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Corona und die Leichtigkeit der Kreuzfahrt

Die andauernde COVID-19 Pandemie und der 11. September 2001 hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die Art des Reisens – auch mit Kreuzfahrtschiffen. Frank Behling recherchierte.

Die Pandemie lässt auch der Kreuzfahrt keine Ruhepause. Der Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff Carnvial Vista im Golf von Mexiko hat gezeigt, dass es vor Covid-19 auch auf Schiffen keine absolute Sicherheit gibt. Eine 77-jährige Passagierin war wenige Tage nach der Infektion in einem Krankenhaus verstorben. Die pensionierte Lehrerin war am 31. August von Galveston aus mit der Carnvial Vista zu einer Karibik-Reise aufgebrochen.

Beim Anlauf in Belize am 4. August­ hatte sie sich mit Symptomen testen lassen. Sie und weitere 26 Crewmitglieder wurden positiv auf Covid-19 getestet. Die Seniorin und die Crewmitglieder waren­ alle geimpft.

Der Gesundheitszustand der Seniorin verschlechterte sich jedoch. Sie kam in ein Krankenhaus nach Belize und am 14. August per Krankenrücktransport mit dem Flugzeug zurück nach Hause. In Oklahoma verstarb die Frau jedoch kurz darauf. Die Crewmitglieder verblieben an Bord.

Der Fall hat bei Carnival wieder zu einer Verschärfung der Protokolle geführt. Alle Passagiere müssen jetzt beim Einschiffen in den USA mit dem Impfstatus auch einen negativen Antigen- oder PCR-Test machen.

Diese Regel gilt auch schon in Europa. TUI Cruises und AIDA Cruises haben die Tests auch als Vorgabe fürs Boarding gemacht. Die Folge sind allerdings längere und umständlichere Eincheck-Verfahren. Wartezeiten von ein bis zwei Stunden sind inzwischen die Regel, da in den Terminals auch die Zahl der Personen begrenzt ist.

New York, Foto: enapress.com

Wer 2021 eine Kreuzfahrt mit einem großen Schiff machen will, der braucht vor allem eins: Zeit. Die Corona-Pandemie hat den Seereisesektor verändert. Vergleichbar mit den Anti-Terror-Maßnahmen nach dem 11. September 2001 sorgen die Anpassungen der Abläufe beim Thema­ Gesundheit schon bei der Abfertigung in den Häfen­ für Wartezeiten.

„Die Pandemie hat die Abfertigung in den Häfen so verändert wie der 11. September das Thema Sicherheit in den Fokus rückte“, sagt Jens-Broder Knudsen von der Kieler Schifffahrtsagentur Sartori & Berger. Das Unternehmen ist führend bei den Agentur-Tätigkeiten für Kreuzfahrtschiffe in den deutschen Häfen.

NYC vor dem 11. September.
Einlaufen in den Hafen mit der „Queen Elizabeth 2“.
Foto: Frank Behling

Nach dem 11. September wurden Sicherheitsmaß­nahmen zum Schutz gegen Anschläge oder Schiffsentführungen eingeführt. Alle Häfen rüsteten nach. Teure Scanner für Gepäck und Passagiere wurden angeschafft. Spezielle Abfertigungsroutinen eingeführt.

Plötzlich wurden Häfen Teil des Heimatschutzes. Flüssig­keiten oder Taschenmesser wurden in Koffern beim Boarding herausgefischt. Zum Sektor Sicherheit ist jetzt der Bereich Gesundheitsschutz und Seuchenbekämpfung hinzugekommen. In den Häfen wurden die Terminals und die Verkehrswege erneut neugestaltet.

Besonders die großen Häfen schultern immer noch gewaltige Investitionen in Infrastruktur. Neue Terminals wurden für die neuen Mega-Liner angeschafft. Die älteste Anlage für Megaliner ist heute Terminal 18 in Port Everglades. Das Bauwerk ist gerade einmal elf Jahre alt.

Der Hafen von Miami hat im August sogar festverzinste Wertpapiere im Wert von 1,4 Milliarden Dollar verkauft. New York und New Jersey hatten im März 1,1 Milliarden Dollar durch Wertpapierverkäufe eingenommen. Die Häfen­ brauchen Geld. Auch in Deutschland investierten die Häfen in neue Abfertigungsanlagen.

Teststationen, neue Wartebereiche und medizinisches Personal sind in Pandemie-Zeiten fast wichtiger als die Sicherheitskräfte für die Kontrolle. Das Ziel ist: Das Virus darf nicht an Bord. Die Kosten für Testgeräte im PCR-Verfahren schwanken zwischen 15000 und 50000 Euro.

Wie aber läuft das Geschäft mit der sicheren und jetzt auch gesunden Reisen? „Seit Juli 2020 bieten wir mit der Mein Schiff Flotte als einer der wenigen Kreuzfahrtanbieter weltweit durchgehend Reisen an, seitdem waren weit über 140.000 Gäste an Bord“, sagt Friederike Grönemeyer von TUI Cruises.

Man habe bewiesen, dass Kreuzfahrten mit dem richtigen Gesundheitskonzept auch in Pandemiezeiten sicher möglich seien. „Mit Erfolg: denn unsere Gästezufriedenheit ist zum Teil höher als in Zeiten vor Corona. Viele Gäste waren in den letzten zwölf Monaten nicht nur einmal, sondern mehrere Male an Bord. Andere haben bis zu vier Wochen“, so Grönemeyer. Aktuell sind von TUI Cruises­ sechs der sieben Schiffe in Fahrt.

„Mit unserem Konzept der Testung im Terminal vor der Einschiffung haben wir die besten Erfahrungen gemacht. Wichtig ist, dass niemand mit einer Infektion an Bord kommt. Die Grundregel lautet getestet, genesen oder geimpft“, sagt Hansjörg Kunze von AIDA Cruises.

Deutschlands größtes Kreuzfahrtunternehmen will bis Jahresende wieder zehn Schiffe in Fahrt haben.

Ebenfalls mit Schwung ist MSC Cruises in Fahrt gekommen. Am 16. August wurde der erste Jahrestag nach der Aufnahme des Fahrtbetriebs gefeiert. Sechs Schiffe sind aktuell wieder im Mittelmeer, der Karibik, rund um England und der Ostsee aktiv.

Anders als nach dem 11. September gibt es aber bei der Corona-Pandemie einen weiteren Aspekt. Die Crew ist ebenfalls ein potenzielles Risiko. Dabei haben AIDA und auch TUI Cruises wiederholt Probleme mit infizierten Crewmitgliedern gehabt. Der Neustart von AIDA war 2020 ein ums andere Mal auch durch infizierte Crewmitglieder überschattet. Die Reederei MSC hat deshalb ein eigenes Crew-Impfprogramm aufgelegt.

Während sich in Europa und Nordamerika die vierte Welle­ der Pandemie mit dem gefürchteten Delta-Virus nicht mehr als so dramatisch auf die Erkrankungen auswirkt, sieht es in anderen Teilen der Welt ganz anders aus. Weitere Mutationen des Virus werden zur aufkommenden Wintersaison erwartet.

Die philippinische Gesundheitsbehörde meldete am 21. August mit 13831 Neuinfektionen­ einen neuen Höchststand. Am selben Tag meldeten die deutschen Gesundheitsämter nur 6600 Neuinfektionen.

Mehr als 250000 Seeleute stammen weltweit allein von den Philippinen. Und auch die CDC stellt ein ums andere mal fest, dass besonders Crewmitglieder mit Infektionen auf Schiffen auffallen. Die Folge: Crewwechsel, vor der Pandemie reine Routine, werden heute­ zu politischen Drahtseilakten. Traurige­ Berühmtheit erlangten 200 Seeleute von dem Pazifik-Staat Kiribati, die monatelang in Hamburg oder auf den Fidschi-Inseln fest­saßen, da sie nicht in ihr Heimatland durften. Selbst der berufliche Reiseverkehr für Soldaten, Diplomaten oder Leistungs­sportler­ ist nicht ohne Komplikationen denkbar. 193 Staaten gehören den Vereinten Nationen. In Corona-Zeiten sind das auch 193 nationale Einreiseregelungen.

Aktuell ist nicht absehbar, wann überhaupt mal wieder ein Kreuzfahrtschiff zu einer Weltreise nach altem Muster­ mit 40 bis 50 Nationen als Destination aufbrechen wird. Das Aufkommen immer neuer Mutationen und die weiter sehr restriktiven Einreiseregeln und Lockdowns in Teilen der Welt lassen einen Seereiseverkehr über Kontinente­ hinweg nicht zu.

Foto: Frank Behling

Corona hat an Bord der Kreuzfahrtschiffe die Abläufe jedoch ganz konkret verändert. Selbst wer den als erstes anstehenden Gesundheitscheck im Terminal vor dem Boarding übersteht, ist auf einem Schiff mit tief­greifenden Veränderungen zu früher konfrontiert.

Restaurants und Bars sind immer noch weit von der Unbeschwertheit der Vor-Corona-Zeit entfernt. Zwar hat AIDA inzwischen wieder Büfett-Restaurants erlaubt. Doch alles mit Abstand und strengen Abläufen.

Wer jetzt eine Reise mit einem Schiff im Winter plant. Braucht vor allem eins: Flexibilität. Bei Fluganreisen muss mit zusätzlichen Kosten und Wartezeiten durch Einreisekontrollen gerechnet werden.

Die besten Perspektiven haben weiterhin die Reisen vor der Haustür. Kurze Wege, eine individuelle Anreise zum Schiff und die im Notfall schnelle Obhut des vertrauten Gesundheitssystems sind der beste Weg für eine Er­holung.

„Wie kann die CLIA es nur schaffen, die Kreuzfahrten wieder einfacher zu machen?“, fragte die US-Reise­bloggerin Ilana Schattauer in ihrem Kanal. Die Anforderungen zur Einschiffung seien zu komplex geworden. Die Wartezeiten rauben meist den Spaß am Urlaub. Lange­ Schlangen außerhalb der Terminals gehören inzwischen auch in Europa zum Bild. Die Ursache ist einfach. Der Gesundheitscheck muss gemäß der Sicherheitsprotokolle und Hygienekonzepte beim Betreten der Terminalanlage erfolgen. Damit fallen auch die klimatisierten und wettergeschützten Wartebereich in den Terminals vor dem ersten Check weg. In Kiel, Hamburg oder Southampton gibt es inzwischen deshalb regelmäßig Fotos von Schlangen vor den Eingängen.

Die Reedereien und Hafenbetreiber sind aber um eine Abhilfe bemüht. Das letzte Wort haben aber die Gesundheitsbehörden. In den USA die mächtige CDC und in Deutschland die jeweiligen Gesundheitsämter.

Und wie geht es weiter. Der Kreuzfahrtverband CLIA sowie die Reedereien setzen auf die Erfolge der Impfungen. In den USA stehen inzwischen wegen der erhöhten Infektions­gefahr bereits „Booster“-Impfungen für Kreuzfahrtpassagiere auf der Tagesordnung.

In Europa wird mit den Impfungen eine Normalisierung erst im kommenden Jahr zu rechnen sein. Mit der kälteren Jahreszeit wird eher mit Einschränkungen durch eine weitere Infektionswelle gerechnet. Die neue Virus-­Mutante AY.3 bereitet sich gerade in den USA, Groß­britannien und Israel aus. Ein Schwerpunkt sind die warmen Südstaaten der USA. In Missouri und Mississippi beträgt der Anteil der Variante YAY.3 bereits 43 bis 45 Prozent. Einziger Schutz vor der Ausbreitung der neuen Mutationen ist eine Einschränkung der individuellen Reisetätigkeit sowie die weiter konsequenten AHA-Regeln.

Die Bedingungen für Reisen möglichst nah am Wohnort sind damit ideal. Kreuzfahrten von europäischen Häfen werden deshalb auch im Winter eine große Perspektive haben. Die Entscheidung von AIDA zur Stationierung der AIDAprima in Hamburg dürfte bald Nachahmer finden.