„Saudi-Arabien ist ein Land im Wandel“

Lars Clasen ist der neue CEO von Cruise Saudi. Im Gespräch mit Michael Wolf erläutert er die Situation heute, die Öffnung des Landes für den Tourismus und Kreuzfahrtmarkt und seine Ziele und Visionen.

Lars Clasen, CEO von Cruise Saudi,
Foto: enapress.com

Sie sind der neue CEO von Cruise Saudi. Was hat Sie an diesem Job gereizt?

Nachdem ich mit AIDA, A-ROSA und The Ritz-Carlton Yacht Collection drei Kreuzfahrtreedereien mitbegründet und aufgebaut habe, hat es mich gereizt, meine Erfahrung in einem Markt einzubringen, der praktisch noch nicht existiert. Saudi-Arabien ist ein Land im Wandel. Es war lange Zeit extrem isoliert, abgeschnitten und religiös sehr konservativ. Hier hat sich jetzt seit fünf Jahren enorm viel getan. Mit der Vision 2030 will Saudi Arabien die Abhängigkeit vom Erdöl verringern, die Gesellschaft modernisieren und die Wirtschaft unabhängig von Öleinnahmen machen. Also muss man sich öffnen. Auch die Frauen, die bis jetzt kaum arbeiten durften, sollen dies tun. Bei Cruise Saudi beschäftigen wir schon mehr als 1/3 Frauen.

Die Frauen profitieren schon jetzt vom gesellschaftlichen Wandel und unterstützen daher auch die Vision 2030 massiv und verbinden große Hoffnungen damit. Insgesamt geht es darum, das Land aus der traditionellen religiösen Abgeschlossenheit in die offene Internationalität zu transportieren und gleichzeitig in die Unabhängigkeit vom Öl.

Ein auch wirtschaftlicher, wichtiger Teilbereich dieser neuen Unabhängigkeit soll der Tourismus werden – zuvor durften nur Pilger und Geschäftsleute ins Land. Das ist seit 2019 anders: Man kann einfach ein elektronisches Visum beantragen, das man in der Regel innerhalb einer Stunde bekommt. Seitdem hat sich hier auch im Tourismus sehr viel geändert, vor allem in der Hotellerie und bei Events. Man befindet sich zwar noch am Anfang, es ist jedoch in der kurzen Zeit bereits extrem viel aufgebaut worden – als Beispiel seien hier nur das UNESCO-Weltkulturerbe Al-ʿUla und die Altstadt von Dschidda genannt.

Elephant Rock bei Al-‚Ula, Foto: hyserb – stock.adobe.com

Wie sieht es mit dem Kreuzfahrtbereich aus?

Der Tourismus ist ein Teil der Agenda 2030, und Cruise Saudi steht darin für den Kreuzfahrtbereich. Wir wollen das Rote Meer als Kreuzfahrtdestination weiterentwickeln. Das ist für die europäischen Reedereien, die ihre Schiffe im Mittelmeer haben, eine tolle Winterdestination. Man muss nicht alle Schiffe in den arabischen Golf, zu den Kanaren oder in die Karibik schicken. Das Rote Meer bietet extrem viel und ist einfach zu erreichen ist. Das Wasser ist kristallklar, es gibt schöne Strände und viele Tauchparadiese. Beim Roten Meer als Destination denkt wir dabei über Saudi-Arabien hinaus, weil auch andere Destinationen wie Aqaba oder Sharm el-Sheikh angeboten werden. Wir sind heute aktiv in der Entwicklung von Häfen tätig.

Welche saudiarabischen Häfen könnten Sie sich heute vorstellen?

Auf jeden Fall Dschidda, da sind wir als Cruise Saudi federführend dabei. Mit der Anbindung an den neuen internationalen Flughafen eignet sich Dschidda auch sehr gut als Basishafen. Saudische Destinationen sind u.a. die sehr alte Fischerstadt Yanbu, die sehr attraktive Landausflugs-Möglichkeiten bietet. Und natürlich Al Wajh – heute ist hier noch kein großer Hafen, das soll das Gateway für Al-ʿUla werden.

Wie ist der heutige Stand?

Wir benötigen noch einige Jahre für die Entwicklung, aber die Kreuzfahrtreedereien haben ja auch einen Vorlauf von mehreren Jahren. In vielleicht zwei oder drei Jahren werden wir hier absolut sensationelle Kreuzfahrtprodukte haben.

Wie sieht es mit den landseitigen Möglichkeiten aus?

Kreuzfahrtreedereien werden nicht wegen eines schönen Terminals kommen. Wir müssen den Gästen interessante Erlebnisse in der Umgebung bieten. Da es bisher kaum Anbieter dafür gibt, sind wir dabei, diese Shore Experiences zu scouten und zu kreieren, so dass wir den Kreuzfahrtreedereien ein rundum interessantes Paket anbieten können.

In den Emiraten haben bereits Reedereien ihre Privatinseln gebaut. Soll so etwas auch bei Ihnen entstehen?

Ja, neben den Häfen entwickeln wir auch „private island“ Destinationen mit vielfältigen naturnahen Angeboten. Ergänzen möchte ich hier, dass sich das Land der vielfach unberührten Einmaligkeit seiner Küsten und Natur bewusst ist und außerordentlich darauf achtet, diese zu erhalten und neue Projekte nur in Einklang mit der Natur und starker ökologischer Kontrolle zu entwickeln.

Wie groß ist Ihrer Meinung nach das lokale Interesse und der einheimische Markt als Quellmarkt?

Wir wollen im internationalen Bereich wachsen, aber auch im lokalen. Dazu möchten wir eine einheimische Kreuzfahrtgesellschaft aufbauen, die Passagiere aus Saudi-Arabien und den Golfländern anspricht. Hierfür entwickeln wir gerade Produktdefinitionen und schauen, welche Schiffe am besten geeignet sind.

Das lokale Interesse ist auf jeden Fall da – es gibt hier 30 Millionen Einwohner, die auch Geld haben. Unser Ziel ist es, in 10 Jahren mindesten 300.000 Passagiere aus dem lokalen Markt zu generieren.

Wie schätzen Sie langfristig das Potential für Cruise Saudi ein?

Im Kreuzfahrtmarkt arbeitet man mit langen Vorlaufzeiten, hier sollte man nichts überstürzen. Ich habe schon diverse Kreuzfahrtgesellschaften aufgebaut, das ist auch der Grund, weshalb man mich gefragt hat, hier her zu kommen, um den Kreuzfahrtbereich zu gründen. Cruise Saudi ist eine hundertprozentige Tochter des nationalen Public Investment Fonds, also eine staatliche Firma. Für mich ist dieser Job eine der spannendsten Aufgaben, die es im Cruise-Bereich im Augenblick gibt. Gleichzeitig trägt man dazu bei, dass sich die hiesige Gesellschaft auch noch weiter öffnet. Ich war im letzten Jahr zweimal und bin jetzt seit Februar ständig hier, diese Änderung sind auch in dieser kurzen Zeit deutlich spürbar.

An wen berichten Sie?

Direkt an den Board, der hochkarätig besetzt ist. Vorsitzender ist S.H. Prinz Badr, der Kultusminister, der auch für den kulturellen und touristischen Bereich der Agenda 2030 zuständig ist. Dazu kommen S.E. der Transportminister, S.E. der Governor des Public Investment Funds sowie Karl Holz, der frühere Chef von Disney Cruise Line und der CEO von Saudi Tourism Authority sowie zwei weitere Mitglieder aus dem Bereich des Public Investment Funds und des Kultusministeriums.


Neue Herausforderung als CEO von Cruise Saudi

Seine mehr als 30-jährige internationale Expertise und Erfahrung in Schifffahrts- und Kreuzfahrtindustrie Europas, Nordamerikas und Asiens dürften ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass der renommierte Hamburger Schifffahrtsexperte Lars Clasen der Ernennung zum neuen Chief Executive Officer von Cruise Saudi im Februar dieses Jahres gefolgt ist und damit eine neue Herausforderung angenommen hat. Cruise Saudi in Jeddah baut damit sein Führungsteam im Zuge der Entwicklung der aufstrebenden Kreuzfahrtindustrie des Landes weiter aus. Dazu hatte sich die Organisation bereits dem internationalen Kreuzfahrtverband CLIA angeschlossen.

MSC BELLISSIMA (Archivfoto)

Schon im September letzten Jahres hatte Saudi-Arabien angekündigt, dass es Kreuzfahrtschiffen erlauben würde, das Land zu besuchen und in Jeddah festzumachen. MSC Kreuzfahrten hat sich als erste Reederei entschieden, die MSC Bellissima dort mindestens in den nächsten fünf Jahren zu einer regelmäßigen jährlichen Wintersaison einzusetzen. Das Schiff wird 7-Nächte-Kreuzfahrten ab Jeddah bieten und die Häfen Ras Al Abyad, Aqaba für Petra in Jordanien, Safaga für Luxor in Ägypten sowie Al Wajh und Yanbu in Saudi-Arabien anlaufen.

Die Öffnung Saudi-Arabiens für Kreuzfahrtunternehmen bietet internationalen und einheimischen Gästen die Möglichkeit, das Land und seine zahlreichen Weltkulturerbestätten sowie Ägypten und Jordanien auf einem Kreuzfahrtschiff zu entdecken und dabei ihre Kultur, Geschichte und Traditionen zu erkunden und ihre Strände zu genießen.

Clasen der in Hamburg Betriebswirtschaft studierte hatte zuvor Führungspositionen in renommierten Schifffahrtsunternehmen inne, betrieb zweitweise ein eigenes Consulting-Unternehmen und hielt Gastvorlesungen z. B. an einem universitären maritimen Tourismus-Forschungsinstitut in Shanghai. Dazu gehörten Tätigkeiten wie als Managing Director von The Ritz-Carlton Yacht Collection in Miami oder als Mitbegründer und Managing Director von Dolce Cruise Management, Malta (April 2013 bis November 2017), Geschäftsführender Gesellschafter der Deutschen Seereederei GmbH (von 1993-2009) und als Gesellschafter und CEO der A-ROSA Flussschiff GmbH (zwischen 2002 und 2013), AIDA Cruises-Präsident (von 1997 – 2004) Geschäftsführender Gesellschafter der Deutsche Seereederei GmbH (von 1993 bis 2009) oder im Vorstand der Mammoet-Hansa AG (1990-1996).

„Clasen bringt drei Jahrzehnte Erfahrung in der globalen Kreuzfahrtindustrie mit, und wir freuen uns darauf, ihn als wichtiges Mitglied des Teams zu haben, kommentierte Cruise Saudi-Geschäftsführer Fawaz Farooqui die Ernennung von Clasen, der sich beeindruckt von den Fortschritten zeigte, die Cruise Saudi bei der Entwicklung einer neuen Kreuzfahrtindustrie in dem Land gemacht hat“Als Kreuzfahrtprofi und -enthusiast habe ich die enormen Fortschritte verfolgt, die Cruise Saudi in so kurzer Zeit gemacht hat: von der Gründung einer völlig neuen Branche und der Begrüßung von Gästen auf Kreuzfahrtschiffen zum ersten Mal in Saudi-Arabien bis hin zu der großen Aufmerksamkeit, die das Unternehmen weltweit als neuester Akteur in der Kreuzfahrtbranche genießt“, sagte er. Er freue mich darauf, gemeinsam weitere Meilensteine zu erreichen, während Cruise Saudi eine neue Entwicklungsphase einleitet, indem es nicht nur ein Tor, sondern mehrere neue Tore eröffnet, die die Welt mit dem Königreich Saudi-Arabien verbinden.“ JPM