Wale spüren

In der ersten Unterwasserbar an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, der Le Lapérouse, können Gäste ganz bequem die Meerestiere beobachten – und sie sogar hören. Ingrid Brunner berichtet.

Ein Delfin schwimmt vorbei, eine Qualle schwebt im Wasser, ein Wal beobachtet durch eine Glasscheibe Menschen. Die Menschen trinken dabei einen Cocktail, plaudern, blicken dem Wal ins Auge. Hört sich nach Aquarium an, nur dass hier die Menschen im Schaukasten sitzen. Und die Bewohner der Unterwasserwelt sind frei. Frei, mal vorbeizuschwimmen, um die Passagiere des Kreuzfahrtschiffes in der Blue Eye Underwater Lounge zu beäugen. So stellt sich das zumindest die Reederei Ponant vor, in deren vor Kurzem in Dienst gestelltem Schiff Le Lapérouse die weltweit erste Unterwasserbar eingebaut ist. Deck null ist für Passagiere normalerweise verboten – aus Sicherheitsgründen, es sei denn, man hat eine Führung durch den Maschinenraum gebucht. Denn dort, im Bauch des Schiffes, befindet sich auch auf der Le Lapérouse die gesamte Schiffstechnik – Tanks, Maschinenraum und Kläranlage sowie Lager- und Kühlräume. Und die Unterwasserlounge. Sie ist der erste Publikumsbereich auf einem Kreuzfahrtschiff, der unter der Wasserlinie liegt.

Le-Lapérouse-Unterwasser-Lounge-Blue-Eye

Bionisch geformtes Design und Meeressound

Ihre Gestaltung erinnert an eine moderne Version von Captain Kirks Brücke auf der „Enterprise“. Rechte Winkel sucht man hier vergeblich. Wände, Türen, Tische und Sitzmöbel sind bionisch geformt, auch die beiden Panoramafenster, deren Form einem Walauge nachempfunden sind. Wellenförmige Lamellen an den Wänden erinnern an die Barten eines Wals. Gedimmtes Licht beleuchtet Wände und Boden. „In der Nacht wird das wunderbar sein. Stellen Sie sich vor: All das Plankton, die Tiere, die vom Licht angezogen werden! Und die Chance, einen Kalmar zu sehen, der nachts an die Wasseroberfläche steigt.“ So schwärmt der Designer der Lounge, der französische Architekt Jacques Rougerie. Die Besonderheit dieses Raums erschöpft sich nicht im Visuellen. Die Liegen sind mit Unterwassermikrofonen ausgestattet, die vom Schiffsrumpf die Klänge des Ozeans in die Kabine leiten, wo diese als Schwingungen auf „Body Listening Sofas“ übertragen werden. Die Passagiere „hören“ mit ihrem Körper den Gesang der Buckelwale und die Klick-, Pfeif- und Quietschlaute der Delfine. Entwickelt wurde diese Technologie in Zusammenarbeit mit Ifremer, einem französischen Meeresforschungsinstitut. Der Meeressound ist unterlegt mit Musik, die der französische Komponist Michel Redolfi komponiert hat. Redolfi ist ein Star in der Elektromusikszene, der sich auf die Vertonung von Geräuschen aus der Natur, etwa der Wüste und besonders der Unterwasserwelt spezialisiert hat. „Man muss das Meer sehen, und man muss es hören“, sagt Jacques Rougerie. Sein ganzes Berufsleben hat er dem Tauchen, dem Wohnen und Leben unter Wasser gewidmet. Ganze Städte will er auf und unter dem Wasser bauen – viele nennen ihn deshalb einen Fantasten. „Ich bin ein pragmatischer Träumer“, sagt er selbst von sich. Ein beharrlicher dazu: Immer wieder hat er durch zunächst unmöglich erscheinende Konstruktionen die Welt überrascht. Für den Wissenschaftler und Unterwasserfilmer Jacques-Yves Cousteau entwarf er zum Beispiel neue Forschungskapseln und Unterwasserstationen. Mit der Blue Eye Underwater Lounge hat Rougerie einen schiffbaulichen Coup gelandet. Sie ist die Attraktion der neuen Explorer-Serie von Ponant. Als erster der insgesamt sechs geplanten Schiffen ist die Le Lapérouse seit Juni in Nordeuropa unterwegs. Jean-Emmanuel Sauvée, der Chef der Reederei, war vor drei Jahren auf seinen langjährigen Freund Rougerie zugekommen, ob dieser nicht etwas Besonderes für seine neue Schiffsklasse entwerfen könne, die er zum dreißigjährigen Bestehen der Reederei aufs Wasser bringen wollte. Rougerie konnte. Innovativ ist bereits die Konstruktion: Erstmals sind in den Stahlrumpf eines Schiffes Panoramafenster integriert. Diese bestehen aus mehr als zwanzig miteinander verklebten Glasschichten, die elastisch sind und extremen Belastungen standhalten. Eine Spezialfirma aus Deutschland hat das Glas entwickelt, das ebenso stabil ist wie der umgebende Schiffsstahl. „Wir haben tonnenschwere Metallteile auf das Glas fallen lassen – es gab keine Sprünge, keine Verformungen, lediglich ein paar winzige Fissuren“, erklärt Rougerie. Eine weitere technologische Herausforderung bestand darin, den Stahlrumpf mit der Glaswand dicht und bündig zu verbinden. „Doch das eigentliche Problem war die Klassifikation. Es geht immerhin um die Sicherheit von Schiff und Menschen“, sagt er. Eine Klassifikation ist vergleichbar mit der Zulassung oder Betriebsgenehmigung für neue Auto- oder Flugzeugtypen. Solch einen Prozess durchlaufen auch neue Schiffstypen. In diesem Fall war die zuständige Prüfstelle das Bureau Veritas, eine internationale Gesellschaft, spezialisiert auf technische Tests, Zertifizierungen und Klassifizierungen. „Veritas war am Anfang skeptisch“, so Rougerie. Doch der Architekt ließ sich nicht beirren und hatte in Ponant-Chef Jean-Emmanuel Sauvée einen Verbündeten. Sie konnten die Experten mit der neuen Technik überzeugen. Ponant Marketing- und Verkaufschef Hervé Bellaiche sagt, man wolle den Passagieren die Schönheit der Ozeane vermitteln, aber auch deren Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit. „Durch die Fenster wird man nicht nur malerische Riffe und bunte Fische sehen, sondern auch den Müll am Meeresgrund oder vorbeitreibende Plastiktüten.“ Er hoffe, dass genau dieser Illusionsbruch bei den Menschen einen Bewusstseinswandel herbeiführe. Sicher ist, dass Menschen in der mittschiffs gelegenen Lounge abtauchen in eine Umgebung, die bislang nur mit Taucherausrüstung zugänglich war. „Diese Fenster eröffnen den Blick in eine weitgehend unbekannte Welt.“ Rougerie nimmt bewusst Anleihen bei Jules Verne und dem Unterwasserboot Nautilus der Romanfigur Kapitän Nemo.


Etwa 60 Passagiere finden Platz in der Lounge. Bei bis zu 184 Passagieren an Bord könnte es da zu Rangeleien kommen, wenn der Wal kommt. „Das wird sich einspielen, ähnlich wie sonst auf Deck, wenn plötzlich Wale auftauchen“, sagt Bellaiche zuversichtlich. Zudem beschränkt sich die moderne Technologie an Bord nicht auf die Lounge. Unterwasserkameras übertragen Bilder auf Plasmaschirme in anderen Bereichen des Schiffes, etwa auf die äußeren Decks, auf die Marina und die Balkone. Die Kameras arbeiten mit Photolumineszenz, um die Wesen unter Wasser nicht zu stören. So viel Rücksicht auf die Natur wünschte man sich in allen Bereichen auf Kreuzfahrtschiffen.

Architekt Rougerie ist überzeugt, dass die Menschheit ihre Umweltprobleme durch Technologie lösen, die Ozeane retten kann. „Wir müssen den Geist wiederfinden, der die Erbauer der gotischen Kathedralen beseelt hat.“ Logisch, dass seine Entwürfe auch die Konkurrenz interessieren. Wer das sei, darüber schweigt der Architekt – ebenso wie über die Kosten der neuen Lounge. Muss ihn auch nicht kümmern, er denkt ohnehin längst an neue Projekte. „Ich habe Ideen, die noch viel weiter gehen.“


Fotos: Frank Behling, Ponant – Sterling Design International, PONANT – Christophe Dugied, Studio Ponant – L. Patricot, PONANT – Philip Plisson