WIE EIN SCHIFF VERLORENGEHT

Foto: Sammlung JSA

SS Príncipe Perfeito galt in der Nachkriegszeit als eines der schönsten Flaggschiffe. Sie war elegant, anders als die anderen gleichartigen Schiffe und mit viel Handwerksliebe gebaut. Dennoch geriet sie in die Verwahrlosung.

Es war ein Zwei-Klassen-Schiff mit vielen Details, außergewöhnlichen Holzarbeiten und galanten Beschlägen. Nicht prunkvoll oder übertrieben, aber solide, da schaut das Auge ganz von selber hin. Die Karriere der Príncipe Perfeito begann 1961, der Auftraggeber war die portugiesische Companhia Nacional de Navegacao (CNN). Sie ließ das Schiff im englischen Newcastle bauen, in einer der besten Werften, der Swan Hunter Wigman und Richardsons Neptune Works auf dem Fluss Tyne. Danach lief sie als Passagierschiff unter portugiesischer Flagge. Die Bauwerft ließ sogar einen Film drehen, um ihre Schiffsbaukompetenz zu demonstrieren.

Das Phänomen dieses Schiffes war, dass es zwar häufig in rund 40 Jahren seine Besitzer wechseln musste, dabei aber ihren originalen Zustand behalten konnte, sowohl im Inneren als auch äußerlich. Grundlegende Modernisierungen und Umbauten wurden nie durchgeführt, am Ende war die Pracht der Príncipe Perfeito abgenutzt, aber doch noch erhalten; Teile der Ausstattung, wie Möbelstücke oder Geschirr, wurden noch vor der Verschrottung ausgebaut und lebhaft von Interessenten aufgekauft. Im Heimatland Portugal erhielt das Schiff am 9. Mai 2012 eine 65-Cent-Briefmarke, darauf auf dem Gemälde die Darstellung des Schiffs. Da gab es ihn schon lange nicht mehr, aber die Portugiesen waren stolz auf diesen Dampfer.

Die Príncipe Perfeito wurde mit der Baunummer 1974 in Newcastle errichtet. Am 22. September 1960 ließ man sie vom Stapel laufen, am 27. Juni 1961 erfolgte ihre Indienststellung. Das Schiff war 190,51 Meter lang und 23,93 Meter breit, später wurde sie auf die Länge von 173,73 zurückgebaut. Ihre Seitenhöhe war 10,82 m, der maximale Tiefgang 7,77 m. Die Vermessung wurde mit 19.393 BRT angegeben. Die Antriebsmaschinen waren 2 x Parsons-Dampfturbinen, die auf 2 Festpropeller wirkten. Die Maschinenleistung lag bei 24.000 PS (12.652 kW), die Höchstgeschwindigkeit bei 20 Knoten (37 km/h). Die Tragfähigkeit betrug 8600 tdw. Die Besatzung bestand aus 320 Personen, die zugelassene Passagierzahl war 1000 Gäste.


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Das Schiff war für längere Fahrten auf der Europa-Afrika-Route ausgestattet worden, es bestand zwei Probefahrten am 18. und 19. Mai 1961, dann wurde sie an die Auftraggeber abgeliefert. Der Bau des Schiffs soll rund 500 Millionen Escudos betragen haben. Auf ihrer Überführungsfahrt von Newcastle nach Lissabon befanden sich keine Passagiere an Bord.

Zur Jungfernfahrt mit Passagieren kam es am 27. Juni 1961, danach fuhr das Schiff in der Regel die gleiche Strecke in regelmäßigen Abständen von Lissabon nach Funchal, Sao Tomé, Luanda, Lobito, Macamedes, Kapstadt, Lourenco Marques und zurück zum portugiesischen Hafen Beira. Heimathafen war allerdings Lissabon. Später kam es zum Wechsel mit der Infante Dom Henrique, einem noch etwas größerem Schiff. Es galt als eine Ehre, als der damalige portugiesische Präsident Américo Tomás die Príncipe Perfeito auswählte, um mit ihr zu einem Amtsbesuch nach Mosambik zu reisen.

Das Schiff transportierte auch Soldatentruppen mit Waffen, als die afrikanischen Kolonien, die von Portugal an sich gerissen worden waren, von Aufständen erschüttert wurden, besonders in Guinea-Bissau, Angola und Mosambik. Die Machtdemonstration geschah auf Befehl des Diktators Antonio de Olivera Salazar; die Aufstände konnten nur zeitweise unterdrückt, aber nie wirklich niedergeschlagen werden.

Die Reederei, zu der das Schiff gehörte, die CNN, vereinigte sich 1974 mit anderen portugiesischen Reedereien zur neugegründeten Companhia Portuguesa de Transportes Maritimos (CTM). Der Anlass war die Ölkrise 1973, die bei fast allen Reedereien weltweit die Gewinne rapide sinken ließ. Die Hoffnung, sich als Seefahrerland Portugal zu zeigen, hatte nicht dazu geführt, dass neue Aufträge und vermehrte Fahrten eingebracht werden konnten. Vielmehr führte es auch bei der CTM zur Insolvenz.

Diese Tatsache war der erste Abstieg für die Príncipe Perfeito. Zwar wurde sie weiter auf der alten Route eingesetzt, aber die Kosten wuchsen enorm. Wegen der Kostenlage, aber auch wegen der instabilen politischen Lage in Angola und Mosambik wurde das Schiff mit dem Jahreswechsel 1975/76 in Lissabon aufgelegt.

Die portugiesische Reederei konnte das Schiff nicht länger halten, die Príncipe Perfeito wurde deshalb verkauft. Sie ging im April 1976 an die Global Transportation Incorporated mit Sitz in Panama und wurde in Al Hasa umbenannt. Die neuen arabischen Besitzer entschieden, dass das Schiff nach Wallsend zu bringen sei, wo es einst gebaut wurde. Nun wurde es zu einem Wohnschiff umgewandelt. Nachdem die Al Hasa am 14. Juni 1976 in Djeddah, in der wichtigsten Hafenstadt von Saudi-Arabien am Roten Meer eintraf, brachte man Werftarbeiter auf dem Schiff unter.

1980 übernahm der Käufer Sitmar Line die Al Hasa und wurde in Fairsky umbenannt. Der Plan war, das Schiff für Kreuzfahrten umzurüsten, was jedoch nicht gelang. Anstelle des Misslingens setzte sich die Idee durch, einen Neubau gleichen Namens zu produzieren. Das gelang (es war die Fairwind von 1984), zugleich ließ die Reederei die Fairsky in Vera umbenennen und in Itea auflegen. Dort wurde sie zum Verkauf angeboten.


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Erst 1982 griff der griechische Reeder Giannis Latsis mit seiner Firma Bilinder Marine Corporation zu, der Verkaufspreis blieb ein Geheimnis. Latsis ließ die Vera in Marianna IX umbenennen, nach einer seiner drei Töchter, die diesen Namen trug. Das Schiff wurde wieder in Djedda, aber auch in Rabigh als Wohnschiff eingesetzt. 1984 ließ der Reeder den Namen ändern, nun hieß das Wohnschiff Marianna 9. 1986 wurde das Schiff nach Kalamata entsandt, um dort Erdbebenopfer aufzunehmen. Das war ehrenhaft, aber ungünstig für den Zustand des Schiffs. Mit diesem Namen Marianna 9 wurde es 1972 als Wohnschiff ausgemustert.


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Am 30. Mai 1992 ließ der Reeder die Marianna 9 nach Eleusis schleppen, dort bot er den Dampfer zum Verkauf an. Das Schiff lag nahe neben einem anderen Schiff namens Margarita L, das der Reeder ebenfalls als Wohnschiff geführt hatte; es handelte sich um das ehemalige Passagierschiff Windsor Castle von 1960. Die Marianna 9 lag neun Jahre aufgelegt, sie blieb ungenutzt und sich selbst überlassen. Schiffskenner wissen, dass eine solche Brachlage meistens das Ende eines Schiffes bedeutet. Es ging im April 2001 mit dem ebenfalls aufgelegten Schiff Marianna VI, der ehemaligen Aureol, an einen indischen Schrotthändler.

Nun war das Schicksal des einst portugiesischen Vorzeige-Schiffs entschieden.Es wurde in Mariann 9 umbenannt und nach Alang geschleppt, dort traf es am 8. Juni 2001 ein. Nach wenigen Tagen begann die Verschrottung.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jürgen Saupe