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MS Astor, wieder ein trauriger Abschied – oder vielleicht doch nicht?

Die Corona-Krise hat auch bei dem beliebten Klassiker Astor nicht halt gemacht. Im Strudel der Insolvenz vom britischen Reiseveranstalter CMV zusammen mit seiner deutschen Tochter Transocean wurde der Kreuzfahrer nach der abrupten Rücküberführung vom australischen „Winterquartier“ in Tilbury/England aufgelegt und man hoffte auf bessere Zeiten. Doch es kam anders: am 15. Oktober 2020 wurde das Schiff zum Abwracken zwangsversteigert.

Ein Grund, sich des oft spannenden Werdeganges dieses Kreuzfahrtschiffes, einem Nachbau der 1980 in Dienst gestellten ersten Astor zu widmen.

Foto: Jens Meyer

ASTOR (2)

1985 gab die südafrikanische Reederei SAFMARINE mit dem Verkauf ihres Kreuzfahrtschiffes ASTOR (1) an die damalige DDR als Ersatz bei HDW Kiel am 12.April 1985 für 65 Mio.US$ einen Nachbau in Auftrag, der zur Jahreswende 1986/87 als ASTOR (2) in Fahrt kommen sollte. Durch das Einfügen einer 11 Meter langen Mittschiffssektion wirkte die zweite ASTOR in ihrer äußeren Form gefälliger, die Proportionen stimmten einfach besser. Die Schiffsgröße stieg mit dem verlängerten Rumpf auf BRZ 20.606. Politische Einflüsse ließen seinerzeit einen Betrieb unter der Flagge Südafrikas, wie anfangs bei der ersten ASTOR nicht mehr zu. Viele Staaten sperrten sich der damaligen Apartheid-Flagge. Durch eine verschachtelte Eigentums-Konfiguration wurde dem Interessierten „vorgegaukelt“, kein südafrikanisches Schiff vor sich zu haben, zumal auch die gewählte Flagge Mauritius unverfänglich erschien. Offiziell wurde der Neubau noch während der Bauphase an die Marlan Corporation mit Sitz in Panama übertragen. Die Vermarktung erfolgte über die Reiseveranstalter Morgan Leisure in Colchester/England sowie durch Globus Kreuzfahrten in Hamburg.

Foto: Jürgen Saupe

Doch die ASTOR Nummer 2 fuhr, wie schon ihre Vorgängerin, mit Verlusten. Das Management operierte wenig glücklich. Neben vielen Fehlentscheidungen im Schiffsbetrieb traf hier der Slogan zu „Das richtige Schiff zur falschen Zeit“. Im Hinblick auf damalige kritische Stimmen bezüglich der Verweildauer der neuen ASTOR auf dem deutschen Markt (man erinnerte sich an das kurze „Gastspiel“ der ersten ASTOR) sprach der damalige deutsche Repräsentant der ASTOR (2) in seinen Verlautbarungen von einer mindestens achtjährigen Charter, deren Verträge unkündbar sein sollten. Ergebnis: nach nur knapp 2jährigem Schiffsbetrieb stand auch die ASTOR Nummer Zwei zum Verkauf und die Sowjets ließen sich dieses Schnäppchen nicht entgehen. Hatte der Bau des Schiffes 65 Mio. US$ gekostet, wurden nach knapp 2 Jahren als Verkaufserlös lediglich 50 Mio. US$ erzielt. Nicht wenige Branchenkenner nahmen damals einen solchen niedrigen Verkaufspreis nur kopfschüttelnd zur Kenntnis. Am 2. Oktober 1988 wechselte das Schiff in Genua die Flagge.

Am Heck wurde die rote Werkzeugflagge gesetzt und der Schiffsname in FEDOR DOSTOEVSKIY geändert. Mit der damals überraschenden Ankündigung des Bremer Seereisenveranstalters Transocean Tours, die „Fedor“ unter Vollcharter zu nehmen, kam dieses schon damals bei deutschen Fahrgästen beliebte Schiff wieder auf den heimischen Markt. Doch die ASTOR Nummer Zwei brachte (zumindest damals) auch den Bremern nicht das erhoffte Glück. Das Schiff hatte sich unter der Bremer Charterflagge gerade freigeschwommen und die Buchungszahlen verhießen Gutes, da kam der „Knaller“: In einer wohl beispiellosen Aktion wurde die „Fedor“ den Bremern so quasi über Nacht entrissen und an Neckermann-Seereisen weitergegeben. Angeblich, so hörte man, soll es in dem seinerzeitigen Chartervertrag eine „Lücke“ gegeben haben, die der russischen Reederei einen einseitigen Sofortausstieg aus dem Vertrag ermöglichte. Neckermann kam so gewissermaßen über Nacht zu seinem (damals dringend benötigtem) Traumschiff. Doch auch dieses Glück währte nur kurze Zeit. Die Buchungszahlen ließen zu wünschen übrig. Außerdem konnten durch hohe Charterraten die Fahrpreise für die Neckermann Klientel nicht attraktiv genug kalkuliert werden. Am 1. Dezember 1995 erhielt das Schiff in Bremen wieder seinen ursprünglichen Namen Astor und wurde vom damaligen Veranstalter Aquamarin vermarktet. Transocean Tours entschloss sich am 25.10.1996, die ASTOR (2)in Langzeitcharter zu übernehmen. Am 21.04.1998 dann die erste Kreuzfahrt unter der Bremer Charterflagge.

Fedor Dostoevskiy, Foto: Sammlung JSA

Am 5.01.2006 kauft der Münchener Finanzdienstleister Premicon die ASTOR vom Eigner Sovcomflot. Es folgte ein weiterer Einsatz bei den Bremern bis zur Insolvenz von Transocean Tours im Herbst 2009. Eine schon vor der Insolvenz geplante Totalrenovierung im Umfang von mehr als 16 Mio. Euro wurde im Frühjahr 2010 durch den neuen Eigner Premicon AG veranlasst, der auch die insolvente Transocean Tours unter dem neuen Namen Transocean Kreuzfahrten wiederbelebte und dem Schiff unter der Bereederung von der KD einen erfolgreichen Start in die weitere Zukunft ermöglichte.

Nord-Ostsee-Kanal am 19.4.2013 in Kiel, Foto: Frank Behling

Die Standard-Kabinen, wenn auch in ihrem Grundriss unverändert, bekamen eine neue Möblierung, neue Teppichbelege in Königsblau mit heller Musterung wurden nicht nur hier, sondern im gesamten Schiff verlegt. So strahlte das „neue“ Schiff eine vornehme Harmonie aus, die auch die alten Stammkunden des Schiffes überzeugte. Die Ausstrahlung der, wenn auch nach heutigen Maßstäben eher kleinen Kabinen (ca. 14 qm) war durchaus dazu angetan, dem bunten Treiben an Deck auch einmal zu entfliehen. Alles ist im Prinzip an seinem Platz geblieben, nur eben neu gestaltet. Die Werft „weigerte“ sich, die vorhandenen Klappsofas, tagsüber bequeme Sitzgelegenheit und zur Nacht ein richtiges Bett, auszutauschen. Sie seien so stabil konstruiert und quasi für die Ewigkeit gebaut, dass man sie an Bord belassen sollte. Sie blieben und wurden lediglich neu bezogen.

ASTOR im NOK, Mai 2013, Video: Oceanliner-Pictures.com

Stammgäste, die eine Suite bewohnen, werden größere Änderungen bemerkt haben. Die bisherigen Suiten erhielten bodentiefe Fenster, für geplante, so genannte French-Balkonies gab die Klassifikationsgesellschaft kein grünes Licht. Auf dem Bootsdeck wurde der Aufbau nach vorn verlängert und so Platz für neue, großzügig ausgelegte Suiten (26-48 qm) geschaffen. Die größten haben ihre Veranda mit Blick nach vorn. Ein eigenes Erster Klasse-Guckdeck also.

Anders bei den zahlreichen Innenkabinen. Es wurde immer schwieriger, Kabinen ohne Tageslicht zu vermarkten. Diese sind zwar preisgünstiger, aber der Zeitgeist verlangte nach Außenkabinen. Ausweg bei der ASTOR: Bei einigen Innenkabinen hat man zwei Innenkabinen zu einer großen, gut ausgestatteten Innen-Suite zusammengelegt.

Foto: enapress.com

Im November 2014 geriet die Betreibergesellschaft (des Schiffseigners) in Finanznöte und musste Insolvenz anmelden. Danach per 15.12.2014 Übernahme der ASTOR durch die Global Cruise Group des griechischen Reeders Tragakis. Als Eigentümer ist eingetragen: Passion Shipping Investment, Athen. Den Winter verbrachte dieASTOR fortan in Australien und wurde dort durch CMV vermarktet. Im europäischen Sommer kehrte das Schiff dann in heimische Gewässer zurück und wurde hier unter Transocean (jetzt eine CMV-Tochter) vermarktet. Am 20.07.2020 meldete CMV/Transocean Insolvenz an und alle Reisen abgesagt.

Als Jules Verne, Foto: Sammlung JSA

Die ASTOR kam am 15.10.2020 unter den Hammer und wurde für schlappe 1,7 Mio.US$ versteigert. Bis Ende Oktober 2020 sickerte lediglich durch, dass der Käufer das Schiff zum Verschrotten erworben haben soll. Die Fangemeinde der Astor hofft immer noch, dass sich jemand findet, der das Schiff den Abwrackern in letzter Minute entreißt und weiter als Kreuzfahrtschiff einsetzt.

Daten ASTOR (2)

Reederei: South African Marine Corp. Ltd., Kapstadt (Safmarine), Bauwerft: Howaldtswerke-Deutsche Werft AG, Kiel, Bau-Nr. 218, Vermessung: 20.159 BRT, Abmessungen (LxBxT): 176,3 x 22,6 x 5,8 Meter, Höhe Wasserspiegel – Mast: 35 Meter, Antrieb: Zwei 8-Zyl. + zwei 6-Zyl. Sulzer-Wärtsilä Diesel, Typ ZA40 über Getriebe (580/215 RPM) auf 2 Verstellpropeller, Gesamtleistung 15.400 kW., Hilfsmaschinen: Drei Diesel, Gesamtleistung 3.300 kW, Geschwindigkeit: 18 Knoten (max. 20 Kn), Verbrauch: 36 Tonnen pro Tag bei 18 Kn, Bunkerkapazität: 1.400 Tonnen, Aktionsradius: 12.900 Seemeilen bei 18 Knoten; Bugstrahler: 880 kW in 3 Stufen, Stabilisatoren: HDW, Typ Simplex-Compact (je Flosse 8 qm), Passagierkapazität: Max. 656 Fahrgäste in 295 Kabinen und Suiten, Besatzung: 250 in 156 Kabinen, Baukosten: 210 Millionen DM (65 Mio. US$)

Werdegang:

12.04.1985: Auftragsvergabe an die Werft. 21.01.1986: Baubeginn (Kiellegung). 1986: De facto Verkauf des Schiffes an Marlan Corporation, Port Louis/Mauritius, mit Zweitsitz in Panama. Hinter dem Unternehmen steht als größter Anteileigner die Hotel- und Finanzierungs-Gesellschaft Jardines Madison in Hongkong. Die Safmarine erkannte, dass ein Betrieb des Schiffes unter Südafrika-Flagge und Management aus politischen Gründen nicht am Markt ankommen würde. An Hongkong konnte das Schiff aber nicht übertragen werden, da es weitgehend von deutschen Schifffahrtsbanken finanziert ist. Das Hypothekenrecht von Hongkong wurde von diesen nicht anerkannt, wohl aber das in Panama. Da man aber das Schiff nicht unter der Bequemlichkeitsflagge Panamas fahren lassen wollte, wurde die ASTOR für acht Jahre bareboat an die Ireland Blythe Ltd. in Port Louis/Mauritius verchartert, die sie – nun unter unverfänglicher Flagge – an die britische Morgan Leisure Ltd. weiterverchartern kann.

30.05.1986: Aufschwimmen im Baudock., 24.06.1986: Taufe, Taufpatin: Frau Inta Elisabeth Gleich, Frau des Vorstandsvorsitzenden der Norddeutschen Affinerie., 00.12.1986: Technische Probefahrt., 14.01.1987: Ablieferung, 31.01.1987: Jungfernfahrt ab Hamburg

24.01.1988: Preissenkung der Kreuzfahrttarife für den deutschen Markt um bis zu 35 Prozent. Grund: Der Versuch der Reederei, die zum Teil völlig unzureichende Auslastung auf dem britischen Markt durch Sonderpreisaktionen zu verbessern, führte zu erheblichen Spannungen zwischen deutschen und englischen Passagieren.

01.02.1988: Ein Telex der Globus Kreuzfahrten GmbH, Hamburg, dem Generalagent für den hiesigen Markt, widerspricht Pressemeldungen über einen Verkauf der ASTOR. Globus garantiert seinen Kunden die Durchführung aller Astor-Reisen 1988., 09.02.1988: Der Verkauf des Schiffes an die Sowjetunion wird beschlossen., 11.02.1988: Die Presse berichtet weltweit über den geplanten Verkauf des Schiffes an die Sowjetunion., 10.05.1988: Transocean Tours, Bremen gibt den Abschluss eines mehrjährigen Chartervertrages für das Schiff bekannt. Beginn der Charter: Nach Übergabe der ASTOR an die neuen Eigner Anfang Oktober., 16.06.1988: Globus Kreuzfahrten bestätigt den Verkaufsabschluss., 03.10.1988: Übergabe des Schiffes in Genua an den neuen Eigner Sovcomflot, Moskau. Bereederung durch Black Sea Shipping Co., Odessa. Neuer Name FEDOR DOSTOEVSKIY. Neuvermessung 20.606 BRZ. Kaufpreis: 110 Millionen DM, 23.12.1988: Erste Kreuzfahrt unter Transocean Tours ab Genua als FEDOR DOSTOEVSKIY, 06.01.1989: Erste Ankunft in Bremerhaven als FEDOR DOSTOEVSKIY.

08.02.1990: Sovcomflot kündigt vorzeitig den Chartervertrag mit Transocean Tours zum 30.11.1990., 12.03.1990: (NUR) Neckermann Seereisen gibt den Abschluss eines Chartervertrages über fünf Jahre mit Schiffseigner Sovcomflot bekannt., 22.12.1990: Erste Kreuzfahrt unter Neckermann Charter., 20.12.1991: Übertragung an Fedor Dostoevskiy Shipping Co., Nassau, Flagge: Bahamas. Das Management liegt bei der auf Zypern ansässigen Sovcomflot-Tochter Unicom Management Services.

01.11.1994: Neckermann Seereisen informiert, den Chartervertrag der „Fedor“ nicht mehr zu verlängern., 06.11.1995: Schiffseigner Sovcomflot will das Schiff über Tochterunternehmen Aquamarin vermarkten., 00.11.1995: Bei einem Werftaufenthalt erfolgt Anpassung an aktuelle Sicherheitsauflagen., 30.11.1994: Rückgabe des Schiffes aus der Neckermann-Charter an Sovcomflot., 01.12.1995: Umbenannt in ASTOR und gleichzeitig Übergabe in die Hände von Aquamarin. Als Taufpatin fungiert Marie-Luise Marjan, bekannt als Mutter Beimer aus der TV-Serie „Lindenstraße“., 00.08.1996: Den Vertriebsbemühungen von Aquamarin, auch über die DER-Part-Schiene ist kein Erfolg beschieden., 25.10.1996: Transocean Tours, Bremen gibt den Abschluss einer Zehn-Jahres-Charter für die ASTOR bekannt., 04.11.1996: Notarielle Bestätigung des Vertragsabschlusses., 21.04.1997: Erste Kreuzfahrt unter Transocean Tours Charter, 05.01.2006: Die Münchener Reederei Premicon AG kauft die ASTOR von der Sovcomflot. Finanziert wird der Kauf durch einen geschlossenen Fond. Vermarktung weiterhin durch Transocean Tours., 05.09.2009: Transocean Tours wird insolvent, die Astor aufgelegt. In der Folgezeit wird Transocean Tours durch Premicon übernommen, als Transocean Kreuzfahrten neu aufgestellt und der Umbau bei der Bremerhavener Lloydwerft endgültig in Auftrag gegeben., 01.06.2010: Erste Reise der „neuen“ Astor nach fast 6-monatiger Werftzeit., 05.11.2013: Charterbeginn durch Cruise & Maritime Voyages (CMV)., 06.11.2014: Insolvenz des deutschen Schiffseigners.

15.12.2014: Übernahme des Schiffes durch Global Cruise Lines. Wintercharter wird unter CMV, die Sommercharter unter Transocean vermarktet., 14.11.2019: CMV/Transocean meldet die Abgabe des Schiffes an seine französische Tochter CMV-France per 1. Mai 2021. Geplanter neuer Name: Jules Verne., 20.07.2020: CMV/Transocean meldet Insolvenz an. Alle Reisen werden abgesagt., 15.10.2020: Versteigerung der Astor für rund 1,7 Mio. US$, angeblich zum Abwracken.

Text: Jürgen Saupe

Albatros, ein Phoenix Reisen-Klassiker nimmt Abschied

Am 19. Oktober 2020 hieß es in Bremerhaven wohl zum letzten Mal „Leinen los“. MS Albatros hat die Bonner Hochseeflotte verlassen und wird fortan als Hotelschiff im Roten Meer einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Zurück lässt die Albatros eine treue Fangemeinde mit Tränen in den Augen. Zeit, sich an die Jahre dieses Klassikers als Kreuzfahrtschiff unter der türkisen Flagge von Phoenix Reisen zu erinnern.

Mit ihrer langgestreckten eleganten Silhouette erfreute die Albatros nicht nur das Auge, sondern bot mit 10 Decks, davon 8 Passagierdecks, großen Außendeckflächen zum Sonnen, eine Rundum-Promenade, ein relativ großer Meerwasser-Außenswimmingpool, 3 Whirlpools, Sportdeck für Volleyball, Basketball und Shuffleboard ein tolles Ambiente. Für Drinks an frischer Seeluft sorgte eine überdachte Freiluft-Bar. Frischluft-Fans stand außerdem am Pool eine Bar, sowie für lukullische Genüsse eine Pizzeria, ergänzt durch ein Lido-Buffet zur Verfügung. An zahlreichen Tischen und Stühlen konnten die Gäste bei gutem Wetter ihr Frühstück oder Mittagessen draußen an Deck einnehmen. Es gab auf der Albatros insgesamt 6 Bars, 3 Salons, davon einer für Nichtraucher und Lounges, 1 Show-Musiksalon mit über 500 Plätzen und Musikkapelle.

Video: Phoenix Reisen

Foto: Frank Behling

So begann es am 25. April 2004: Ein Schiff zu eröffnen, wie es in der Fachsprache heißt, also nach Werftablieferung oder nach einem Ankauf erneut in Fahrt zu bringen, ist immer mit einer Vielzahl von Anfangsschwierigkeiten und der Bewältigung von „Tausenden Problemchen“ verbunden. Bei der Albatros war es nicht anders. Wer hätte es treffender formulieren können als Ireen Sheer, die als Stargast am Ende der ersten Reise unter Phoenix-Regie vor ihrem Auftritt ihren Zuhörern verkündete, dass sie sich zeitweise wie auf einer „Floating Baustelle“ fühlte. Tosender Beifall der Anwesenden gaben ihr wohl insgeheim recht. Der bisherige Eigentümer, eine große Reederei aus Fernost, hatte allem Augenschein nach in den letzten Jahren, vorsichtig ausgedrückt, nicht mehr allzu viel in Pflege und Wartung investiert. Nach aufreibenden und nervenzehrenden Tagen, die Phoenix-Bordreiseleitung fungierte nicht selten als „Blitzableiter“, sollte innerhalb kürzester Zeit der gewohnte Phoenix-Standard auch an Bord dieses Schiffes integriert werden. Bevor eine rund 300-köpfige Crew aus 20 Nationen zusammenwächst, dauert es eben eine Weile. Mit vollem Einsatz ist es den Phoenix-Mannen bis zum ersten Anlaufen Bremerhavens am 23. Mai 2004 gelungen, die Mängelliste zusammen mit der Schiffs- und Hotelleitung weitgehend abzuarbeiten und zukünftigen Gästen ein komfortables Produkt zu bieten, welches nicht umsonst einmal (bei Indienststellung) zu den luxuriösesten und teuersten Kreuzfahrtschiffen der Welt zählte.

19.1.1973: Ein Schiff lernt schwimmen

Royal Viking Sea, Foto: Sammlung JSA

An diesem Tag lief bei der Werft Wärtsilä in Helsinki unter der Baunummer 397 der Neubau der seinerzeitigen Royal Viking Line, Oslo als Royal Viking Sea vom Stapel. Nach Fertigstellung und Ablieferung am 16.11.1973 erfolgte die erste Kreuzfahrt am 17.12.1973. Bei dem baugleichen Trio Royal Viking Star, Royal Viking Sky und Royal Viking Sea zeigte sich schon bald die zu geringe Kapazität (536 Passagiere) für den begeisterten Kundenkreis der Schiffe. So erfolgte 1983 dann die Verlängerung aller drei Kreuzfahrer durch das Einfügen einer 27 Meter langen Mittschiffssektion bei der Seebeckwerft in Bremerhaven. Die Passagierkapazität erhöhte sich damit auf 812. Die Rentabilität war für die nächsten Jahre wieder gegeben. 1991 wurde die „Sea“ an die Royal Cruise Line verkauft. Neuer Name Royal Odyssey. 1997 ging das Schiff als Norwegian Star in eine 5-Jahres Charter an NCL bzw. Star Cruises Ein weiterer Namenswechsel erfolgte 2002. Fortan hieß sie Crown bis zur Übergabe an Phoenix und Umbenennung in Albatros.

Verlängerung der Royal Viking Sea, Foto: Sammlung JSA

Februar 2004: Für die Albatros begann jetzt nach und nach eine bessere Zeit

Die Albatros knüpfte an die Tradition und das Flair der bisherigen TS Albatros, die nach einem irreparablen Kesselschaden außer Dienst gestellt werden musste, nahtlos an. Es ist noch ein richtiges Schiff mit echten Teakholzdecks. Auf Deck 5 war eine Shopping-Arkade mit Juwelier- und Souvenirshop, Boutique, Photo- und Video-Shop, Parfümerie sowie Rezeption, Bordreisebüro/Ausflugsbüro angesiedelt. Im hinteren Teil von Deck 7 eine kleine Bibliothek mit einer zusätzlichen Auswahl an Brett- und Kartenspielen sowie Internetplätzen. Vorhanden auch ein vollwertiges Kino/Theater mit ca. 150 Plätzen. 5 Aufzüge verbinden die Decks untereinander. Im großzügig angelegten Wellnessbereich der Beautysalon mit Damen- und Herrenfriseur, finnische Trockensaunen und türkische Dampfbäder, Ruheraum und großes Fitnesscenter. Körpermassagen, wie auf fast allen Kreuzfahrtschiffen.

Foto: Phoenix Reisen

Klassisches, aber legeres Ambiente: galt auch für dieses Schiff die Phoenix-Philosophie „Kreuzfahrten ohne Schlips und Kragen“ und wurde noch hervorragend ergänzt durch ein stimmiges Preis-/Leistungsverhältnis. Mit der an Bord der Albatros gehandhabten Kleiderregelung hatten die Strategen bei Phoenix einen guten Griff getan. Im Tagesprogramm tauchte das Wort „festliche Kleidung“ auch zu solchen Anlässen wie Captains Dinner nicht mehr auf. So bevorzugten die meisten Gäste an Bord eine gepflegte, aber legere Kleidung. Zu den festlichen Anlässen, reicht schicke Freizeitkleidung. Ausgesprochene Abendkleidung sah man seltener.

Foto: Phoenix Reisen

Kulinarik: Räumlich großzügig bemessen die beiden Hauptrestaurants, Möwe und Pelikan. Die 2 Restaurants mit insgesamt ca. 850 Plätzen, in denen alle Gäste der Albatros in einer Tischzeit, also gleichzeitig speisen konnten, waren identisch bestuhlt und somit auch optisch gleichwertig. Im Service arbeiteten freundliche, überwiegend philippinische Stewards, meist geleitet von europäischem Führungspersonal. Es gab Menüwahl, bei denen sich die Gäste aus verschiedenen Gängen Ihr Menü selbst zusammenstellen konnten sowie zusätzlich auch Schonkost-Gerichte bzw. vegetarische Gerichte. Zu den Hauptmahlzeiten war der Tischwein (rot und weiß und von überraschend guter Qualität) nebst Säften inklusive. Jeder Tag auf der Albatros begann nach dem Early Bird Kaffee mit einen reichhaltigen Frühstücksbuffet. Danach die 11-Uhr-Bouillon. Nach dem Mittagessen (wahlweise in den Restaurants oder an Deck am Lido) dann am Nachmittag Kaffee oder Tee mit Kuchen. Nach dem Abendessen so gegen 23 Uhr noch ein kleines Buffet mit Mitternachtssnacks. Selbstverständlich gehörte zu einer Kreuzfahrt auch hier das Captain’s-Dinner im festlichen Rahmen sowie das große Buffet Magnifique mit kulinarischen Überraschungen.

Foto: Phoenix Reisen

Die Kabinen, allesamt geräumig und gut ausgestattet, verfügen über Dusche/WC, viel Schrankraum, Privatsafe für Wertsachen, meist mit kleinem Couchtisch, 1-2 Sessel, Frisierkommode mit Schubladen, Musiklautsprecher, TV, individuell regulierbarer Klimaanlage, Telefon, Steckdosen für 220 V sowie 110 V Wechselstrom.

Foto: Phoenix Reisen

Showtime: Ein Bordorchester, ein Gesangs-Duo sowie ein allseits beliebter Alleinunterhalter spielten allabendlich zum Tanz auf. Das Showprogramm mit bekannten und weniger bekannten Künstlern sorgte zusätzlich für Kurzweil und abendliche Unterhaltung. Für die jüngeren und jung gebliebenen Nachtschwärmer war die Diskothek in der Casablanca Bar angesiedelt, die von spätabends bis in die frühen Morgenstunden geöffnet war. Wer es lieber gänzlich anders mochte, dem wurde ein Platz in einer der gemütlichen Bars gerecht, wo es neben den herkömmlichen Bargetränken auch das bei deutschen Gästen so beliebte Fassbier gab.

Vor und hinter den Kulissen: Gemanagt und bereedert wurde die Albatros anfangs durch die Reederei C-Cruises aus Holland. Später durch V-Ships, zuletzt durch BMS Zypern. Für das Catering, also für die Versorgung des Schiffes verantwortlich zeichnete in den letzten Jahren (wie auch auf den anderen Phoenix Reisen-Schiffen) sea-chefs.

2005, ein ereignisreiches Jahr: die Herzoperation

Demontage der alten Motoren, Foto: Jürgen Saupe

Mit der Einpflanzung von gleich vier neuen Herzen (gemeint sind vier neue Schiffsdieselmotoren), anlässlich eines Werftaufenthaltes in Hamburg bei Blohm + Voss wurde eine „Operation am Herzen des Schiffes“ abgeschlossen. Notwendig geworden war diese „Herz-OP“, da sich die alten Diesel, Baujahr 1972, als zunehmend altersschwach erwiesen. Der „chirurgische Eingriff“ zeichnete sich bereits seit Übernahme des Schiffes vom Vorbesitzer Star Cruises ab. Mindestens ein Diesel kränkelte an einem Riss im Kurbelgehäuse und konnte aus Sicherheitsgründen nicht mehr mit voller Leistung gefahren werden. Auch die anderen Hauptmaschinen zeigten erhebliche Verschleißspuren, die durch erhöhten Schmierölverbrauch das Budget der Betriebskosten sprengten. So gab es nach reiflicher Überlegung nur eine Entscheidung: den rund 20 Millionen Euro teuren Austausch aller vier Hauptmaschinen.

2009, die Albatros wird Fernsehstar:

Zusammen mit ihrem 5-jährigen Geburtstag innerhalb der Phoenix-Familie am 25. April 2009 begann eine weitere Karriere des Kreuzfahrers, nämlich als TV-Star der ARD-Serie „Verrückt nach Meer“, in der das Schiff seinen Zweitnamen „weiße Lady“ bekam.

2020, die Covid-19 Pandemie erreicht auch die Albatros:

Foto: Phoenix Reisen

Nach Abbruch der letzten Weltreise machte sich das Schiff mit Fahrgästen an Bord auf den wochenlangen Seetörn heim nach Bremerhaven. Nach Ausschiffung der Passagiere verholte sie erst an eine Werftpier in Emden, später dann bis zum Verkauf als Auflieger in Bremens Neustädter Hafen.

Video: Phoenix Reisen

Technische Daten der Hauptmaschinen:

Antriebsanlage (1973-2005):Vier Wärtsilä-Sulzer-Diesel, Typ 9ZH40/48, 410 RPM, Leistung total 13.240 kW, 18,5 Kn

Antriebsanlage (ab Dez. 2005): Vier Wärtsilä-Diesel, Typ 6L38, 600 RPM, Leistung total 15.860 kW, von denen nur 13,2 kW zum Antrieb genutzt werden, 22 Kn.

Technische Daten der »Albatros« unter Phoenix Reisen

Größe: 28.018 BRZ, Länge: 205 m, Breite: 25 m

Tiefgang: 7,5m, Decks/Stockwerke: 10, Baujahr: 1973 in Finnland als Royal Viking Sea, 1983 in Bremerhaven verlängert.

Stabilisatoren: Flossenstabilisatoren, Reisegeschwindigkeit: 17 Knoten, Bereederung: BSM, Zypern

Flagge: Bahamas, Besatzung: ca. 340, zumeist europäisch und philippinisch, (Offiziere zumeist deutsch und europäisch)

Passagiere: 442 Kabinen mit ca. 1.100 Betten. Gesamtbelegung aber nur mit max. 830 Gästen

Klassifikation: Det Norske Veritas, Internation. Rufzeichen: C6CN4, Satellitenkommunikation: Navigation, Telefon, Fax, Telex, Email, Stromstärke: 220 V / 110 V Wechselstrom

Bordwährung: EURO; Reiseschecks, deutsche EC-Karten und gängige Kreditkarten

Bordsprache: deutsch, Reiseleitung: deutsch; ca. 10-12 Reiseleiter, Restaurants: 2 mit insgesamt ca. 850 Plätzen; 1 Tischzeit

Kabinenausstattung: alle Kabinen mit Bad oder Dusche/WC, Klimaanlage, Satelliten-Fernsehen, Telefon, Musikanlage Fön, Bademantel, Safe

Aufzüge/Lifts: 5, Rollstuhlgerecht: nur bedingt, Wellness: 1 Swimmingpool außen, 3 Whirlpools außen, finnische Sauna und türkische Dampfbäder, Fitnessstudio, Solarium und Massage (gegen Gebühr)

Text: Jürgen Saupe