Segelabenteuer in der Karibik

Ankommen auf diesem Schiff ist wie die Rückkehr zu einer Familie, die man mal eben aus dem Auge verloren hat. Winzig klein liegt sie zwischen den vier Megaschiffen im Hafenbecken von Bridgetown – und doch ist die Sea Cloud die eigentliche Königin, findet Michael Wolf.

Der Empfang an der Gangway ist herzlich wie immer – Simon, der polnische Hoteldirektor, ist seit 35 Jahren auf diesem Schiff zu Hause und kennt jeden (wiederkehrenden) Gast.
Schlüssel? Braucht man auf diesem Schiff nicht, versichert Danny, der philippinische Steward, auch seit langem dabei. Es gäbe sie zwar, aber es benutze sie keiner. Und nach einem Fernseher habe noch nie ein Gast gefragt, fügt er lächelnd hinzu. Dafür steht die gekühlte Flasche Champagner der exzellenten Hausmarke Drappier bereit. Daneben seit kurzem auch zwei metallene nachfüllbare Trinkwasserflaschen – damit hat auf der Sea Cloud das Ende der Plastik-Ära begonnen.

Auf diesem Schiff ist alles anders, atmet alles Geschichte. Die langen Holzdecks mit ihren bequemen Liegestühlen, der Luxus der Bibliothek und des getäfelten Restaurants.
Die Sea Cloud hat auch heute noch diesen Esprit einer Privatyacht, der die internationalen Gäste meist schnell zueinander bringt, der persönliche Gespräche und Austausch wieder aufleben lässt.
Den Menschen, die man nicht unmittelbar ins Herz geschlossen hat, kann man allerdings auch bei dieser Schiffsgröße schlecht entkommen – zum Glück eine seltene Ausnahme.

Bewegte Fahrt
Der russische Kapitän Sergey Komakin sieht am ersten Reisetag beim Wetterbriefing auf dem Lidodeck in gespannte Gesichter der Gäste. Denn Wind und Wellen hatten die Sea Cloud in der Nacht gut durchgeschaukelt. Zwar ist es jetzt ruhig, doch die Großwetterlage soll nach einer Ruhepause wieder starke Winde und Strömungen bringen. Schiffsarzt Dr. Thomas Titgemeyer, ein begeisterter und guter Hobbyfotograf, hat auf jeden Fall einiges auf dieser Fahrt zu tun.
Dem Kapitän, der von der Krim kommt, kann dieses Wetter nicht imponieren. „Nur auf Segelschiffen kann man eben die Natur fühlen“ meint, heute vielleicht etwas zweideutig. Er bringt beste Erfahrungen mit: ein Onkel bei der Marine, jahrelange Ausbildung bei der Maritimen Hochschule und auf Segelschulschiffen, darunter die bekannte Khersones. Stolz ist er zu Recht auf einen Rekord: 2019 gelang es ihm, während einer Atlantiküberquerung von den Kapverden nach Santo Domingo 2305 Seemeilen nur mit Segeln zu fahren, also über 80% der Strecke ohne Motor.

Die zweite Offizierin Catarina Domingos Viegas hat ebenfalls beste Segelerfahrung. Sie lernte auf dem portugiesischen Viermast-Schoner und Schulschiff Santa Maria Manuela. Die Portugiesin kennt bereits die Sea Cloud-Familie, war bereits mehrfach auf der Sea Cloud 2 eingesetzt.

Über 54 Meter ragt der Hauptmast über Deck, 30 Segel mit 3000 Quadratmeter Segelfläche bieten dem Wind beste „Angriffsfläche“. Fast täglich werden etliche von ihnen, je nach Wetterlage, gesetzt.
Der armenische Bootsmann Mamikon hat seine Crew fest im Griff – wieselflink steigen die Matrosen in die Höhe, während an Deck auch die Gäste bei den Aktionen helfen dürfen. Die Matrosen stammen oft aus typischen Seefahrernationen wie den Philippinen oder Malta.

In dieser Männerwelt gibt es auch zwei junge Frauen, die als Deckhand arbeiten und ihre Ausbildung machen: Sara aus Brasilien und Ana Lucia aus Portugal. „Du bist nicht stark genug“ hören wir oft sagen sie. Aber das motiviert doppelt. Die Entschädigung: „Hoch oben auf dem Hauptmast ist es unglaublich: der Blick, diese Freiheit!“

Die Crew
Die angenehme melodische Stimme, die über die Bordlautsprecher die News durchsagt, die Planungen bekannt gibt, Änderungen verkündet oder morgens die letzten Langschläfer weckt, gehört zu Tanja Sauer. Die Stimme kommt aus Fulda – mit ihren 29 Jahren verfügt die junge Frau mit den hellblonden Haaren, meist als Pferdeschwanz gebunden, bereits über einige Erfahrungen im Cruise-Bereich. Nach ihrem Tourismus-Management-Studium jobbte sie als Scout bei Aida, arbeitete später als Cruise Directorin auf der Royal Clipper.
Sie ist es gewohnt, wie fast jeder von der Crew, mit anzupacken. Beim Einholen der Segel wie auch beim Restaurantservice. In ihren Ruhepausen sieht man sie häufig auf der Holzbank neben der Brücke, den Blick aufs Meer gerichtet. „Jeder Tag ist anders.“, sagt sie. „Die Luft, die See, die Vögel, die Lebensqualität. Dieses Leben macht einfach süchtig.“…

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Fotos: enapress.com