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Die Magie des Ganges

Indien ist ein Land voller Farben und Kontraste. Maik Günther fuhr mit der KATHA PANDAW auf der „Lebensader Indiens“, dem Ganges.

Kreuz und quer folgt die Gruppe ihrem Reiseleiter Debu durch die engen, verwinkelten Gassen von Varanasi. Auf keinen Fall dürfen sie ihn oder jemand anderen aus der 14-köpfigen Reisegruppe aus den Augen verlieren. Die Gefahr ist groß, sich in diesem chaotischen Durcheinander der Altstadt mit seinen vielen Tempeln zu verlieren. Eine abendliche Tour zu den Ghats soll das Highlight einer Kreuzfahrt von Kolkata nach Varanasi werden. Auf diesen Terrassen am Fluss verabschieden jeden Abend Priester mit imposanten Zeremonien den Ganges für die Nacht. Schon in der Ferne sind die Glocken und Gesänge der Priester hören. Am Ufer stehen die Menschenmassen mit flackernden Kerzen in der Hand und Feuer lodern an zahlreichen Verbrennungsplätzen am Manikanika Ghat. Ein leicht süßlicher Duft von verbranntem Fleisch steigt in die Nase. Die Hindus glauben fest daran: wer in Varanasi stirbt, verbrannt und dessen Asche in den heiligen Fluss gestreut wird, durchbricht den Kreislauf der Wiedergeburt und gelangt dadurch ins Nirvana. Während die Sonne den Ganges in dunkles Rot verwandelt, kann man das Treiben der unzähligen Menschen entlang der endlos wirkenden Ghats beobachten. Wer nach Indien reist, muss Varanasi besuchen. Nur dort, in dieser über 3.000 Jahre alten Stadt, dem heiligsten Ort des Hinduismus, kann man der traditionellen Kultur und Wissenschaft, dem Spiritismus der Menschen des Landes so nahe kommen. Doch erstmal zurück zum Anfang dieses kleinen Abenteuers.
Kolkata, Hauptstadt des indischen Bundesstaates Westbengalen. Hier begann 1690 mit der Gründung eines Stützpunktes der Britischen Ostindien-Kompanie der Einfluss der späteren Kolonialherren. Noch heute zeugen unzählige, größtenteils verfallene Kolonialhäusern von der Pracht der einst so reichen Industriestadt. Mit dem Hauptstadtumzug nach Neu-Dehli ging es mit der Millionenmetropole am Ganges stetig bergab. Günter Grass bezeichnete die Stadt verächtlich als „ein Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte“. Hier startet die 14-tägige Flusskreuzfahrt auf dem Ganges.

KATHA PANDAW

Kolkata ist voller Widersprüche. Lärm, Dreck, Gedränge und Gestank, aber es gibt auch die ruhigen, schönen Viertel. In der Lobby des ehrwürdigen „The Grand Oberoi“ Hotels lernen sich die Mitreisenden der anstehenden Flussreise kennen. Brett, Country Manager von Pandaw Expeditions, begrüßt die Gäste und stellt ihnen Debu, den sympathisch-kompetenten Reiseleiter vor. Die Passagiere, meist im Alter zwischen 50 und 80, kommen aus den USA, Großbritannien, Hong Kong und Deutschland. Der Start dieser Flussreise kann aufgrund des aktuellen Niedrigwassers nicht in Kolkata stattfinden, so dass ein Bus die Gäste ins 50 Kilometer entfernte Chandannagar bringt. Die Fahrt vermittelt einen perfekten Einstieg in das Reiseland Indien: holprig, chaotisch, dreckig und doch unglaublich spannend. Am Straßenrand spielen sich tausende Szenen ab und nach zwei Stunden erblicken wir endlich unser Schiff, die KATHA PANDAW. Mit dem hölzernen Beiboot und dessen laut knatternden, stinkenden Dieselmotor, erreichen wir das recht kleine Zweideck-Flachbodenschiff. Maximal 28 Passagiere finden in den knapp 17 qm großen Kabinen Platz. Auf zwei Decks verteilen sich die 14 Kabinen, welche sich in Größe und Einrichtung im Wesentlichen gleichen. Die Wände und auch die Möbel sind mit viel Teakholz und Messing gefertigt und vermitteln dadurch den prächtigen Charme der Kolonialzeit in Kombination mit zeitgemäßen Komfort. Ein umbaufähiges Doppelbett, ein Schreibtisch, ein knapp drei Quadratmeter großes Bad mit Dusche/WC und genügend Stauraum im Kleiderschrank sowie in Schubfächern unter den Betten, sollten aber ausreichen, um das Abenteuer Indien komfortabel zu genießen. Bei der traditionellen Begrüßung durch den Kapitän bekommen die Passagiere neben erfrischenden Welcome-Cocktails auch eine gut duftende Blumenkette um den Hals gelegt. Indien ohne Blüten wäre wie Deutschland ohne Wurst. Die KATHA PANDAW legt ab und ca. 1.000 Kilometer Flussreise sind zu bewältigen.

Die Reise findet im Januar statt und anfangs sind auch die Temperaturen recht angenehm. Knapp 20 Grad Celsius, dazu ein paar Sonnenstrahlen. Die meisten Passagiere habe es sich auf den Liegen und in den Sesseln auf dem überdachten Sonnendeck am Heck oder vorne am Bug bequem gemacht. Gelegentlich tauchen seitlich des Schiffes Flussdelfine aus dem trüben Ganges empor. Am Ufer lassen sich Menschen bei ihrem alltäglichen Ritual beobachten. Sie tauchen ein in den heiligen Fluss, waschen sich, trinken gar das Wasser. Ein paar hundert Meter flussaufwärts werden indes tote Körper bei feierlichen Zeremonien verbrannt. Asche und auch nicht komplett verbrannte Reste des Leichnams werden anschließend in den Fluss gestreut. Den darin Badenden stört es nicht. Mutter Ganges gibt, Mutter Ganges nimmt. Skurril, vielleicht gar ein weniger makaber, bei diesen Beobachtungen einen kühlen Caipirinha zu genießen. Flussaufwärts führt die Reise zunächst nach Kalna mit seinen Tempelanlagen. Einige Stunden später wird in Mayapur, eine kleine Stadt, die als Hauptsitz der Hare-Krishna-Bewegung berühmt geworden ist, angelegt. Zehntausende Gläubige strömen jeden Tag nach Mayapur. Gigantische Ausmaße nimmt der noch in Bau befindliche „Temple of the Vedic Planetarium“ an. 2020 soll dieser, in seiner Dimension sogar den Vatikan übertrumpfende, Tempel nach vielen Jahren Bauzeit endlich eröffnet werden. Was für gigantische Geldsummen werden hier geflossen sein? Der Glaube macht’s möglich.

Die Schleuse Farakka trennt den unteren vom oberen Teil des Ganges. Für den Kapitän und seine Crew bedeutet die Weiterfahrt nun höchste Konzentration. Nur bei Tageslicht und mit Begleitung eines erfahrenen Lotsen lassen sich die zahlreichen Sandbänke bei recht niedrigem Wasserstand umfahren. Gelegentlich setzt die KATHA PANDAW dennoch auf, kann sich aber durch geschicktes Manövrieren selbst aus der misslichen Lage befreien. Der Service der ausschließlich mit Männern besetzten Crew ist nicht zu beanstanden. Neben der täglichen Reinigung der Kabinen gehört auch am Abend das Aufschlagen der Betten zur Selbstverständlichkeit. Nach den Landgängen werden sogar die Schuhe der Gäste geputzt und blitzblank wieder vor die Kabinentür gestellt. Auch das Essen, welches außer zum Frühstück immer am Tisch als 4-Gänge-Menü serviert wird, ist abwechslungsreich, sehr schmackhaft und nur auf speziellen Wunsch entsprechend scharf. Wenn es das Wetter zulässt, werden im Freien auf dem Oberdeck indische Speisen wie das bekannte Dhal (Linsensuppe mit verschiedenen Gemüsen) oder als Hauptgang kräftige Mughal-Curries mit Lamm oder Hühnchen serviert. Immer dabei ist das Fladen-Brot Pooris, welches auf speziellen Wunsch einiger Passagiere sogar in der Variante mit gebratenen Knoblauch angeboten wird. Eine umfangreiche Getränkekarte mit unerwartet guten Weinen aus Indien, regionalen Biersorten, zahlreichen Cocktails und natürlich einer großen Auswahl alkoholfreier Getränke lassen keinen Wunsch offen. Mineralwasser wird kostenlos angeboten. Getränke- oder Weinpakete können kostenpflichtig gebucht werden.

Weitere Höhepunkte dieser Flussreise sind die in Hinterhöfen untergebrachten Textilwebereien in Bhagalpur und auch die am Flussufer gelegenen Tempelanlagen von Sultanganji. Alle Ausflüge mit englischsprachigem Guide sind übrigens bei Pandaw Cruises im Reisepreis inkludiert. Der geschulte Reiseleiter Debu kennt sich in dieser Region bestens aus und dank seiner fröhlich-charmanten Art werden die Landgänge für die Passagiere immer zu einem besonderen Erlebnis. An Bord sorgen kultur­elle Darbietungen einheimischer Musiker, Vorträge und Filme über die indische Geschichte für abwechslungsreiche Unterhaltung.

In einem Seitenarm des Ganges, nur wenige Kilometer von Mokama entfernt, endet am 11. Tag unerwartet die Reise auf dem heiligen Fluss. Dichter Nebel und zu geringe Wassertiefe machen eine Weiterfahrt nach Varanasi unmöglich. Dem engagierten Team von Pandaw gelingt es aber in kürzester Zeit, ein Alternativprogramm zu organisieren. Mit einem Bus geht es weiter nach Nalanda. Die alte Universitätsstadt war einst ein buddhistisches Zentrum und zog vor vielen Jahrhunderten chinesische, nepalesische und tibetische Gelehrte aus aller Welt an. Leider zeugen nur noch Ruinen der vielen Backsteinklöster und Bibliotheken von den einst glanzvollen Zeiten. Bereits am Abend erreicht die kleine Reisegruppe Bodh Gaya, eine der heiligsten Stätten des Buddhismus. Hunderte Gläubige haben sich hinter dem großen Tempel unter dem Baum des Lebens, dem Bodhi-Baum, versammelt und suchen in Meditation und Selbstprüfung die erfüllende Erleuchtung für ihr Leben. Leider vergehen auch hier die Tage viel zu schnell und die letzte Etappe der Reise durch Nordindien steht an. Per Flugzeug geht’s weiter nach Varanasi.

In der Heimat der hinduistischen Götter endet die zweiwöchige Reise. Die kleine internationale Gästeschar hat diese Pilgerreise unternommen und sich von der Magie des Ganges und seiner dort lebenden Menschen und ihrer­ Kultur verzaubern lassen.

Fotos: Maik Günther