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„Routenplanung ist wie Schatzsuche“

Michael Schulze, Direktor Schiffsreisen bei Phoenix Reisen, beantwortete unsere Fragen zur außergewöhnlichen Routenplanung des Veranstalters.

Was kann man sich unter Ihrer Position genau vorstellen?

Eine echte Phoenix-Position, sehr vielschichtig und interessant – vielleicht einzigartig in der Kreuzfahrt-Szene. Kurzgefasst agiere ich neben unseren Bordteams repräsentativ als Front Face und erster Ansprechpartner unserer Gäste. Darüber hinaus bin ich operativ aktiv und betreue die Phoenix-Hochseeflotte mit allem was dazu gehört. Ein weiteres Team betreut unsere vielen Flusskreuzer. Zu meinen Aufgaben zählt das Produktmanagement, sowie das Kreieren und Gestalten neuer Reisen, die Basis für unsere Kataloge. Bei Phoenix läuft alles ziemlich familiär, per Teamwork und mit großer Nähe, beginnend bei der Geschäftsleitung bis hin zum Hausmeister. I-Tüpfelchen meiner Tätigkeit ist das weltweite Routing unserer Flotte, immer auf der Suche nach den besten Reiserouten und schönsten Zielen für unsere zahlreichen Stammgäste.

Wie war Ihr Weg in die Touristik?

Als gebürtiger Cuxhavener wuchs ich an der Küste auf. Meine Mutter ist Norwegerin, sodass ich von beiden Eltern das Meer-Gen in mir trage. Von klein auf war ich viel mit Fähren zwischen Deutschland und Norwegen unterwegs und habe es geliebt, an Bord zu sein. Mehrmals schaffte ich es sogar als Jungspund auf die Kommandobrücke zu kommen. Das erste Kreuzfahrtschiff, das ich in den 70ern in Cuxhaven vor Augen hatte, war – kaum zu glauben – die Maxim Gorki! Damals habe ich mir gedacht: Wenn ich mal groß bin, möchte ich auf so einem Schiff sein. Über ein paar Umwege bzw. Stationen schaffte ich das dann auch. Nach dem Abitur ging es für mich zum ersten Mal auf große Fahrt während meiner 2-jährigen Marinezeit. Danach habe ich BWL studiert und bin nach Diplomabschluss per Zufall in der Touristik bzw. Reiseleitung/Animation des Club Aldiana auf Fuerteventura gelandet. Das war nach der ganzen Theorie im Studium eine tolle Erfahrung und die Arbeit mit den Gästen machte mir unglaublich viel Spaß. Damit war mein beruflicher Weg besiegelt, der mich schließlich über einen weiteren Zufall zur Kreuzfahrt und irgendwann auch zu Phoenix geführt hat – übrigens auch auf die Maxim Gorki. Mittlerweile bin ich über 30 Jahre in der Tourismus- und Kreuzfahrtbranche tätig, wechselte nach 10 Jahren an Bord verschiedener Schiffe und Reedereien­ (u.a. 4 Jahre als Kreuzfahrtdirektor) 2006 ins Bonner Büro, um mich hier als Direktor Schiffsreisen einzubringen.

Wie viele Häfen / Destinationen gibt es 2026?

In 2026 werden Amadea, Amera, Artania und Deutschland rund 700 Hafenziele ansteuern.

Wie entstehen die Routenpläne genau?

Die entstehen mit ganz viel Passion für das Reisen! Bei uns steht das Routing an erster Stelle. Ich versuche, immer mit offenen Augen unterwegs zu sein, um neue Ziele und Reisemöglichkeiten für unsere Gäste zu entdecken. Routenplanung ist ein wenig wie Schatzsuche, auf die ich mich jedes Mal auf’s Neue freue. Rund 3 Jahre im Voraus geht es los mit einem ein großen Netzwerk an Leuten, mit denen ich über mögliche Destinationen spreche: unsere Kapitäne und Kreuzfahrtdirektoren, Hafenverbände sowie unsere Agenturkontakte. Manchmal ist es aber auch reiner Zufall und wir probieren einfach aus, sofern mir unsere Reederei das nautische Go gibt.

Was sind darunter die Highlights?

Mystery Island/Vanuatu, Concarneau/Frankreich, Esmeraldas/Ecuador oder auch Cabedelo/Brasilien gehören 2026 dazu. Das Tolle ist, dass wir weltweit neue Sachen ausprobieren können, weil es unsere Gäste mitmachen. Sie sind offen für das Besondere und buchen unsere Reisen gerade deswegen. Für 2026/27 haben wir 20 Premierenziele, wo wir noch nie waren. In 2027/2028 sieht es ähnlich aus.

Startschuss einer jeden Kreuzfahrt ist die Routenplanung. Viele Faktoren wie technisch-nautische Aspekte, Hafenverfügbarkeiten, behördliche Regularien, aber auch Weltgeschehnisse spielen bei der Planung eine Rolle.

  • Schritt 1: In der ersten Kreativphase gibt es nur ein Ziel: möglichst viele Traumreisen mit verlockenden Routen zusammen zu stellen und zu sichern. Mit einer Mischung aus Erfahrungswerten, Ideenreichtum, Entdeckergeist und Informationen von Häfen, Agenturen, Kapitänen, Gästen und Kreuzfahrt-Netzwerk wird ein erstes Gerüst erstellt. Die Mischung macht’s: Große „must have“-Ziele werden nach Möglichkeit mit kleineren, exotischeren Häfen kombiniert. Beim Phoenix-Routing spielt zudem das maritime Erlebnis eine große Rolle, weshalb es viele Reisen mit Innenpassagen, Fluss- & Kanalfahren gibt.
  • Schritt 2: Nach dem Fixieren von Reiseanzahl, Zielgebieten und Reisedauer pro Schiff, folgt die detaillierte Ausarbeitung der einzelnen Reisen inklusive Häfen und Liegezeiten.
  • Schritt 3: Der touristischen Ausarbeitung folgt die nautische Prüfung durch die Reederei samt Berechnung von Distanzen und Geschwindigkeiten sowie der Hafen­reservierung. Die Budgetierung der Reisen ist ein weiterer wichtiger Baustein.
  • Schritt 4: Auf die Planung der Sommerreisen mit ihren zahlreichen Abfahrten und teils kürzeren Reisedauern folgt die Ausarbeitung der langen Herbst-, Winter- und Weltreisen.­
  • Schritt 5: Zusammenstellung sowie Einkauf der Ausflugsprogramme während, vor und nach den Reisen.

Was muss getan werden, dass genau diese Orte dann in die Fahrpläne aufgenommen werden?

Die Hafenidee wird touristisch als auch nautisch überprüft. Die kleineren, exotischen Ziele sind oftmals Ankerplätze, bei denen die Reede und Landgangsbedingungen genau geklärt werden müssen. Die touristischen Möglichkeiten sowie Sicherheitsbedingungen werden genauso geprüft.

Wie werden die finalen Entscheidungen für eine Destination genau getroffen?

Behördliche Themen wie Regularien oder Auflagen, die Sicherheit als auch die Kostensituation spielen eine Rolle.­ Sobald das Ziel nautisch, regulatorisch sowie touristisch passt (entweder als Ausflugsziel, als individuell besuchbares Ziel oder als Badeziel…) gibt’s das Go. In besonders exotischen Zielen kann es auch schon mal dazu kommen, dass wir Geld geben für die Dorf- und Inselgemeinde, um erstmal eine Holz-Jetty zum Anlanden für unsere Tenderboote bauen zu können (Bandaneira/Molukken).

Norwegen ist Ihre zweite Heimat. Was verspricht das für die Routen der Schiffe?

Da gibt es bei der Routenplanung schon mal einen kleinen „Heimvorteil“ und wir bekommen z.B. einen Hinweis wie „Es gibt da einen Ort mit 160 Einwohnern und einen Liegeplatz. Möchtet ihr nicht mal vorbei kommen?“ Das baue ich dann gerne in die Route mit ein. Norwegen ist ein wunderschönes Land und steht mit seiner ellenlangen Küste, den vielen Fjorden und Schären sowie zauberhaften Orten für viele Kreuzfahrtfans ganz oben auf der Wunschliste. Da bin ich schon ganz stolz darauf, dass wir in meiner zweiten Heimat so viele Ziele anlaufen. Mittlerweile haben wir schon über 50 verschiedene Häfen in Norwegen angesteuert, weitaus mehr als die Postschiffe. In 2025 wurden mit Amadea, Amera, Artania und Deutschland 20 Reisen nach Norwegen durchgeführt und 125 Ziele angesteuert.

Die Reise mit Stammgästen ist Kult geworden. Wie wurde diese Idee geboren?

Im Jahr 2006 gab es den ersten „Kreuzfahrertreff“, eine 4-tägige Bus-Sonderreise für Stammgäste abseits der Schiffsplanken in eine schöne Gegend mit gutem Hotel. Von Anbeginn war wichtig, dass wir uns hier ähnlich gut aufgehoben fühlen wie an Bord unserer Schiffe. Also neben der schicken Unterkunft, auch gutes Essen und tolle Ausflüge genießen. Höhepunkt: Das Zelebrieren des Gala-Abends „fast wie an Bord“ mit festlichem Dinner, Showprogramm und großer Tombola. In den vielen Jahren ging es u.a. nach Davos, zum Tegernsee und Titisee, nach Füssen, Bonn und Bad Pyrmont, als auch an den Timmendorfer Strand sowie zur Mecklenburgischen Seenplatte. Stets wurden die Teilnehmer von einem großen Gastgeberteam rund um einen unserer Kreuzfahrtdirektoren und meiner Person mit dem Phoenix-typischen „Willkommen zu Hause“ umsorgt. Schnell sprach sich das Event als Phoenix-Familientreffen herum und es wollten immer mehr Gäste mit dabei sein. Zwar bremste uns die Pandemie zunächst aus, aber nicht wirklich lange, da wir aus der Not geboren auf unsere Flusskreuzer umstiegen und in der Folge erst den Rhein, dann die Mosel und schließlich Holland unsicher machten. Im Jubiläumsjahr 2023 mit „50 Jahre Phoenix Reisen“ brachten wir das Familientreffen erstmals an Bord eines unserer Seeschiffe. Der mittlerweile zweimaligen Gastgeberin MS Amadea folgt in diesem Jahr MS Amera, wo wir zur Adventszeit Europas Süden bereisen und den 20. Jubiläums-Kreuzfahrertreff bei ausgebuchtem Schiff feiern.

Welches Ziel an Land haben Sie bis jetzt (noch) nicht realisieren können?

Alaska. Da das Fahrgebiet erst ab Mai besuchbar ist, fällt es schwer, eines unsere Schiffe zum Sommer hin noch in der Ferne zu haben statt in der Heimatregion Nord­europa.­ Außerdem ist Alaska von den US-Anbietern so stark frequentiert bzw. ausgelastet, dass es sehr schwierig ist, überhaupt Liegeplätze zu bekommen. Aber wir bleiben weiter dran und wer weiß…

Gibt es eine Destination, die Sie besonders mögen oder in der Sie sich gut auskennen?

Die eine Destination gibt es für mich nicht, da die Welt zu viel Schönes zu bieten hat. Ich liebe Inseln und davon gibt es viele. Japan und Neuseeland stechen hier hervor. Natürlich ist Norwegen mein Lieblingsziel, in welchem ich mich sehr gut auskenne. So gut, dass selbst meine norwegische Verwandtschaft mich als Tour Guide bucht.

Ihr Lieblingsschiff unter den Phoenix-Hochseekreuzern?

Jedes unserer Schiffe hat seine besonderen Reize und keines ist gleich wie das andere. Alle vereint aber das maritime Flair und die Phoenix-Note. Ein Lieblingsschiff habe ich nicht, aber wie so vielen Seefahrern geht es auch mir, und ich erinnere mich wahnsinnig gerne an das erste bzw. die ersten Schiffe meiner Laufbahn: MS Arkona von Seetours und TS Albatros von Phoenix Reisen. Unvergessliche Zeit…

Und Ihr erstes Kreuzfahrt-Erlebnis?

Mein erster Einsatz war Mitte der 90er Jahre an Bord von MS Arkona. Ich flog nach Athen und stieg in Piräus ein. Abends ging es durch die herbstliche Ägäis, die sich mit Wind und Welle etwas unartig gab. Mir gefiel das ziemlich gut. Wir feierten Gala-Abend mit Cocktailempfang und festlichem Dinner. Die gesamte und sehr erfahrene Reiseleiterriege stand Spalier, besser gesagt sie schwankte und begrüßte so gut es ging die Gäste. Es dauerte nicht lange bis sich die ersten Kollegen unpässlich verabschiedeten und wir zum Schluss sehr dezimiert da standen. Als Neuling war das für mich ziemlich überraschend, wie man sich trotz Seekrankheit „freiwillig“ als Mitarbeiter für’s Schiff entscheidet. Später erfuhr ich, dass es sogar Kapitäne mit Übelkeit auf der Brücke gibt… Bewundernswert.

Und Ihr schönstes Kreuzfahrt-Erlebnis?

Da gibt es ganz viele schöne Erlebnisse. Unvergesslich bleibt aber meine erste Weltreise mit Phoenix Reisen an Bord von TS ALBATROS im Jahr 1999. Bereits im November ging es in Europa los, damit wir knapp hinter der Datumsgrenze und pünktlich zum Jahreswechsel 1999/2000 Millennium in Sydney/Australien feiern konnten. Das Besondere: Wir waren damals das einzige Kreuzfahrtschiff im Hafen, umrahmt von tausenden von Booten und Yachten.

Foto: Phoenix Reisen