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Inseln unterm Regenbogen

Hat eine halbe Atlantik-Überquerung einen Sinn? Ja, hat sie, denn mittendrin gibt es eine faszinierende Welt aus Natur, Abgeschiedenheit und unentdecktem Kreuzfahrtziel: die Inselgruppe der Azoren, zu bereisen nur mit kleinen Entdeckerschiffen. Oliver Schmidt hat die World Voyager gewählt – und die Welt neu entdeckt.

Sie könnte fast eine Weltkarte sein, die Musterung, die das Meer in jahrtausendelanger „Arbeit“­ in den Stein gespült hat – jedenfalls kann man Afrika und Grönland, den panamerikanischen Isthmus und sogar Madagaskar erkennen. Allzu viele Reisende dürften sie noch nicht gesehen haben, denn der kleine Fels bei Madeira mit seinen Höhlen heißt Deserta Grande und ist eine „verbotene Insel“, geöffnet nur auf Sonder-Intervention des portugiesischen Reeders Mario Ferreira, der die Flotten für das neue Hochseegeschäft von nicko cruises zur Verfügung stellt und an Bord mitreist. Die Extratour mit den bordeigenen Zodiacs der World Voyager zeigt, dass des Reeders Idee, in den mit Portugal verbundenen Inselgruppen wie Azoren und Kapverden mit besonderem Know-how seine Nische zu finden, nicht abwegig ist. Die „Oh!-“ und „Ah!“-Rufe der Passagiere wetteifern mit dem Klicken guter Kameras, denn wer hier mit einer Selfie-Stange herumwedelte, der wäre out. Eines haben die Weltentdecker in den Outdoor-Anoraks schon gelernt: Zodiac-Fahren macht Gaudi! Zwei starke Matrosenarme, ein beherzter Schritt, das „Hinsetzen!!“ der Bootsführerin, die auch oben auf der Brücke navigiert und keinen Widerspruch duldet, und schon geben die Wellen ihren Rhythmus ins Rückgrat, das auf dem breiten, sicheren Wulst des Schlauchbootes ruht.

Foto: Oliver Asmussen/Oceanliner-Pictures.com

Die World Voyager hievt die Schlauchboote hoch, dreht bei und nimmt Kurs auf jenen Zielort, wo es ihr in den nächsten Tagen gelingen wird, ihren Passagieren alle neun bewohnten Inseln der Azoren zu zeigen. Namen sind Schall und Rauch, und wer sich aufs Glatteis führen lässt und azurblauen Himmel erwartet, hat sich gleich doppelt geirrt. Die Einwohner werden nicht müde zu betonen, dass die Azoren-Hochs aus der westeuropäischen Wetterkarte zwar hier vorbeikommen, aber selten verweilen. Und außerdem geht der Name auf den Açor zurück, den Habicht, und der wiederum kommt nur in der Flagge vor, weil das, was die ersten frühen Besucher der Inseln dafür hielten, in Wahrheit Mäusebussarde waren. Ebenso trügerisch sind die Regenbogen, die der Gischt immer wieder über die Häfen und die anmutigen Hügellandschaften zaubert. Und damit nicht genug: Selbst die „Azorianer“, ein homogenes Volk, das „seine“ Inseln im Herzen trägt, sucht der Reisende vergebens. Bei einer Ausdehnung von 600 Kilometern von Ost nach West ist man zu keiner Zeit von einer Insel zur andern gereist, um Onkel und Tante zum Kaffee zu besuchen. Jeder blieb für sich, jede Insel hat ihre eigene Kultur – die Entdecker auf Schiffsplanken erwartet also täglich eine neue Überraschung.­

Foto: Holger Leue/Leue-Photo.com

Und so ist auch Sarah noch nie auf Corvo gewesen, der nordwestlichsten Insel, 450 Einwohner. Die junge Deutsche,­ die auf den Inseln Meeresbiologie studiert, ist als Lektorin für die reich bestückte Welt der Wale rund um die Azoren an Bord. Für die Beobachtungstour im Schlauchboot konnte sie jedoch nur Delfine herbeischaffen.­ Jetzt steigt sie mit anderen Gästen langsam den steilen Berg auf Corvo hinauf, wo beim allerbesten Willen kein Auto Platz hätte, und hört ihrer portugiesischen­ Kollegin interessiert zu, die über Land und Leute auf der kleinen Insel berichtet. „Hier muss ich hin“, stellt Sarah kurz und bündig fest. Immerhin gibt es Kindergarten und Schule, eine Mehrzweckhalle und ein Altersheim. Und sehr viele Kühlschränke, falls das Versorgungsschiff mal nicht kommt. Nicht schlecht für 450 Seelen…

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