„THE ROLLING REINA“

Foto: Jürgen Saupe

Die SS Reina del Mar war ein überaus beliebtes Schiff, hatte aber trotzdem nur eine relativ kurze Lebenszeit.

Auf einer Ansichtskarte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ist ein auffällig kurviges Schiff zu bewundern. Die Reina del Mar sieht dynamisch aus, gleitet souverän zwischen den Wellen, ihr Rumpf glänzt und das Gesamtbild des Schiffes präsentiert sich als hochmodernes Wasserfahrzeug. So hat es die Pacific Steam Navigation Company (PSNCo) gewollt, als das Schiff geplant wurde.

Man wollte einen großartigen Ersatz für den in die Jahre gekommenen Dieselliner Reina del Pacifico (17707 BRT). Das über zwei große Schornsteine verfügende Schiff war 1931 in Dienst gestellt worden und in europäischen Gefilden und der Westküste Südamerikas unterwegs. „The Rolling Reina“ war der Spitzname für die Pacifico, der 1956 problemlos auf die Reina del Mar übertragen wurde, die von einigen Liebhabern auch Queen of the Seas genannt wurde. Die Reederei war stolz auf ihren neuen Ozeandampfer, unter den Passagieren hatte er viele Bewunderer. Die Pacifico, alt und nicht auf der technischen Höhe der Zeit, hatte nie eine besondere Reputation als Seeschiff erreicht und wurde 1958 zügig aus dem Verkehr gezogen, was – trotz ihres Spitznamens – von zahlreichen Fans des Schiffes bedauert wurde.

Die britische Reederei war bereits 1838 gegründet worden, 20 Jahre später erteilte die Regierung des Vereinigten Königreichs den Schiffen des Unternehmens das Vorzugsrecht, Briefpost nach Südamerika und Australien zu transportieren. Seinerzeit waren die Direktverbindungen auf den Linien festgelegt worden. Davon profitierte die Reina del Mar, Reina heißt Königin.

Foto: Jürgen Saupe

Der Dampfer war auf der Werft Harland & Wolff im nordirischen Belfast unter der Baunummer 1533 auf Kiel gelegt worden. Der Stapellauf fand am 7. Juni 1955 statt, die Übernahme erfolgte am 8. April 1956. Getauft wurde das Schiff von Leslie Bowes, der Ehefrau des damaligen PSNCo-Geschäftsführers. An der Zeremonie nahmen die Botschafter von Ecuador, Peru und Kolumbien sowie ein Staatsminister Chiles teil. Die Indienststellung begann am 20. April des Jahres.

Das Schiff war 183,10 Meter lang, 23,8 Meter breit und wies einen Tiefgang von maximal 9,17 m auf. Die Vermessung lag bei 20.334 BRT. Die Getriebe-Dampfturbinen stammten von Harland & Wolff-Parsons. Ihre Leistung betrug 17.000 PS (12.503 kW), die Geschwindigkeit des über zwei Propeller verfügenden Schiffes lag bei bescheidenen 18 Knoten (33 km/h). An Bord waren 766 Passagiere zugelassen, die Besatzung umfasste 327 Mitglieder. Das Schiff fuhr unter der Flagge Großbritanniens. Der erste Kapitän war George Rice, der über die Reina del Mar sagte: „Sie lässt sich wunderbar handhaben und steuert wie eine Yacht.“ Da zu jener Zeit Alexander Currie als Chef-Ingenieur an Bord Dienst tat, war es nur zu verständlich, dass das Schiff sehr schnell den Spitznamen „Reis- und Curry-Dampfer“ erhielt.

Das Anlaufziel der Reina del Mar war zunächst der Kontinent Lateinamerika. Das Schiff traf am 9. April 1956 erstmals in seinem Heimathafen Liverpool ein, von wo aus es 11 Tage später eine dreitägige Rundreise via Schottland auslief. Am 3. Mai 1956 startete es zur offiziellen Jungfernreise von Liverpool als Drei-Klassen-Passagierschiff via Frankreich (Hafen La Rochelle) und Spanien (Häfen Santander und Coruna), um dort noch Gäste aufzunehmen. Dann ging es über den Atlantik nach Bermuda, die Bahamas, Jamaika, Kuba, Panama, Chile, Ecuador und Peru. Die Destinationen waren sonnensicher, gut für Touristen. Es befanden sich aber auch Geschäftsleute auf dem Dampfer. Angeblich sollen vermögende Südamerikaner das Schiff bevorzugt haben wegen der etwas größeren First-Class-Kabinen, unter anderem hatte die Reina del Mar zwei Deluxe-Suiten.

Interessant ist die schriftliche Überlieferung des Bordpersonals, es zeigt, welcher Aufwand in dieser Zeit betrieben wurde. Neben dem Kapitän gab es einen Zweiten, Dritten und Vierten Offizier. Außerdem vier Funkoffiziere, vier Ingenieure für Kältetechnik, Chirurg, Tischler, Waffenmeister, Lagerhalter, Leinenverwalter, Zahlmeister, drei Kreuzfahrt-Perser, zwei Purser Catering, Erster Steward, mehrere Oberkellner, Chef-Barmann, Chef der Ladenbesitzer, Koch, Bäcker, Metzger und eine unbekannte Anzahl an Matrosen. Sie alle waren für das Wohlergehen der Passagiere verantwortlich.

Mit dem Aufstieg der Luftfahrt in den 1960er Jahren wurde der Liniendienst auf Schiffen zunehmend unrentabel, das traf die Reina del Mar besonders. Nach nur achtjährigem Einsatz durch PSNCo in der Linienfahrt wurde das Schiff ab 10. März 1964 von der Bauwerft Harland & Wolff für angeblich 500.000 brit. Pfund in einem unglaublichen Kraftakt der Arbeiter innerhalb weniger Monate zum Einklassen-Kreuzfahrtschiff umgebaut. Zudem erhielt das Schiff Denny-Brown-Stabilisatoren und eine Vollklimatisierung. Die Umwandlung von Laderäumen in zusätzliche Passagierräume ermöglichte auch weitere Decksaufbauten (A- bis E-Deck), die Promenade wurde vergrößert. Zu den zusätzlichen Räumen gehörte eine bei den Gästen beliebte Lounge mit vielen bequemen Sesseln, kleinen Tischen und Getränkeservice. Weitere Aufenthaltsräume entstanden, wie ein Showroom, eine Bibliothek, ein Kinoraum – der an Sonntagen als Gottesdienstraum genutzt wurde -, Geschäfte, ein Friseursalon, eine Kinderkrippe und ein Spielzimmer für die Jüngsten. Die Räume erhielten Namen wie Dolphin Room. Die Gäste zeigten sich angetan von den Speiseräumen, die allabendlich festlich ausgeschmückt wurden; bei gutem Wetter wurden draußen die Grills in Gang gesetzt. Gern besucht war auch das Sportdeck, wo sich Frauen und Männer gymnastisch reckten und streckten. Nach dem Umbau konnte das Schiff mehr Passagiere aufnehmen, bis zu 1074. Am Morgen wurde stets eine Tageszeitung unter die Kabinentür geschoben.

1968 kollidierte die Reina del Mar auf der Route nach Rio de Janeiro entlang der Atlantikküste mit einem anderen Schiff. Der Aufprall war so gewaltig, dass der Bug der Reina stark eingedrückt wurde. Das Schiff musste sofort nach Großbritannien gebracht werden, wo der Schaden behoben werden konnte.

Foto: Sammlung: JSA

Bereits ab 1963 wurde das Schiff von dem Kreuzfahrt-Discounter Travel Savings Association (TSA) eingesetzt, einem Joint Venture, an dem der südafrikanische Geschäftsmann Max Wilson, die Union-Castle Line, Canadian Pacific und Royal Mail Line beteiligt waren. 1964 zeigte sich die Reina del Mar mit schwarzem TSA-Logo auf dem gelben Schornstein und wurde von der Union Castle Line bereedert, die dann im Oktober 1964 TSA voll übernahm. 1969 wurde das Schiff innerhalb der Furness Withy-Gruppe an die Royal Mail Lines übertragen und von Union Castle in Rückcharter genommen, bevor es im Frühjahr 1973 vollständig in den Besitz der Union Castle Line überging.

Die seit ihrer Übernahme durch Union Castle in Southampton beheimatete Reina del Mar hatte durchweg gute bis hohe Passagierzahlen, bis die Ölkrise 1973/74 ihr zusetzte. Mit den schwindelerregend erhöhten Ölpreisen stiegen die Betriebskosten. Bald schon galt die Reina del Mar als unwirtschaftlich, 1974 entschied die Führung der Union-Castle Line, das Schiff auszumustern. Am 1. April wurde es in Southampton für acht Wochen aufgelegt, es war zum Abbruch nach Taiwan verkauft worden.

Die populäre SS Reina del Mar war über 19 Dienstjahre nicht hinausgekommen, viele Passagiere fanden ihr Ende traurig, vor allem das britische Kreuzfahrtpublikum. Das Abwracken begann am 30. Juli 1975 bei Tung Chen Steel in Kaohsiung. Am 10. Dezember war von der Reina del Mar nichts mehr übrig.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer