„Crystal Endeavor“ zur zweiten Probefahrt ausgelaufen

Foto: Peer Schmidt-Walther

Stralsunder Schiffbau-Spitzenprodukt wird einem zweiten Härtetest unterzogen

Punkt 15 Uhr: Einmal lang heulte das Typhon der Crystal Endeavor am 20. Mai über das Gelände der MV Werft. Die Vor- und Achterleinen klatschten ins Sundwasser. Das waren quasi die Signale zum Beginn der zweiten Probefahrt des 165 Meter langen und 23 Meter breiten 20.000 BRZ-Expeditionskreuzfahrtschiffes der Reederei Crystal Cruises. Sie war im August 2018 auf Kiel gelegt worden und damit der erste Neubau nach der Übernahme durch die asiatische Genting-Gruppe. Sie gilt als die größte Megayacht der Welt mit Eisklasse Polar PC 6. Zum Vergleich: Die Stralsunder Gorch Fock (I) bringt es auf nur 1330 Tonnen und ist mit 82 Metern nur halb so lang, mit zwölf Metern Breite nur halb so breit wie der Kreuzfahrer, der insgesamt aber 15 mal größer ist. Nur in der Höhe zwischen 35 und 42 Metern nehmen sie sich nicht viel.

Auf der Brücke wird Werft-Kapitän Mario Schmidt während der vierstündigen Revierfahrt bis zum Landtief, der Nordansteuerung zum Greifswalder Bodden, beraten von dem Stralsunder Seelotsen Rocco Staker und einem Rostocker Kollegen. Zur Sicherheit ist am Heck der Lübecker Schlepper Carl angespannt.

Foto: Peer Schmidt-Walther

Größte je in Stralsund gebauten Schiffe waren übrigens die drei „Container-Fregatten“ der „Maersk-Boston-Klasse“: 294 Meter lang, 32,20 Meter breit, 55 Meter hoch und vermessen mit 53.701 BRZ. Sie sind darüber hinaus die schnellsten Containerschiffe der Welt mit 31 Knoten Geschwindigkeit. Im Vergleich: Sie sind gut zweieinhalb Mal größer als die Crystal Endeavor und vierzig Mal größer als die Gorch Fock (I).

Seitdem das elegante 350-Millionen-Luxus-Schiff am 21. Dezember 2019 ausgedockt worden ist, wurde noch mit Hochdruck an dem luxuriösen Innenausbau gearbeitet, weil schon ab August 2020 die erste Reise starten sollte. Arbeiter und Spezialisten von Firmen aus ganz Europa, darunter Italien, Polen, China, Rumänien, Russland usw. sind bis her daran beteiligt gewesen.

Noch bevor die Corona-Quarantäne für Heimkehrer oder Urlauber beschlossen wurde, fuhren diese rund 800 externen Mitarbeiter zurück in ihre Heimatländer. Bis Oktober, so hieß es aus Werftkreisen, sollen die Arbeiten ruhen, zumal die Arbeiten meistens von Teams mit engem Kontakt untereinander verrichtet werden müssen. Auch die körperliche Nähe in der Kantine hätte eine Ansteckung beschleunigen können. Daraufhin wurde von der Werftleitung die Reißleine gezogen.

Bereits im Januar 2021 sollte dann die erste Eisfahrt ins antarktische Rossmeer beginnen, die schon sehr schnell mit 200 Passagieren, die von 200 Crewmitgliedern betreut werden sollen, komplett ausgebucht war.

Darüber hinaus ist geplant, Regionen anzulaufen, die zu den entlegensten der Erde gehören. Zwei Hubschrauber und ein U-Boot werden dabei völlig neue Perspektiven und Eindrücke bieten. Alles unter dem Motto: zwischen Abenteuer und Luxus. Die Gäste sind ausschließlich in 100 Suiten von bis zu 105 Quadratmetern untergebracht, für die pro Person 25.000 Dollar hingeblättert werden müssen.

Am 5. März ging das Schiff auf die erste Probefahrt. Die führte sie wie jetzt auch in das Seegebiet östlich der dänischen Ferieninsel Bornholm. Wegen der für die Ostsee relativ großen Wassertiefe von 100 Metern ist das Seegebiet besonders gut geeignet für Ankermanöver. Zwischen Sassnitz und Bornholm werden dann Geschwindigkeits- und Manövertests vorgenommen. Das hat schon seit Bestehen der Volkswerft Tradition. Jedes abgelieferte Schiff musste dort auf Herz und Nieren getestet werden, eh es an den Eigner abgeliefert werden konnte.

Die Taufe des ersten Schiffes – ein zweites dieser Klasse ist geplant, die Realisierung aus finanziellen Gründen noch offen, aber ein Interessent in Sicht – ist für den 17. Juli im isländischen Reykjavík vorgesehen. Unmittelbar danach soll es mit amerikanischen Gästen auf die zehntägige Jungfernfahrt gehen. Die Crystal Endeavor wird auf seinen ersten Reise Island umrunden und dabei auch über den Polarkreis in die Arktis vorstoßen.

Am Sonntag soll gegen elf Uhr wieder am Ausrüstungskai der MV Werft Stralsund festgemacht werden. Eine gute Gelegenheit für Schiffsfotografen am Pfingstsonntag. PSW