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MS Marco Polo: Letzte Überlebende ihrer Bauserie?

Ein blauer Rumpf mit heute nicht mehr üblichem Sprung und edlen Teakholzdecks – die „Marco Polo“ stammt aus einer Zeit, in der Passagierschiffe noch über elegante Silhouetten verfügten und – wie Schiffsliebhaber meinen – noch wie richtige Schiffe aussahen. Nach der Insolvenz vom letzten Betreiber CMV mit deutschem Ableger Transocean und erfolgter Versteigerung am 22. Oktober staunten nicht wenige, dass dieser Oldtimer nicht direkt zum Verschrotten gehen soll, sondern inzwischen zum Chartern angeboten wird. Die nächsten Wochen werden zeigen, wohin die Reise geht.

Rückblick

Die Marco Polo wurde 1965 vom VEB Mathias-Thesen-Werft, Wismar (heute MV Werften), in der damaligen DDR als zweites von fünf Schwesterschiffen der sogenannten „Dichterklasse“ abgeliefert. Zur Serie gehörten Ivan Franko (1964-1997), Taras Shevchenko (1967-2005), Shota Rustaveli (1968-2003) und Mikhail Lermontov (1972-1986).

Foto: Sammlung JSA

Von der sowjetischen Staatsreederei wurde die Aleksandr Pushkin deren Tochter Baltic Shipping Company unterstellt und kam im Transatlantikdienst zwischen dem damaligen Leningrad und Montreal zum Einsatz. Wie so viele sowjetische Schiffe in der damaligen Zeit, erwirtschaftete auch die Aleksandr Pushkin zunächst nebenbei, später durchgehend Devisen im Charter westlicher Kreuzfahrtveranstalter. Zwischen 1979 und 1984 zählte das Schiff auch schon einmal zum Kreuzfahrtangebot von Transocean Tours. In den wirtschaftlichen Wirren um Glasnost erfolgte 1991 der Verkauf an die damals neu gegründete Orient Lines, die das in Marco Polo umbenannte Schiff in Griechenland mit erheblichem Aufwand umbauen ließ. Das Schiffsinnenleben wurde vollständig entkernt, sämtliche Kabinen und öffentlichen Bereiche komplett erneuert, die markanten ovalen Treppenhäuser ersetzt sowie der einst überdachte Swimmingpool als Außenpool neu gestaltet. Die Silhouette der Marco Polo präsentiert sich nach dem Radikalumbau noch attraktiver und ausgewogener als zuvor.

Schiffsrundgang

Das Gros der öffentlichen Räume erstreckt sich über die gesamte Länge des Magellan-Decks. Vorn liegt der Musiksalon, die Marco Polo Lounge, in dem das allabendliche Show- und Unterhaltungsprogramm in zwei Aufführungen stattfand. Es schließt sich nach achtern der Captain’s Club an, dessen Bar bereits am Morgen öffnete. Das ehemalige Kasino unter Orient Lines wurde zur Columbus Lounge mit freundlich-maritimem Ambiente umgestaltet. Bibliothek, Kartenspielzimmer sowie der mit bequemen Rattanmöbeln ausgestattete Palm Garden haben sich hingegen kaum verändert. Ein Deck höher findet sich achtern Scott’s Bar, in der abends zunächst ein Musiktrio und später ein DJ auftrat.

Foto: Archiv Udo Horn/K.Ortel

Die großzügigen Außendecks sind zu einem Großteil mit Teakholz ausgelegt und achtern terrassenförmig angelegt. Vorn befindet sich ein großer Aussichtsbereich, an den sich achtern ein schmaler Joggingpfad anschließt, auf dem man das gesamte Schiff umrunden konnte. Ein Deck tiefer liegt die breite Außenpromenade. Der Poolbereich wirkte bei vollem Schiff teilweise recht beengt. Ruhiger ging es oben auf dem Navigator Deck zu, wo drei Whirlpools zum Verweilen einluden. Leider wurden das Helikopterdeck sowie das vordere Kompassdeck unter dem letzten Eigner für Passagiere gesperrt.

Foto: Archiv Udo Horn/K.Ortel

Die Standardkabinen der Marco Polo fallen mit 10-12 Quadratmetern eher klein aus, sind jedoch mit allem nötigen ausgestattet. Bauartbedingt können die Betten, wie es derzeit üblich war, in der Regel nicht zu einem Doppelbett zusammengestellt werden. Auch für Gäste, die mit kleinen Kindern reisen, war die Marco Polo grundsätzlich gerüstet: In den Restaurants gibt es Kinderstühle, auf Anfrage für die Kabinen sogar Kinderbetten, allerdings kein Kinderspielzimmer.

Foto: Jens Meyer

Im Waldorf Restaurant auf dem Atlantic Deck wurden Frühstück und Mittagessen in einer offenen Sitzung serviert, das Abendessen hingegen in zwei Sitzungen. Die Bestuhlung ist recht eng. Als Alternative zum Speisesaal bot sich Marco’s Restaurant an, in dem sämtliche Mahlzeiten in Büfettform serviert wurden.

Technische Daten

Bauwerft: MTW, Wismar, Baunr. 126 (in Fahrt als Alexandr Pushkin), Baujahr: 1965, Komplettumbau 1991-1993, Vermessung: 22.080 BRZ, Letzter Eigner: Global Maritime Group Inc., Flagge: Bahamas, Abmessungen: 176 m Länge · 24 m Breite · 8 m Tiefgang, Passagierdecks: acht, ca. 2.600 qm Außendecks, Kapazität: max. ca. 850 Passagiere, 350 Besatzungsmitglieder, Kabinen: 296 Außen-, 127 Innenkabinen, Ausstattung: 2 Restaurants (Nichtraucher), 5 Bars, Swimmingpool außen, Wellness Oase mit Sauna, Solarium, Massage, Friseur und Beauty-Salon, Fitness-Center mit Meerblick, Bibliothek und Spielezimmer, Boutique, Internet-Café, Wäscherei, Hospital, 4 Fahrstühle, Zodiacs, Stabilisatoren.

Foto: Jürgen Saupe

26.04.1964: Stapellauf

14.08.1965: Ablieferung

13.04.1965: Erste Transatlantikreise Leningrad-Montreal

Ab 1967: Im Sommer Liniendienst, im Winter Kreuzfahrten

1979 bis 1984: Transocean Tours Vollcharter

1985: Abgabe an Far Eastern Shipping, Wladiwostok. Kreuzfahrten ab Sydney unter CTC-Charter.

06.02.1990: Schiff wird in Singapur aufgelegt

1991: Verkauf an Orient Lines, Überführung nach Griechenland zum Totalumbau. Neuer Name

Marco Polo.

1995: Reederei Orient Lines wird von NCL (Norwegian Cruise Line) übernommen

22.03.2008: Ankauf durch Global Maritime Group. Vercharterung an Transocean Tours

31.12.2009: Beendigung des Chartervertrages durch Transocean Insolvenz

02.01.2010: Übergabe an Global Tochter CMV (Cruise & Maritime Voyages)

22.03.2020: Rückkehr von letzter Kreuzfahrt (rund um Afrika) nach Avonmouth/Bristol.

20.07.2020: CMV/Transocean ist insolvent.

22.10.2020: die Marco Polo wird zwangsversteigert.

25.10.2020: Zum Chartern vom neuen Eigner angeboten durch Broker Unlimited Offshore.

05.11.2020: Bis heute (Redaktionsschluss) bleiben Angaben zum neuen Eigner im Dunkeln.

Text: Jürgen Saupe

Kreuzfahrt mit Hammer und Sichel

Bei der Ivan Franko handelte es sich um das Typ-Schiff der aus fünf Einheiten bestehenden Serie, die von 1964 bis 1972 auf der MTW-Werft in Wismar entstanden. Diesen „Sowjet-Liner“ suchte sich Jürgen Saupe aus, um mit einem der damals größten Passagierschiffe der UdSSR in der Karibik zu kreuzen.

In den 70er Jahren war Neckermann ein großer Anbieter von Kreuzfahrten, überwiegend im unteren Preissegment. Die unter dieser Veranstalterflagge fahrenden sowjetischen Kreuzfahrtschiffe waren allesamt in Vollcharter des Unternehmens. Somit konnte der Veranstalter Bordleben, Unterhaltung und die Ausflüge bestimmen. Nicht nur damals war es wichtig, an Bord ein starkes Bindeglied zwischen Fahrgästen und Schiffsführung zu haben, denn das Wort Servicebereitschaft war seinerzeit bei den Russen oft noch ein Fremdwort und nicht selten wurden auch die kleinsten Wünsche eines Gastes einfach ignoriert, da die Erfüllung ja mit zusätzlicher Arbeit des Schiffspersonals verbunden waren. Dazu konnte sogar das Auswechseln einer kaputten Glühbirne in der Kabine zählen. Manchmal passierte auch für den Rest der Reise überhaupt nichts. So war das freundliche Neckermann-Team an Bord stets gefordert.

Die Ivan Franko gehörte zu ihrer Zeit mit rund 20 000 BRT (der damaligen Vermessungseinheit) zu den großen Kreuzfahrtschiffen, sicher auch ein Grund für ihre Beliebtheit. Da jeweils nur bis zu rund 650 Passagiere an Bord waren, gab es reichlich Bewegungsfreiheit auf den großen Sonnendecks sowie in den öffentlichen Räumen. Einzige Ausnahme: der Musiksalon. Dieser war ursprünglich nur für nur 180 Gäste (bei Linienfahrten) konzipiert, wurde später aber bei allen Schiffen dieser Serie aufgrund des überwiegenden Einsatzes für Kreuzfahrten erheblich vergrößert, so dass hier schließlich bis zu rund 500 Passagiere Platz fanden. Bei einem „Ferienliner“ durchaus nicht üblich, verfügten die Schiffe dieser Serie jedoch sowohl über einen Swimmingpool auf dem Sonnendeck als auch über einen überdachten Pool mit großen Fenstern, dessen Dach sich anfangs bei allen, später nur noch bei einigen dieser Schiffe öffnen ließ. Es gab ein kleines Bordkino, in dem allerdings mehr sowjetische Dokumentarfilme als westliche Kinoerfolge gezeigt wurden.

Die Kabinen allerdings waren selbst für damalige Verhältnisse gewöhnungsbedürftig. Ein Großteil hatte keine Nasszellen, Duschen und Toiletten befanden sich in aber ausreichender Zahl auf den Gängen. Auch die Einrichtung war einfach – ohne Teppichboden und mit Resopal-Möbeln. Einigen westlichen Touristen, die Erfahrung von anderen, besseren und auch teureren Kreuzfahrtschiffen mitbrachten, trösteten sich darüber allabendlich an den Bars bei aus heutiger Sicht „spottbilligen“ Getränken hinweg.

Kulinarisches

Nach heutigem Standard würden die kulinarische Qualität, Präsentation und der Service sicher schlicht die Schulnote 5–6 bekommen. Doch damals waren nur wenige kritische Stimmen zu hören, was sicher auch an den extrem niedrigen Fahrpreisen lag, die viele manch „katastrophale“ Mahlzeit still ertragen ließen. Die „Rettung“ nahte in den angelaufenen Häfen. Zahlreiche Passagiere gingen an Land essen. Zwar waren Auswahl und Reichhaltigkeit der Mahlzeiten durchaus in Ordnung, doch die Qualität der Speisen, die Teller-Präsentation und der Service der Stewardessen und Stewards ließ oft zu wünschen übrig. So war es zum Beispiel auf sowjetischen Schiffen üblich, immer im „Dreier-Kollektiv“ zu servieren. Beim Hauptgang trug so die Stewardess ein Tablett mit dem Fleisch, eins mit Gemüse und eins mit den Kartoffeln zu den Tischen ihrer Station. Jedem einzelnen Gast wurde vorgelegt. So konnte der Gast zwar Menge und Zusammenstellung individuell bestimmen, aber: War eine Gemüsesorte bei den Passagieren, die zuvor bedient wurden, ein „Renner“, mussten die später bedienten Gäste nehmen, was noch auf den Platten lag. Beim Fleisch dagegen hatten die, die „in der Mitte“ an der Reihe waren, die besten Karten. Denn zu Beginn war die Stewardess noch etwas „ängstlich“ bei der Bemessung der Menge pro Gast – und zum Schluss war meist nicht mehr viel da…..

Fotos: Jürgen Saupe