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Das erste Kreuzfahrtschiff?

Manche Schiffshistoriker behaupten, die englische Dampfyacht Ceylon habe als erste Kreuzfahrten durchgeführt. Doch das ist umstritten.

Beim Thema Kreuzfahrt sind Deutsche gern Patrioten. Sie glauben, dass der Anstoß zur internationalen Kreuzfahrt von Albert Ballin ausging, der 1891 mit der Hamburg-Amerika-Linie und dem Schiff Augusta Victoria auf den Weltmeeren startete. Doch das Standardwerk „Die Großen Passagierschiffe der Welt“ von A. Kludas widerspricht dieser üblichen Ansicht.

Demnach fand die erste Kreuzfahrt keineswegs auf der Nordsee oder dem Mittelmeer statt, sondern schon 1877 auf dem Küstendampfer Wanaka in den Küstengewässern des damaligen Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Der Liniendampfer von 1858 gehörte der Union Steam Ship Company of New Zealand und konnte immerhin 241 Passagiere aufnehmen. Es fanden ausschließlich Vergnügungsfahrten in Küstennähe statt, an Bord gab es keinen besonderen Komfort.

Die 1858 in Schottland für P&O erbaute Ceylon war 1881 von dem Briten John L.Clark übernommen worden. Er ließ sie aufwendig umbauen und ab 1882 galt sie als erster richtiger Hochseedampfer für Kreuzfahrten. Daraufhin beanspruchte P&O, die Kreuzfahrtschifffahrt erfunden zu haben.


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Das ist allerdings umstritten. Ziviles Reisen auf Meeren gab es schon vorher, auf hölzernen Fregatten und Handelsschiffen.

1844 kam es zu einer Exkursion im Mittelmeer, die Iberia lief Vigo, Porto, Lissabon, Cádiz, Gibraltar, Malta, Athen, Smyrna, Konstantinopel (heute Istanbul) und Alexandria an. 40 Passagiere befanden sich an Bord, darunter der englische Schriftsteller William Makepeace Thakerey, der seinerzeit prominent war und deshalb eingeladen wurde, um darüber zu schreiben. 1846 erschien sein Erinnerungsbuch mit dem Titel „Notes of a Journey from Cornhill to Grand Cairo“. Darin schilderte er diese und andere Schiffsfahrten – auf der Lady Mary Wood und der Tagus –, aber der Begriff Kreuzfahrt taucht in dem Buch kein einziges Mal auf.

1867 befand sich der amerikanische Schriftsteller Mark Twain auf der Quaker City und absolvierte eine lange Reise von New York ins Heilige Land. Das war die erste touristisch organisierte Interkontinentalreise, Twains Buch darüber erschien 1869 als „The Innocents Abroad“ (Die Arglosen im Ausland). Ab den 1880er Jahren priesen britische Ärzte im „British Medical Journal“ die Heilwirkung und körperliche Stählung für Menschen auf Seereisen.

The P&O.S.N.Co.’s Ship CEYLON (1858) at anchor in Southampton Water painted by William Frederick Mitchell.
Reproduced by kind permission of P&O Heritage www.poheritage.com

P&O wird dennoch als ältestes Kreuzfahrtunternehmen bezeichnet, weil es erste „Bildungs- und Vergnügungsfahrten“ im Mittelmeer durchführte. Das waren keine Überfahrten oder Passagen mehr, stattdessen kam der Begriff Kreuzfahrt auf, womit eine Abfolge von Besuchen mehrerer Häfen und Destinationen beschrieben wird. Als Kreuzfahrtschiff gilt seither nicht mehr ausschließlich ein umgebauter Frachter oder eine umgebaute Fähre, sondern ein Passagierschiff, auf dem Menschen an mehreren Tagen an Bord übernachten, dort speisen und sich vergnügen.

Die Ceylon war 1858 von der englischen Werft von Jacob und Joseph d’Aguilar Samuda entworfen und als eiserner Einschrauben-Dampfer mit einem Bark-Rigg gebaut worden. Die Werft war 1843 gegründet und auf der Isle of Dogs an der Themse in London errichtet worden. Die Brüder Samuda galten als Pioniere der fortschrittlichen Schiffbaus in ihrer Zeit und installierten Dampfmaschinen in ihren Neubauten. Die Dampfschiffe wurden für die Passagierfahrt genutzt, im Kriegsdienst eingesetzt, für den Handel und Postdienst, aber auch für private Eigner bis hin zu königlichen Hoheiten.

Passengers of the Polytechnic Cruises Touring Association photographed on board CEYLON in 1905.
Reproduced by kind permission of P&O Heritage www.poheritage.com

Das am 26. August 1858 unter dem Namen Ceylon, seinerzeit britische Kolonie, für die The Peninsular & Oriental Steam Navigation Company registrierte und von Lloyds Register klassifizierte Schiff verließ am 09. Oktober des Jahres die Werft und am 20. Oktober ging es auf Jungfernfahrt von Southampton via Malta nach dem ägyptischen Alexandria. Danach befuhr die Ceylon die Langstrecke Venedig – Alexandria – Bombay – Melbourne. Sie war ausschließlich ein Passagierschiff und besaß keinen Laderaum für den Transport von Gütern. 1881 wurde das Schiff, das 1865 zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit in Deptford mit einem sparsameren Humphrys & Tennant-Dampfmaschinenanlage, 1873 mit einem neuen Dampfkessel und 1875 mit einer neuen Antriebswelle ausgerüstet worden war, an John L. Clark, London, verkauft.

Das mit einem 2054 PS leistenden Dampfmaschinenantrieb ausgerüstete 2110-BRT-Schiff hatte seinerzeit eine Länge von 93,27 m und eine Breite von 12,46 m, die Geschwindigkeit war mit 13 kn bescheiden. Von den 160 Passagieren hatten 30 in der Zweiten Klasse, 130 in der Ersten Klasse Platz.

Als John Clark es für 9235 englische Pfund erworben hatte, ließ er es u. a. mit zwei neuen direktwirkenden Zwei-Zylinder Dampfmaschinen von G. Clark, Sunderland, ausrüsten und die Ausstattung wurde luxuriöser und war ganz auf betuchte Passagiere ausgerichtet. Nach Fertigstellung des Umbaus ging das Schiff an die neu gegründete Inter-Ocean Steam Yachting Company Ltd, Limerick, die es 1881/82 auf die erste Weltkreuzfahrt schickte. Von 1885 bis 1907 erfolgten weitere Verkäufe des Schiffes.

CEYLON (1858) at anchor. Reproduced by kind permission of P&O Heritage www.poheritage.com

Die Preise für die Kreuzfahrten waren extrem hoch, nur Vermögende konnten sie sich leisten. Die Teilnahme lag bei 500 englischen Pfund, das war mehr als das Dreifache des Jahresgehalts von Mittelklassefamilien in England. Dafür wurde den Gästen an Bord einiges geboten. Wie eine Kabine eingerichtet war, ist im Detail nicht bekannt, sie wurde aber als „hoher Standard“ angegeben. Die Küche galt als hochwertig und die Ceylon war der erste Dampfer mit einem exzellenten Schiffsorchester, das allabendlich aufspielte, mitunter auch schon tagsüber an Deck.

Die Reisen gingen ins Mittelmeer, über den 1869 eröffneten Suezkanal ab 1882 in Richtung Asien nach Indien, Hongkong und Japan. Auch in Richtung Südwest nach Madeira und auf die Kanarischen Inseln bis zu Atlantiküberquerungen nach Südamerika. Auch der Pazifik wurde befahren, von Japan über die Sandwichinseln nach San Francisco. Mitreisende durften sich als Privilegierte betrachten, die längste „Weltkreuzfahrt“ dauerte zehn Monate.

Ab 1885 fuhr die Ceylon nach Norwegen in die Fjorde und nach Bergen. Ab 1892 wurde die Reisen von einem Kreuzfahrtverein mit dem Namen The Polytechnic als Charterer organisiert und waren nicht mehr so exklusiv. Glücksspiele und Alkohol an Bord waren verboten, in einer damaligen Broschüre hieß es: „An Bord finden jeden Abend Konzerte und Unterhaltungen statt, und es wird alles getan, um die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten … An Bord sind keine berauschenden Liköre und Glücksspiele gestattet, und die Vorschriften der Poly on Land wird auf die Poly ‚auf See‘ angewendet.“ Die Norwegentouren dauerten im Schnitt fünf Tage und waren relativ kostengünstig, so dass sich nun ein größeres Publikum fand. Das englische Bildungsministerium unterstützte die Fjordkreuzfahrten, worüber sich Thomas Cook and Son empörten, weil sie das als wettbewerbsschädigend empfanden.

Im Dezember 1907 wurde die Ceylon zum Verschrotten an Abbrecher im schottischen Borrowstouness abgegeben. Sie war das erste Schiff, das eine Weltkreuzfahrt absolviert hatte.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer

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