Neustart der Kreuzfahrt wird brauchen

Regal Princess, Foto: Frank Behling

Mehr als 300 große Kreuzfahrer liegen seit einem Jahr weltweit fest. Viele von ihnen haben die vergangenen Monate auch äußerlich sichtbar gelitten. Die Liegezeit vor Anker im tropischen Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit hat die Korrosion gefördert. Das Bild der rostigen Star Princess von Princess Cruises in Singapur sorgte vorige Woche für Aufsehen.

Die Flotte der aufgelegten Schiffe wieder zu aktivieren, wird nicht nur einen dreistelligen Millionen-Betrag kosten, es wird auch viel mehr Zeit als gegenwärtig offen kommuniziert benötigen. Bevor die komplette Flotte wieder auf dem Level wie 2019 sein wird, dauert es nach Einschätzung von Branchenexperten mindestens ein Jahr.

Die Schweizer Großbank UBS hat die Zahlen eines führenden Schiffs-Management-Unternehmens ausgewertet und so die Kosten für die Aktivierung der aufgelegten Schiffe kalkuliert. Demnach bräuchte Marktführer Carnival Corporation für seine knapp 90 Schiffe in neun Marken 595 Millionen US-Dollar, um die Schiffe wieder flott zu bekommen. Royal Caribbean würde demnach 335 Millionen Dollar und Norwegian Cruise Line 180 Millionen US-Dollar benötigen.

Das sind aber nur die geschätzten Werte unter der Voraussetzung, dass alle Kapazitäten bei Werften und Personal verfügbar wären.

Die erste Hürde für den „Restart“ ist der technische Klarstand. Viele Schiffe müssen dringend ihre Klasse-Dockungen absolvieren und Wartungen in Werften ausführen. Die Modernisierungsarbeiten waren 2020 bei dem einen oder anderen Schiff aufgeschoben worden.

Besonders die in Südostasien liegenden Schiffe haben gelitten. Allein eine zweiwöchige Klasse-Dockung für ein 200 Meter langes Kreuzfahrtschiff bewegt sich zwischen zwei und sechs Millionen Dollar. Die Klasse ist vergleichbar mit dem TÜV beim Auto. Durch die Klassifikationsgesellschaften wird der technische Zustand bewertet und mit einem Klasse-Zertifikat bestätigt. Seeschiffe müssen bestimmte Klasse-Zertifikate jährlich erneuern. Die Untersuchung von Rumpf und Maschine im Rahmen einer mindestens zweiwöchigen Dockung ist alle fünf Jahre fällig. Die größeren Routine-Untersuchungen erfolgen alle 2,5 Jahre.

In die Karten lässt sich bei dieser Planung gerade keine Reederei schauen. UBS hat jedoch Daten für ein 2000-Betten-Schiff ausgewertet.

Die nächste Aufgabe wird die Auffüllung der zum Teil auf zweistellige Besatzungs-Stärken zusammengeschrumpften Crews der Schiffe sein. Hier gibt es wegen der weiter andauernden globalen Reisebeschränkungen große Hindernisse beim Einfliegen der Seeleute. Diese Erfahrungen machen auch bereits Reedereien von anderen Handelsschiffen.

Für die weltweite Kreuzfahrtflotte werden etwa 200000 Crewmitglieder benötigt. In Zeiten, in denen selbst 20 Seeleute für ein Frachtschiff nur unter großen Schwierigkeiten aus Asien zu einem Schiff in Europa gebracht werden können, dürfte die Auffüllung der Kreuzfahrt-Crews mehrere Monate dauern.

Der Abbau der Crews und der Verkauf von Schiffen hat den Reedereien jedoch zunächst etwas Luft auf der finanziellen Seite beschert.

Beim größten Kreuzfahrtunternehmen der Welt, der Carnival Corporation, wird die monatliche Aufwendung für den Unterhalt der schrumpfenden Flotte im ersten Quartal 2021 auf 600 Millionen US-Dollar steigen. Im vierten Quartal 2020 hatte der Konzern nach Angaben von Finanz-Chef David Bernstein noch 500 Millionen Dollar für den Unterhalt der Flotte benötigt. So beziffert UBS die Kosten für das warme Auflegen eines 2000-Betten-Schiffes mit Crew bei bis zu einer Million Dollar im Monat. Das so genannte „kalte Auflegen“ ohne Crew wird mit 250000 bis 500000 Dollar kalkuliert.

Durch die Umschichtung der Kredite und neue Anleihen versuchen die Reedereien ihre Liquidität gerade weiter zu steigern. 2021 wird die „Cash Burn Rate“ bei Reedereien wie Carnival oder Royal Caribbean aber wieder steigen, da viele Schiffe in die Werften müssen.

Für die Reedereien kann hier der nächste Engpass entstehen. Die Zahl der Docks ist begrenzt. So gibt es in Nordeuropa nur eine Handvoll großer Trockendocks oder Schwimmdocks für die Wartung von großen Kreuzfahrtschiffen. Wie Bernstein im Magazin „Seatrade Cruise News“ sagte, habe das Unternehmen das Jahr 2020 mit einer Liquiditätsreserve von 9,5 Milliarden Dollar beendet. Inzwischen bereitet sich das Unternehmen auch auf ein Worst-Case-Szenario vor, dass die Zeit ohne Einnahmen sich noch weiter hinziehen könne.

Angesichts der neuen Virus-Mutationen und einer Einstellung des Reiseverkehrs in Europa im Frühjahr könnte sich der Neustart noch einige Monate hinziehen. Für Europa wird immer mehr auf den Mai statt auf den April geschaut. Auch in den USA, wo 30 der 88 Carnival-Schiffe sich befinden, gibt es noch kein Datum für den Neustart.

Die Vorbereitungen für die Testfahrten unter Aufsicht durch die US-Seuchenbehörde CDC ziehen sich hin. Gründe sind auch hier die Anpassungen des Schiffsbetriebs an die neuen Auflagen.

Inzwischen wird mit Kreuzfahrten von Miami, Port Everglades oder Port Canaveral nicht im ersten Quartal gerechnet. FB