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Das Traumschiff

Die Vistafjord war lange ein berühmtes und beliebtes Schiff, doch dann verlor es an Renommee

Für die Deutschen, die gern auf den Weltmeeren unterwegs sind, war die Vistafjord das „Traumschiff“. In der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie war dieses Schiff der Urlaubstransporter, mit allem was mit guter Stimmung und etwas Dramatik für die angeblich schönsten Tage des Jahres dabei waren. Der Kapitän ein schmucker Dandy, der Chefsteward ein Womanizer, die Chefhostess kokett und der Schiffsarzt ein lächelnder Alleskönner, der jede Erkrankung von Passagieren meisterte. Neben Liebeleien an Bord gab es auch Zoff zwischen Eheleuten, in den Kabinen spielten sich Tragödien ab und am Pool wurde tapfer weiter geäugelt. Der Entertainer Florian Silbereisen ist als jüngster der Kapitäne seit 2019 auf dem inzwischen fünften Traumschiff unterwegs.

Es waren mehrere Schiffe, die seit Anfang der 1980er Jahre Kulissen für Romanzen und Dramen dieser Fernsehserie waren, die Astor, die Berlin, die Deutschland und die Amadea – aber mit der Vistafjord fing die Serie an und erhielt von 1981 an viel Zuschauerzuspruch. Zwei Jahre lang wurde auf dem Kreuzfahrtschiff gedreht, dann konnte wieder die Normalität eintreten. Millionen haben das Schiff gesehen und bestaunt, das seinerzeit als ultimatives Luxusschiff galt.

Als zum Beispiel im Sommer 1992 die Vistafjord erstmals im Hafen von Warnemünde in der Hansestadt Rostock vor Anker ging, wurde sie rege bewundert. Sie fiel heraus aus den üblichen Block-Kreuzfahrtschiffen mit ihrem eleganten Clipper-Bug und einer ansprechenden halbkreisförmigen Form am vorderen Ende. Achtern lagen die Deckterrassen, die im Kreuzerheck ausliefen. Dort befand sich die Garden Lounge mit einem großen Panoramafenster auf zwei Ebenen.

Im Inneren war die Haupttreppe besonders attraktiv, der Handlauf war aus massivem Teakholz. Die Treppe wurde gern in Feste einbezogen, wie eine Freitreppe. Die Stufen führten in ein geräumiges und luftiges Atrium, das war damals neu in der Kreuzfahrtbranche.

Die Vistafjord war ein stattlicher Kreuzer. Er trug später die Namen Caronia, Saga Ruby und Oasia. Gebaut wurde das Schiff von der britischen Werft Swan Hunter Shipbuilders in Wallsend, es erhielt die Baunummer 39 und war das vorletzte in Großbritannien gebaute Kreuzfahrtschiff. Die Kiellegung fand am 20. April 1971 statt, der Stapellauf folgte am 1. Mai 1972 und die Übergabe an die norwegische Reederei Den Norske Amerikalinje (NAL) am 15. Mai 1973. Die Jungfernfahrt startete am 22. Mai und ging über den Atlantik nach New York im Rahmen eines weltweiten Kreuzfahrtprogramms. Die NAL besaß damit zwei Kreuzfahrtschiffe, das ältere Schwesterschiff trug den Namen Sagafjord. Beide Schiffe wurden im Mai 1980 an die Tochtergesellschaft Norwegian AmericanCruises (NAC) übertragen.

Foto: Archiv Udo Horn

Die wunderschönen und spektakulären Fjorde der skandinavischen Landschaft, die sich tief in die Gebirge hineinschieben, wurden als Natursensation beworben. Das Foto in einem der Fjorde, dem Geirangerfjord, war sehr gelungen: Es zeigt die Vistafjord inmitten eines Gebirges, das Wasser fließt über schroffe Höhenzüge herab, davor strahlt die Silhouette des Kreuzers, weiß der Rumpf, rotweiß der Schornstein. Der Heimathafen war Oslo.

Nach nur zwei Jahren, 1983, wurde die NAC und die Vistafjord von der britischen Cunard Line übernommen, fortan fuhren die Vistafjord und die Sagafjord unter der Flagge der Bahamas. Das war die Traumschiff-Periode, die Passagiere drängelten, um auf das berühmte Schiff zu gelangen. 680 Gäste durften an Bord sein, zudem 380 Personen als Besatzung.

Der Tiefgang der 191,08 m langen und 25,05 m breiten Vistafjord lag bei 8,25 Metern, die Tragfähigkeit bei 5954 Tonnen und die Vermessung bei 24.492 BRZ (9356 NRZ). Das Schiff wurde dieselmechanisch angetrieben mit zwei Neunzylinder-Zweitakt-Dieselmotoren von Sulzer, sie kamen in Lizenz von George Clark & North Eastern Marine. Die Maschinenleistung wurde mit 17.650 kW (23.997 PS) angegeben. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 21,5 kn (40 km/h). Die Leistung wurde über Wellenanlagen direkt an die beiden Festpropeller übertragen. Für die Stromversorgung an Bord standen sieben Dieselmotoren von Bergen Diesel und Cummings sowie ein Notgenerator von Caterpillar zur Verfügung. Der Bau des Schiffes verschlang 35 Millionen US-Dollar.

Foto: Frank Behling

1973 bis 1983 war das Schiff unter der Flagge Norwegens unterwegs, dann bis zum Jahr 2000 der Flagge der Bahamas, zehn Jahre lang der Flagge des Vereinigten Königreichs (bis 2010), danach Maltas (2010-2014), noch mal Bahamas (2014-2017 und zuletzt der Karibikinseln St. Kitts und Nevis (2017).

Das Schiff hatte zwei Service-Restaurants und ein Buffet-Restaurant. Zu den Kabinen gelangte man auch über Aufzüge, neun Passagierdecks waren vorhanden. Es gab 376 Kabinen und 25 Kabinen mit Balkon. Zur Unterhaltung gab es ein kleines Casino, die North Cape Bar, ein Kino und eine Bibliothek, zwei Swimmingpools (außen und innen) und zwei Whirlpools. Der 4,5 m hohe Grand Ball Room umfasste eine Fläche von 780 Quadratmetern. Dort saßen Passagiere in pastellfarbenen Sofas und Sesseln, davor runde Glastischchen mit Edelstahlsockel, und unterhielten sich. Ein beliebter Ort war auch das Lido Café.

Kreuzfahrt-Papst Douglas Ward (Berlitz Cruise-Guide) erinnert sich: „Die Vistafjord hatte ein exzellentes Fahrverhalten auf See. Besonders beeindruckt hat mich der elegante Dining-Room mit seinen beiden großen einmaligen Kronleuchtern, einen davon direkt über dem Captains Table.“

Ende Dezember 1999 ließ Cunard die Vistafjord in Southampton komplett sanieren in einem zweiten Upgrading, dafür wurden fünf Millionen US-Dollar investiert. Im Zuge der Erneuerung erhielt sie den Namen Caronia, ein bei Cunard beliebter Name, den auch andere Schiffe getragen hatten.

Die Caronia wurde im Juli 2004 von Cunard an die britische Reederei Acromas Shipping verkauft, eine Tochter des Unternehmens Acromas Travel, für den Einsatz durch Saga Cruises. Da war London bereits der Heimathafen. Der Name wurde ausgewechselt, das Schiff hieß nun Saga Ruby. Das ebenfalls umgetaufte Schwesterschiff wurde zur Saga Rose. 2005 stand noch mal eine Modernisierungsmaßnahme an, die Saga Ruby kam dazu an eine Werft auf Malta. 2010 wurde das Schiff auch in das maltesische Schiffsregister aufgenommen, dort blieb es – immer noch im Besitz von Acromas Shipping – bis 2013. Im letzten Betriebsjahr stand es unter dem Management von V. Ships Leisure. Die Manager betrieben es als Kreuzfahrtschiff bis Anfang 2014, der letzte angelaufene Hafen war Southampton am 9. Januar des Jahres.

Saga Ruby, Foto: enapress.com

Nun stand das einstige Traumschiff zum Verkauf. Das Unternehmen Millennium View Limited mit Sitz in Singapur erwarb es für 14 Millionen US-Dollar. Es übertrug das Management der Saga Ruby, inzwischen in Oasia umgetauft, der FleetPro Ocean in Miami. Dort wurden Pläne entwickelt, das Schiff, wieder auf den Bahamas registriert, zum Hotelschiff umzugestalten. Stationiert werden sollte es in Myanmar. Das konnte nicht realisiert werden. Die schwedische Rederi Swedish American Line AB hatte zunächst den Ankauf angegangen, doch weil die Preisvorstellungen des Eigentümers ziemlich hoch waren, verzichteten die Skandinavier schließlich auf den Deal.

Zu dieser Zeit befand sich die Oasia noch in einem guten SOLAS-konformen, fahrklarem Zustand. Mitte 2016 sah es auf dem verlassenen Schiff nicht mehr so gut aus. Die Oasia lag im thailändischen Sattahip in einer Marinebasis auf Reede, die Zukunft war ungewiss. Trotzdem boten es die Eigner für 26 Millionen US-Dollar an, sie fanden jedoch keinen Käufer.

Erst im März 2017 übernahm eine indische Abwrackwerft das Schiff, der genaue Preis ist nicht bekannt. Die letzte Fahrt der Oasia führte nach Indien am 4. April 2017 traf sie auf Reede vor Bhavnagar ein. Am 12. April ließ man das Schiff in Alang auf Sand stranden und begann mit der Verschrottung des Klassikers.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer