„Wieder näher an die Gäste kommen“

Foto: © 2017 Michael Schmidt - www.schmidt.fm

Sie ist ein Unikat, eine Ikone: Die Weiße Flotte, auch Sächsische Dampfschifffahrt genannt, ist die älteste Raddampferflotte der Welt und auch die größte. Neun Schaufelraddampfer, von denen der älteste, die Stadt Wehlen,  im Jahr 1879 gebaut wurde.Nach finanziellen Problemen ging das Unternehmen in die Insolvenz. Robert Straubhaar, Chef der Schweizer Firma UNITED RIVERS, die über 100 Schiffe managt und über 3000 Mitarbeiter hat, übernahm jetzt die Traditionsfirma. „Chancen muss man nutzen“, sagt der Unternehmer, der die Weiße Flotte bisher nur von einem einmaligen Besuch als Passagier kannte. Michael Wolf sprach mit ihm über seine Pläne und Ziele.

Mitten in der Covid-Krise haben Sie mit Ihrer Firma UNITED RIVERS Mut zum Investieren bewiesen und die legendäre Weiße Flotte in Dresden übernommen. 

Weil wir in der letzten Dekade erfolgreich und transparent gewirtschaftet haben und über ein erfahrenes Management verfügen, unterstützten uns Investoren und Banken bei dieser Übernahme gerne.

Trotz Covid-19, ist UNITED RIVERS bis Mitte 2021 durchfinanziert. Da es aber „ein Leben nach Covid“ geben wird, verfolgen wir aktiv die Strategie, Chancen im Zeitfenster dieser Krise zu nutzen.

Robert Straubhaar

So kam uns im Juni die Meldung von der unerwarteten Insolvenz der Weißen Flotte gerade recht. Es gab ein Bieterverfahren, in welchem man innerhalb kürzester Zeit reagieren musste. Wir haben ja mit der Köln-Düsseldorfer (KD) vor fünf Jahren bereits eine Ikone erworben, die mittlerweile gut aufgestellt ist. So trauten wir uns das auch für die Sächsische Dampfschifffahrt zu.

Was für ein Potential sehen Sie in dieser Firma?

Es ist ein grossartiges Unikat (Jahrgang 1836). Welche private Unternehmung betreibt heutzutage eine Flotte an Dampfschiffen? Niemand weltweit. Die Dampfschiffe auf dem Genfer- und Vierwaldstätter See werden von der öffentlichen Hand betrieben. Bei der Weißen Flotte war es zuvor auch der Freistaat Sachsen. 

Wir glauben, dass man mit dieser Ikone gutes Geld verdienen kann. Allerdings muss man aber kreativ sein, disponibel, sich näher an die Gäste bewegen. Es reicht nicht aus zu sagen: Wir haben die schönste und älteste Dampfschifffahrtsflotte der Welt. Gewiss gibt es immer noch viele historisch und technisch interessierte Besucher, die diese Juwelen besuchen – aber nicht genügend, das hat die Vergangenheit bewiesen. Also werden wir neue Konzepte entwickeln, damit zusätzliche Zielgruppen ansprechen.

Welche Zielgruppen und Märkte haben Sie im Visier?

Die Fangemeinde wird eher nicht wachsen und auch nicht jünger, aber sie bleibt die wichtigste Zielgruppe, zusammen mit den Menschen vor Ort in Sachsen und Dresden, für die die Dampfschiffe auch ein Teil der Identität ist. 

Die Schiffe sind aber nicht nur als wichtiger Teil der historischen Stadtkulisse – wir brauchen auch Gäste aus anderen Interessengruppen an Bord. Dafür werden wir neue Konzepte und Formate entwickeln.

Die in welche Richtung gehen?

Bei der KD finden neben den wichtigen Planfahrten, die die Weiße Flotte ja auch durchführt, sehr viele Themen-Veranstaltungen statt wie Lesungen, Krimidinner, Besuche von Spitzenköchen, Schatzsuche, usw. Das wird von den Gästen sehr gut angenommen, deshalb trauen wir uns ähnliche Ansätze auch für Dresden zu. Natürlich müssen diese KD-Formate angepasst und bearbeitet werden. Beispielsweise einzelne Events mit Spitzenköchen für kulinarisch orientierte Gäste, oder ein Kammerkonzert im Salon eines Dampfschiffes – beides exklusive und nicht billige Formate. Das zieht wiederum das Chartergeschäft für Firmen von Dresden bis nach Hamburg oder Berlin nach. Gerade im Charterbereich wollen wir ebenfalls wachsen, Pakete für einen zwei- oder dreitägigen Aufenthalt in Dresden mit diversen Highlights wie einem Besuch der Semper-Oper schnüren. Dresden ist zu wertvoll als von Billigtouristen aus Asien überschwemmt zu werden! Dieses Produkt hat genügend Potential im deutschsprachigen und europäischen Raum. Setzt man zu sehr auf die Überseemärkte, macht man sich abhängig.

Wie groß war denn das Chartergeschäft bei der Weißen Flotte?

Erstaunlich klein, die Gründe dafür kennen wir nicht (noch nicht). Das gibt uns aber ein gutes Gefühl, dass es in diesem Bereich wie bei der KD oder bei anderen gut funktionieren kann. Man muss sich aktiv mit den Institutionen wie Dresden Tourismus intensiv vernetzen und gemeinsame Pakete schnüren.

Gibt es auf den Schiffen bereits Einrichtungen für Seminare oder gastronomische Veranstaltungen? 

Ja und nein. Die historischen Dampfschiffe eignen sich sicherlich besser für exklusive Bordmeeting und Brain-Storming-Anlässe als für Gruppen-Workshops mit multi-media Präsentationen. 

Bis jetzt war die Gastronomie noch kein Hauptanziehungspunkt um an Bord zu gehen, das soll sich ab der kommenden Saison aber ändern. 

Klassiker wie Kartoffelsalat mit Würstchen werden nicht verschwinden, aber Food-Trends, Vielfalt, Präsentation und Service werden mehr Raum als bisher einnehmen.

Wir becatern übrigens auch den Dresdner Zoo mit deren 2 Millionen Besuchern jährlich und haben schnell gesehen, dass das Konzept auch die schnelle Umsetzung beinhalten muss– ein Familienvater mit zwei kleinen Kindern darf nicht 20 Minuten in der Schlange stehen müssen, um eine Portion Pommes frites mit Ketchup zu bekommen. Genauso der gesundheitsbewusste Gast, der einen frischen Salat möchte. Es muss dem Auge und Geschmack der Besucher entsprechen, preislich stimmen und insbesondere schnell gehen.

Die Gastronomie bei der Weißen Flotte hat in vielerlei Hinsicht Luft nach oben.

Welche Investitionen stehen jetzt an?

Mehrere. Zuerst wollen wir bei den Mitarbeitenden die Freude und den Stolz die Weisse Flotte zu betreiben wieder beleben. Ich habe Verständnis für das bisherige Management, das wegen der komplizierten Eigentümerstruktur keine schnellen Entscheide bewirken konnte. 

Weiter geht es darum, zum einen die Schiffe „picco bello“ instand zu halten, das ist keine billige – aber sehr wichtige Übung, hier ist ja nichts von der Stange. Ersatzteile für ein 1890 vom Stapel gelaufenes Schiff kann man nicht einfach so bestellen, es muss selber fabriziert werden. Das Knowhow hat die Firma durch eigene Techniker und Werkstatt. Die Hardware wird also erhalten und gepflegt, das war unser Commitment dem Freistaat Sachsen, der Stadt Dresden und den Mitarbeitern gegenüber.

Wir werden weiterhin viel in Ausbildung und das Produkt investieren. Den genauen Bedarf werden wir wahrscheinlich dann in diesem Winter kennen.

Die Medien schrieben von einer Übernahmesumme im mittleren einstelligen Millionenbereich.

Das kann ich weder bestätigen noch dementieren – wir haben mit dem sächsischen Staat Stillschweigen vereinbart. Auf jeden Fall war es ein Kauf ohne Subventionen. Ausserdem müssen wir nebst dem Kaufpreis noch zusätzliche liquide Mittel zur Verfügung stellen, um die Flotte mit ihren 170 Mitarbeitenden, die wir bis auf die Geschäftsleitung alle übernommen haben – über den kommenden Winter zu finanzieren. Dazu gehören natürlich auch die Wartungsarbeiten für die neun Dampfschiffe und die zwei Salonschiffe.

Wie sieht die nahe Zukunft aus?

Vor Saisonbeginn 21 werden wir nur wenig ändern – die Weihnachtsfahrten finden statt wie vorgesehen. Daneben arbeiten wir an den Formaten für die nächste Saison. Wichtig ist vor allem aber auch, ein Niedrigwasser-taugliches Programm zu finden. Wir werden Fahrpläne erstellen, die allen Wasserständen Rechnung tragen. Wenn gar nichts mehr geht, muss das Programm dennoch das liegende Schiff beinhalten, um kein Event absagen zu müssen und etwas anbieten zu können.

Einige Schiffe können so auch zeitweise immobil sein, und sind dennoch erlebbar und bespielbar, ohne zum reinen Museumsschiff zu werden. Die Gäste, die Dresden besuchen, treffen ihre Reiseentscheidung ja nicht nach dem Wasserpegel der Elbe. Wenn auch auf dem liegenden Schiff Gastronomie und Musik geboten wird, sollte das auch Gäste anlocken.

Haben Sie bei der Übernahme der Mitarbeiter langfristige Garantien gegeben?

In Deutschland müssen gesetzlich die bestehenden Arbeitsverträge mit allen Rechten, Pflichten und Ansprüchen übernommen und respektiert werden. Eine unserer zentralen Aussagen war es, zu wachsen, um das sicherzustellen – und zwar durch mehr Umsatz und nicht durch Einsparungen. Auch die KD hat seit unserer Übernahme ein Drittel mehr Umsatz generiert, das ist der Schlüssel, das ist motivierend für alle.

Also gesund wachsen statt gesundschrumpfen?

Genau. Wir werden jetzt die Impulse geben, um die bestehenden Mitarbeiter beim Generieren neuer Umsätze zu unterstützen. Langfristig gesehen benötigen wir mehr Leute, als dass jemand gehen müsste.

Wir haben in der Gruppe viel an Knowhow, das von River Advice oder der KD einfließen kann, aber die Musik der Weissen Flotte spielt weiter in Dresden: die Administration, die Operation bleibt dort, der Geist ebenfalls!