Spannend wie ein Krimi: Und Tschüss, „Crystal“!

Foto: Peer Schmidt-Walther

An Bord des Stralsunder „Traumschiffes“ hautnah dabei

Wer am 10. Juli gegen Mittag an der ehemaligen Volkswerft vorbeigekommen ist, wird sich gewundert haben: Was ist denn da los? Wo es sonst eher ruhig zugeht. Jetzt fällt Peer Schmidt-Walther hier ein ziemliches Gewusel auf.

Autos fahren rein und raus, Frauen und Männer aller Altersgruppen, Kinder. Kontrolliert wird nur sehr oberflächlich, denn man kennt sich anscheinend. Werft-Mitarbeiter und ihre Angehörigen. Alle wollen nur eins: das „Traumschiff“ sehen, wenn es ausläuft.

Da kommt ein Radfahrer mit Warnweste und Rucksack angestrampelt. „Klaus-Peter Wegner“, stellt er sich vor, „ich bin einer der beiden Lotsen. Über 130 Meter Schiffslänge müssen wir zu zweit fahren“. Sein Kollege Jens Hahn wartet schon am Gate. Ob er das Fahrrad mit aufs Gelände nehmen dürfe, fragt Wegner freundlich den Sicherheitsmann. „Nein!“, kommt es barsch zurück. Warum? „Das ist wegen der Vorschrift!“ Der Hinweis auf die ein- und ausfahrenden PKW verfängt nicht. Also geht’s zu Fuß über das weitläufige Gelände.

Schnell noch ein Blick in die große Schiffbauhalle. Da liegen schon Teile der geplanten Crystal Endeavor-Nachfolgerin: Maschinen, Bugstrahlruder und viele weitere Bauteile. Vor einem Getränkewagen steht Oberbürgermeister Dr. Alexander Badrow. Ob er noch bis zum Auslaufen bleibe? „Ich muss gleich zu meinen Werftarbeitern“, meint er nur knapp und ist auch schon entschwunden.

Foto: Christian Rödel

Hoch oben fällt ein über die ganze Schiffslänge gespanntes Abschieds-Spruchband auf: „WE EXPLORE THE WORLD – STRALSUND’S ENDEAVOR“. Frei übersetzt: „Wir entdecken die Welt mit Stralsunds ´Endeavor`“. Auf der Pier drängeln wir uns durch eine herumwuselnde Menschentraube und Berge von Verpackungsmaterial, vor dem Eingang zum Schiff Sicherheitskontrollen, an der Seitenpforte Temperaturmessung, Abgleich anhand der Mitfahrerliste. Maske auf und los. Nur wohin? Keiner weiß Bescheid, bis ein Crewmitglied den Weg zum Fahrstuhl weist: „Bis auf Deck 7, dann noch zwei Treppen“. Die Wände sind noch unverkleidet, mehrfarbige Rohstränge verlaufen sichtbar aus der Höhe in die Tiefe. „´N neues Schiff eben“, meint Jens trocken, „das ist doch normal“.

Wir erreichen endlich die Brücke. „Willkommen im Raumschiff ´Enterprise`!“ grinst Klaus-Peter, „das ist ja Futurismus pur!“ Der finnische Kapitän Jan Rautawaara kommt auf uns zu: „Willkommen an Bord!“ Er hat sich aus einer Gruppe Techniker gelöst, die mit Papieren und Messgeräten herumlaufen, um letzte Einstellungen vorzunehmen.

Es wird spannend

Die beiden Lotsen packen ihre Laptops aus und machen sich mit der hypermodernen Navigationstechnik vertraut. In einer halben Stunde soll es losgehen. Ein Werftkran hebt gerade eine schwere Palette an und setzt sie an Bord ab. Anscheinend gibt es noch mehr zu verladen.

Der Kapitän blickt skeptisch auf seine Uhr: „14 Uhr schaffen wir nicht, wird wohl 15 Uhr werden“. Es wären noch dringend benötigte Ausrüstungsgegenstände zu laden, die gerade erst angekommen seien, lautet die Begründung. Die Zeit läuft. Kollegen, die mit Booten am Schiff auf und ab fahren, rufen ganz nervös an: „Wann geht´s denn endlich los? Warum dauert das? Wir haben noch andere Termine!“ Lakonischer Kapitäns-Kommentar: „Es wird spannend!“ Aber er bleibt die Ruhe selbst, ein echter Finne eben: „Unsere ´Crystal` will noch nicht weg aus Stralsund!“

Foto: Peer Schmidt-Walther

Auch 15 Uhr verstreicht, ohne das etwas passiert. Der Schlepper Fairplay 20 hat vorn schon angespannt. Immer noch schwingt der Kran Ladung herüber. Die Kollegen-Anrufer werden hektischer: „Was ist denn bei euch los?“ „16 Uhr“ heißt dann die endgültige Parole. Um 15.30 Uhr meldet Lotse Jens Hahn das Schiff bei Stralsund traffic ab. Colin Au, der Vertreter der Eigner-Familie Tan Sri Lim aus Malaysia, tritt schon im Kreis des beiden Werft-Chefs unruhig von einem Bein aufs andere. 15.55 Uhr, englisch-deutsche Durchsage des Kapitäns: „Danke an alle für dieses wunderschöne Projekt!“ 16 Uhr, endlich das ersehnte Kommando: „Leinen los und ein!“ Über die Bordlausprecher tönt Placido Domingo mit dem „Traumschiff“-Abschiedssong: „What a wonderful world, what a wonderful life…“ Fairplay 20 taut an. Alle zucken zusammen, als plötzlich das gewaltig stimmkräftige Typhon losdröhnt: dreimal lang – und Tschüss Stralsund! Viele Arme winken auf der Pier und gegenüber am Nautineum, wo etliche Stralsunder auf den Moment gewartet haben. „She is moving“, meldet die Zweite Offizierin, dass Crystal Endeavor sich von der Pier wegbewegt. Der Auslauf-Krimi ist anscheinend zu Ende. Vor dem Schlepper sorgt ein Boot der Wasserschutzpolizei für den nötigen Abstand der Begleitboot-Armada.

Foto: Peer Schmidt-Walther

6-Sterne-Lotsen-Essen

Rückwärts schleicht der 20.000-Tonner, der mit 450 Millionen Euro Baukosten, pro Kabine zwei Millionen, als das teuerste Kreuzfahrtschiff der Welt gilt, bis zum Becken des Südhafens. Fairplay 20 zieht die hohe Schiffsnase behutsam in die Ziegelgraben-Fahrrinne. „Beginn der Seereise“, notiert der Erste Offizier und meldet, dass die Tonne an Steuerbord frei kommt.

Noch einmal drei sehr lange, tiefsatte Typhondröhner. Winken hin- und herüber. Als der Schleppzug die Kurve vor Devin und die Rügensche Spitze Steinort passiert hat, entschwindet die Stralsund-Kulisse hinter dem Küstenwald. Die Crew schießt letzte Fotos, auch viele Seh-Leute auf dem Steilufer von „Höhe 23“. Dann kehrt wieder Arbeitsalltag ein, denn bis zum Start mit Passagieren am 17. Juli in Reykjavik auf Island gibt es noch jede Menge zu tun für Crew und Handwerker. Sie haben alle freien Kabinen belegt. „Mal sehen, wo ich heute schlafen kann“, fragt sich der Kapitän, dessen Kabine noch hergerichtet werden muss.

Auf der Brücke gespannte Aufmerksamkeit. „Ninety!“, befiehlt Lotse Klaus-Peter, während die Zweite am Ruder sitzend die Order wiederholt. „Starbord twenty!“ Harte Kursänderung auf die Hochspannungsleitung Prosnitzer Schanze – Niederhof zu. Mit der Leitungshöhe gibt es zum Glück keine Probleme. Mit 13 bis 14 Knoten geht die Reise durch den schmalen Strelasund, bis Palmer Ort, die Südwestspitze Rügens am Eingang zum Greifswalder Bodden erreicht wird. „Keine Palmen?“, fragt jemand im Spaß, „aber eine wunderschöne Ecke“, antwortet Lotse Hahn.

19.40 Uhr: Das Ende der schlauchartigen Landtiefrinne naht nach rund 25 Seemeilen. Auch das leuchtend rote Lotsenboot von Freest. Ob wir noch etwas essen möchten?, fragt Kapitän Rautawaara. Aber gern! Carpaccio und Lammfilet stehen auf der 6-Sterne-Speisekarte. Wir genießen das „beste Essen, das es je während einer Lotsreise gab, sogar mit Silberbesteck und Damastservietten“, strahlt Wegner mit Blick auf den Südperd im Sonnenuntergang, „fast schon kitschig dieses romantische Brücken-Menü, fehlt nur noch ein kühles Glas Weißwein“.

Bei der Schiffsbeurteilung bleibt er nüchtern, meint aber trotzdem enthusiastisch: „Ein echter nautischer Mercedes, technisch einwandfrei, einfach optimal.“ Den Kapitän freut’s: „Das wird noch mal ein echter Hammer, dieser Dampfer!“

„Tschüss und gute Reise!“ wünscht man sich gegenseitig, „bis zum nächsten Mal, aber dann mit Gästen!“