»Ocean Glory I« – Die Geschichte eines „Seelenverkäufers“

Kakerlaken in der Küche, abgesagte Kreuzfahrten, Feuer im Maschinenraum: Am 3. Juli 2001 wurde das Kreuzfahrtschiff »Ocean Glory I« wegen schwerwiegender Mängel in Dover (England) in die Kette gelegt. Bereits in Piräus und Lissabon, auf dem Weg vom Mittelmeer in den Norden Europas, gab es Beanstandungen, Probleme und unangenehme Zwischenfälle. Jürgen Saupe zeichnet die unglaubliche Geschichte eines „Seelenverkäufers“ nach.

Das Schiff wurde ursprünglich 1951 von Swan Hunter & Wigham Richardson unter dem Namen Provence gebaut und gehörte der SGTM (Société Générale des Transport Maritimes) mit Sitz in Marseille für ihre transatlantischen Dienste in Südamerika.

Foto: Sammlung JSA

1965 erwarb Costa Cruises das Schiff, gab ihm den Namen Enrico C. für die Strecke Genua – Buenos Aires. Nach 1972 nur noch Einsatz als Kreuzfahrtschiff. 1987 wurde das Schiff aufgrund der neuen Flottenphilosophie in Enrico Costa umbenannt und 1989 umfassend renoviert.

1994 erwarb die Reederei Starlauro den Kreuzfahrer und gab ihm den neuen Namen Symphony. 1995 wurde Starlauro zu MSC Cruises. Später, im Jahr 2000 wurde die Symphony an Golden Sun Cruises für Kreuzfahrten in der Ägäis verchartert und nahm den Namen Aegean Spirit an. 2001 erfolgte ein erneuter Namenswechsel, diesmal in Ocean Glory I.

Bevor die Ocean Glory I damals Piraeus verließ, war unter Aufsicht der italienischen Klassifikationsgesellschaft RINA eine „Durchsicht“ und „Überholung“ des Schiffes erfolgt. RINA bescheinigte dabei: Bauvorschriften erfüllt, keine Baumängel! Zu diesem Zeitpunkt war das Schiff (Eigentümer war die MSC-Tochter Navitalia) unter Chartervertrag bei der griechischen Reederei Cruise Holding. Die Reederei hatte den Kreuzfahrer wiederum für einige Fahrten an den britischen Veranstalter Festive Holidays verchartert.

Foto: Sammlung JSA
Foto: Sammlung JSA

Was jedoch niemand ahnte: Die Sicherheitszertifikate (die immer vom Flaggenstaat ausgestellt werden, in diesem Fall Panama) aber, mit denen die Ocean Glory I losfuhr, waren gefälscht. In Lissabon wurde das Kreuzfahrtschiff dann zum ersten Mal in die Kette gelegt. Grund: Unbezahlte Rechnungen. Die portugiesischen Behörden stellten außerdem am 28. Juni 2001 acht schwerwiegende und weitere 22 „kleinere“ Mängel fest. Unter anderem gab es unter der Besatzung 30 Latein-Amerikaner, die kaum ein Wort Englisch sprachen. Auch wurde bemängelt, dass die Schiffspapiere nur als Kopien ohne Beglaubigungsunterschriften vorlagen. Doch nach Vorlage einer Bankbürgschaft über die offenen Rechnungen, mussten die Behörden in Lissabon das Schiff wieder freigeben. Ihre „Amtshilfe“: Sie gaben den britischen Kollegen in Dover, dem nächsten Anlaufhafen des Schiffes, einen entsprechenden „Tipp“.

Nach dem Auslaufen aus Lissabon kam es auf hoher See zu einem mehrstündigen „Black Out“, einem totalen Energieausfall. Auch brannte es auf der Überfahrt nach Dover nicht weniger als drei Mal im Maschinenraum. Die Besatzung bekam den Kreuzfahrer zwar wieder klar, doch beim Einlaufen am 3. Juli 2001 in Dover wurde das Schiff bereits von der britischen Maritime and Coastguard Agency (MCA) empfangen. Die Inspektoren entdeckten 35 Sicherheits- und Hygienemängel: Fluchtwege waren blockiert, Feuertüren und Feuerlöschschläuche unbrauchbar, Pumpen leckten, Ölleitungen im Maschinenraum waren undicht, das Kommunikationssystem funktionierte nicht. Einige der Besatzungsmitglieder sprachen und verstanden ebenfalls nur sehr schlecht Englisch, der Kommandosprache an Bord. Der angeordnete Test eines Feueralarms ging „voll daneben“. So ganz nebenbei wurde die Küche von einer Kakerlaken-Invasion heimgesucht. Daraufhin belegten die Behörden das Schiff mit einem Auslaufverbot und ordneten an, dass alle der rund 600 Passagiere (aus ganz Europa) das Schiff verlassen mussten. Auch eine einwöchige Nordland-Kreuzfahrt, ausgebucht mit 600 Passagieren, musste daraufhin abgesagt werden.

Foto: Sammlung JSA

Die Sicherheitszertifikate, die die Schiffsführung präsentierte – gültig für sechs Monate, und ausgestellt von der Panama Register Corporation – weckte im Zusammenhang mit den Zuständen an Bord Zweifel bei den britischen Behörden. Schließlich musste die Schifffahrtsbehörde des mittelamerikanischen Flaggenstaates Panama, die Panama Maritime Authority (PMA) zugeben: Die Institution, die die Sicherheitszeugnisse im Namen der PMA für die Ocean Glory I ausgestellt hatte, war dazu nicht autorisiert. Die Zertifikate wurden dem Schiff daraufhin entzogen.

Der PMA-Repräsentant in London, Orlando Allard, kündigte daraufhin zur Aufklärung des Falles rechtliche Schritte an, denn er vermutete einen weiteren Betrugsfall. Bereits einige Monate zuvor waren im Zusammenhang mit der Ausstellung falscher Patente für unqualifizierte Seeleute über 30 PMA-Mitarbeiter in Panama vom Dienst suspendiert worden.

Der britische Charterer Festive Holidays beantragte darauf hin am 11. Juli 2001 die Arrestierung der Ocean Glory I bei den Behörden. Begründung: nicht erfüllter Chartervertrag.

Kurz darauf verkündete das London High Court: Das Schiff solle durch eine Auktion verkauft werden. Denn nach dem Einreichen der Klage des englischen Veranstalters Festive Holidays gegen die griechische Reederei Cruise Holding hielt das Gericht eine Auktion für die beste Lösung. Die bislang angelaufenen Kosten betrugen fast zehn Millionen Britische Pfund, wobei nicht bekannt war, was der Besatzung, noch zustand. Fachleute bezifferten den Abwrackwert des Schiffes mit ca. 4,4 Millionen DM. Nach Reparaturen und bei sachgemäßer Wartung wäre das 51 Jahre alte Schiff aber durchaus noch „fahrtüchtig“, so die Experten.

Gegen die Versteigerung protestierte der Eigentümer. Doch bis zum 18. September 2001 hatten Interessenten die Möglichkeit, ein Angebot beim Auktionshaus C.W. Kellock abzugeben.

Foto: Jürgen Saupe

Die Ocean Glory I sorgte übrigens schon mehrmals für Schlagzeilen, zuletzt im Juni 2000. Damals, unter griechischer Flagge und dem Namen Aegean Spirit fahrend, fiel bei einem Aufenthalt in Heraklion/Kreta ein altersschwacher Bunkertank sprichwörtlich in sich zusammen, und brachte dadurch das Schiff aus dem Trimm. Das Schiff geriet in starke Schräglage, so dass die 542 Passagiere eiligst evakuiert werden mussten.

Im September 2001 wurde das Schiff von der panamaische Firma Carpentai Holdings Corp. ersteigert, machte aber keine weiteren Reisen und wurde dann am 4. November 2001 in Alang auf den Strand gesetzt, um verschrottet zu werden.