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Wo Eis und Zeit die Herrscher sind

Mike Louagie fuhr mit LE COMMANDANT CHARCOT zu einem ganz besonderen Ziel: Ostgrönland.

In der Ferne erkennen wir den Snæfellsjökull-Nationalpark. Es ist spät, und die meisten sind müde von der Reise nach Reykjavík, dem Einschiffungshafen. An Bord der LE COMMANDANT CHARCOT nehmen wir Kurs auf Ostgrönland. Dieses Schiff der französischen Reederei Ponant ist wahrscheinlich der einzige Luxus-Expeditions-Eisbrecher der Welt – und zugleich der einzige, der im Frühling überhaupt Ostgrönland erreichen kann.

Der Snæfellsjökull ist ein Stratovulkan, berühmt durch Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde. Der Berg hat etwas Mythisches: Viele Isländer betrachten ihn als spirituellen Ort. Das goldene Abendlicht und die geschwungenen Wolkenbänder schaffen eine geheimnisvolle Atmosphäre.

Müde oder nicht – wir müssen hinaus. Parka, Mütze, Handschuhe. Ein erster Drill für die kommenden Tage. Das Motto: Immer bereit sein.

Wie auf einem anderen Planeten

Ausschlafen ist am nächsten Tag keine Option. Wir müssen Polarstiefel anprobieren, prüfen, ob die orangefarbenen Parkas passen, und natürlich steht auch das Sicherheitsbriefing an. Gleichzeitig steuert die LE COMMANDANT CHARCOT entschlossen auf die Blosse­ville-Küste zu. Sie liegt im südlichen Teil der Ostküste Grönlands und gehört zu den abgelegensten und unzugänglichsten Küstenstreifen der gesamten Arktis.

Nach dem Mittagessen scheint das Schiff in eine andere Dimension einzutreten. Wir fahren in den Nansenfjord. Die Bucht ist übersät mit großen Eisstücken, wie ein kompliziertes Puzzle. Der Kapitän „parkt“ das Schiff in Eis, das mindestens einen Meter dick ist. Von der Brücke und den Außendecks wird mit Ferngläsern aufmerksam nach Eisbären gesucht.

Währenddessen geht das Expeditionsteam an Land, bewaffnete Guides errichten einen Sicherheitsperimeter. Man weiß nie – mit Eisbären ist nicht zu spaßen.

Die Passagiere stehen bereit, zum ersten Mal auf dem Eis zu wandern. Ein Ritual, an das wir uns erst gewöhnen müssen: die richtigen Socken, Mütze, Handschuhe, Kamerabatterien.

Nach einer Stunde begreifen wir, wie winzig wir sind neben den kolossalen Eiswänden.

LE COMMANDANT CHARCOT als einziges Schiff

Warum gibt es an der Ostküste so viel mehr Eis? Der wichtigste Faktor ist der East Greenland Current, eine kräftige kalte Meeresströmung, die Packeis und Eisberge aus dem Nordpolarmeer nach Süden treibt. Durch die vorherrschenden Winde „klebt“ ein Großteil des Eises an der Felsküste oder driftet tief in die Fjorde hinein.

Das macht die Kreuzfahrtsaison extrem kurz – außer für die CHARCOT, die bereits ab April Eis von zwei Metern Dicke nicht fürchtet….

Lesen Sie weiter in der aktuellen Ausgabe.

Fotos: Mike Louagie / Louagie.be