corfe von Liverpool Kurs auf Osaka, dort wurde sie abgewrackt.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer